Der Sportartikelhandel frisst sein erstes großes Opfer: Die Intersport-Tochter Voswinkel ist am Tiefpunkt angekommen. Angesichts der horrenden Defizite fällt eine Sanierung schwer. Und die Konkurrenz erobert sich mit einer Wucht neues Territorium vom klassischen Handel, in dem es immerhin noch ein paar Helden gibt, die sich gegen den Untergang stemmen.

Der Feind ist noch nicht da, aber er hat schonmal im übertragenen Sinne einen Pflock in den Boden gerammt: "Ich bin bald da." Dieser Pflock ist ein Plakat in einer Dimension, die die Verschattung eines Reihenhauses zuließe. Autofahrer können dieses Plakat gar nicht übersehen, wenn sie auf der A5 zwischen Darmstadt und Frankfurt unterwegs sind. Es prangt groß an der Wand einer geschlossenen Filiale des Möbeldiscounters Sconto.

Der französische vertikale Sportartikelhändler Decathlon kündigt an, hier, im Gewerbegebiet von Weiterstadt bei Darmstadt, bald eine seiner lagerhallenähnlichen Filialen eröffnen zu wollen, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Shoppingcenter Loop5. Das muss die Mitarbeiter eines Geschäftes in diesem Center besonders schmerzen, denn auch diese Leute müssen das Decathlon-Plakat jeden Morgen sehen, wenn sie zur Arbeit anreisen.

Wenn die Notbremse gezogen wird

Schließlich sorgt auch Decathlon dafür, dass auch die Mitarbeiter dieses Ladens seit geraumer Zeit merken, wie schlecht ihre Geschäfte laufen. Und seit Mittwoch wissen sie, wie schlimm es um ihr Unternehmen steht. Wer weiß, wie lange sie noch zur Arbeit ins Loop5 fahren dürfen, einem Center, das auch nicht zu den deutschen Erfolgsgeschichten zählt. 
Wir sind bald da: Decathlon kommt Ende des Jahres nach Weiterstadt und wird Nachbar vom Center Loop5. Keine gute Nachricht für die dortige Voswinkel-Filiale.
© Gerth
Wir sind bald da: Decathlon kommt Ende des Jahres nach Weiterstadt und wird Nachbar vom Center Loop5. Keine gute Nachricht für die dortige Voswinkel-Filiale.
Es geht um Voswinkel, der Tochter der Sportartikelverbundgruppe Intersport. 74 Läden gehören noch zu dieser Kette, deren Geschäfte schon lange miserabel laufen, so dass es bei Intersport-Mitgliederversammlung im März deutliche Kritik gab.

Am Mittwoch hat die Intersport-Tochter kaum überraschend die Einleitung eines Schutzschirmverfahrens beantragt, der weichen Version eines Insolvenzverfahrens. Voswinkel hat auf die Not-Stopp-Taste gehauen. Beim Rückblick auf die Verluste in den Geschäftsjahren ist das keinesfalls zu früh:

2017/18: 15 Millionen Euro
2016/17: 5 Millionen Euro

Und im laufenden Geschäftsjahr sind 10 Millionen Euro Verlust möglich, wie man in der Branche hört. Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe.

Dabei war Voswinkel mal eine profitable Geschichte. Nicht, als es noch zu Douglas gehörte, dem 2003 der damalige Intersportchef Klaus Jost Voswinkel abkaufte und zu einem stabilen Ertragsbringer machte. Einst wurde das Unternehmen geführt von Jochen Schnell und Klaus-Jürgen Caspar. Seit 2017 führen Anna-Lena Schulte-Angels und der gute Fußballspieler Helge Mankowski den Filialisten.

Ohne Werbung keine Kunden, ohne Kunden keine Umsätze

Seit dem Geschäftjahr 2015/16 ist Voswinkel defizitär, gewiss, das ist auch dem anspruchvollerem Wettbewerb geschuldet. Doch Managementfehler gab es eben auch: falsche Sortimentspolitik, Kürzung der Werbemaßnahmen. Wer nicht mehr wirbt, der fällt auch nicht mehr auf. Und zack: Die Frequenzen sackten ab. Das ist ja insgesamt eine der großen Probleme im deutschen Stationärhandel, doch bei Voswinkel war das Problem eben noch etwas größer. 
© etailment
Und daraus erwuchs eben eine Kettenreaktion: Weniger Frequenz ist gleich weniger Umsatz - doch die hohen Mieten müssen weiter bezahlt werden. Die meisten Voswinkel-Läden sind in Shoppingcentern wie eben dem Loop5, und dort ist eine Residenz teuer. Ein Händler muss sich hier auch an die einheitlichen, langen Öffnungszeiten halten, was wiederum einen erhöhten Personaleinsatz erfordert. Also auch hier: hohe Kosten.

