Der Einzelhandel gehört zu den Branchen, in denen die betriebliche Alters­vorsorge weit verbreitet ist. Erfolgreich sind aber nur Angebote, die preiswert, flexibel und insolvenzsicher sind.

„Wie Sauerbier" habe er in den vergangenen Jahren die betriebliche Altersvorsorge propagiert, erklärt Unternehmensberater Wolfgang Türk. Dennoch sei seine Mission nicht wirklich erfolgreich gewesen. Die Erfahrung seiner Klienten aus der Wirtschaft sei immer die gleiche: „Versicherungsvertreter oder Makler waren bei ihnen im Betrieb - aber die Mitarbeiter wollten das einfach nicht."

Das verwundert, da die betriebliche Altersvorsorge (bAV) doch angeblich eine Renaissance erlebt. So legten 2007 - einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Infratest Finanzforschung im Auftrag von Fidelity International zufolge - nur 38 Prozent der Arbeitnehmer über ihren Betrieb Geld für den Ruhestand an.

Diese Zahl stieg 2008 dann zwar - laut einer Erhebung des F.A.Z.-Instituts im Auftrag des Finanzdienstleisters Delta Lloyd - bei Arbeitnehmern im Mittelstand auf 47 Prozent, doch bei kleinen Unternehmen mit bis zu 20 Mitarbeitern besteht weiterhin ein gewaltiger Nachhol- und somit auch Beratungsbedarf.

Hartnäckige Vorurteile durch mangelnde Information

Und weil ein Drittel aller bundesdeutschen Beschäftigten von ihren Arbeitgebern niemals über Vorsorgemöglichkeiten informiert wird, halten sich hartnäckig diverse Vorurteile: „Die Mitarbeiter sind oftmals verunsichert", berichtet Türk aus eigener Erfahrung, „weil sie glauben, dass es durch die bAV in erster Linie zu Lohnabzügen kommt."

Tatsächlich aber können sie mit einer betrieblichen Altersversorgung nicht nur Steuern, sondern in vielen Fällen auch Sozialabgaben sparen. Um solche Informations­defizite auszuräumen, müssten, so Türk weiter, Politik und Versicherungen „anders ansetzen" als bisher und dafür sorgen, dass insbesondere jüngeren Arbeitnehmern klar werde, dass deren „Rente einmal nicht mehr ausreichen wird, um eine anständige Grundversorgung zu gewährleisten".

Chefs kleinerer Unternehmen wiederum begründeten - laut einer repräsentativen Studie, die das Marktforschungsinstitut psychonomics 2007 durchgeführt hat - den Verzicht auf jegliche Vorsorgeangebote neben dem vermeintlich geringen Interesse der Mitarbeiter vor allem mit dem zu hohen Verwaltungsaufwand.

Ein Drittel der befragten Arbeitgeber gab demzufolge an, selbst in Zukunft keine bAV anbieten zu wollen. Tatsächlich aber stehen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) inzwischen so viele einfache und verwaltungsarme Direktversicherungsmodelle zur Verfügung, dass diese Ausrede nicht mehr zieht.

Pensionskasse bei tegut

Was aber können kleinere Handelsunternehmen in puncto Betriebsrenten von den Großen lernen? Wie geht beispielsweise der Lebensmittelhändler tegut - mehr als 6.200 Mitarbeiter in 305 Märkten - mit den besonderen bAV-Herausforderungen um, für welchen der „fünf Durchführungswege" hat man sich in Fulda entschieden?

„Wir haben aktuell ausschließlich den Durchführungsweg Pensionskasse über einen externen Versorgungsträger festgelegt", erklärt Harald Bottin, Betriebsratsvorsitzender bei der tegut Gutberlet Stiftung & Co. Dies gelte sowohl für die tarifliche, arbeitgeberfinanzierte Altersvorsorge als auch für die Entgeltumwandlung.

Klarheit, Transparenz und keine monatlichen Verpflichtungen

Lediglich für Altverträge oder für Mitarbeiter, die einen Vertrag mitbringen, bietet tegut auch den Durchführungsweg Direktversicherung für die Entgeltumwandlung an.

„Wir bevorzugen die Pensionskasse", so Bottin weiter, „weil hier schwankende Einzahlungsbeträge möglich sind und die Verträge ohne Schwierigkeiten vorübergehend beitragsfrei gestellt werden können, wenn ein Mitarbeitender mal - die Waschmaschine geht kaputt, das Auto muss zur Werkstatt - einen finanziellen Engpass hat."Andererseits „kann ich auch mal kurzfristig eine Sonderzahlung in die Pensionskasse" leisten.

Klarheit und Transparenz seien dadurch gegeben, dass jeder Mitarbeiter einmal im Jahr „einen Nachweis über die eingezahlten Beträge mit den Zusagen der bis dahin erworbenen monatlichen Rentenansprüche" erhalte.

Zudem lasse sich bei diesem Durchführungsweg auch der Umfang der Versorgungsleistung - Hinterbliebenenschutz, Berufsunfähigkeit - flexibel regeln, und eine Kapitalübertragung auf andere Gesellschaften bei Arbeitgeberwechsel sei ebenfalls problemlos möglich.

