Völker, hört die Signale: Wie und wo Zalando weltweit angreift

Von Bert Rösch | 29. August 2013 |

Zalando Schrei Jumia
Der Schrei von Zalando ist weltweit exportierbar: Hier in der Werbung von Jumia
Während die Online-Modebranche hierzulande noch darüber grübelt, wie und wann der Berliner Online-Modeshop die gewaltigen Investitionen von geschätzten 600 bis 1000 Millionen Euro wieder einspielt, hat Oliver Samwers Online-Inkubator und Investor Rocket Internet das Geschäftsmodell von Zalando und den Kreischalarm weltweit ausgerollt. Vorwiegend in Entwicklungs- und Schwellenländern. Wir haben uns auf Weltreise begeben und beantworten die wichtigsten Fragen.

Zalando startet gerne dort, wo der Online-Handel noch in den Kinderschuhen steckt und somit noch großes Wachstumspotenzial birgt: u.a. Südamerika, Russland, Nahost, Indien, Pakistan, Südostasien und Südafrika. Einzige Ausnahmen sind Locondo in Japan und The Iconic in Australien. Und es ist natürlich auch in in 14 europäischen Ländern vertreten.

Warum treten die Zalando-Klone stets unter einem andere Namen auf?

Unternehmenskreisen zufolge steckt dahinter die Kalkulation, dass der Einzelverkauf der Landesgesellschaften unterm Strich mehr einbringt als der eines weltweiten Zalando-Netzwerks. Zumal es sich als äußerst schwierig gestalten würde, einen Investor für eine Art Zalando Worldwide zu finden. Schließlich gilt bereits Zalando Europa mit einem Marktwert von über 3 Mrd. Euro als schwer verkäuflich.

Welche Shops sind im Fahrwasser von Zalando unterwegs?

Ebenfalls sehr modelastig sind die brasilianischen Rocket Internet-Projekte Kanui (Streetwear, Outdoor) und Tricae (KOB und Babyartikel). Hinzu kommen die Möbel-Anbieter Home 24, Westwing (beide Europa und Brasilien) und Zanui (Australien), die u.a. Heimtextilien verkaufen. Ferner das Auktionshaus Kaymu (Nigeria) sowie die Amazon-Klone Jumia (Nahost und Nordafrika), das wachstumsstarke Lazada (Asien) und Linio (Mittelamerika), die jeweils über große Modebereiche verfügen. Frei nach Oliver Samwers Maxime „Wir gehen in alle Länder, in denen die Leute nicht nackt herumlaufen.“ Die Online-Shops kooperieren u.a. in der IT und im Marketing.

Rocket Internet weltweit
Ein - unvollständiger- Blick auf das weltweite Imperium der Händlermarken von Rocket Internet

Welche Rückschläge gab es?

Dass sich die E-Fashion-Welt nicht im Spaziergang erobern lässt, musste der Klon-Krieger 2012 schmerzhaft in der Türkei erfahren. Dort schloss Rocket Internet den Sportartikel-Shop Sporena, den Mode-Shop Zidaya, den Dawanda-Klon Eleseri sowie die Möbel und Heimtextilien-Anbieter Evimister und Westwing. Ebenso mussten die E-Commerce-Spezialisten ihre Online-Shops in Aserbaidschan (Zidora), Birma (Shopcom), Pakistan (Azmalo) und Nahost (Mizado) wieder abschalten.

Zalando

Sortiment: 1500 Marken

Märkte: Deutschland, Österreich, Schweiz, Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien, Niederlande, Schweden, Belgien, Dänemark, Finnland, Polen, Norwegen

Umsatz 2012: 1,15 Mrd. Euro, 1. Quartal 2013: 372 Mill. Euro (plus 74%)

Gesellschafter: Kinnevik (37%), European Founds Fund der Samwer-Brüder: 18%, Bestseller-Chef Anders Holch Povlsen: 10%, Holtzbrinck Ventures (8%), Digital Sky Technologies (DST): 9%, Tengelmann Ventures: 6%, Management: 6%, Access Industries (US-Milliardär Len Blavatnik): 4%, JP Morgan: 1%, Quadrant Capital Advisors, New York: 1%.

Probleme hatte Rocket Internet zeitweise auch in Russland. Im Oktober 2011 gab Oliver Samwer Fehler beim Mode-Vollsortimenter Lamoda zu, dessen Unternehmenswert sich Medienberichten zufolge halbiert hatte. Ähnliches war beim Möbel-Shop Home 24 zu beobachten, den der Investor Kinnevik Ende Juni nur noch mit 170 Mill. Euro bewertete, nach 270 Mill. Euro im Vorjahr.

Was sind die Ursachen?

Als Gründe für die Rückschläge im Auslandsgeschäft gelten die häufig abenteuerlichen Infrastrukturen, die hohe Retourenanfälligkeit von Mode und der zunehmende Konkurrenzkampf in den einstigen E-Commerce-El Dorados. Teilweise angefacht von ehemaligen Rocket Internet-Managern, die sich mit ähnlichen Geschäftsmodellen selbstständig gemacht haben oder unter die Fittiche der Otto Group geschlüpft sind, die mittlerweile auch im großen Stil Online-Geschäftsmodelle entwickelt und finanziert.

Player weltweit (Auswahl)

Lamoda.ru

Umsatz 2012: 52,3 Mill. Euro (Quelle: Kinnevik)

Sortiment: 500.000 Produkte von 700 Marken, Bekleidung, Schuhe, Accessoires, Möbel, Wohnaccessoires

Gesellschafter: Rocket Internet, Kinnevik, J.P. Morgan, Tengelmann, Holtzbrinck, Kering (ehemals PPR)

Namshi.com

Märkte: Vereinigte Arabische Emirate (u.a. Dubai, Abu Dhabi, Katar)

Gesellschafter: Rocket Internet, Kinnevik, Holtzbrinck, PPR, Blakeney Management.

Sortiment: 12000 Produkte von 550 Marken, Bekleidung, Schuhe, Accessoires, Kosmetik. 2012 wurde die arabische Schwester Mizado in Namshi integriert.

Jumia.com.ng

Märkte: Nahost, Nigeria, Marokko, Kenia, Ägypten, Elfenbeinküste

Umsatz 2012: 2,4 Mill. Euro (Quelle: Kinnevik)

Angebot: Vollsortiment à la Amazon

Gesellschafter: Rocket Internet, Tengelmann, Millicom

Dafiti.com.br

Märkte: Brasilien, Argentinien, Chile, Kolumbien, Mexiko

Gesellschafter: Quadrant Capital Advisors, Kinnevik, J.P. Morgan, Kering (ehemals PPR), Summit Partners, Tengelmann, Holtzbrinck, Rocket Internet

Umsatz 2012: 91,5 Mill. Euro (Quelle: Kinnevik)

Sortiment: 60000 Produkte, 500 Marken, Bekleidung, Schuhe, Accessoires, Kosmetik

Jabong.com

Markt: Indien

Investoren: Rocket Internet, Kinnevik, Holtzbrinck

Sortiment: 40000 Produkte, 350 Marken, Bekleidung, Schuhe, Accessoires, Heimtextilien, Möbel

Umsatz 2012: 17,9 Mill. Euro (lt. Kinnvik)

Zando.co.za

Markt: Südafrika

Investoren: Rocket Internet, Tengelmann, Millicom, J.P. Morgan, Summit Partners

Segmente: Bekleidung, Schuhe, Accessoires, Kosmetik

Umsatz 2012: 3 Mill. Euro (lt. Kinnevik)

Linio.com

Märkte: Mexiko, Kolumbien, Peru und Venezuela

Investoren: Rocket Internet, Kinnevik, Millicom, Tengelmann

Angebot: Vollsortiment nach dem Vorbild von Amazon

Umsatz 2012: 7 Mill. Euro (lt. Kinnevik)

Lazada.com

Märkte: Südoastasien

Gesellschafter: Rocket Internet, Kinnevik, Tengelmann, J.P. Morgan, Holtzbrinck, Summit Partners, Verlinvest

Sortiment: 200000 Produkte, Vollsortiment à la Amazon

Zalora.com

Märkte: Malaysia, Singapur, Indonesien, Thailand, Philippinen, Vietnam, Taiwan, Hongkong

Umsatz: Der Jahresumsatz bewegt sich Unternehmensangaben zufolge im zweistelligen Millionen-Dollar-Bereich.

