Wie wohl einer wie Nietzsche die Welt heute sehen würde? Wohl genauso, wie zu seiner Zeit. Denn es gibt mehr denn je taktierende Politiker, hoffende Manager, Verlierer und Gewinner. Und einer wird wahrscheinlich bald der mächtigste Wirtschaftsmanager der Welt sein.

Es lohnt sich ja immer wieder, bei Friedrich Nietzsche nachzuschlagen, wie die kleinen und großen Besonderheiten des Lebens einzuordnen sind. Gut, seine Meinung zum Phänomen Frau passt vielleicht nicht mehr ganz in die heutige Zeit ("Selten denkt das Frauenzimmer. Denkt es aber, taugt es nichts.")

Und im Herbst seines 1900 in Weimar geendeten Lebens war der Philosoph sowieso nicht mehr auf geistigem Top-Niveau, er war strenggenommen des Wahnsinns fette Beute, um mit Walter Kempowski zu sprechen. Doch bis dahin hat der Altmeister ein paar gedankliche Leitplanken für die Fahrt durch den Alltag aufgestellt, die heute immer noch gelten. 
Jeff Bezos: Die Welt ist zu klein geworden
© Amazon
Jeff Bezos: Die Welt ist zu klein geworden
Und deswegen wird uns Nietzsche durch diesen Tag begleiten, den wir einleiten wollen mit dem Satz:

Im Allgemeinen Formel meines Glücks: ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie, ein Ziel.

Gerade Linien sind Sie ja an dieser Stelle von uns gewohnt: ja, nein, schwarz, weiß. Peng. Mittelwege sind etwas für Mittelmäßige. Und das Mittelmaß ist nie von langer Dauer.

Womit wir überleiten zu Amazon, dem Gegenteil von Mittelmaß. Wir wissen nicht, ob Chef Jeff Bezos Nietzsche kennt oder ihn gar gelesen hat. Aber so, wie der Gründer der Internetkrake immer mehr nach der ganzen Welt greift, könnte man vermuten, dass er schonmal von diesem Satz gehört hat:

Wir leben in einem System, in dem man entweder Rad sein muß oder unter die Räder gerät.

Amazon ist Rad, und zwar ein immer größeres. Der Begriff von der "Amazonisierung des Einzelhandels" ist ein zu Tode gerittenes Stereotyp in der Branche. Und das Bundeskartellamt ist gerade dabei zu untersuchen, ob Amazon seine Marktmacht bei den Marktplätzen ausnutzt. Selbstverständlich ist das so. Denn ein Händler weiß genau, dass er hier vertreten sein sollte, wenn er im Internethandel auch nur ein bisschen mitmischen will. Und Amazon weiß das auch und lässt diese Quasi-Abhängigkeit jeden Marktplatzbeschicker spüren.

Der Endkunde hat keine Nachteile

Das Kartellamt wird sich einen Wolf ermitteln, es wird grummeln und irgendwas anmahnen - und letztlich nicht viel ändern. Denn: "Das Problem ist nur, dass aus dem durchaus diskutablen Verhalten Amazons gegenüber seinen Marktplatz-Händlern dem Endkunden eigentlich keine Nachteile erwachsen. Die Preise sinken eher und der Service-Level von Amazon ist in den letzten Jahren immer höher geworden", schrieb Professor Gerrit Heinemann letztens bei Etailment. 
Das Rad Amazon dreht sich dann normal weiter. Und das bisschen Retail ist eh bald nur noch eine Filiale dieses Kolosses. Denn wenn man jetzt zusammen mit Volkswagen eine industrielle Cloud aufbaut, um die Prozesse des Wolfsburger Autobauers zu verbessern, dann dürfte das der Anfang für noch größere Geschäftsdimensionen sein. 

Noch mehr Daten für Amazon

Volkswagen strebt eine offene Plattform an. "Ziel ist es, Unternehmen aus der gesamten Wertschöpfungskette der Automobilindustrie zu integrieren und ein industrielles Partnernetzwerk aufzubauen, von dessen Datenbasis und Informationen alle Partner profitieren. Langfristig geht es auch um die Integration der globalen Lieferkette des Volkswagen-Konzerns mit über 30.000 Standorten von mehr als 1.500 Zulieferern und Partnerunternehmen. Denkbar ist zudem, dass die Cloud-Plattform grundsätzlich für andere Automobilhersteller zugänglich sein wird. So entsteht ein stetig wachsendes, weltweites industrielles Ökosystem." 
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
Was für ein Masterplan, was für Datenmengen. Und alles begleitet von Amazon. Kartellamtschef Andreas Mundt sollte schonmal einen neuen, großen Leitz-Ordner anlegen, denn hier geht es um mehr als ein Marktplatzgeschäft mit Schuhen, Parfüm und Spielzeug.

