Hoppla, Amazon kann auch nett sein zu seinen Geschäftspartnern. Ein bisschen zumindest, und erst auf Druck des Bundeskartellamtes. Marktplatzhändler freuen sich jetzt über ihre neuen Regeln. Diese Art Perestroika hätten die Beschäftigen allerdings auch gerne. Daher werden sie wohl noch eine Weile streiken.

Otto Rehhagel ist ein gelernter Anstreicher aus Essen. Im Selbststudium qualifizierte er sich später zum Philosophen, trainierte nebenher Fußballmannschaften, machte sie zu deutschen Meistern und Europapokalsiegern, die griechische Nationalauswahl ließ er sich sogar zur kontinentalen Meisterschaft mauern.

Wenn Rehhagel sprach (oder gelegentlich noch spricht), dann sind seine philosophischen Sätze für die Ewigkeit, apodiktisch und aus der Kategorie: ICH! HABE! IMMER! RECHT! Wer es trotzdem gewagt hatte, zu widersprechen, hatte schon den Stift in der Hand, um sein Todesurteil zu unterschreiben. Denn bei ihm galt die Regel: "Jeder kann sagen, was ich will." Das kannte man auch von Rudi Carrell und Helmut Kohl.

"Die Wahrheit liegt auf dem Platz"

Einer dieser ewigen Rehhagel-Sätze ist dieser: "Die Wahrheit liegt auf dem Platz." Meint: Vom Schwätzen übers Spiel hat noch keiner das Spiel gewonnen. Und wenn man diesen Satz (der ja eigentlich nur eine Binsenweisheit ist, aber das sagen Sie bitte nicht weiter) auf die Wirtschaft überträgt, dann kann man sagen: "Die Wahrheit liegt auf dem Börsenparkett."

Womit wir uns zügig dem Thema Amazon nähern. Was für eine Woche. Erst wurde Prime Day gefeiert (der nach Amazon-Angaben ein gigantischer Erfolg war), doch die Gewerkschaft Verdi hatte pünktlich zu diesem Festival wieder das Unternehmen bestreikt. Kurz danach musste Amazon im Streit mit dem Bundeskartellamt etliche Zugeständnisse machen, was beweist, welch harte Bandagen die Onlinekrake zuvor seinen Marktplatzbeschickern angelegt hatte. Und seit Donnerstag ermittelt auch noch die EU-Kommission und will "die Geschäftspraktiken von Amazon und seine doppelte Funktion als Verkaufsplattform und Einzelhändler unter die Lupe nehmen", wie es EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager formulierte.


Acht Gottchen, ein Gegentor

Eine rundum gute Woche ist das nicht. Es gibt Unternehmen, deren Aktienkurse da abstürzen wie schlecht gebaute Papierflieger. Doch das Amazon-Papier verlor im Wochenschnitt gerade einmal 1,5%. Und am Freitag ging es schon wieder schön bergauf.

Würde man das alles auf ein Fußballspiel übertragen, würde man sagen: Amazon hat halt mal ein Gegentor bekommen, führt aber immer noch deutlich.

Für die Börse ist Amazon längst zu mächtig, da können sich Andreas Mundt (Kartellamtschef) oder Margrethe Vestager noch so abstrampeln. 
Gewerkschafterin Lech: Der Streik hatte schon Auswirkungen.
© Verdi
Gewerkschafterin Lech: Der Streik hatte schon Auswirkungen.
Über die Streiks in den Logistikzentren gibt es ja stets unterschiedliche Interpretationen. Amazon redet deren Auswirkungen selbstverständlich klein, als hätte man es nur mit lästigen Obstfliegen zu tun. Die Gewerkschaft Verdi fühlt sich selbstverständlich wie eine Hornisse, die fiese Stiche setzt.

50% mehr Lohn für freiwillige Mehrarbeit

Sylwia Lech ist Gewerkschaftssekretärin für das Logistikzentrum in Graben bei Augsburg, und damit vom eigenen Anspruch her eine Hornisse. Und dort wurde Montag, Dienstag und Mittwoch gestreikt - mit 400 Mitarbeitern pro Tag.

Bringt das etwas?

Oh ja, sagt Gewerkschafterin Lech: "Von den 1.800 Beschäftigten hier sind knapp 50% befristet, da richtet eine Streikbeteiligung von 400 Beschäftigten einiges an. Wenn Amazon Prime-Kunden wirbt, mit dem Argument, dass diese schnell beliefert werden, und sie können das Versprechen nicht einhalten, dann hat so ein Streik schon Auswirkungen."