Entgeltumwandlung auch bei geringem Einkommen möglich

Gefragt, welchen Besonderheiten im Einzelhandel die Variante Pensionskasse denn besonders gut gerecht werde, nennt Bottin - neben der allgemeinen „Diskontinuität des Erwerbslebens" - auch den häufigen Wechsel der vertraglichen Bedingungen, die relativ hohe Fluktuation und das wegen der hohen Teilzeitquote eher niedrige Einkommens­niveau.

„Daher ist es wichtig, eine Altersvorsorge auch auf Basis kleinerer Beitragszahlungen zu ermöglichen." Bei tegut bekommt man die Entgeltumwandlung schon ab einem Beitrag von 25 Euro im Monat.

Immerhin 70 Prozent der Mitarbeiter nutzen beim Fuldaer Pionier der Biomarkt-Bewegung ein bAV-Angebot, wobei die überwiegende Mehrheit - mehr als 3.700 Beschäftigte - von der arbeitgeberfinanzierten betrieblichen Altersvorsorge profitiert. Fast 700 Beschäftigte zahlen darüber hinaus mit eigenen Beiträgen in eine Direktversicherung oder die Pensionskasse ein.

Auch bei dm-Drogeriemarkt - mit fast 19.400 Mitarbeitern, 1.012 Märkten und einem Umsatz von 3,36 Milliarden Euro in Deutschland - hat man sich für den Durchführungsweg Pensionskasse entschieden. „Vor 2005 gab es eine Direktversicherung nach dem alten Steuergesetz", erklärt Christian Harms, als Geschäftsführer verantwortlich für das Ressort Mitarbeiter.

Flexibilität ist Trumpf

„Seit Einrichtung der Pensionskasse im Jahr 2005 wurden rund 500 Verträge abgeschlossen." Als Anlagemöglichkeit bietet der Karlsruher Konzern die klassische Form einer Rentenversicherung und die fondsgebundene Variante. „Außerdem können unsere Mitarbeiter über die Höhe der Anlage individuell entscheiden", so Harms.

Flexibilität ist auch Trumpf bei einer anderen großen Drogeriekette. Bei Rossmann - mit rund 19.000 Mitarbeitern, 1.500 Verkaufsstellen und einem Umsatz von 2,9 Milliarden Euro 2008 in Deutschland - „kann der Versicherte jedes Jahr neu entscheiden, ob er den Betrag ändern möchte", erklärt Roland Wietschel, Geschäftsleitung Personal bei der Dirk Rossmann GmbH in Burgwedel.

Die Niedersachsen bieten die betriebliche Altersvorsorge über die Rossmann Pensionskasse an, die unter dem Dach der Hamburger Pensionskasse von 1905 VVaG geführt wird, über die zahlreiche große Handelsunternehmen ihre bAV-Lösungen abwickeln.

 „Eine Besonderheit bei uns", so Wietschel weiter, „ist der hohe Anteil an Arbeitnehmerinnen, von denen viele als Teilzeitkräfte tätig sind." Ähnlich wie bei tegut „müssen daher Klein- und Kleinstbeträge angelegt werden". 2.500 Mitarbeiter beteiligen sich bei Rossmann an der betrieblichen Altersvorsorge.

Riester oder bAV?

Für Arbeitnehmer lohne sich diese immer dann, sagt Jennefer Fricke vom Bund der Versicherten (BdV), wenn der Arbeitgeber sie hinreichend bezuschusse. „Wer allerdings wenig verdient und Kinder hat", betont Fricke mit Blick auf die Gehaltsstruktur im Einzelhandel, „für den kann eine Riester-Rente interessanter sein."

Grundsätzlich gilt: Pflichtversicherte in der gesetzlichen Rentenversicherung haben einen Anspruch auf bAV, aber der Arbeitgeber entscheidet über den Anbieter und den Durchführungsweg. Der Tarifvertrag muss die bAV zulassen. Unter bestimmten Voraussetzungen kann das Angesparte bei Arbeitgeberwechsel mitgenommen werden.

Sicher auch in der Krise

Wirtschaftsexperten rechnen im Herbst zwar mit dem Beginn einer großen Insolvenzwelle bei bundesdeutschen Firmen, doch um die Sicherheit der Betriebsrenten muss sich deshalb niemand Sorgen machen. Bei Direktversicherungen und bei den meisten Pensionskassen springt die Auffanggesellschaft der deutschen Lebensversicherer, die Protektor Lebensversicherungs-AG in Berlin ein.

Der Pensions-Sicherungs-Verein (PSV) in Köln wiederum steht für alle Ansprüche aus Direktzusagen, Unterstützungskassen und Pensionsfonds gerade, was bedeutet, dass er derzeit für betriebliche Rentenansprüche in Höhe von 277 Milliarden Euro haftet.

Allerdings belastet die wachsende Zahl von Unternehmensinsolvenzen dieses Sicherungssystem bereits jetzt so stark, dass die mehr als 73.000 beitragspflichtigen PSV-Mitgliedsunternehmen im November mit einer deutlichen Beitragserhöhung rechnen müssen.

Waren es 2008 noch 1,8 Promille der Beitragsbemessungsgrundlage, so könnten es Expertenschätzungen zufolge demnächst durchaus 2 Prozent werden, womit sich der Satz innerhalb eines Jahres mehr als verzehnfacht hätte.

Gerd F. Michelis

Dieser Artikel erschien in der September-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel.