In nur wenig mehr als 100 Tagen (111) hatte Amazon einst sein Express-Konzept Prime Now vom Konzept bis zur Realisierung umgesetzt. Wie das so schnell klappen konnte, verriet jetzt Prime-Now-Chefin Mariangela Marseglia auf der Shoptalk Europe in Kopenhagen. Es ist auch ein Lehrstück wie man Produkt- und Serviceentwicklung mit Tempo umsetzen kann.

Es ist alles ein wenig anders, wenn Amazon neue Projekte auf den Weg bringt. Der Online-Riese denkt dabei nicht in klassischen Kategorien. Wer, anders als Amazon, hätte sich schon beim Start in New York als Lieferzentrum ein leerstehenden Bürogebäude für Amazon Prime ausgesucht. Noch dazu in der 5. Etage. Obendrein voller Säulen. Das passte so gar nicht in das Raster, auf das Amazonst sonst abonniert ist und dass man schon gar nicht in der Logistik erwarten würde. aber es musste sein. Andere Dinge als Größe und bekannte Wege waren wchtiger.

Doch der Reihe nach.  

Bevor Prime Now an mittlerweile 50 Standorten reüssierte, stand nicht bloß eine Idee, sondern ein Storyboard. Wie ein Comic, man kennt derlei aus Drehbüchern für Filme, illustriert es das Konzept, die Umsetzung und - typisch Amazon - den zufriedenen Kunden am Ende.
© Amazon
Und so wie ein Storyboard bei einer Filmproduktion die passende Kameraeinstellung vordefiniert, konnte Amazon so auch die einzelnen Elemente klar definieren.

Ebenfalls am Anfang steht die Pressemitteilung. Während andere Unternehmen in Meetings erst einmal die Mission, den Business Plan, die Unternehmensziele abstrakt definieren, beginnt der Innovationsprozess bei Amazon mit der Formulierung einer - natürlich nie veröffentlichten -Pressemeldung im Vorfeld. Von dort aus wird dann das Produkt entwickelt. Das ist clever, schließlich definiert und formuliert eine Pressemeldung (in der Regel) möglichst klar und einfach den Kundennutzen und begründet das öffentliche Interesse.

Damit bleibt auch bei der Entwicklung der Kunde stets im Fokus. Denn den interessieren die Prozessketten und Finanzen eher weniger. Das kommt dann ins hausinterne Kleingedruckte.

Vor allem aber, und das hätte man von einem Tech-Giganten weniger erwartet, kann Amazon bei der Produktentwicklung recht hemdsärmelig vorgehen.
Wie fühlt es sich an, wenn die Ware für Prime Now im Laden gepickt wird? Wo können Probleme auftreten?
Dafür werden dann mal eben ein paar improvisiert wirkende Regelmeter mit simpelstem Produkt-Facing im Büro aufgestellt. Das reicht als Testlauf. Den Rest erledigt das Denken.

Ein echter Hingucker in Sachen reduzierter Entwicklungskomplexität ist auch der Prototyp für das elektronische Picking System.
Prototyp der Picking-App - ein Ringbuch
Prototyp der Picking-App - ein Ringbuch
Keine App, keine Demo auf dem IPad, die in der IT immer wieder umgebaut wird. Amazon nimmt schlicht Papier, ordnet die einzelnen Blätter, die die Feature definieren auf einem kleinen Ringbuch. Fertig ist der Usabilty-Test.
Weniger Komplexität, weniger umständlicher Aufwand. Eine Methodik, die auch bei der schnellen Iteration von Verbesserungen und neuen Lösungen hilft.

Und: Das Prinzip ist Teil der Amazon-DNA von Anfang an. Der ersten Business-Plan für Amazon (siehe unten) skizzierte Gründer Jeff Bezos auf eine Serviette.
© Jeff Moore, Amazon.com

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