Wenn es um seine Wurst geht, ist sich Uli Hoeneß für nichts zu schade. Daher bückt sich der mächtige Fußballmanager auch mal ganz tief - ins Kühlregal. Diese Liebe zum stationären Handel kann nur ein Mensch aus der analogen Welt haben. In dieser Welt tun sich Media-Markt und die anderen Elektronikhändler immer schwerer. Also greift man zu altbewährten Überlebenstricks - und redet sich die Welt schön.

Am Mittwoch in der kommenden Woche stellt Expert seine Bilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr vor. Wenn die Verbundgruppe eher mediokre Zahlen präsentieren wird, dann darf das nicht überraschen. Denn die Elektronikhändler agieren in einem "dynamischen Wettbewerbsumfeld", wie es der vormalige Expert-Chef Jochen Ludwig bei der Bilanzvorstellung 2018 formulierte. Nichts anderes dürfte am Mittwoch Stefan Müller sagen, Ludwigs Nachfolger. 

Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
Der stationäre Elektronikhandel kämpft eben in einem Segment, das zu den wichtigsten im E-Commerce gehört. Die Onliner fressen den klassischen Händlern die Umsätze weg, Branchenführer Media-Saturn steckt längst in einer tiefen Sinnkrise. Die Antwort darauf: Sie hauen mit Rabatten um sich. Vorige Woche wurde wieder mal die "Mehrwertsteuer erlassen", wie es immer genannt wird, wenn es aufs Sortiment 19 Prozent Nachlass gibt.

Es wird rabattiert, wann man es braucht

Und noch doller treiben sie es diese Woche in der Schweiz, wo sie den "Black Friday" einfach mal in den Sommer vorverlegen. Normalerweise ist in diesem Jahr der 29. November der weltweite Tag der Margenvernichtung infolge gigantischer Rabatte. Aber weil Media-Markt auch in der Schweiz offenbar jetzt dringend Umsätze und Kundenfrequenz benötigt, lockt man die Konsumenten zu seinem traditionellen "Red Friday" eben in der letzten Juniwoche mit halben Preisen auf ausgewählte Produkte. 

Wie paradiesisch: Media-Markt lädt zum Sparen ein
© Media-Markt
Wie paradiesisch: Media-Markt lädt zum Sparen ein
So gehts zu im stationären Elektronikhandel. Da überrascht eine Mitteilung von Euronics, dem Verbundgruppenkonkurrenten von Expert. In ihrem jährlichen Trendmonitor hat die Kooperation Kunden über ihr Einkaufsverhalten bei Elektronikartikeln gefragt - und verblüffende Ergebnisse eingeholt:

"Die Internet-Kaufportale wie Amazon werden am meisten genutzt (55%), verlieren jedoch 17 Prozentpunkte im Vergleich zu 72% im Vorjahr. Der Unterschied zwischen Online-Kaufportalen und dem stationären Fachhandel schrumpft damit signifikant. 42% gaben an, Elektronik im Fachhandel zu kaufen. Von dieser Verschiebung profitieren andere Bezugsquellen. Darunter sind beispielsweise die Online-Shops des Elektrofachhandels wie euronics.de mit einem Zuwachs von 21% auf 24%."

Wie? Die Leute kaufen ihre Radios neuerdings wieder verstärkt im Fachhandel? Oder im Netz bei Euronics?

Gut, die meisten Studien werden ja erstellt, damit der Auftraggeber zeigt, wie er die Welt gerne hätte. Nicht, wie sie ist. Populär waren ja beispielsweise die Erhebungen über die angebliche millionenfache Arbeitsplatzvernichtung durch den Mindestlohn. Es kam halt alles etwas anders.


Wenn Euronics um 75% wächst

Über das Online-Einkaufsverhalten der Deutschen gibt es jetzt eine Neuauflage der regelmäßigen Generalstudie der Wirtschaftsprüfer von KPMG. Alle wichtigen Produktkategorien werden hier abgefragt - selbstverständlich auch Elektronik. Demnach kaufen so etwa 24% der Befragten regelmäßig im Internet, 61% immerhin gelegentlich. Als die Konsumenten dieselbe Frage im Jahr 2018 gestellt bekamen, waren es nur 20%, die regelmäßig online orderten. Aber auch schon 61% Gelegenheitskäufer. 