...und noch mehr

Denn wenn BMW, Daimler und all die anderen Autokonzerne merken, dass so eine Cloud eine feine Sache ist, mit der man viel Geld sparen kann im immer härten Wettbewerb, dann werden sie ebenfalls bei Amazon vorsprechen. Es winken noch mehr Daten und noch mehr Macht für ein Unternehmen.

Schon jetzt ist Amazon führend im weltweiten Cloud-Geschäft, noch vor Google und Microsoft. Und schafft das Unternehmen jetzt, sich im Riesenreich der Autohersteller mit ihrem Kosmos aus Zuliefererbetrieben für unverzichtbar zu machen, dann hat Jeff Bezos einen schönen Weg hinter sich von einem Online-Buchverkäufer zum mächtigsten Wirtschaftsmanager der Welt.

Wenn Lobbyismus gegen Lobbyismus

Darüber könnten auch mal die Demonstranten nachdenken, die jüngst die Freiheit des Internets verteidigen wollten, in dem sie gegen die Urheberrechtsform anliefen. Was dabei für Lobbyisten und Spin-Doctors wie ihre Finger mit im Spiel hatten, Youtube und die Initiative "Create Refresh" dürften dabei nicht die einzigen gewesen sein.

Aber wer sich über diesen Lobbyismus erregt, dem kann man halt entgegnen, dass die andere Seite auch ihr Geschäft versteht. Siehe Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Der soll mit Frankreich ausgekungelt haben, dass die Nachbarn beim Bau der umstrittenen Gaspipeline Nordstream 2 auf die deutschen Wünsche eingehen - im Gegenzug votiert Deutschland im Europäischen Parlament für die Urheberrechtsreform, schrieb am Dienstag die FAZ. 

Wie Politik halt so ist

Bei diesem Deal soll Altmaier die deutschen Start-ups geopfert haben. Plan der Bundesregierung war ja zunächst, dass Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 20 Millionen Euro und weniger von Uploadfiltern ausgenommen werden sollten. Tja, das gilt nun offenbar alles nicht mehr so. So ist Politik. Und das wusste auch schon Nietzsche:

Ein Politiker teilt die Menschheit in zwei Klassen ein: Werkzeuge und Feinde.

Was passiert jetzt eigentlich mit dem Internet?
Uploadfilter finden ja vor allem diejenigen doof, die nie etwas Kreatives in Text, Bild oder Ton geschaffen haben und froh sind, dass so etwas für sie kostenlos im Internet zur Verfügung steht. Für den Bau von Gifs, Memes, für die Illustration ihrer Facebookprofile und, und, und. 

Die Angst der Start-ups - aber vor was?

Der deutsche Start-up-Verband hingegen befürchtet einen immensen Schaden durch Uploadfilter und Leistungsschutzrecht. "Im internationalen Wettbewerb um die digitalen Pioniere und Technologien der Zukunft muss Europa einen herben Schlag hinnehmen, der sich noch jahrzehntelang auswirken wird", sagt der Vorsitzende Florian Nöll. 
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Allerding sind Start-ups von den Reformen unterschiedlich gebeutelt. Markus Ziegler, Gründer und Geschäftsführer von Pakadoo, mein beispielsweise: "Wir selbst sind zwar nicht direkt von der Urheberrechtsreform betroffen, ich kann die kritischen Stimmen insbesondere aus der Start-up-Szene hinsichtlich notwendiger Investitionen in zusätzliche Infrastruktur aber nachvollziehen. Man sollte die Folgen der Restriktionen für die Innovationskultur in Deutschland und ganz Europa nicht unterschätzen. Am Ende sind es nicht Kunst und Kultur, die davon profitieren, sondern die großen Konzerne."

