Die halbe Handelsbranche ist aufgeregt, weil ab Montag nicht alle Geschäfte öffnen dürfen. Die Frage ist nur, ob es bei der Lockerung des Lockdowns wirklich um die Belange der Branche geht – oder ob nicht übergeordnete Gründe eine Rolle spielen. Jedenfalls wird es interessant, zu beobachten, was Beginn der kommenden Woche in den Innenstädten los sein wird.

Es gibt jetzt viele Einzelhändler, die über Nacht ihr handwerkliches Können erweitern müssen. Gut ist in so einem Fall, wenn man ohnehin keine zwei linken Hände hat und weiß, wie man mit Stichsäge und Bohrmaschine umgehen kann. Ein Buchhändler steht erst einmal nicht unter dem Verdacht, robuster Heimwerker zu sein. Gemeinhin gelten solche Leute als musisch Begabte, als Liebhaber der Künste.

Christoph Greuter ist beides. "Als Buchhändler muss man flexibel sein", sagt er, nachdem er aus dem Keller seiner Filiale ans Telefon gerufen wurde. Im Souterrain hatte er am Mittwoch eine ungeplante Schicht eingelegt - es galt, schnell Spuckschutzwände zu bauen. Denn seit Mittwoch weiß auch Greuter, dass es für ihn ab Montag wieder weitergeht.

Stationärer Einzelhandel ist kompliziert geworden

Vier Filialen betreibt er am Bodensee, in Singen, Radolfzell, Rottweil und Tuttlingen; und mit dem Beginn der kommenden Woche darf er alle vier wieder aufschließen, denn jedes Geschäft ist deutlich kleiner als jene 800 Quadratmeter, die von Bundesregierung und -ländern als maximale Verkaufsflächengröße für den Neustart nach dem Lockdown verfügt worden ist. 
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
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Vier Filialen bedeuten insgesamt 8 Plexiglasscheiben, jeweils für die Kassenzonen und die Informationsschalter. Dazu kommen jetzt noch die üblichen Abstandsmarkierungen auf den Fußböden, Mundschutz fürs Personal, Desinfektionsmittel – stationärer Einzelhandel ist in dieser Corona-Zeit kompliziert geworden.

Wollen die Menschen jetzt wirklich einkaufen?

Was auch kompliziert ist: Eine Vorhersage zu treffen, was ab Montag in den Geschäften, die öffnen dürfen, los sein wird. Auch Buchhändler Greuter fragt sich, "welche Bedürfnisse die Menschen jetzt haben". Etwa 725.000 Anträge auf Kurzarbeit sind bisher bei der Bundesagentur für Arbeit eingegangen. Fast eine halbe Millionen Betriebe haben ihre Arbeitszeiten bereits heruntergefahren mit der Folge, dass diese Mitarbeiter auch weniger Geld verdienen. Gute Bedingungen für gute Kauflaune sind das nicht. 

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Und noch eine Erschwernis gibt es: Auch in Singen, wo Greuters Hauptgeschäft ist, gibt es in der Innenstadt jeweils eine Filiale von Karstadt und H&M – beides klassische Frequenzbringer für die Händler in der Nachbarschaft. Doch beide Häuser sind für die aktuellen Bestimmungen zu groß und müssen deswegen geschlossen bleiben. Vor diesem Dilemma stehen sämtliche Innenstädte im Land. "Es wäre deswegen ein Wunder, wenn wir jetzt die gleichen Passantenfrequenzen hätten wie in einer Normalzeit", sagt Buchhändler Greuter.

Ob Center öffnen dürfen - bisher unklar

Es gibt kleine Händler im Land, die deswegen zaudern. Die nicht wissen, ob es sich wirklich lohnt, den Laden aufzuschließen, weil man auch von den Kundenströmen profitiert, die beispielsweise ein benachbartes, innerstädtisches Einkaufszentrum anzieht. Dürfen die Läden dort jetzt auch öffnen? Bisher waren ja die Center auch während dem Lockdown offen – weil dort eben auch Geschäfte der Grundversorgung Mieter sind, wie Drogerien, Lebensmittelhändler, Apotheken. 