In fast allen abgefragten Kategorien steigt die Online-Kaufbereitschaft an, nur im Sporthandel stagniert sie oder ist sogar etwas rückläufig (bei Gelegenheitskäufern). Wie so ein Ergebnis mit dem von Euronics zusammenhängt, kann man nur damit erklären, dass die Verbundgruppe eben wehrhaft ist. Oder sein will. Aber gut, im Geschäftsjahr 2018/19 wurde der Online-Umsatz auf Euronics.de um famose 75% gesteigert, wurde bei der Bilanzvorstellung im März mitgeteilt. Was nicht mitgeteilt wurde: Was das in Euro heißt. Immer verdächtig. Wenn sich etwas um 75% verbessert, will man gar nicht wissen, wie der Ausgangswert war.

Uli Hoeneß und Klaus Gehrig

Was hat sich noch so getan bei den Online-Kunden? Zum Beispiel, dass im Vergleich zu 2018 die Smartphone-Nutzung um 20% zugenommen hat. Die Generation Z (19 bis 24 Jahre) erledigt die Hälfte ihrer Einkäufe nur noch online. Und der Internet-Haupteinkaufstag ist: Sonntag, aber nur knapp vor Montag und Donnerstag. 

Alles Wurst: Uli Hoeneß serviert Nürnburger

Dass Uli Hoeneß an keinem der Tage sich etwas im Netz bestellt, bedarf keiner Studie, sondern darf einfach mal behauptet werden. Der Präsident des FC Bayern München spielt in einer Technik-Liga mit Klaus Gehrig, dem Chef der Lidl-Schwarz-Gruppe. Beide sind Technik-Verweigerer. Von Hoeneß wurde mal bekannt, dass den Computer daheim seine Frau bedient, dass er Smartphones hasst, dass er noch nie eine dienstliche E-Mail verschickt hat.


In einer Analog-Liga

Von Gehrig weiß man ja auch, dass er keinen Computer besitzt. Und es wird in der Branche geraunt, dass er erst seit etwas mehr als einem Jahr eine private E-Mail-Adresse haben soll, eingerichtet, um mit seiner Frau in Kontakt zu bleiben, die damals eine Kreuzfahrt machte. Was halt so geredet wird.

Auch Hoeneß ist ein Mann des Analogen. Und ein Mann, der die wichtigen Dinge selbst erledigt, vor allem, wenn es um seine Nürnberger Wurstfabrik HoWe geht (die seit 2001 sein Sohn Florian leitet), für die er neben dem FC Bayern auch noch Zeit hat. Wenn ihm diesbezüglich mal ein Text nicht gefallen hat, dann ruft er eben selbst in der Redaktion an, die wiederum gut beraten ist, wenn sie eine fußballaffine Sekretärin hat, die mit diesem Namen schnell und deeskalierend etwas anfangen kann.

Liegt die Wurst auch schön im Regal?

Ähnliche Tugenden waren diese Woche bei den Mitarbeitern der Aldi-Filiale in Unterhaching gefragt. Denn plötzlich kam Hoeneß herein, aber nicht, um Einzukaufen. Er schritt zum Kühlregal mit den Würstchen, bückte sich und schob seine HoWe-Würstchen hin und her, dass sie ein ordentliches Bild abgaben. "Bild" hat sogar ein Foto von diesem Filialbesuch.
Lustig, wie Deutschlands mächtigster Fußballmanager da mit den Pappkartons herumwurschtelt, damit seine Würste den besten Platz im Regal haben.

© etailment
Neu ist so ein Store-Check nicht. Immer wieder schaut Hoeneß bei Aldi nach, ob mit seinen Nürnberger Rostbratwürstchen gut umgegangen wird, wird erzählt. Recht hat er ja, denn eine Hoeneß-Wurst steht schließlich für Qualität, 2014 gab es ein "gut" von der Stiftung Warentest. Und so ein Produkt darf im Aldi-Regal nicht einfach untergehen.

Irgendwie tröstlich, dass sich ein Mann, der im Unterhaltungsspiel Profifußball das große Geschäft beherrscht, im Alltag auch um die kleinen Würstchen kümmert.
Aber vielleicht denkt eben nur noch jemand so kleinteilig, der in der analogen Welt zu Hause ist. Dass er bei Aldi dann von irgendjemandem mit einem Smartphone fotografiert wird - damit muss Uli Hoeneß leben.

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