Der nächste Internetstar des Einzelhandels kommt diesmal aus Vaihingen. Wenn ausgerechnet eine Getränkehändler gegen Einwegflaschen kämpft, dann ist das bemerkenswert. Und Karl-Heinz Kastner belässt es nicht nur mit einem Hilferuf auf Facebook.

Seit heute marschieren sie international. Ob es wirklich 20.000 Schüler aus 16 Ländern sind, die an diesem Freitag durch Aachen gelaufen sind, um beim ersten internationalen "Friday for Future" den älteren Generationen deren Klimaschutzversagen um die Ohren hauen, spielt keine Rolle. 15.000 reichen auch. Und wer schlechte Laune haben möchte, der liest am Abend die Kommentarspalten der Internetauftritte der Lokalzeitungen, wo das Spießertum dekompensiert vor Empörung über diese bösen, bösen Schulschwänzer, die nicht wie Steinzeitmenschen leben, und deswegen gar keine Berechtigung haben, für ein besseres Klima zu kämpfen. 
Alles Müll: Solche Bilder will Getränke-Kastner nie mehr machen.
© Kastner
Alles Müll: Solche Bilder will Getränke-Kastner nie mehr machen.
Intellektuell wird dieses Niveau am besten repräsentiert von Beatrix von Storch, die tatsächlich bei der AfD Umweltexpertin ist. Denn für die Politikerin haben die jungen Leute überhaupt kein Recht, sich klimapolitisch zu äußern, weil diese ja noch nie eine Stromrechnung bezahlt hätten. Aber Frau von Storch hat ja auch mal gesagt, dass man der Sonne erklären solle, dass sie nicht mehr so viel scheinen solle, damit sich die Ozeane nicht mehr so aufheizen.

Kastner hat Social-Media-Kompetenz beweisen

Es gibt zum Glück noch genug Menschen, die ihre Tassen im Schrank haben und über die Zusammenhänge von Klima und Umwelt mehr wissen, als eine Frau, die als Abgeordnete im Bundestag darüber etwas zusammenfabuliert. Hans-Peter Kastner, zum Beispiel. Der Getränkehändler aus Vaihingen findet nämlich gar nicht schlecht, dass die Schüler seit Wochen freitags für den Klimaschutz auf die Straße gehen.
Aber weil Sympathie ihm nicht genug ist, hat Kastner einfach mal gehandelt und ist dort aktiv geworden, wo Annegret Kramp-Karrenbauer ähnliche Kompetenz beweist wie von Storch beim Klimawandel: in den sozialen Netzwerken. In einem flammenden Facebook-Appell hat er in dieser Woche den Plastikflaschenwahnsinn angeprangert. Und weil ein Bild immer gut ist, hat er eines mitgeliefert. Es zeigt die Ausbeute von zwölf Wochen Sammelarbeit seiner Mitarbeiter: 52 Plastiksäcke mit 10.400 Einwegflaschen und Dosen.

"In Zeiten wo viele von Umweltschutz und Nachhaltigkeit reden, wo eine kleine Schwedin es schafft die ganze Welt zum Zuhören zu bringen, wo Freitag die Schule zweitrangig ist und wir täglich Gedanken austauschen wie wir das Klima und die Umwelt retten können, wo es sich um Elektromobilität und Weltvermüllung dreht, schaffen wir es innerhalb von 12 Wochen sage und schreibe: 52 Säcke à 200 Stück, also 10 400 Einweg Flaschen & Einweg Dosen von unseren Kunden zurückzubekommen und diesen Berg von Müll haben wir in diesem Bild einmal festgehalten", schreibt Händler Kastner in seinem Facebook-Post.

Die Kosten der Entsorgung

Dass er nebenbei auch noch das Zeug entsorgen muss, das die Kunden vorher in anderen Supermärkten gekauft haben, und dass ihm dadurch erkleckliche Kosten entstehen, schreibt er auch.

Aber noch mehr regt Kastner eben das eigentliche Thema auf:

"Die ökologische Seite sieht so aus, dass wir nun 10 400 Stück Plastikmüll auf dem Hof liegen haben der entsorgt werden muss. Wo endet dieser Müll? Wir wissen es nicht!!!
Zurück gegeben wird er von uns an eine sogenannte Clearing Stelle welche uns den Pfandwert abzüglich Kosten für Abholung, Zählung, Lagerung, Entsorgung und anderen Gebühren auszahlt.
Aber dann?
Ganz ehrlich, ich kann Ihnen nicht sagen, ob diese Flaschen fachgerecht recyclet werden oder, wie so viel anderer Müll, einfach in das ferne Ausland verkauft werden und dort in die See geschmissen werden.
Das ist auch nicht meine Aufgabe mir darüber einen Kopf zu machen, denn ich kann es nur an diese Clearingstelle zurückgeben. Das ist so geregelt und ich muss mich daran halten.
Was ich nicht Muss ist die Schnauze zu halten, wenn ich so einen Mist sehe."