Amazon-Händler Schlayer: Mehr Schutz vor Betrügern.
© Blinkring
Amazon-Händler Schlayer: Mehr Schutz vor Betrügern.
In der Tat war vielerorts von verspäteten Zustellungen zu hören. Und dass auch Amazon Angst vor so einem Ausstand hatte, lässt sich daran erkennen, wie man damit umgeging: "Man hatte freiwillige Mehrarbeit angeboten – und diese mit 50% Zuschlag bezahlt. Sobald man im Vier-Augen-Gespräch bezüglich Mehrarbeit angesprochen wird, spricht man aber nicht mehr von einer freiwilligen Mehrarbeit. Der Beschäftigte befindet sich dann in einer Zwangshandlungslage, gerade die befristet Beschäftigten", berichtet Gewerkschafterin Lech.


"Wie zwei Monate Hölle"

Glaubt man Sylwia Lech, dann hatte Amazon wenig Erfolg mit dieser Art von Mitarbeitermotivation: "Die Resonanz war nicht groß. Es wird jedoch immer einzelne Kollegen geben, die solche Angebote nutzen, weil die Zuschläge attraktiv sind bei einem Einstiegsstundenlohn in Graben von 11,62 Euro für einen Picker. Und damit kalkuliert Amazon."

Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
Nun gibt es derzeit wieder unschöne Berichte über das Arbeiten als Amazon-Kommissionierer, gerade vor den Prime Days: "Es wird für uns wie zwei Monate der Hölle sein, egal was passiert. Zumal sie den verdammten Ein-Tages-Versand machen, und wir alle kaum mit den regulären Bestellungen mit Ein-Tages-Versand mithalten können", zitierte der US-amerikanische TV-Sender CNBC einen amerikanischen Logistikmitarbeiter, die sich in einer geschlossenen Facebook-Gruppe austauschen.

"Es werden keine zusätzlichen Stellen geschaffen, sondern es wird lediglich die Vertragsart geändert und die Lücke wieder aufgefüllt."

Sylwia Lech, Verdi

Prime Day als Grenzbelastung für die Mitarbeiter

Es war und ist kein Spaß, für Amazon zu arbeiten. "Amazon hat eine gut dokumentierte Geschichte der Misshandlung und Entmenschlichung seiner Beschäftigten in den USA und auf der ganzen Welt", hatte Stuart Appelbaum, Präsident der US-amerikanischen Einzelhandels-, Großhandels- und Kaufhausunion gesagt. "Der Stress kann an jedem Tag besonders hart sein, insbesondere bei Veranstaltungen am Prime Day. Aber in diesem Jahr wird der Tribut an die Mitarbeiter von Amazon noch viel schlimmer ausfallen." Und wer zuhört, wenn Verdi-Frau Lech über einen Arbeitstag für einen Logistikmitarbeiter berichtet, der kann sich vorstellen, dass so eine Kraft täglich in der Form eines Olympiakämpfers zum Dienst erscheinen sollte. Denn das Pakete packen ist dauerhafte Höchstleistung. "Das System ist völlig intransparent. Die Menge, die zu kommissionieren ist, errechnet sich jede Stunde neu, jeden Tag. Das hängt alles mit der Bestellmenge zusammen. Folglich ist vor Weihnachten am meisten zu tun."

Auf dem Weg zu mehr Partnerschaft

Dann haben es die Marktplatzbeschicker jetzt schon einfacher, denn deren Geschäftsbedingungen wurden gelockert. Dass so etwas erst auf Druck des Kartellamtes passieren musste, sagt ja auch vieles über die Macht von Amazon. Und es sagt auch viel über die Arroganz mit der die Krake seine Geschäftsbedingungen zuvor exekutierte.

Etailment hat zwei Händler gefragt, wie sie diese Art von Amazon-Perestroika finden: "Etwas lockerere Regeln sind ein erster, guter Schritt in Richtung eines partnerschaftlicheren Umgangs zwischen Amazon und seinen Händlern. Daher begrüßen wir das sehr", sagt Thorsten Wiechers, der zusammen mit Lilian Haferkamp als Twinkle Kid reflektierende Mützen verkauft.