Investoren: Kinnevik, Verlinvest, Tengelmann, Summit Partners

Sortiment: 20.000 Produkte von 500 Marken, Bekleidung, Schuhe, Accessoires, Kosmetik

Der Handelskonzern dürfte auch zu den größten Widersachern von Rocket Internet in Russland und Brasilien gehören. In Russland ist die Otto Group mit einem Jahresumsatz von 550 Mill. Euro seit Jahren Marktführer. Vorige Woche kündigte der Versandhändler an, weitere 50 Mill. Euro ins Russlandgeschäft zu investieren. In Brasilien bauen die Hamburger seit 2012 eine Modeplattform auf und sind mit einer zweistelligen Millionensumme an einem Start-up-Fonds beteiligt.

Wie viel Geld steht für die Expansion bereit?

Oliver Samwer, Absolvent der Elite-Uni Otto Beisheim School of Management, hat allein in den vergangenen 18 Monaten rund 1,75 Mrd. Euro bei Investoren eingesammelt. Das Geld fließt in die rund 75 Internet-Start-ups in 50 Ländern, wo Rocket Internet insgesamt mehr als 20000 Mitarbeiter beschäftigt. Der Schwerpunkt liegt eindeutig im Online-Handel.

Welche Investoren stützen die weltweite Expansion?

Bei den Investoren handelt es sich im Wesentlichen um dieselben Unternehmen, die bereits Zalandos Aufstieg mitfinanziert haben. Vorneweg die schwedische Venture Capital-Gesellschaft Kinnevik, die vor Kurzem zum größten Zalando-Gesellschafter (37%) aufstieg und bislang rund 2 Mrd. Euro in die zahlreichen E-Commerce-Firmen von Rocket Internet gesteckt hat.

Hinzu kommen der Handelskonzern Tengelmann, die Verlagsgruppe Holtzbrinck, die US-Investmentbank J.P. Morgan, die russischen Milliardäre Alischer Usmanow, Juri Milner und Grigori Finger mit ihrer Investmentfirma Digital Sky Technologies (DST) sowie der russischstämmige US-Milliardär Len Blavatnik mit seiner Beteiligungsgesellschaft Access Industries, die Presseberichten zufolge über 155 Mill. Euro in Rocket Internet investiert hat.

In Südamerika und Afrika werden die Samwer-Brüder obendrein vom Mobilfunkkonzern Millicom unterstützt, an dem Kinnevik 38% der Anteile hält. Millicom kaufte im März für rund 340 Mill. Euro die Hälfte der Rocket-Holdings in Lateinamerika und Afrika. Mit der Option, 2016 den Rest der Anteile zu übernehmen. CEO von Millicom ist Hans-Holger Abrecht, Bruder von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen und Sohn des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht. Deutlich niedrigere Summen kamen von der belgischen Investment-Holding Verlinvest, dem französischen Modekonzern Kering (ehemals PPR) und der New Yorker Investmentfirma Quadrant Capital Advisors. Verlinvest ist an den Zalando-Ablegern The Iconic (Australien) und Lazada (Asien) beteiligt. Kering steckte Ende 2012 rund 10 Mill. Euro in die für Südamerika, Afrika und Nahost zuständige Rocket Internet-Holding Bigfoot I. Quadrant investierte im vergangenen Jahr fast 25 Mill. Euro in Dafiti.

Wann erreichen die Start-ups die Gewinnzone?

Konkrete Pläne sind nur in Einzelfällen bekannt. Dafiti soll bereits 2014 schwarze Zahlen schreiben. Zwei Jahre später sollen die Brasilianer einen Nettogewinn von 250 Mill. Euro und einen Umsatz von 2 Mrd. Euro erwirtschaften. Vom mittelamerikanischen Vollsortimenter Linio erwartet Rocket Internet, das er seinen Umsatz bis 2017 auf 2,2 Mrd. steigert. Im selben Jahr sollen die afrikanischen Shops 1,5 Mrd. Euro und der Möbel-Shop Home 24 rund 2 Mrd. Euro Umsatz erwirtschaften.

Rocket Internet betreibt in Afrika unter anderem den Vollsortimenter Jumia, das Auktionshaus Kaymu und den Mode-Shop Zando. Die Verantwortung für das Afrikageschäft trägt Sasha Poignonnec. Lesen Sie hier das Interview mit ihm über die Synergien innerhalb des Rocket Internet-Netzwerks und die weitere Expansion in Afrika.

Mehr zum Thema lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der TextilWirtschaft


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Thema: E-Commerce

Schlagworte: Zalando, Rocket Internet

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