"Man muss sein Geschäftsmodell immer wieder neu anpassen"

Andreas Ritter, Gründer und Chef von Kartenmachen.de in Nürnberg sagt ebenfalls zu Etailment: "Ich halte die Urheberrechtsreform an sich für überflüssig. Zumindest bei uns in Deutschland, da das Urheberrecht meiner Meinung nach schon so streng genug geregelt ist und man kriegt ja immer wieder Abmahnwellen gegenüber Nutzern mit. So wie ich das mitgekriegt habe, sollen ja nach der Reform die Plattformen für die Nutzer haften. Das ist für mich nicht verständlich, warum das so sein soll. Es ist ja so, als würde der Autobahnbetreiber für seine Fahrer und ihre Ordnungswidrigkeiten haften. Wenn jetzt aber jemand anderes für meine Vergehen haften soll, werde ich da nicht eher dazu verleitet ordnungswidrig zu handeln? Andererseits finde ich, dass in letzter Zeit viel zu viele neue Gesetze eingeführt werden, an welche sich Unternehmer und Start-ups in kurzer Zeit anpassen und teilweise viel Geld investieren müssen. Diese Investitionen müssen dann auf die Produktpreise umgelegt werden und alles wird nur unnötig teurer. Aber ich blicke relativ entspannt in die Zukunft. Es ändert sich ja ständig etwas in den Gesetzen und man muss sich und sein Geschäftsmodell immer wieder neu anpassen."

Der letzte Satz ist wohl entscheidend.

Und er ist eine schöne Überleitung zum anderen Thema der Woche: dem neuen Markenauftritt von Karstadt-Kaufhof, also, Galeria Karstadt Kaufhof (im Folgenden nur noch GKK genannt), wie das Warenhausgebilde jetzt heißt. Was hätte wohl Nietzsche zu dem schwerfälligen Versuch der Gemeinsamkeit gesagt? Vielleicht:

Die Hoffnung ist der Regenbogen über den herabstürzenden Bach des Lebens.

Normalerweise wird ein neuer Markenauftritt mit einem Donnerhall vollzogen, ein großer Vorhang öffnet sich - tatatataaaaaaaaaaaaaaaa: Das ist unsere neue Welt. So war das etwa, als Rewe die Minimalmärkte übernommen und mit einem Schlag umgeflaggt hatte. 
Zusammen gemeinsam: Der neue Auftritt von Galeria Karstadt Kaufhof
© etailment
Zusammen gemeinsam: Der neue Auftritt von Galeria Karstadt Kaufhof
Dass das bei GKK eher pfffft gemacht hat, mag vor allem den bescheidenen finanziellen Möglichkeiten beider Häuser geschuldet sein. Stückchenweise werden die neuen Logos und der neue Slogan montiert, aber bis die alte Welt aus der Optik der Kunden verschwunden ist, wird es noch Wochen dauern. Mindestens.

Die alten Kaufhof-Schilder an den Blusen der Mitarbeiterinnen

Bei einem kleinen Spaziergang durch den Kaufhof, dann durch den Karstadt auf der Frankfurter Zeil war das schön zu sehen. In beiden Häusern gibt es einen bunten Mix aus alter und neuer Welt, die Mitarbeiter tragen etwa an ihren Blusen noch Schildchen mit dem alten Namen Galeria Kaufhof. Und wenn man mit ihnen darüber redet, ob sie sich mit den Karstadt-Kollegen jetzt als eine große Warenhausfamilie sehen, ist die Antwort: Kopfschütteln. Bis da zusammenwächst, was mehr als 100 Jahre nicht zusammengehörte, dauert es ebenfalls. Wahrscheinlich aber Monate, oder gar Jahre. 
 Man möge sich nur vorstellen, wie kompliziert ein Prozess ist, der ermöglicht, dass der Kunde ein T-Shirt, das er in einer Kaufhof-Filiale erworben hat, bei Karstadt umtauschen kann. "Das ist doch jetzt ein Unternehmen", wird er sich fragen. Hoffentlich fragt er sich das jetzt nicht, denn so ein Umtausch ist noch nicht möglich.

