Die digitale Währung Bitcoin erlebt derzeit regelmäßig Allzeithochs. Die Begeisterung schlägt hohe Wellen, verdeckt aber andere Anwendungsbereiche der dahinterstehenden Technologie. Und die wird die Zukunft des Handels prägen. Wir erklären das Phänomen.

Ein Begriff wie „Bitcoin“ scheint wohl vor der Massentauglichkeit zu stehen, wenn bereits Teenager in der Hamburger U-Bahn über den aktuellen Kurs philosophieren. Aber was begeistert Informatiker, Finanzdienstleister und (Wirtschafts-) Journalisten gleichermaßen? Es ist die dahinter stehende Entdeckung der Blockchain, die das Potenzial hat, genauso folgenreich wie die Entwicklung des Internets zu sein.

Blockchain – ein Vertrauensprotokoll

Handelsbeziehungen basieren vielfach auf gegenseitigem Vertrauen. Ein Juwelier, der bei einem Großhändler oder einer Edelsteinschleiferei einkauft, muss sich darauf verlassen, nicht betrogen zu werden. Herkunft und Echtheit werden mit Zertifikaten bestätigt. Allerdings könnten diese ja auch gefälscht sein. Wenn es um größere Stückzahlen geht, fällt die individuelle Prüfung jedes einzelnen Stücks dann aus. Der Händler wird seinem Lieferanten vertrauen. Die Frage, die Informatiker intensiv beschäftigt, lautet, wie sich Vertrauen auch im Internet aufbauen lässt. Und nach dem Motto „Vertrauen ist gut, Transparenz besser“ scheint mit der Blockchain die Antwort gefunden.

Sehr vereinfacht gesagt, kann man sich die Blockchain als ein dezentrales System für die Buchführung vorstellen. Mit dieser Analogie lässt sich auch gleich einer der größten Vorteile der Technologie erklären. Bei einer klassischen Buchführung gibt es irgendwo an einer zentralen Stelle ein Buchungsjournal. Etwas kriminelle Energie und Geschick vorausgesetzt, kann jemand, der Zugriff darauf hat, Einträge verändern, um regelmäßig Geld beiseitezuschaffen. Bis der Schwindel auffliegt, ist der Betreffende dann verschwunden. Mit der Blockchain ist das in dieser Form nicht möglich. Denn es gibt ja gar kein zentrales Buchungsjournal. Sondern dieses liegt „verteilt“ vor. Das bedeutet aber eben nicht, dass es Betrüger jetzt leichter haben oder gar die Zahl potentieller Betrüger steigt.

Blockchain – die Kette schafft Sicherheit

Die Informationen in einer Blockchain liegen nicht zentral vor. Es gibt keinen Eigentümer oder den einen Rechner, auf dem eine riesige Datenbank liegt. Die Verteilung der Informationen reduziert das Risiko von Manipulationen. Gefährlich werden könnte es lediglich, wenn es einem Manipulator gelänge, mehr als die Hälfte aller beteiligten Systeme unter seine Kontrolle zu bringen.

Welche Informationen eine Blockchain speichern soll, ist aus Sicht des Systems nicht relevant. Das können tatsächlich finanzielle Transaktionen sein, aber auch Beglaubigungen von Grundstücksverkäufen oder digitale Rechte. Die Informationen werden in sogenannten Blöcke abgelegt. Ein Block enthält die Prüfsumme einer vorangegangenen Transaktion. Das bedeutet, dass eine neue Transaktion immer auf der vorherigen aufbaut. In Kombination mit dem dezentralen Ansatz ist das einer der Schlüssel, die zur Sicherheit der Blockchain beitragen. Wird eine bereits abgeschlossene Transaktion verändern, stimmen die Prüfsummen nicht mehr, was in Echtzeit auf den Systemen der anderen Teilnehmer bemerkt wird. Die Transaktion wird verworfen und die Gültigkeit bis zum Zeitpunkt des letzten verifizierten Eintrags aufgehoben. Das manipulierte System wird von der Blockchain ausgeschlossen. Mit der manipulierten Kopie wäre nichts mehr anzufangen. Die Transaktionen hängen also wie die Glieder einer Kette zusammen.

Aber wie werden die Transaktionen beglaubigt? Hier kommen „Miner“ ins Spiel. Es sind Rechnersysteme, die Kapazitäten für die Prüfung zur Verfügung stellen, keine Personen. Anhand der recht komplexen Mechanismen der Prüfsummenberechnung werden die Transaktionen kontrolliert. Ist alles in Ordnung, wird der Block in der Blockchain gespeichert und die Transaktion versiegelt, und damit manipulationssicher abgelegt. Und da die einzelnen Transaktionen aufeinander aufbauen, ist auch deren Reihenfolge festgelegt.

Um an der Blockchain teilzunehmen, benötigen die Parteien eine Zugangssoftware, auch Wallet genannt. Sie enthält einen öffentlichen und einen privaten Schlüssel des Teilnehmers. Die Transaktion wird mit dem privaten Schlüssel signiert. Die Echtheit der Signatur kann durch den öffentlichen Schlüssel verifiziert werden. Aber ohne den privaten Schlüssel, kann die Transaktion nicht verbindlich signiert werden.

Blockchain im Handel

Bitcoin, das etailment in einem weiteren Artikel beschäftigen wird, ist aktuellste Beispiel einer Blockchain. Aber die Währung ist nur eine Facette der Möglichkeiten.

Mittels der Blockchain wird die Echtheit von Produkten überprüfbar werden. Das Unternehmen Chronicled beispielsweise will Luxusgüter mit Chips versehen, um die Informationen in einer Blockchain zu speichern. Damit wäre einerseits ein unbemerkter Weiterverkauf nicht möglich. Zum anderen genügt es ja nicht, den Chip nachzubilden. Eine Fälschung oder ein Artikel zweifelhafter Herkunft wären zu identifizieren.

Chronicled will Blockchain gegen Fälschungen nutzen


Die US-Kette Walmart hat bereits angekündigt, mit Blockchain ihre Lieferketten transparent und nachvollziehbar machen zu wollen. Beispiel Frischfleisch: Mit der Blockchain wäre der Weg des Produkts von der Schlachtung, Verarbeitung und zur Kühltheke nachvollziehbar und fälschungssicher dokumentiert. Die Transparenz der Lieferkette ist etwa auch im Holzhandel von großer Bedeutung. Ist der Baum erst einmal gefällt und zersägt, muss der Händler seinen Lieferanten schon glauben, dass es sich um einen legalen Posten handelt.

Everledger - Diamantzertifikate per Blockchain

Everledger dagegen widmet sich der Echtheit von Diamenten und löst das Problem mit gefälschten Zertifikaten durch die Blockchain.

Ein bisschen Zukunftsmusik bleibt noch

Die Blockchain wird viele neue Anwendungsszenarien schaffen. Aber eben nicht von heute auf morgen. Denn das neue System müsste überhaupt erst einmal mit den bereits bestehenden IT-Systemen in Banken und Handel kommunizieren und Daten übernehmen. Gemessen an aktuellen Standards, ist der Datendurchsatz momentan noch eher gering. Auch hier wird sich noch etwas tun müssen. Vieles ist also noch im Experimentierstadium, aber auf die Zukunft darf man gespannt sein.