Wenn der moderne Handel ein Zentrum besäße, dann wäre man in meinem Heimatort am weitesten davon entfernt. Dabei liegt Ahrensburg gar nicht so tief in der Provinz. Knappe 20 Autominuten sind es bis in die Hamburger Innenstadt mit den großen und bekannten Shopping-Tempeln.

Schlendere ich dagegen zu Fuß ins Zentrum meines Heimatorts, fühle ich mich seltsam aus der Zeit gefallen.

Eine der wichtigsten Einkaufsmöglichkeiten ist ein Kaufhaus mittlerer Größe, das seine größte Umwälzung Anfang der 80er Jahre erlebt hat, als der Inhaber den Betrieb einiger Abteilungen aufgab und konsequent auf ein Shop-in-Shop-Konzept setzte. Und so gibt es dort unter anderem einen Fotoladen, eine kleine Niederlassung einer bekannteren Juwelierkette und einen recht großen Tchibo-Store.
Und einen Schuhladen, der mich an meine Kindertage erinnert.

Hier messen Kunden nicht Ihre Füße selbst. Wo kämen wir denn dahin? Eine Fachverkäuferin muss erst gefunden und angesprochen werden, bevor sie umständlich an der wichtig aussehenden Einrichtung hantiert, um die passende Größe zu verkünden.

Warum ich Ihnen das erzähle?

Weil sich bereits auf den wenigen Metern durch das Zentrum dieser Kleinstadt die Umwälzungen zeigen lassen, denen sich der klassische Handel unterziehen muss, um überlebensfähig zu sein.


Tablets und digitalisierte POS im Autohandel

Natürlich gibt es auch Autohäuser in Ahrensburg. In der Innenstadt allerdings keine mehr. Die Autohändler haben sich an den Rand zurückgezogen, dorthin, wo der Kunde nur fährt, wenn er tatsächlich etwas kaufen will. Sich einfach inspirieren lassen? Lust an der Information und dem Ausprobieren?

Wozu?

Dafür kann man sich bei unseren Händlern viele Modelle direkt ansehen. Wenn sich hier nichts tut, dann werden diese Häuser eher früher als später große Probleme haben.

Denn, welches Auto er kaufen will, dürfte der Kunde in den meisten Fällen heute bereits wissen. Es muss also eher darum gehen, ihm im Autohaus weiter an seine Marke zu binden. Dort Mehrwert zu bieten, die er online nicht findet. Eine Erlebniswelt aufbauen also.

Der Mercedes-Me-Store in Hamburg - Erlebniswelt im Autohandel
Der Mercedes-Me-Store in Hamburg - Erlebniswelt im Autohandel

Wie so etwas aussieht, zeigt Mercedes mit seinem Mercedes Me Store in Hamburg. Das wirkt von der Optik eher wie ein modernes Café. Und tatsächlich wird der Ort auch gelegentlich für andere Veranstaltungen genutzt.

Probefahrten können Sie dort nicht vereinbaren, aber mittels Projektionswänden und Tablets in die Welt von Mercedes eintauchen.

Runnerspoint berät online und hebt das Laufen in eine neue Dimension

Selbstverständlich können Sie bei uns im Ort auch Sportschuhe kaufen. In einem Sportfachgeschäft bekommen Sie von Skiern über Laufschuhe bis zu Golfschlägern fast alles, womit sich Sport treiben lässt. Die Tiefe des Sortiments können Sie sich selbst denken.  Markenwelt? Fehlanzeige. Einige Quadratmeter Wandfläche mit Musterschuhen müssen reichen.

Sicher, mit seinem Vorzeigestore in Dortmund, der sich World of Running nennt, hat Runnerspoint neue Dimensionen geschaffen. Inklusive der integrierten Laufbahn. Doch bereits der Laufberater, der online genutzt werden kann, macht mehr Spaß als das Betrachten einiger Schuhe im Regal. Und informiert wird der Kunde auch noch. Und da soll ich meine Sneaker lokal kaufen?

