Der deutsche Einzelhandel ist voller Mythen. An einen speziellen Mythos glaubt Karstadt-Chef Stephan Fanderl, und das ist die epische Strahlkraft seiner Warenhäuser. Aber das sorgt zumindest regelmäßig für Vergnügen. Humorlos hingegen reagieren wir, wenn wir mit vermeintlichen Fachbegriffen konfrontiert werden, die eine einzige Schaumschlägerei sind. Daher ist dieser Text auch als Weiterbildungsangebot zu verstehen.

Da war er wieder, der Nullsatz des Jahres 2018. Wenn es dieser Tage hieß, dass Thomas Storck, Deutschland-Chef der Metro, "Transformation und Digitalisierung weiter vorantreiben" soll, dann herrscht bei uns Plattitüden-Alarmstufe rot. Derzeit wird ja alles transformiert, digitalisiert - sind halt disruptive Zeiten.

Und es sind so geschwätzige Zeiten wie seit der Epoche der Nachhaltigkeit und Synergien nicht mehr. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass sich bestimmte Wörter rasant schnell verbreiten, schwammig für etwas stehen, aber nie konkret werden. Das macht deren Benutzung auch so einfach. Man bastelt sich bei seiner Rede ein Gestrüpp aus Zeitgeistwörtern, die den Redner als Durchblicker und Modernisierer daherkommen lassen. 

Nur, wer nachhaltig ist, kann auch transformieren. Oder so.

Was, liebe Metro und all die anderen, soll denn transformiert werden? Und was digitalisiert? Jetzt, nachdem ihr nachhaltig seid. Irgendwie halt, weil euer früherer Chef Cordes mal schnell in ein Drittweltland geflogen war, um dort den Betriebskindergarten einer eurer Lieferanten zu eröffnen.
Vielleicht sind die dankbarsten Nutzer von Plattitüden und sämtlichen Spreiz- und Blähworten immer diejenigen, die kaum etwas von den Sachen verstehen, über die sie daherreden. Wer eine Übersicht über den größten sprachlichen Kehricht bekommen möchte, dem sei das Nachschlagewerk von Ulrich Werner  empfohlen, einem ehemaligen Regierungsdirektor beim Deutschen Patentamt, Skilehrer bei SportScheck in München und freiem Sportreporter beim Bayerischen Rundfunk. Wunderbare Sachen hat dieser akribische Sprachwalter zusammengetragen. Hier sind fünf schöne Beispiele, die jeder Leser nicht nur aus seinem Arbeitsalltag kennt:

Alternativ ist das abgewetzteste aller politischen Modewörter. Alternative Energien: andere Energien, vor allem: erneuerbare Energien; besser: Energien aus Sonne, Wind und Wasser. "Alternatives Kommunikationszentrum": zweites Wohnzimmer. 

Kreativität: Mode-, Bläh- und Zauberwort für das Talent, Ideen zu haben oder schöpferisch zu sein; in Umlauf gesetzt und heilig gehalten von den sog. "Kreativen" in den Werbeagenturen. "Brezeln zu formen ist meine Art, meine Kreativität auszudrucken", sagt heute jeder bessere Bäckergeselle. Oft ist Phantasie eine gute Übersetzung. Häufig scheint auch Produktivität gemeint zu sein: nämlich das Talent, aus einem Überfluss von Einfällen die richtigen herauszufiltern und in Aktion umzusetzen.  

...Pilot (wenn kein Flugzeugführer gemeint ist; engl. pilot ist zuerst der Lotse): Erst-, Modell-, Pionier-, Probe-, Versuchs-, Vorbild-, Vorlauf-, Vorreiter-

Pilotbetrieb: Versuchsbetrieb
Pilotimplementation: Software für einen Zweck, für einen Anwender
Pilotkunde: erprobender Kunde, erster Kunde, Erstanwender, kooperativer Abnehmer
Pilotlauf: Erst- oder Probenutzung, Erprobung, Feldversuch
Pilotlos: Erstlieferung, Probelieferung, Versuchslieferung
Pilotprojekt, Pilotvorhaben: Leitvorhaben, Modellprojekt, Versuchsprojekt, Vorzeigeprojekt oder einfach Vorhaben, Projekt
Pilotversuch: Erprobung in der Praxis, Praxiserprobung

Virtuell: Törichte Nichtübersetzung von virtual, das schon im Englischen ein unglückliches Wort ist: Es bedeutet nämlich (1) praktisch, eigentlich, im Grunde genommen ("I have virtually no money") und (2) in der Wissenschaft das Gegenteil davon: nur als Möglichkeit vorhanden, bloß zum Schein. Dieser Widerspruch entfällt bei "virtuell", weil es außerhalb der Computerszene überhaupt nichts bedeutet. "Virtual reality" wäre, mit Schein- oder Kunstwelt angemessen übersetzt, ja dem englischen Vorbild überlegen.

