Mobile Wallets? Ja! Nein! Später?! Wer drei Experten hört, der bekommt vier Meinungen und noch mehr Sichtweisen. Das könnte auch daran liegen, dass hinter den Erwartungen mehr steckt als nur ein bisschen Mobile Payment. Grund genug, einmal nicht auf den vernebelten "Peak of Inflated Expectations" zu starren. Stattdessen kann es lohnend sein, einmal in die Ebene zu schauen. Und da gibt es in der Praxis schon so einige Anwendungsfelder der Mobile Wallet - auch jenseits des mobilen Portemonnaie. Das sollte sich auch der Handel ansehen. Es könnte gerade für jene spannend sein, die sich erst noch an die "Mobile Wallet" herantasten wollen oder merken, dass eindimensionale Sichtweisen nicht zukunftsträchtig sind.


Sucht man bei Google nach dem Begriff „Mobile Wallet“, stößt man auch ungefähr 614.000 Ergebnisse. Eine Menge Holz. Interessant wird es aber, wenn man danach sucht, womit Mobile Wallets in der Regel zuerst verbunden werden, nämlich mit dem mobilen Bezahlen. „Mobile Payment“ generiert bei Google auf über 4 Millionen Treffer. Der kleine Suchtest verdeutlicht ganz gut, womit wir es hier zu tun haben: Die Bezahltechnologie im mobilen Sektor ist deutlich präsenter in Diskussionen und in der Berichterstattung als das grober umfasste Thema Mobile Wallet. Gerade für den Handel ist die Blick über mobiles Bezahlen hinaus aber äußerst interessant, wie wir später feststellen werden.

Mobile Wallet – was bedeutet das jetzt genau?

Aber zunächst gilt es, den Begriff einmal zu definieren. Und hier liegt auch schon die Ursache dafür, dass das Bezahlen so stark im Vordergrund steht. Übersetzt wäre es nämlich das mobile Portemonnaie. Der IT-Branchenverband Bitkom hat dankenswerter Weise einen lesenswerten Leitfaden zu Mobile Wallets (PDF) verfasst und darin auch eine Definition präsentiert. Demnach handelt es sich bei einer Mobile Wallet um eine „offene Plattform auf einem mobilen Endgerät, die es ermöglicht verschiedene Dienste zur Authentifizierung, Identifikation und Digitalisierung von Wertgegenständen in Proximity-Szenarien zu nutzen und zu kombinieren.“

Wie die Mobile Wallet auf Basis von NFC im Alltag eingesetzt werden könnte. Quelle: Vodafone.
Wie die Mobile Wallet auf Basis von NFC im Alltag eingesetzt werden könnte. Quelle: Vodafone.

Bleibt man bei dieser Definition und taucht sogar noch etwas tiefer in sie hinein, so ergeben sich laut Bitkom folgende Anwendungsbereiche: Zahlungsfunktion (Bargeld und digitale Formen), Identifizierung der persönlichen Identität, Zugangsberechtigungen und Mehrwertfunktionen beziehungsweise Dienstleistungen wie Loyalty-Programme oder Couponing. Alles in allem bedeutet Mobile Wallet also viel mehr, als nur mit dem Smartphone zu bezahlen. Auch das hat der Branchenverband in seinem Leitfaden aufgedröselt.

Die Mobile Wallet in der Praxis

Weg von der Theorie, hin zur Realität. Mobile-Wallet-Dienste gibt es nämlich auch schon in der Praxis so einige. Da wäre zum Beispiel der mobile Schlüsselersatz. In den Hotelzimmern auf dem Campus von Tobit.Software in Ahaus beispielsweise bekommen Gäste keinen Zimmerschlüssel mehr in die Hand gedrückt, sondern sie erhalten den Zugang zum Zimmer per eigener Smartphone-App (wie übrigens auch sonst so ziemlich alles bei Tobit.Software per Smartphone gesteuert wird). Die Hotelkette Hilton hat im letzten Jahr ebenfalls angekündigt, bis 2016 in der Mehrzahl der Hotels den Schlüssel durch das Smartphone ersetzen zu wollen. Die Mobile Wallet dient hier also als Zugangskontrolle.

Das wohl bekannteste Anwendungsszenario ist das mobile Bezahlen: Mobile Payment. Hierbei kann die Mobile Wallet alle gängigen Bezahlmethoden ersetzen oder ergänzen. Sei es durch eine eigene App-Lösung wie bei der Kaffeehaus-Kette Starbucks oder durch Kooperationen von beispielsweise REWE mit dem Mobile-Payment-Anbieter Yapital

Kann Apple Pay dem einen Schub geben? Die einen sagen Ja – weil es Apple ist. Die anderen sagen nein, weil die deutschen Banken bei den Gebühren anders kalkulieren müssen. Das Handelsblatt prophezeit gar einen Flop.  Doch ob die Banken auf Geschäfte und Kunden verzichten wollen, nur weil sie Gebühren neu und knapper kalkulieren müssen? Wer so tickt, der hat auch nie an den Erfolg von iTunes geglaubt.  Gerade im Mobile Segment heißt es mehr denn je "Führe, folge, oder geh aus dem Weg".  