Gegen die Welt der Läufer von Runners Point haben es kleine Schuhabteilungen schwer
Gegen die Welt der Läufer von Runners Point haben es kleine Schuhabteilungen schwer

Wenn preiswertere und bodenständige Schuhe gekauft werden sollen, gibt es am Ort auch eine Deichmann-Filiale. Die hinkt zwar etwas ihrer Zeit hinterher (der modernste Einrichtungsgegenstand ist ein Fernseher, auf dem in Endlosschleife Zeichentrickfilme für Kinder laufen), aber Deichmann verbindet inzwischen die Inhalte seines Kundenmagazins Shoe Fashion und seiner App. Stichwort Augmented Reality.

Mit einem Laufberater (ebenfalls von Runners Point) könnten lokale Retailer aber punkten
Mit einem Laufberater (ebenfalls von Runners Point) könnten lokale Retailer aber punkten

Damit ist die Kette viel weiter als alle anderen Händler hier am Ort.

Apropos Schuhe - Größenmessung kann auch Spaß machen

Füße vermessen in 3D und via Terminal. Das ist praktisch und schafft ein Einkaufserlebnis. Dank Mifitto
Füße vermessen in 3D und via Terminal. Das ist praktisch und schafft ein Einkaufserlebnis. Dank Mifitto
Wer nicht auf die freundliche Verkäuferin warten will, die einem die Füße vermisst, hat Alternativen. Zum Beispiel mit Mifitto. Das funktioniert online, per App, oder mit der dreidimensionalen Fußvermessung, die bei Sport Scheck eingesetzt wird.

Der Kunde bedient sich selbst und erlebt etwas, was praktisch ist und so auch nicht von Zalando & Co einfach kopiert werden kann.

Mit Aisle411 endlich nicht mehr im Baumarkt herumirren

In Ahrensburg können Heimwerker und Profi gleich in zwei Baumärkten einkaufen. Ich besorge viele Baumarktartikel inzwischen direkt bei Amazon. Dort sind sie nicht am preiswertesten, ganz im Gegenteil.

Aber: Haben Sie einmal versucht, eine ganz bestimmte Schraube in einem Baumarkt zu finden? Also nicht die grobe Richtung, sondern exakt eine bestimmte Form?

Das Verkaufspersonal ist in diesen Fällen kaum eine Hilfe, denn trifft man mal einen Mitarbeiter, dann ist es mit Sicherheit nicht seine Abteilung.

Dann würde ich mir bei meinem Toom-Baumarkt genau das wünschen, was Aisle411 macht. Nämlich mir die genaue Navigation innerhalb des Stores zu erlauben, bis ich die Schraube gefunden habe.

Das wäre auch viel praktischer und kundenfreundlicher, als die ewig gleichen Videos in zweifelhafter Qualität, die mir ein “Fugiset” oder einen Akkuschrauber mit LED anpreisen.

Phizzard holt den Webshop in die Umkleide

In jedem guten Online-Shop erhält der Kunde Empfehlungen auf weitere Produkte. Und die Zahl der Sternchen neben einem Artikel soll ja durchaus auch die Kaufentscheidung beeinflussen. Im Retail muss man sich da dann auf die Empfehlungen eines Verkäufers verlassen. Wenn denn einer da ist.

Gewohnte Funktionen aus der Online-Welt holt Phizzard in den lokalen Store
Gewohnte Funktionen aus der Online-Welt holt Phizzard in den lokalen Store

Phizzard holt Funktionen aus dem E-Store in die Umkleidekabine. Der Kunde scannt die Etiketten von Kleidungsstücken und bewertet deren Passform. Gefällt die Klamotte nicht, zeigt das System ähnliche Produkte oder Varianten des gewählten Stücks, aber in anderen Farben und Größen. Interessiert sich der Kunde dafür, kann das Servicepersonal die Alternative direkt zur Umkleidekabine bringen. Und hat eine gute Möglichkeit, um mit dem Kunden wieder ins Gespräch zu kommen.

Wenn ich mich also so umschaue - viel Zeit bleibt vielen Händlern bei uns wohl nicht mehr.