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Ob das jetzt auch beispielsweise für Modeläden oder Schuhgeschäfte unter dem Dach eines Centers gilt, ist bisher unklar. Klar ist nur, dass aus hygienischen Gründen Massenaufläufe in den Innenstädten verhindert werden sollen. "Aus unserer Sicht können aber gerade Shopping-Center durch professionelles Management, Reinigung und Wachschutz Hygieneauflagen und mögliche Ansammlungen von Kunden vor einzelnen Läden oder in der 'Mall´ besonders gut organisieren", hatte Lukas Nemela, Sprecher des Centerbetreibers ECE der "Hamburger Morgenpost" gesagt.

Möbelland Nordrhein-Westfalen mit anderen Regeln

Es ist jetzt vieles wieder einmal Ländersache, und es ist deswegen wieder einmal alles kompliziert. In NRW etwa dürfen ab Montag Einrichtungshäuser und Babymärkte öffnen – egal, wie groß sie sind. Hier gilt eine Sonderregelung. "Da haben wir ein klares wirtschaftliches Interesse", begründete Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU). In seinem Bundesland habe die Möbelbranche 35.000 Mitarbeiter, 60 Prozent aller Küchen in Deutschland würden in Westfalen produziert. Laumann sagt: Wenn Autohäuser die Infektionsschutz-Bedingungen beachten und dann öffnen dürfen, dann müsse das auch für Möbelhäuser gelten.

Wenn der Buchhändler E-Commere betreibt

Nach Laumanns Logik dürften aber alle Läden wieder öffnen, wenn sie nur die Hygienevorschriften beachten. Oder ab wann sind wirtschaftliche Interessen wichtiger als Gesundheitsschutz? Oder umgekehrt?

Wenn Ikea darf, Karstadt Kaufhof aber nicht

Wenn nun Galeria Karstadt Kaufhof vors Oberverwaltungsgericht Münster zieht, um auf Öffnung der Häuser in NRW zu klagen, dann ist das nur verständlich: Ikea darf dort ab Montag öffnen und Möbel verkaufen, die Warenhäuser dürfen es nicht. Vielleicht muss aber die Diskussion um die Lockdown-Lockerung erst einmal auf einer anderen Ebene geführt werden. Vielleicht geht es der Bundesregierung bei der Teil-Öffnung der Läden gar nicht um den Handel, um wirtschaftliche Belange. Vielleicht spielen hier psychologische Gründe eine Rolle. Vielleicht hat die Politik ja gemerkt, dass es so langsam knistert im Land, dass es längst eine zuweilen verworrene Diskussion um Einschränkung der Grundrechte gibt.

Etwas Normalität zur Beruhigung

Es gab bereits unerlaubte Demonstrationen in Berlin, auch dankbar genutzt von Vertretern der rechten Flanken. Von Heidelberg aus mobilisiert Beate Bahner eine wachsende Protestmenge, die die wunderliche Rechtsanwältin als Heldin betrachtet, weil sie den Lockdown gleich als "größten Rechtsskandal" in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bezeichnete, zwar mit ihrem Eilantrag vor dem Bundesverfassungsgericht scheiterte, aber nicht müde wird, weiterzukämpfen und ein krudes Papier nach dem anderen zu veröffentlicht.

Vielleicht also hat die Regierung gemerkt, dass es Zeit ist, einzuschreiten. Dass sie das Volk mit einem kleinen Stück Normalität beruhigen oder auch belohnen muss für die Wochen der Entbehrungen. Wer mit seiner Frau mal wieder woanders einkaufen darf als bei Aldi oder Rossmann, der kommt auf andere Gedanken, der fühlt sich nicht mehr ganz streng eingeschränkt und stellt sich nicht auf die Straße, um den von den Rechten missbrauchten Klassiker "Wir sind das Volk" zu grölen.

