Immer mehr Händler gerade auch in Mittelzentren entdecken Online-Marktplätze als Rettungsanker. Vielfach hantieren dabei örtliche Verbände und Stadtmarketing mit selbstgestrickten Lösungen. Die sind in der Regel so sympathisch, wie hilflos. Mehr als einen Strohhalm bieten nur die üblichen Verdächtigen.

    

Digitale Konzepte zur Stärkung des Einzelhandels plant der Handel in manchen Städten exakt so, wie Kutschenbauer, die einfach ein paar Pferde mehr anspannen, um gegen das schnellere Auto zu gewinnen. Das bedeutet dann zumeist: Kunden können über einen der lokalen Marktplätze ein bisschen gucken, vielleicht sogar etwas bestellen, müssen dann die Ware aber zwingend im Laden abholen. Schließlich soll der Kunde  ins Geschäft kommen. Bis 18.30 Uhr natürlich. Ladenschluss.  

Kluft zwischen digitalem Kunden und Handel

Nirgends scheint die Kluft zwischen digitalem Kunden und Handel so groß wie in der Provinz. Gerade kleineren Händlern, die statt bei selbstgestrickten Marktplatz-Lösungen Lehrgeld zu zahlen, den digitalen Graben überwinden wollen, bieten sich letztlich nur wenige ernstzunehmende Lösungen für den Local Commerce an. Erst recht, wenn die technologische und logistische Verknüpfung von online und offline nötig ist, und man sich nicht auf reichweiten-armen Nischenportalen ohne nachhaltiges Geschäftsmodell verzetteln will.

1. eBay - Lokalpatrioten sind eher selten

Mit seinem Projekt „eBay Mönchengladbach“ wollte eBay im vergangenen Jahr  in einer Forschungskooperation der WFMG Wirtschaftsförderung Mönchengladbach und dem eWeb Research Center der Hochschule Niederrhein zeigen, wie gut lokale Händler ihr Angebot über lokalisierte Anlaufstellen auf dem Marktplatz in die Welt hinausschicken können. Eckdaten zum Finale im Sommer 2016: 79 teilnehmende Händler, mehr als 87.500 verkaufte Artikel. Gesamtwert verkaufter Waren in über 80 Länder: mehr als 3,2 Millionen Euro. Zusätzliches Jahresumsatzplus pro aktivem Händler: rund 90.000 Euro.

eBay unterstützte die Händler außerdem mit Beratung sowie Sonderkonditionen für das Inventorum iPad-Kassensystem mit Warenwirtschaft sowie Click & Collect-Integration.

Mönchengladbach bei eBay


Deutlich wurden aber auch ein großes Mankos: Lokalpatrioten im Web sind eher selten. Der Großteil der Verkäufe wurde über die allgemeine eBay-Suchfunktion und nicht die lokalisierte Einstiegsseite getätigt. Wenig überraschend auch: Erfolgreicher waren jene Händler, die auch einen Versand anboten. Etliche der Händler waren übrigens auch schon vor der Forschungskooperation auf der Plattform.

"Regionale Marktplätze schießen wie Pilze aus dem Boden, sind aber häufig offensichtlich nur Potemkinsche Dörfer, die mit viel Naivität von Städten, Gemeinden und vielfach auch Regionalzeitungen initiiert werden.“
Prof. Dr. Gerrit Heinemann,  Leiter eWeb Research Center, Hochschule Niederrhein

eBay ist damit zwar auch für den lokalen Handel relevant, nicht aber um Kunden in die Fußgängerzonen zu locken und die gesamte Einzelhandelsstruktur zu stärken. Ein bisschen kämpft eben jeder für sich allein. Das kann ein Vorteil sein: Man wird auch nicht von den Bedenkenträgern ausgebremst.

Mönchengladbachs Handel ist derzeit noch auf eBay vertreten.

2. Locafox - Zucker und bittere Pillen

„Locafox will das Amazon für den stationären Einzelhandel werden“. So und ähnlich lauteten die Schlagzeilen vor wenigen Jahren zum Start des Marktplatzes Locafox.