Was für eine gigantische Reichweite

Kastner ist nun der nächste Internet-Held des Einzelhandels, sozusagen der Nachfolger von Edeka Ankermann in Groß Schwülper und Edeka Werner in Lichtenfels, die die Macht der Sozialen Netzwerke nutzten, um sich über grauenhafte Kunden zu beklagen. 
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
In einem neuen Facebook-Post schreibt der Getränkehändler aus Vaihingen am Donnerstag, dass er mit seinem ersten Appell 1,7 Millionen Menschen erreicht hat, dass die Zeitungen berichtet hatten und er ein Radiointerview geben musste. Wer jetzt nicht die Macht und Kraft der Sozialen Medien verstanden hat, glaubt wohl bis in alle Ewigkeit, dass Wahrheit nur in gedruckten Zeitungen gültig ist.

Bye, bye, Einwegdose

Was noch bemerkenswerter ist: Kastner hat seine eigene Umweltoffensive gestartet. Die Dosen mit Energy Drinks fliegen aus dem Sortiment, die blechernen 5-Liter-Bierfässer ebenfalls.

"Unser Ziel ist es bis 31.07.2019 komplett Einwegfrei zu sein und auch auf Petcycle zu verzichten."

Damit wäre er wahrscheinlich der erste Getränkemarkt des Landes. Gerade einmal sechs Wochen Zeit gibt er sich für dieses Ziel. Wie lange gibt es jetzt nochmal diese internationalen Klimaschutzgipfel, auf denen irgendwelche Witz-Maßnahmen beschlossen werden, für deren Einhaltung Jahrzehnte Zeit bleibt?

Kaufland versteckt sich hinter dem Kundenwunsch

Leute wie Kastner blamieren mit ihrer Unkompliziertheit ein ganzes System, das auch von der Energie der streikenden Schüler überrascht wurde und jetzt nicht dumm dastehen will. Unsere Freunde von Kaufland verschicken ja jetzt quasi wöchentlich ihre Mitteilungen zu den jeweils neuen Beiträgen gegen Plastikmüll. "Wir teilen den Wunsch der Kunden, Plastik zu reduzieren", hieß es letztens, als ob es diesen Wunsch der Kunden braucht, um diesen Müllwahnsinn zu beenden. Aber offenbar wäre Kaufland nicht selbst darauf gekommen. 

Blöde Sonne: Beatrix von Storch erklärt den Klimawandel

Der Einzelhandel kann sich ohne große Mühe am Klimaschutz beteiligen. Warum es beispielsweise immer noch offene und damit Strom fressende Kühlregale geben muss, ist eines der vielen Rätsel der Branche.

Immer daran denken: "Machen ist wie wollen, nur krasser."

Ein Parkhaus ohne Tickets

Dass Nachhaltigkeit im Einzelhandel keine Raketenwissenschaft ist, zeigt ja auch der Shoppingcenter-Betreiber ILG. Beispiele? Es gibt hier zum Beispiel in Mettmann bereits ein schrankenloses Parkhaus. Fährt der Kunde hinein, muss er nicht mehr ein Ticket ziehen, sondern das Nummernschild seines Autos wird registriert. Will er wieder hinaus, muss er am Kassenautomaten dieses Nummernschild eingebenund schon weiß das System, wie teuer die Parkzeit war. Es dürfte nicht wenig Papier sein, was durch so eine Lösung eingespart wird. 
Parken und Waschen. Oder umgekehrt. Im Offenbacher Ring-Center geht das.
© ILG
Parken und Waschen. Oder umgekehrt. Im Offenbacher Ring-Center geht das.
Und noch etwas bietet ILG auf den Parkplätzen seiner Center: Fahrradständer, Automaten für Fahrradschläucheund sogar die Möglichkeit, einkaufen und Wäschewaschen zu verbinden. Denn auf dem Parkdeck des Ring-Centers in Offenbach stehen zwei Waschmaschinen und ein Trockner für die Kunden bereit. Irgendwie lustig, irgendwie praktisch, aber ganz gewiss auch eine Möglichkeit, gegen den Rückgang der Kundenfrequenzen anzugehen.

Das klassische Center hat keine Zukunft mehr

ILG ist gerade eine Kooperation mit dem Immobilienberatungsunternehmen Savills eingegangen; gemeinsam wollen sie auf dem Markt des Centermanagements mitmischen. Es geht dabei um eine neue Interpretation dieser Objekte. 
© etailment
Weg von reinen Verkaufspalästen, in die immer weniger Kunden kommen, und in denen die Hauptmieter aus dem Textilhandel immer geringere Flächenumsätze erwirtschaften. Stattdessen geht es hin zu Mischobjekten mit Flächen für Handel, Logistik, Büros, betreutem Wohnen, Kinder und Sport. Und Abholstationen für Onlinebestellungen. So sieht die Zukunft im Handel aus.

Gerade an einem Freitag muss man das sagen.

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