Benko verkauft

Doch so die Diskussion auf so einer Meta-Ebene wird René Benko erst einmal egal sein. Er muss sehen, dass er als Eigentümer von Galeria Karstadt Kaufhof den Laden irgendwie retten kann, jeder Tag Umsatzausfall erschwert dieses Bemühen. Was am Ende des Schutzschirmverfahrens, in dem sich das Unternehmen befindet, von den Häusern übrig bleiben wird, ist eine andere Frage.

17 davon hat der Tiroler Immobilieninvestor Benko jetzt verkauft, wie der Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg berichtet. Käufer soll ein Fonds sein, der von Apollo Global Management gemanagt werde, und das ist ein US-amerikanisches Private-Equity-Unternehmen.

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Auf 700 Millionen Euro wird dieser Deal taxiert, das ist gutes Geld für die Benkos Rettung der deutschen Warenhäuser. Doch fragen kann man hier mal, wer in dieser Krisenzeit so verwegen ist und 17 deutsche Handelsimmobilien dieser Größenordnung kauft? Oder sind es genau die Häuser, die im Karstadt-Kaufhof-Imperium am Netz bleiben werden, weil sie noch profitabel sind? Bisher sind die Standorte nicht bekannt.

Wenn der lokale Vermieter auf stur schaltet

Christoph Greuter hat ganz andere Sorgen. Karstadt Kaufhof hatte am 1. April mal die Mietzahlungen gestoppt (was nicht dramatischer klingt, als es ist, denn viele Häuser gehören oder gehörten ja Benko). Der Buchhändler hingegen musste die Mieten für seine vier Filialen weiterzahlen, "meine Vermieter waren nicht besonders verständnisvoll", sagt er. Und das ist erstaunlich, denn sämtliche Eigentümer sind keine internationalen Immobilienspekulanten, sondern Personen aus der Region, die ein Interesse daran haben müssten, dass in ihren Räumlichkeiten auch in Zukunft Gewerbe betrieben wird. Greuters Buchhandlungen dürften eine Zukunft haben. Denn er war ja schon in der Vergangenheit seinen Kollegen um Jahre voraus. Bereits 1999 ging Greuter mit einem Webshop ans Netz – längst begreift er sich als Multichannelhändler. Und deswegen hatte er auch kein Problem, sein Unternehmen sofort auf reinen Onlinebetrieb umzustellen. Wo andere hektisch Shops bauten und sich mit den fremden Prozessen beschäftigen mussten, nutzte Greuter seinen Vorsprung: Seine Umsätze im Onlinegeschäft haben sich mittlerweile vervierfacht, sagt er. "Wir haben viele neue Kunden gewonnen."

In die Lücke gestoßen, die Amazon aufgerissen hat

Ein Plus für ihn war dabei, dass Amazon als der überlebensgroßer Konkurrent des Buchhandels, beim Sortiment Prioritäten setzte – und die galten den krisenbedingt Waren wie Reinigungsmittel und medizinischen Produkte. Bücher mussten beim Wareneingang erstmal warten. Und in diese Lücke stieß Greuter. 

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Gewiss, Onlineumsätze seien "komplexer", sagt er. Greuter verschickt deutschlandweit und versandkostenfrei, dazu kommen Logistik- und Prozesskosten - folglich ist das Internetgeschäft keine Lizenz zum Gelddrucken. Aber: Die Kunden, die jetzt neu zu ihm gekommen sind, dürften auch bleiben, weil sie gemerkt haben, dass auch jemand aus Singen genauso gut ein Buch verschicken kann, wie Amazon.

Es werden Händler wie Greuter sein, die diese Krise überstehen. Denn es sind bisher ja nur diejenigen Betriebe in großen Problemen, die auch zuvor schon mit Müh und Not über die Runden kamen. Wenn die Plattform Online City Wuppertal aktuell ebenfalls eine Vervierfachung der Umsätze vermeldet, dann könnte man diesen Zwischenerfolg zum Anlass nehmen, auch solche Angebote etwas positiver zu sehen. Und sie zeigen, dass viele Händler die Zeichen der Zeit erkannt haben und sich digitalisieren. Manchmal braucht es eben dafür eine Intitialzündung.

Selbst die Corona-Krise hat dann auch etwas Gutes.

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