Geschadet haben solche Headlines der Aufmerksamkeit seitdem nicht. Auch wenn Geschäftsführer und Gründer Karl Josef Seilern den Vergleich nicht ganz so ziehen mag. Er sieht Locafox mehr als einen Ort, an dem ein Kunde alle Informationen findet, um die bestmögliche Kaufentscheidung rund um die Produkte in seiner Nähe zu treffen. Seilern: „Wir sind also eher ein Amazon für und nicht gegen den Einzelhandel.“

Auf Locafox, das zunächst wie eine Produktsuchmaschine wirkt, finden Kunden daher Informationen zu Angeboten mit Verfügbarkeit, Preis, Produktbeschreibungen und Bildern sowie den Standorten und Öffnungszeiten der Händler in ihrer Nähe. Auch Entfernungsangaben zu den stationären Einzelhändlern sind mit dabei. Mit einem Klick können die Kunden dann ihr Wunschprodukt direkt reservieren und es später im Geschäft abholen.

Aber Locafox setzt nicht nur auf die Abstimmung mit den Füßen, will dem lokalen Handel auch aus seiner Fußgängerzonen-Fixierung heraushelfen. In Berlin bietet die Plattform bereits einen Same-Day-Delivery-Service und liefert in Kooperation mit den Kurierdiensten wie Packator und Liefery bestellte Produkte innerhalb von 90 Minuten oder in einem Wunschzeitfenster zum Kunden.  

Technisch ist Locafox eine wichtige Hilfe für die Händler. Das System Locafox POS ist Kasse, Warenwirtschaft, elektronisches Kassenbuch und E-Commerce-Lösung in einem und bietet eine direkte Anbindung an den Locafox-Marktplatz. Mit dem „StoreLister“ bietet Locafox zudem eine App, die es Händlern ermöglicht, ihre Geschäfts-Kontaktdaten und Öffnungszeiten mit einem Eintrag auf über 30 lokalen Plattformen wie Google Maps, Facebook oder Meinestadt.de zu listen.

Eine bittere Pille, die teilnehmende Händler schlucken müssen: Um Sortiment und Attraktivität zu steigern, paktiert Locafox natürlich auch mit den große Filialisten. Immerhin bietet der Marktplatz so mittlerweile über 6 Millionen Produkte aus über 4000 Geschäften aus 18 Städten und Regionen in Deutschland.

Vielversprechender als eigene lokale Schaufenster regionaler Verlage, die oft kaum mehr als ein Branchenbuch sind,  sind zudem die Kooperationen  der Plattform mit den Zeitungen in der jeweiligen Region. Dabei übernimmt die Zeitung sowohl die Vermarktung an regionale Einzelhändler als auch die Bewerbung der Plattform für die Menschen am Ort. So kommt zumindest etwas mehr lokaler Charme auf.

3. Atalanda - Blaupause für die Provinz

Der Anbieter Atalanda war mit der Online-City-Wuppertal vielleicht so etwas wie die Mutter aller Local-Commerce-Marktplätze. 2014 gestartet, lieferte Mitgründer Roman Heimbold jedenfalls mit seinem hybriden und flexiblen Ansatz durchaus eine Blaupause für andere Städte. Jüngster Neuzugang: Unter "Mein Heilbronn Shop" bieten derzeit rund 20 Heilbronner Einzelhändler rund 15.000 Produkte.

Atalanda überzeugte zunächst mit einer inzwischen vielfach kopierten und niedrigen Einstiegshürde. Händler können den Marktplatz schlicht als digitales Schaufenster nutzen, um Kunden die Option zu bieten, Sortimente und Warenverfügbarkeit abzuchecken.
Das kommt jenen Händlern entgegen, deren Warenwirtschaftssystem noch auf dem Stand musealer Kontokorrentbücher ist und die ihre Homepage zuletzt mit einer AOL-CD gebaut haben.

Atalanda und die Online City Wuppertal


Entscheidender aber ist, dass auch bei Atalanda bei Bedarf die Ware zum Kunden, und nicht der Kunde zur Ware kommt. Zwar bieten auch die Atalanda-Marktplätze Shopfunktionen mit Abholung im Laden, doch setzt der Dienstleister beim Ausbau des Marktplatzgeschäfts zusehends auf eine Verflechtung mit lokalen und regionalen Kurierdiensten für ein Same Day Delivery-Angebot.