Innovativ: Laut Duden "Innovationen betreffend oder schaffend" (Innovation = Neuerung), dem Wahrig von 1980 noch unbekannt.
1. Verblasenes Modewort im Sinne von neu, modern, aufgeschlossen (und jedes dieser drei wäre besser).
2. Grassierendes Tarnwort von Managern und Werbungtreibenden, die einerseits modern wirken, sich aber andererseits nicht darauf festlegen wollen, dass ihre Pläne oder Produkte wirklich neu wären. "Unsere innovative Kompetenz"). Also: unbrauchbar. 
Rechts halten: Hier gehts lang auf dem Buzzword-Highway
© Fotolia / ansi29
Rechts halten: Hier gehts lang auf dem Buzzword-Highway

Aus dem Sudkessel des Teufels: Bier mit Schokoladengeschmack

Die Pressestelle von Alibaba sollte deswegen gut überlegen, bevor sie uns demnächst wieder mit einem "Innovation Alert" aufschrecken will mit Überschriften wie dieser: "Alibabas Tmall Innovation Center gibt Marken das gewisse Etwas". Das Thema ist, wie man Produkte für die Geschmäcker der chinesischen Kunden herstellt. So mache es etwa der französische Käseproduzent Milkana,"der mit seinem Käse-Lolli die Herzen der chinesischen Kinder im Sturm erobert hat", wie es heißt. 

Einen Snickers-Riegel, der halb nach Schokolade, halb nach Chilli schmeckt, würden wir zwar nicht essen, aber solche kruden Geschmacksrichtungen gibts auch für Deutsche.
Doch beim Bier hört der Spaß auf. Da braut beispielsweise das weltgrößte Brauhaus Anheuser-Busch InBev eine teuflische Sorte, die Chinesen angeblich gerne trinken: Bier mit Schokoladengeschmack, abgerundet von einer Orangennote. 
Steffen Gerth, Redakteur bei Etailment und Der Handel
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Etailment und Der Handel
 
Hier wird unsere Völkerfreundschaft auf eine harte Probe gestellt. Bei solchen Grausamkeiten kann nur Freund J. mithalten, der uns seit geraumer Zeit vorschwärmt, wie vorzüglich Craft Bier mit Korianderaroma schmecken würde. Der Mann hat aber auch gute Seiten.

In ein Raider beißen und bei Karstadt einkaufen

Kommen wir trotzdem zu etwas Lustigem. Und hier hat uns wieder einmal unser Lieblingskaufhaus Karstadt & Kaufhof amüsiert, vor allem dessen neuer Superchef Stephan Fanderl. Er arbeitete sich zuletzt als Interviewpartner durch reichweitenstarke Zeitungen, um die große Zukunft dieses neuen Konstrukts zu bewerben. Der FAZ sagte er tatsächlich: "Wir sind bekannter als Amazon und Zalando." 

Nur bei wem? Bei der Generation, die noch in Raider statt Twix biss, dienstags "Dalli Dalli" guckte und mit dem Begriff Zonenrandgebiet etwas anfangen kann, ganz bestimmt. Der jüngere Rest, der etwa seine Sexualkontakte über Lovoo und Tinder generiert, denkt sich: "Ja, das sind so komische Häuser, wo Opa sich immer Unterhosen kauft. Irgendwas mit K. Ich gehe da nie rein."

Es geht gut los mit der neuen Warenhausspielgemeinschaft

Sie fangen übrigens vielversprechend an, die neuen Warenhauskompagnons. Es hat gekracht in einer Aufsichtsratssitzung von Kaufhof, wie die "Wirtschaftswoche" berichtet. Die Arbeitnehmervertreter hätten zunächst abgelehnt, Karstadt-Manager zu Geschäftsführern von Kaufhof zu ernennen. Man stellte die Bedingung, die Vertragslaufzeiten der Kandidaten auf ein Jahr zu verkürzen - dann wurde man sich einig.

Das wird noch ein großer Spaß, wenn Blau (Karstadt) und Grün (Kaufhof) zusammengepresst werden, das ist, als wenn der FC Schalke 04 und Borussia Dortmund eine Spielgemeinschaft bilden sollen.

Anfang 2019 will ja Fanderl angeblich seinen großen Plan für die Warenhausspielgemeinschaft präsentieren. Mit Sicherheit wird dann die Transformation viele Synergien schaffen, und die Digitalisierung  vorangetrieben, und zwar zukunftsorientiert. Vielleicht auch innovativ.

Hoffentlich bleibt dabei die Nachhaltigkeit nicht auf der Strecke.