Jetzt muss saniert und gerettet werden. Doch angesichts des gewaltigen Minus bleiben nur drei Möglichkeiten:

1. Die einfachste wäre der Verkauf. Doch wer will eine derart defizitäre Kette übernehmen? Es sei denn, der heutige Intersportchef Alexander von Preen legt einem Käufer noch ein paar Millionen als Geschenk obendrauf, damit er die Bude schnellstmöglich los ist.
2. Personalabbau. Der Klassiker. Doch warum sollen die Kunden ausgerechnet dann in ein Ladengeschäft gehen, wenn er dort immer weniger motivierte und kundige Mitarbeiter antrifft?
3. Filialschließungen. Sagt sich leicht. Doch langfristige Mietverträge verkomplizieren so etwas enorm. Das trifft ja auch auf Filialen von Karstadt und Kaufhof zu.

Die Voswinkel-Krise kommt bei Intersport zur Unzeit, denn sie lenkt vom Kerngeschäft ab, das ja auch mittlerweile immer schlechter läuft. In der Heilbronner Zentrale haben sie nur noch mit sich selbst zu tun, es passt zum Zustand der Verbundgruppe, wenn die Mitglieder bei ihrer Versammlung im März den längst zurückgetretenden Vorstandschef Roether nicht entlastet hatten. Ein bisher einmaliger Vorgang.

Schmerzen beim Sportfachhandel

Es fällt auf, dass von Preen das expansionswütige Decathlon öffentlich nie erwähnt. Wie beim Versteckspiel von Kindern: "Wenn ich die Augen zumache, dann sehe ich nichts, und der andere sieht mich auch nicht." Doch für Intersport kommen die französischen Einschläge immer näher, 66 Häuser gibts bereits in Deutschland. Und allein die Liste der Neueröffnungen für dieses Jahr müssen große Schmerzen beim traditionellen Sportfachhandel erzeugen: 18. April wurde in Fürth, es folgen noch acht weitere Häuser im ganzen Land, von Erfurt bis München - und Weiterstadt als Jahresabschluss. In der Voswinkel-Filiale im Loop5 wird man zittern vor diesem Tag.

Immer eröffnet Decathlon gewaltige Flächen für ein gewaltiges Angebot mit spottbilligen Eigenmarken, deren Qualität den A-Marken kaum hinterhersteht. Beratung gibt es hier eigentlich nicht. Aber wer beim Kauf eines Laufhemdes 30 Euro sparen kann, der muss es auch nicht menscheln lasen. Das ist das Prinzip Aldi. Viel bekommen, wenig bezahlen - DAS ist das Einkaufserlebnis.

Stationär greift die Konkurrenz an, online läuft eh nicht viel

Decathlon (und Karstadt Sport) fressen als stationäre Konkurrenten den Intersporthändlern die Umsätze weg - online spielt die Verbundgruppe sowieso keine große Rolle. Eine verheerende Kombination. Und dann sind in diesem Jahr zudem keine sportlichen Großereignisse wie Fußball-Weltmeisterschaft oder Olympische Spiele, von denen der Fachhandel immer profitiert hatte. Wenn von Preen im März 2020 die nächste Intersport-Bilanz vorstellt, dann dürfte diese noch übler ausfallen als die, die er im Januar dieses Jahres präsentierte.  

Decathlon-Produkte: Ganz schön billig

Der Fall Intersport beschreibt möglicherweise gut, das Dilemma des deutschen Einzel-, nein, des deutschen Fachhandels. "Insbesondere die kleineren Händler schauen mit Sorge auf ihre Geschäftslage", hat der Handelsverband Deutschland (HDE) gerade in seiner regelmäßigen Unternehmensumfrage festgestellt. Wie man das als Verband macht, fordert auch der HDE eine mittelstandsfreundliche Politik. Verlierer der Marktwirtschaft rufen gerne schnell nach dem Staat, der sich ja sonst aus allem heraushalten soll.

