Virtuelle Stores, virtuelle Showrooms, virtuelle Umkleiden: Virtual Reality ist auch im Online-Handel überall Gesprächsthema. An poppigen Pilotprojekten mangelt es nicht: Das Reiseziel vorab erkunden. Per Mixed-Reality-Spiegel in die Barbie-Rolle schlüpfen. Per VR-Brille vorab die neue Ikea-Küche begehen. Den neuen Audi via Head Mounted Display modular durchkonfigurieren. Sich aus Papp-Schablone und Smartphone eine eigene VR-Brille basteln.

Nachhaltige Effekte? Kaum.

Virtual Reality im Consumer-Markt: Kurzes Momentum zu Marketingzwecken 

Der einzige Aspekt, der für Entscheider im (Online)-Handel zur Zeit von Belang sein dürfte, ist das Momentum, das durch den aktuellen Mediendruck geschaffen wird: Der Einsatz von Head Mounted Displays zu Marketingzwecken ist jetzt kurzfristig sinnvoll. So lange wie diese noch dem Reiz des Neuen unterliegen. Aber darüber hinaus?

Fragen Sie Tech-Redakteure, die ihre Testtage mit Oculus Rift, HTC Vive und Co beendet haben. Oder fragen Sie ehemalige Google Glass-Träger: Am Ende des Tages enden Brillen-Helme immer als Staubfänger mit Steckern und Kabeln in der Technikkiste.

Wer skeptisch guckt, der ist ein Feind des Neuen

Aber lesen möchte das niemand. VR hat zu rocken. Gefälligst! Das Marketing feiert sich, dass es den Zauber des nie Dagewesenen neu entdeckt hat, die Marketing-Fachpresse lobt die Kampagnen der Marketer, die E-Commerce-Fachpresse receycled die Beiträge der Marketing-Fachpresse, Verbraucher zeigen in Umfragen Statistas Digital Market Outlook bietet noch weitere spannende Daten und Leistungskennzahlen, teilweise mit interaktiven Grafiken bei entsprechender Fragestellung- äußerst angetan, und eine Flut wohlwollender Fachartikel schubst das Thema in die Presseabteilungen der Unternehmen, auf die Agenda der Entscheider.

 

Es läuft gut für die Virtual Reality-Spin Doktoren und wird auch weiter gut laufen. Denn wer deren Tenor nicht teilt, der ist ganz schnell als „Feind des Neuen“ verschrien, oder – In Your Face!,  als „Teil eines rückständigen Deutschland, dass ja eh gerade die Digitalisierung verpennt“.

Und eh man sich ich mit dieser Keule herumärgert, sagt man sich auch als skeptischer Beobachter doch lieber: „Komm, was soll’s, feiere ich halt die virtuell begehbare Ikea-Küche einfach mit ab. Und die virtuellen Stores auch. Wird unser aller Leben verändern, diese Technologie. Hurra, Hurra“! Entsprechend einseitig wohlwollend ist die allgemeine Berichterstattung.

Vorstellbare Virtual-Reality-Anwendungen aus Konsumentensicht: Online-Shopping ist wenig gefragt. Quelle: Statista Digital Market Outlook
Vorstellbare Virtual-Reality-Anwendungen aus Konsumentensicht: Online-Shopping ist wenig gefragt. Quelle: Statista Digital Market Outlook

Aber die Wahrheit ist doch: Niemand hat, über einen Vorführeffekt hinaus, wirklich Lust mit diesen Helmen auf dem Kopf herumzulaufen. Sie nicht, ich nicht, und „die Verbraucher“ ganz bestimmt auch nicht. Und ob die Schar engagierter Core Gamer, die tatsächlich sehnlichst darauf wartet, sich demnächst mit maximaler Immersion durch Ego-Shooter-Welten zu ballern, Türöffner für einen künftigen Massenmarkt sein kann, das steht noch in den Sternen.

Fazit: E-Commerce-Entscheider achten besser auf echte Lagerkennzahlen statt virtuelle Umkleidekabinen

Wenn also irgendwas für E-Commerce-Entscheider vernachlässigbar ist, dann ist es der VR-Consumer-Markt, allem aktuellen Medien-Buzz zum Trotz. Was jedoch über die aktuellen Vorführeffekte hinaus interessant ist, sind reine B2B Use Cases, wie zum Beispiel Mixed Reality-Brillen, die Lagerpersonal beim Picken & Packen durch die Regale führen und darüber Effizienzgewinne versprichen. Messbar! Kein prickelnder Hingucker, aber für E-Commerce-Logistiker interessant. 

Statista Digital Market Outlook bietet noch weitere spannende Daten und Leistungskennzahlen, teilweise mit interaktiven Grafiken.

Karsten Werner ist Medienberater, Journalist und Logistik-Kenner. Er beobachtet seit 2000 die Entwicklungen im E-Commerce und schreibt seit Jahren regelmäßig als Autor mit pointierer Meinung für etailment. Neben seiner Neugierde an Supply Chains und Best Practices im Onlinehandel, liegt sein Themenfokus auf den Geschäftsmodellen und Strategien in den Märkten für digitale Güter.
Er twittert unter @KarstenWerner.