Endlich nicht mehr alle Rechte abtreten müssen

Seit 2017 ist das Hamburger Start-up auf Amazon vertreten - und die Plattform ist für Wiechers alternativlos. Stress mit gesperrten Konten und ähnlichem habe man nie gehabt, sagt er. "Bisher waren unsere Erfahrungen durchweg positiv. Nach Verkäufen unserer Mützen bei Amazon hatten wir bisher nur ganz wenige Retouren und noch keine von Amazon entschiedene Erstattungen. Für uns persönlich wäre der Ausbau des Vine-Bewertungsprogramms sehr interessant, da Twinkle Kid eine bei Amazon registrierte Marke ist. Allerdings wünschen wir uns auch deutliche Verbesserungen und Unterstützung bei der Präsenz der Artikel auf dem Amazon-Marktplatz."
© etailment
Von den verbesserten Handelsbedingungen begrüßt Wiechers am meisten, dass die Paritätsvorgabe angepasst wurde und "wir als Händler nun Amazon nicht mehr so weitreichende Rechte zur Nutzung unserer Produktmaterialien, Informationen, Beschreibungen und Bilder einräumen müssen".

Wenn die Konkurrenz auf Amazon schummelt

Thomas Schlayer dagegen hatte schon Amazon-typischen Stress mit dem Riesen. Er hatte andere Verkäufer gemeldet, die sich nicht an die Verkäuferrichtlinien gehalten hatten (etwa mit unzulässigen Produktbildern) - doch passiert sei nicht viel. Schlayer ist Geschäftsführer der Marken Blinkring und Fundelo und verkauft sei fünf Jahren LED-Blinkringe via Amazon FBA. "Wir verkaufen mehrere Tausend Blinkringe und weitere Spaßartikel. Über die Jahre hinweg können wir feststellen, dass der Verkauf via Amazon verlässlich zunimmt", sagt Schlayer. Freude über die Regeln auch bei ihm: "Wir begrüßen stärkere Rechte für Händler bei Amazon sehr, da der Konzern viele Wettbewerbsreklamationen und weitere 'Probleme' wenig bis gar nicht reguliert hatte." Er begrüßt jetzt die neuen Chancen auf einen fairen Wettbewerb, den Schutz seiner Marken und die Regulierung eines verlässlichen Vertriebsportals. Als Beispiel für die Defizite nennt er Produktbewertungen: "Hier werden bei Amazon offensichtlich Betrüger und bezahlte Bewerter (noch) nicht verhindert."

"Amazon ist definitiv die Zukunft im Vertrieb, doch 'deutsche Korrektheit' ist hier jedoch noch nicht zu sehen."

Thomas Schlayer

Noch nicht genug deutsch korrekt

Klar ist, ohne Amazon wäre Schlayers Unternehmen niemals derartig gewachsen: "Wir sind Amazon für unsere Erfolge sehr dankbar. Wir leiden jedoch stark unter Wettbewerbern, welche die Regeln nicht einhalten, Bewertungen erkaufen, oder mit anderen Falschaussagen versuchen, Erfolg zu haben. Amazon ist definitiv die Zukunft im Vertrieb, doch 'deutsche Korrektheit' ist hier jedoch noch nicht zu sehen", sagt er. 

Wenn Philosoph Otto Rehhagel spricht

Huihui, keine deutsche Korrektheit. Das hört man auch selten. Dafür hatte ja Amazon, PR-strategisch clever, am ersten Tag der Prime Days, verkündet, in Deutschland seien 2.800 neue Arbeitsstellen geplant, "vom Softwareentwickler bis zum Logistikexperten", wie es hieß.

Mythos Jobwunder Amazon

Was gut klingt, will Gewerkschafterin Sylwia Lech doch etwas anders einordnen: "Amazon hatte vor einer Weile beschlossen, dass pro Logistik-Standort nicht mehr als 2.000 Mitarbeiter beschäftigt sein dürfen. Also wird man dort, wo Mitarbeiter ausscheiden, einfach den Bestand ersetzen. Dafür braucht man diese neuen Leute. In Graben etwa sind sehr viele Leute wegen der harten Belastungen arbeitsunfähig geworden. Zudem werden mancherorts einfach befristete Verträge entfristet – und das sind dann auch Neueinstellungen. Verstehen Sie: Es werden keine zusätzlichen Stellen geschaffen, sondern es wird lediglich die Vertragsart geändert und die Lücke wieder aufgefüllt."

So läuft es halt. Aber es läuft halt vorzüglich für Amazon. Und vielleicht würde Jeff Bezos auf ein paar kritische Anmerkungen für seine Geschäftspraktiken mit einem Satz von Otto Rehhagel antworten: "Wer Erster ist, hat immer Recht. Ich habe also Recht. Und wenn ich Fünfter bin, können Sie wieder mit mir reden." Zumindest ist die Hölle Amazon für die Händler etwas erträglicher geworden.

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