Shoppingcenter sind die Hidden Loser des stationären Handels, und einer der größten Loser ist das Loop5. Der Weltgeist wollte dieses Center nie. Jetzt soll es zum Spielplatz werden. Woanders sollen die Kunden immer mehr essen. Wenn die amerikanischen Verhältnisse auch in Deutschland greifen, ist aber auch bei uns bald vielerorts nicht nur Küchenschluss.

Tage gibts, da denken wir hier in der Redaktion: Nein! Doch! Oh! Wir können alles. Das wussten wir zwar schon immer, aber es tut gut, wenn wir es bewiesen bekommen. Vor Wochenfrist gaben wir an dieser Stelle ein paar sachdienliche Hinweise, wie das Loop5 aus dem Wachkoma erweckt werden kann. Sie wissen schon, das Einkaufszentrum am Darmstädter Kreuz, gelegen neben Reifenhändlern, einem Beate-Uhse-Laden und dem Weiterstädter Rathaus.

Reizvoller kann keine Einkaufsumgebung sein.

Wer es trotzdem bis hierhin geschafft hat, verdient größte Hochachtung. Zumindest wird er belohnt mit einem kostenlosen Parkplatz. Wenn man einem Unkundigen beschreiben soll, was hier vor allem an einem Wochentag so los ist, dann sagt man: "Stell dir den Verkehr auf einer Landstraße in der Inneren Mongolei vor."

So, aber jetzt greifen die Loop-Betreiber an, Etailment hat offenbar Druck aufgebaut. Ziel ist, sich frequenzmäßig von der Inneren Mongolei Richtung Highway in Los Angeles zur Rush Hour zu bewegen. "Retailtainment" heißt der Masterplan dafür, klingt ein bisschen wie Etailment, was uns ja nur recht sein kann. 40 Indoor-Stationen zu den Themen "Spielen, Rasten, Staunen" werden angekündigt, zudem mehr Aufenthaltsqualität durch den vergrößerten Food Court mit Freitreppe, Außenterrasse sowie neue Ruhe- und Lounge-Bereiche.

Wie eine Flusskreuzfahrt durch die Sahara

Und am Haus wird auch gewerkelt: zusätzliche Rolltreppe, optimierte Laufwege. Der Branchenmix soll um Angebote für den täglichen Bedarf, Gastronomie, Mode und Dienstleistungen aufgepeppt werden. Zudem sollen die Kunden besser mit dem öffentlichen Bus anreisen können, was derzeit so gut möglich ist wie eine Flusskreuzfahrt durch die Sahara. 

Loop5: Der Weltgeist will das Center nicht
© Gerth
Loop5: Der Weltgeist will das Center nicht
Oh ja, wie schön, denn aktuell wird ja auch in Darmstadt diskutiert, ob man eine Straßenbahnlinie nach Weiterstadt bauen soll. Gut, in dieser irren Stadt denken sie auch ernsthaft darüber nach, ob vielleicht eine Seilbahn in den östlich angrenzenden Landkreis den täglichen Berufsverkehrswahnsinn beheben kann. Aber bis das alles in Betrieb geht, ist das Loop5 wahrscheinlich zugewuchert.

Weihnachten ist, wenn in Darmstadt der Strom ausfällt

Es sei denn, die Darmstädter kommen erstmal mit der neuen Nachhaltigkeits-Lüge E-Scooter zum Chillen und Loungen in das romantische Gewerbegebiet auf Weiterstädter Gemarkung. Oder sie kommen zum Spielen. Das "Darmstäder Echo" hat nämlich herausgefunden, was sich dahinter verbirgt: So soll auf dem Dach des Centers eine Achterbahn installiert werden. Und innen? Fahrgeschäfte, die zumindest an den bisher ruhigen Wochentagen (Mongolei-Atmosphäre) kostenlos sein sollen. Auch von einem Free-Fall-Tower ist die Rede.

50 Millionen Euro sollen für diesen ganzen Zinnober zur Verfügung stehen. Nicht ganz so viel hatte vor einiger Zeit ein anderer Versuch gekostet, das Loop5 attraktiv zu machen - mit der wohl gigantischsten Weihnachtsbeleuchtung der Centerweltgeschichte. Wenn dafür die Lampen angeknipst werden, flackern in Darmstädter Haushaltungen die Lichter, die Krankenhäuser schalten auf Notstromversorgung. Und Passagiere, deren Flugzeuge gerade vom Frankfurter Airport gestartet sind, ziehen die Sonnenblenden vor die Fenster, so hell strahlt auf dem Dach die illuminierte Christbaumkugel - von der Größe des Jupiters.