Die gute Stimmung der Kaufhof-Mitarbeiter

Und die Mitarbeiter beider Lager haben sowieso erst einmal Sorgen um ihre Jobs. Die Gewerkschaft Verdi hatte ja in dieser Woche schon davon gesprochen, dass bei Kaufhof 1.800 Vollzeitstellen gestrichen werden sollen. Wenn das mal reicht. Und bei so einer Ungewissheit muss man erst einmal mit guter Laune zur Arbeit gehen.

Wie das die Kaufhof-Leute auf der Frankfurter Zeil schaffen, ist verblüffend und muss dringend erwähnt werden. Dass das Toilettenpersonal per Infoschild als fachkundig ausgewiesen wird, ist genauso lustig wie deren würdevolle Bekleidung, die an Kellner in gutbürgerlichen Lokalen erinnert. 

Die blaue Welt eignet sich als großer Ruheraum

Und vielleicht liegt es auch daran, dass das Haus an diesem Tag zur Mittagsstunde relativ gut besucht ist - im Gegensatz zur blauen Karstadt-Welt, rund 300 Meter weiter. Totentanz ist vielleicht ein zu hartes Wort, aber wer mal seine Ruhe haben wollte, der hätte sie an diesem Tag hier gefunden. Ein Verkäufer hätte nicht gestört, weil kaum welche zu sehen waren. Dafür gibt es hier Überraschendes: Zum Beispiel im vierten Stock eine Amazon-Abholstation. 
Gruß aus der alten Zeit: Eingang der Kaufhof-Filiale auf der Zeil
© etailment
Gruß aus der alten Zeit: Eingang der Kaufhof-Filiale auf der Zeil
"Wir sind zusammen Deins", wortspielt GKK, um den Kunden eine neues Einkaufsgefühl zu vermitteln. "Mehr Auswahl",  "Bessere Angebote", "Schöner Shoppen", verspricht ein Dreiklang auf den Prospekten, aus denen vor allem junge Models herauslachen. Hier will jemand die Zielgruppen umschmeicheln, die bisher allenfalls ihre Mütter beim Karstadt-Einkauf begleitet hatten.

#zusammendeins - GALERIA Karstadt Kaufhof

Preisverhau als Marketinginstrument

Aber kommen werden wohl eher die Preissensitiven, wie es so schön heißt. Denn GKK haut derzeit Angebote raus, dass es nur so kracht: Eine Damen-Lederjacke von Otto Kern kostet aktuell statt 199 nur 129 Euro, eine Packung Dallmayr-Kaffee gar fast die Hälfte: 3,99 statt 6,49 Euro. Rabattorgie als Marketinginstrument. Doch was dieser Preisverhau für die Margen bedeutet wissen alle, die sich am Black Friday beteiligen.

Doch es wird bei GKK gar nicht mehr um das klassische Geschäft Einzelhandel gehen, das werden sie wissen. Nicht nur, dass die Flächen an Hersteller und andere Händler vermietet werden, "lokale Partner, Handelspartnern und Hersteller" bekommen auch die Karstadt-Logistikdienste angeboten, wie es Hendric Fiege dieser Tage in der "Deutsche Verkehrs Zeitung" sagte. Fiege ist Geschäftsführer von Fiege X Log, das September 2018 als Joint Venture von Karstadt mit dem Logistiker Fiege gegründet wurde. 

Karstadt bringt es - nach Hause

In Düsseldorf kann man schon sehen, was gemeint ist. Der Logistiker GLS hat mit dem dortigen Karstadt ein City-Depot-Konzept entwickelt. Unter anderem können Karstadt-Kunden ihre Einkäufe im PaketShop abgeben und erhalten sie noch am selben Abend per GLS zuhause zugestellt, wie es heißt.

Das ist eher ein Nachhause-Lieferdienst und hat vielleicht Sinn bei schwerem Gerät. Aber, ob viele Leute, Hosen, Schuhe oder Plüsch-Teddys, die sie gerade in einem Warenhaus gekauft hat, sich dann nach Hause schicken wollen, muss sich im Wirklichkeitstest behaupten.

Was das alles irgendwann noch mit Warenhaus zu tun haben wird? Wie viel Warenhäuser von GKK überhaupt noch übrig bleiben werden neben solchen Perlen wie dem Prunkstück mit der geplanten Art-Deco-Fassade am Berliner Hermannplatz?

Erwarten Sie das Schlimmste. Dann kann es nur besser werden. Das ist ausnahmsweise nicht von Nietzsche. 

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