Bei Kartenzahlungen im Einzelhandel könnte es im Januar 2013 erhebliche Störungen geben. Die Kreditwirtschaft will die Verarbeitung des Magnetstreifens unterbinden - mit kaum absehbaren Folgen.

"Tut mir leid, Ihre EC-Karte kann nicht gelesen werden", dieser Satz könnte in den ersten Wochen des kommenden Jahres häufiger an den Kassen des deutschen Einzelhandels zu hören sein. Ein Horrorszenario für Händler, das an den "2010-Bug" vor zwei Jahren erinnert.

Die deutsche Kreditwirtschaft (DK) plant ab dem 16. Januar die Verarbeitung des Magnetstreifens auf den Girocards (früher EC-Karte) abzuschalten. Branchenkenner warnen vor unkalkulierbaren Folgen. Die Pläne der Banken sind zwar schon länger bekannt, doch am heutigen Freitag bekräftigte der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) den Zeitplan noch einmal im Namen der DK in einer Pressemitteilung:

"Schon vor einigen Jahren hat die Deutsche Kreditwirtschaft Händler und Netzbetreiber als ihre Partner im electronic-cash-System (Bezahlen mit Girocard und PIN) über den Übergang zu einer alleinigen Nutzung des Chips auf den Karten informiert. Nun wird als letzter Schritt Anfang 2013 auch die Verarbeitung der electronic-cash-Transaktionen an Terminals im Handel (so genannte Point-of-Sale-Terminals) konsequent auf die ausschließliche Chipnutzung umgestellt werden", heißt es in der Erklärung.

Umstellung von Magnetstreifen auf Chip und PIN

Hintergrund der Umstellung ist der internationale EMV-Sicherheitsstandard der Kartenindustrie, der den leicht zu kopierenden Magnetstreifen auf den Kredit- und Debitkarten durch einen Chip ersetzt. Seit drei Jahren stellt die deutsche Kreditwirtschaft ihre Infrastruktur sukzessive auf die Chiptechnologie um, die Kartenbetrug eindämmen soll und von den europäischen Gremien für die gesamte SEPA-Region verbindlich vorgeschrieben wurde.

An den rund 60.000 Geldautomaten in Deutschland wird laut BVR bereits seit Herbst 2012 nur noch der Chip ausgelesen - auch ein sogenannter Fall-Back, bei dem der Automat auf den Magnetstreifen zurückgreift, wenn der Chip nicht störungsfrei gelesen werden konnte, findet an Geldautomaten nicht mehr statt.

Ab dem Stichtag 16. Januar wollen die beiden großen Bankverbände BVR und Deutscher Sparkassen- und Giroverband (DSGV), die rund 80 Prozent aller Girocards herausgeben, diese Fall-Back-Lösung auch für die Kartenlesegeräte im Einzelhandel abschalten.

Schwierige Ursachenforschung bei Kartenlesefehlern

"Handel fürchtet Karten-Chaos", titelte die Fachzeitschrift Lebensmittel-Zeitung bereits vor einigen Wochen zur geplanten Umstellung. In der Branche wird der Anteil der Chip-Transaktionen, die scheitern und bei denen die Terminals bisher automatisch auf den Magnetstreifen zurückgreifen, auf 4 bis 5 Prozent aller Kartenzahlungen geschätzt. Ohne Fall-Back-Lösung würden diese Zahlungsvorgänge künftig scheitern, der Kunde müsste zum Bargeld oder einer anderen Karte greifen - soweit vorhanden.

Das Problem des Handels und der Netzbetreiber: Die Ursache für Transaktionsabbrüche lässt sich nicht einwandfrei klären: Teils sind die Chipleser im Terminal defekt, teils sind die Chips auf der Karte defekt, zerkratzt oder verschmutzt, so dass sie nicht verarbeitet werden können. Zudem könnten einzelne Karten aufgrund unterschiedlicher Zahlverfahren (ELV/EC-Cash) bei einem Händler funktionieren, beim nächsten jedoch abgelehnt werden, was erfahrungsgemäß für interessante Diskussionen an der Kasse sorgt.

Ein großer EC-Cash-Netzbetreiber hatte die Magnetstreifen-Auslesung in diesem Jahr bei einer Vielzahl seiner Handelskunden bereits abgeschaltet und musste in den vergangenen Wochen vor dem Weihnachtsgeschäft wieder zurückrudern, da es insbesondere bei sogenannten Hybrid-Terminals, die Chip und Magnetstreifen verarbeiten können, immer wieder zu Problemen an der Kasse kam.

"Die Spezifikation bei diesen Terminals ist unklar, deshalb wird auf den Displays eine falsche Fehlermeldung ausgegeben, die vorzeitig zum Abbruch der Kartenzahlung führt", erläutert ein Kartenzahlungsexperte, der nicht namentlich zitiert werden möchte. Schon beim ersten Fehlversuch zeigen die Terminals nach den technischen Vorgaben der Kreditwirtschaft "Vorgang abgebrochen" statt "Neu einstecken" an. Damit wird das Kassenpersonal verunsichert und eine Vielzahl von Kartentransaktionen unnötig abgebrochen, nur weil ein verschmutzter Chip nicht auf Anhieb gelesen werden konnte.

Abwarten und Spezifikationen nachbessern

"Solange die Spezifikationen der Kreditwirtschaft nicht sauber sind, sollte die Abschaltung des Magnetstreifen-Fall-Backs aufgeschoben werden", fordert der IT-Fachmann. Denn auch ohne diese Besonderheit bei den Hybrid-Terminals stellt die Umstellung Handel und Netzbetreiber vor eine große Herausforderung. Viele Terminals funktionierten im Tagesgeschäft bislang reibungslos, obwohl ihr Chip-Leser defekt ist. Diese Sorgenkinder werden erst nach der Abschaltung der Fall-Back-Lösung verhaltensauffällig und müssen dann ausgetauscht werden.

Völlig reibungslos funktionierte die Abschaltung des Magnetstreifens bei den Geldautomaten der deutschen Kreditwirtschaft im übrigen wohl auch nicht. Eine große Privatbank soll die Abschaltung der Autorisierung laut Branchengerüchten nach wenigen Wochen wieder rückgängig gemacht haben, weil in den Filialen zu viele Kundenbeschwerden auftraten.

Neue Netzbetreiberverträge in der Kritik


Für weiteren Konfliktstoff zwischen Netzbetreibern und Kreditwirtschaft sorgen derzeit auch die Verhandlungen über die neuen Netzbetreiber-Verträge, die die Banken noch in diesem Jahr abschließen wollen. Danach sollen Netzbetreiber für jeden Monat und jedes Terminal 15 Euro Strafe Zahlen, wenn sie Fristen der Kreditwirtschaft für die Umsetzung von technischen Neuerungen nicht einhalten.

Da solche Fristvorgaben kartellrechtlich verbindlich sind und daher keine individuellen Verlängerungen in Einzelfällen erlauben, warnen einige Netzbetreiber vor dieser Regelung. "Wir brauchen hier Härtefallregelungen, da die Fristvorgaben der Kreditwirtschaft in der Regel nicht von alle Beteiligten eingehalten werden konnten", fordert der Vertreter eines Netzbetreibers gegenüber derhandel.de. Andernfalls könnte die neue Klausel zur Konventionalstrafe auch für den Handel teuer werden, warnt der Manager.