Der Plan bleibt: Das Smartphone soll das klassische Portemonnaie oder die Kredit- bzw. Debitkarte ersetzen. Wenn die Verbraucher und der Handel mitmachen. Das Potential ist laut der PwC-Studie „Consumer Intelligence Series: Opening the Mobile Wallet“ zumindest vorhanden. Immerhin fast jeder Zweite kann sich demnach gut vorstellen, finanzielle Transaktionen mit der Mobile Wallet zu tätigen.

Die Bereitschaft für finanzielle Transaktionen mit der Mobile Wallet ist hoch. Quelle: PwC.
Die Bereitschaft für finanzielle Transaktionen mit der Mobile Wallet ist hoch. Quelle: PwC.

Ein weiteres Einsatzfeld ist das Ticketing. Allen voran die Tickets für den Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) beziehungsweise für die Deutsche Bahn. Das DB-Onlineticket, das bisher ausgedruckt werden musste, wird seit wenigen Wochen sogar unausgedruckt in der App akzeptiert. Eine Identifizierungskarte, zum Beispiel die BahnCard oder die ecKarte, benötigt der Reisende trotzdem. Mobile Only gilt hier also noch nicht. Man nähert sich aber immerhin so langsam einem nutzerfreundlichen Handling bei der Ticket-Buchung.

Stichwort Identifizierung. Auch hier spielen die Mobile Wallets mit. Das zeigen aktuelle Entwicklungen in der Bundesdruckerei in Berlin, die eine temporäre Nutzung einer mobilen Ausweisfunktion ermöglichen werden.

Ein spannendes Anwendungsszenario ergibt sich in der Peer2Peer-Überweisung, die gerade zahlreiche Startups als Geschäftsfeld entdecken. Das Prinzip von Cringle, Cashcloud oder Paymy ist simpel: Zwei Nutzer – Sender und Empfänger – verifizieren sich, nachdem sie sich bei dem Dienst registriert haben. Anschließend können sie sich das Geld virtuell hin- und herschicken – in Echtzeit.

Für den Handel sind – neben Mobile Payment – vor allem Kundenbindungsprogramme und Couponing interessant, wenn wir von Mobile Wallets sprechen. Payback und Co. lassen grüßen. Nutzer haben an eine Mobile Wallet, so die oben genannte Studie von PwC, gar den größten Wunsch, damit Geld zu sparen, zum Beispiel durch Rabattangebote und Treueprogramme. Da passt es, dass eine Forrester-Studie laut Mobile Commerce Daily festhält, dass erst Zusatzdienste wie Kundenbindungsprogramme und Preisvergleiche der digitalen Geldbörse  den nötigen Mehrwert verschaffen.

Geld zu sparen ist der größte Anreiz bei einer Mobile Wallet. Quelle: PwC.
Geld zu sparen ist der größte Anreiz bei einer Mobile Wallet. Quelle: PwC.

Ein Hebel dafür könnten die vielen kleinen Funksender auf Bluetooth-Basis – Beacons – sein, mit denen gerade im stationären Einzelhandel rund um die Schnäppchenwelt experimentiert wird. Anbieter gibt es inzwischen wie Sand am Meer. Die Kombination von Beacons, die oft für Rabattangebote genutzt werden, und einer Mobile Wallet scheint also ein zukunftsträchtiges Modell zu sein, um den stationären Handel zu digitalisieren.

Vision oder bald Realität?

Doch nicht nur im stationären Handel ergibt es einen Sinn, wenn verschiedene Anwendungsszenarien von Mobile Wallets miteinander kombiniert werden. Langfristig wird die Mobile Wallet nämlich nur in der breiten Masse ankommen, wenn sie mehr als nur einen Mehrwert bietet. Damit bezahlen zu können wird nicht genügen. Gleichzeitig Bonuspunkte zu sammeln und Prämien einlösen zu können, das bietet schon einen größeren Anreiz für Kunden, tatsächlich auf das mobile Angebot zuzugreifen.

Die derzeit noch oftmals einzeln angebotenen Mehrwertdienste werden also mittel- oder langfristig miteinander verschmelzen müssen, um funktionieren zu können. Der Branchenverband Bitkom kommt in seinem Leitfaden zu folgendem – sehr passenden – Schluss: „Die vollumfängliche Mobile Wallet ist noch eine Vision, der erhoffte Durchbruch ist nicht mehr fern.“