Es gibt sie noch, die stationären Helden

Doch die Politiker können ja schwerlich Verbraucher zwingen, nur noch im Fachhandel vor Ort einzukaufen, das Internet zu ignorieren, oder Discounter, wo sie ordentlich Geld sparen können. Denn das grundlegend veränderte Einkaufsverhalten der Menschen sorgt für die Schieflage der stationären Händler, da retten auch keine steuerlichen Entlastungen oder ähnliches. Zumal der Einzelhandel vor Ort eh kein Gewerbesteuerzahlergigant ist, weswegen kaum ein Politiker hier enorme Rabatte gewähren wird. 
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
 Wer heute als stationärer Fachhändler die Nase oben hat, ist ein moderner Held. Denn er macht alles richtig, schließlich bestraft der Wettbewerb zuerst die, die vieles falsch machen. Der Modehändler Ramelow im Norden ist so ein Held, Buch Greuter am Bodensee auch, es gibt auch sehr wohl Intersport-Läden, die gut unterwegs sind, wie etwa der von Heike Luck im thüringischen Oberhof, dem St. Moritz des Ostens.

Doch die Städte werden immer weniger solcher Händler haben. Erst recht, wenn es um Textil geht. Von einer "Zeitenwende" spricht der Immobilienberater Jones Lang LaSalle (JLL) angesichts der Anzahl der Neuvermietungen von Läden im ersten Quartal dieses Jahres. Denn die Modehändler haben ihre Spitzenposition als Flächenabnehmer im deutschen Einzelhandel verloren - an die Gastronomie. So gab es insgesamt 68 Abschlüsse mit insgesamt 28.000 Quadratmetern für Modeläden, hingegen 80 im Segment Gastronomie/Food mit 31.000 Quadratmetern. 

Leverkusen verliert gegen Düsseldorf

"Die strukturellen Probleme des Einzelhandels machen sich in erster Linie in kleineren Städten bemerkbar. Einzelhändler überdenken ihre Filialnetze und fokussieren sich dabei eher auf die größeren Standorte oder Städte mit einer besonderen Lagegunst. Im speziellen Fall leiden Städte wie zum Beispiel Leverkusen besonders unter der übermächtigen regionalen Konkurrenz wie Köln und Düsseldorf", sagt Helge Scheunemann, Head of Research JLL Germany, dessen Abteilung Neuanmietungen in den 185 Standorten kontinuierlich auswertet.

Doch nicht nur der Innenstadthandel verliert an Bedeutung, auch die Shoppingcenter sind längst an ihre Wachstumsgrenzen gestoßen - in ganz Europa. Ein Report des Immobilienberaters Cushman & Wakefield zeigt, dass 2018 rund 2,6 Millionen Quadratmeter neue Centerflächen fertiggestellt wurden, 28 Prozent weniger als im Vorjahr. Dies ist das niedrigste Fertigstellungsvolumen seit 24 Jahren und mit dem Fertigstellungsvolumen Anfang der neunziger Jahre vergleichbar, als die ersten traditionellen Shoppingcenter in Mittel- und Osteuropa eröffnet wurden.

Der Markt ist gesättigt. Es gibt zu viele zu große Flächen, und die zu betreiben, kostet Geld, das aber immer weniger verdient wird. Und deswegen schauen hier und dort immer öfters die Insolvenzverwalter vorbei. Die Leute der früheren Expansionsmaschine Gerry Weber wissen, wovon hier die Rede ist. 

Mit dem gesparten Geld Burger essen gehen

Wenn jetzt Decathlon, der Non-Food-Discounter Action oder der Mode-Billigheimer TK Maxx das Land mit Filialen übersäen, dann mag man das als Verödung der Handelslandschaft beklagen. Oder als Diskontisierung. Konsumsoziologisch findet aber derzeit auch Entzauberung des Einkaufens statt. Der Prozess der Warenbeschaffung wird entfetischisiert. Man bekommt für kleines Geld ein gutes Produkt - und es ist völlig egal, ob es eines ist, das der Kunde aus dem Werbefernsehen kennt. Siehe da, man kann ja auch mit einer No-Name-Turnhose durch den Wald rennen, anstatt mit einer von Nike für den dreifachen Preis.

Wenn jemand tatsächlich noch menschliche Beratung braucht, dann stehen ihm ja noch ein paar Helden des Einzelhandels zur Verfügung. Den Rest erledigen die Kundenrezensionen bei Amazon. Klingt brutal. Aber ist die Realität.

Mit dem gesparten Geld kann man dann woanders etwas kaufen, was man sich sonst nie geleistet hätte. Oder man geht in eines der neuen Burger-Restaurants und lässt dort auffahren. Davon gibt es ja immer mehr in den deutschen Innenstädten.

Nur im Loop5 noch nicht.

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