Auffälligster Unterschied zu Locafox: Große Filialisten fehlen. Der kleine Händler ist hier König. Wie auch bei eBay gibt es weitere technische Partner wie Inventorum als Anbieter von Kassen- und Warenwirtschaften.

4. Zalando - Hoffnung auf ein leichtes Zubrot

Hüten sollte man sich als Händler aber vor übertriebenen Erwartungen an den Lokalpatriotismus der Kunden. Bequemlichkeit und Flexibilität ist den modernen Kunden weitaus wichtiger. Es mag daher bitter klingen, doch ausgerechnet Zalando dürfte mit seinem Lockangebot vom „Integrated Commerce“ dem stationären Handel besonders aussichtsreiche Chancen auf ein Zubrot bieten.

Der Modehändler testet unter dem Schlagwort „Integrated Commerce“ mit dem Software-Unternehmen Gaxys eine Plattform für Händler, die ohne großen technischen Aufwand vom Onlinehandel profitieren wollen - und dann für Zalando Päckchen packen. Das Entwicklungshilfe-Programm für den stationären Handel sieht vor, dass der Kunde bei Zalando bestellt, wo wiederum ausgewählte Bestellungen auf eine Warenbörse gestellt werden und für drei Stunden sichtbar sind. Die angeschlossenen Händler können alle Eingänge via Internet am Computer oder über eine App einsehen und sich um den Zuschlag bemühen. Wer zuerst kommt, liefert zuerst.

Fernziel für Zalando: Kunden können bequem auf ein europaweites Netzwerk von Marken und Geschäften zugreifen.
Vorteile für Zalando: Schnelligkeit und vielleicht langfristig niedrigere Lagerkosten.

Händler Thomas Ganguin beim Packen eines Zalando-Pakets
© Zalando
Händler Thomas Ganguin beim Packen eines Zalando-Pakets

Vorteile für den Händler: Leichter Einstieg in den E-Commerce ohne eigenen Webshop, eine Provision, schnellerer Warenumschlag und vielleicht neue Kunden – wenn die zur Abholung in den Laden kommen sollten. Sonst bleibt er nämlich unsichtbar. Versenden muss der Händler die Ware, die mit einem Kurierdienst auch bundesweit auf den Weg gebracht wird, im Zalando-Karton.  Gesehen wird er ansonsten nur, falls der Kunde die Retouren in den Laden bringen möchte. Je nach Laune kann man darin Nerv-Potenzial sehen oder eine Chance zur Kundengewinnung.  

Für den Zalando-Test, dem sich inzwischen über ein Dutzend Händler angeschlossen haben, benötigt ein Händler auch keine spezielle Logistik-Technik. Die Software-Hürden sind niedrig. Ein Computer. Oder ein Smartphone. Das ist alles. Und hat eh jeder. Das System erfordert allerdings eine neue Bereitschaft, sich einer anderen Art des Handels zu stellen. Etwas schneller, etwas flexibler. Einfach mehr Bereitschaft für einen anderen Vertriebskanal auf dem durch das Auktionssystem eine andere Dynamik herrscht. Die größte Hürde dürfte also in den Köpfen stecken.

Aber ein guter lokaler Händler kann auf diese Weise weit über seine Stadtgrenzen hinaus aktiv werden. Die Alternative dazu wäre dann der klassische Marktplatz und noch eine Nummer größer: Amazon. Oder  eben eBay sowie die Zwerge unter den Verfolgern wie Rakuten, Hood und Co.


Studien

Was Händler von lokalen Marktplätzen halten

Gut für den Einstieg, gut für den Laden, gut für den Mehrumsatz: Mit diesem Dreiklang werben lokale Online-Marktplätze um stationäre Händler. Eine nicht ganz uneigennützige Studie von eBay und ECC scheint jetzt die Flirt-Argumente auch aus Händlersicht zu stützen. Mehr lesen

Marketing

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