Der Weltgeist wollte hier kein Einkaufszentrum

Das Loop5 ist halt total verhauen. Als es man dorthin klotzte, war die Zeit für Center jenseits der Städte längst abgelaufen. Gewiss, die direkte Autobahnnähe sollte Kundenmassen anlocken. Aber wer gurkt dann schon über einen komischen Parcours durch ein Gewerbegebiet in ein Einkaufszentrum? Vielleicht war es auch ein Zeichen der Vorsehung, dass während der Bauarbeiten ein Betonmischer-Lastwagen in die sandige Baugrube rutschte? Der Weltgeist wollte hier kein Einkaufszentrum.

© etailment
Jetzt bauen sie es halt um zu einem Rummelplatz. Wer weiß, was als Nächstes kommt: Meerwasser-Aquarium, Kart-Rennbahn, Paintball-Arena. Alles ist möglich. Ein paar Kilometer weiter nördlich hyperventilieren die Betreiber des MyZeil auf der Frankfurter Zeil angesichts ihres weltneusupergeileinzigartigen Gastrobereichs "Foodtopia". Immer, wenn man denkt, die x-te offizielle Eröffnung war gerade, kommt die nächste Einladung. Kann man das Verb eröffnen steigern? Eröffnungerisch? Eröffnungerischer? Am 4. September ist nun also das "Grand Opening", das dürfte dann die eröffnungerischste Eröffnung sein. Möglicherweise sogar auch die endgültige. Aber mal abwarten.

Die Millionen aus der Schweiz

Für Einkaufszentren sind die Zeiten halt bitter geworden - sieht man mal vom "Lago" in Konstanz ab, wohin die Schweizer ihre Millionen karren, weil sie in Deutschland für das Geld, das sie daheim für eine Stunde Parken ausgeben müssen, die ganze Familie neu einkleiden können. Wenn die weltweit beherrschenden Trends aus den Vereinigten Staaten kommen, dann ist dieser kein guter Fingerzeig für den deutschen Einzelhandel: Von den rund 1.500 Shopping-Malls, die es einst in den USA gab, sind mehr als ein Drittel bereits Geisterhäuser, und es soll noch schlimmer werden. 

Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
Noch stehen sie bei uns wie Symbole des ewigen Einkaufens in den Innenstädten herum, "Konsumtempel" ist hier die gängige Bezeichnung. Doch den Tempeln gehen die Jünger aus, weil Amazon der neue Gott ist. Zudem haben die Tempel ein Problem: die Textilhändler. Das Gros der Centerflächen wird von Jacke-wie-Hosen-Händlern gemietet, und denen steht das Wasser bis zum Hals. Sie verkaufen "nüschd" mehr, weil es halt immer mehr immer billiger davon gibt, der Verbraucher eh schon alles hat, und deswegen rabattieren sie erst ihre Margen, dann sich zu Tode.

Essen, essen, essen. Bitte sehr viel essen!

Also stopfen sie ihre Riesenflächen (das Loop5 hat 60.000 Quadratmeter) immer voller mit Gastronomie, die immer mehr Mieteinnahmen bringt, zumindest in den Top-Lagen. Aber wie viel und wie oft kann ein Verbraucher essen? Denn schon die Fußgängerzonen sind ja mittlerweile gewaltige Food Courts geworden mit Burger Bars, Sushi-Buden und Pizza-Providern von L'Osteria. "Gastro ist das neue Retail", witzelt Peter Kunz gerne, Geschäftsführer beim Gewerbeimmobilienmakler Colliers. Da kann es den Betreibern gar nicht schmecken, wenn die Essenslieferdienste mehr und mehr den Wunsch nach "Extreme Couching" erfüllen.

Indoor Theme Park - Mall of America

Vielleicht sind die Center ja das längst das Gegenteil von Hidden Champions des Einzelhandels, also Hidden Loser. Man merkt es nur noch nicht. Auch die vielen Galerien, Arkaden, oder welche Standardnamen sie noch so tragen, trifft der Frequenzrückgang mit voller Wucht - Umsatz-basierte Mieten sind dann bei miesen Umsätzen der Mieter kein Geschäftsmodell, das noch Freude macht.

Neu gebaut wird eh nichts mehr, wozu auch? Refurbishment ist das Zauberwort, also Generalüberholung. 85 Millionen Euro haben ECE und TH Real Estate dafür ins "PEP" in München-Neuperlach gesteckt, Erweiterung um 8.000 auf nunmehr 60.000 Quadratmeter Verkaufsfläche inklusive. Wenn das mal alles gut geht und nicht nur die lokale Jugend vorbei kommt, per kostenlosem WLAN ihre Instagram-Profile refurbished und bei Starbucks ihr Geld in Hüftgold anlegt.

Sagen Sie bitte nicht, wir hätten nicht gewarnt.

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