Mehr als Kreischalarm: Die Erfolgsrezeptur von Zalando

zalando schrei
Der Zalando-Schrei ist Kult

Für den einen bedeutet Zalando: lange Schlangen mit orange Retourenpaketen am Postschalter. Für den anderen: schrille TV-Spots, die das Unternehmen auf eine gestützte Markenbekanntheit von 95 Prozent (ungestützt 61 Prozent) katapultierten.

Doch allein damit ist das rasante Wachstum nicht zu erklären. Die Wirklichkeit stellt sich komplexer dar.

Christian Meermann, Chief Marketing Officer, spricht im Interview mit etailment von "100 Prozent Performance-Aussteuerung". Einen "Kult" erkennt dagegen Dörte Spengler-Ahrens, Geschäftsführerin Kreation bei betreuenden Agentur Jung von Matt/Fleet, im Interview. Doch da ist noch mehr.

Da ist zunächst einmal das Markenversprechen. Die kostenlosen Retouren sind ein wichtiger Teil davon. Zalando war damit so erfolgreich, dass es den zweiten Teil seines Slogans „Schrei vor Glück – oder schick’s zurück“ angesichts einer Rücklaufquote, die man je nach Kategorie getrost bei 50 Prozent verorten kann, wieder einkassierte.

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zalando paket
Vor allem aber traf die Agentur Jung von Matt, die schon mit „Geiz ist geil“für Media-Markt einen gesellschaftlichen Trend in einem Satz verdichtete, mit dem Claim den Nerv der eher jungen Zielgruppe bis 35 Jahre.

Die unterschwellige Unverbindlichkeit der Generation Facebook im sozialen Umgang wird schlicht zur offenen „Egalheit“ beim Konsum. Bestellen verpflichtet zu nichts. Nun muss der Zauberlehrling die Auswüchse vorsichtig wieder einfangen. Er verteilte gelbe Karten an exzessive De-Shopper und erlaubte einigen als Zahlungsmittel nur noch Vorkasse. Außerdem erprobt der Online-Riese virtuelle Ankleideräume. Sie sollen die Retourenquote senken helfen.

Das Unternehmen und die Investoren

Robert Gentz  und David Schneider starteten Zalando 2008. Der Modeshop, im Oktober mit dem Marketing-Preis des Deutschen Marketing-Verbands ausgezeichnet, ist in 14 europäischen Ländern online. 50 Prozent des Gesamtumsatzes werden bereits außerhalb Deutschlands erzielt. Größter Einzelinvestor ist AB Kinnevik mit 26 Prozent. Die Schweden halten über ihre Beteiligung an Rocket Internet insgesamt 35 Prozent an Zalando. Die Startinvestoren Rocket Internet (und zu kleineren Teilen Holtzbrinck Ventures sowie Tengelmann Ventures) besitzen gemeinsam 56 Prozent. Hinzu kommen DST Global mit 9 Prozent, J.P. Morgan Asset Management mit 1,3 Prozent und Quadrant Capital Advisor mit 0,9 Prozent. Weitere Anteile hält das Management. Zudem erhielt Zalando im Sommer eine Fremdkapitalfinanzierung in Höhe von40,7 Millionen Euro von der Commerzbank und der Sparkasse Mittelthüringen.

Denn das Versprechen der kostenlosen Rückgabemöglichkeit bis 100 Tage nach der Bestellung drückt auf die Bilanz. Kolportiert wird, dass 2011 bei 510 Millionen Euro Umsatz 40 Millionen Miese in den Büchern stehen werden. Ende Februar muss Zalando Farbe bekennen.

Branchenkenner erwarten, dass der Pure Player dann gleichzeitig zwei Top-Zahlen verkündet: die Umsatzmilliarde für 2012 und die Ankunft in der Gewinnzone im deutschsprachigen Markt. Ein gewaltiger Sprung: 150 Millionen Euro Umsatz waren es 2010.

Lange konnte sich Zalando darauf verlassen, dass die aufgekratzten TV-Spots als Abgrenzung gegenüber den biederen Händlerauftritten der Eltern-Generation funktionieren. In der Überdrehtheit seiner Kommunikation ist Zalando eben mehr Lady Gaga als Andrea Berg und inzwischen Teil der Popkultur und Lifestyle-Ausdruck. „Der Schrei wurde Kult und die Marke zur Kultmarke“, sagt Dörte Spengler-Ahrens, Geschäftsführerin Kreation bei Jung von Matt/Fleet, im Interview (unten auf der Seite).

umsatztabelle zalando

Beleg dafür: Zahlreiche Web-Parodien. Vor allem aber beweist der Schokolade-Bote aus dem Weihnachts-Spot den Kult um die Marke. Die schokoladige Requisite aus dem Clip vertrieb der Fashion-Retailer auf Bitten der Facebook-Fans – so will es die Legende – auch bei Tengelmann und Co. Rund 200.000 Stück wurden verkauft.

 

Reichweite

Bekleidung, Schuhe und Schmuck – diese Produkte kaufen 39 % der Deutschen online am liebsten. Dies ergab eine Studie des Marktforschungsunternehmens Nielsen im August 2012. Der Onlinehändler Zalando erreicht dabei mit 3,93 Millionen Usern, 65 Prozent der Nutzer sind Frauen, die größte Beliebtheit unter den Fashion-Anbietern. Dahinter liegen die Versandhändler Bon Prix und Otto. Laut “Online Shopping Survey” der GfK ist Zalando mittlerweile der fünftgrößte Onlinehändler in Deutschland.

Mit TV-Werbung allein ist der Erfolg aber eben nicht zu erklären. Die Marke ist omnipräsent. Vor allem die junge Zielgruppe ist medial längst in allen Kanälen zu Hause. Da muss Zalando das Markenerlebnis überall greifbar machen. Ganzheitliches Marketing? In der Firmenzentrale in einem ehemaligen Umspannwerk im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ist das nicht nur ein Buzzword. Dort orientiert sich Marketing-Chef Christian Meermann vor allem an einer Maxime: 100 Prozent Performance-Aussteuerung: „Wir steuern Budgets nach Effizienzmaximierung flexibel aus und passen kurzfristig an.“

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Christian Meermann

Das sieht dann so aus: Rund 94 Millionen Euro brutto gab Zalando bis November 2012 laut Nielsen für Werbung above the Line aus. 17 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Knapp ein Drittel (30 Millionen Euro) wanderte allein in den Online-Kanal. Rund 9 Millionen Euro weniger als 2011. Einsparungen für eine bessere Bilanz? Eher nicht. Meermann dreht jeden Cent genau um. „Unser Anspruch ist es, 100 Prozent unserer Marketingmaßnahmen zu kontrollieren. Die Fehlerquote, die wir dabei einkalkulieren, ist minimal“, sagt er im Interview (unten auf der Seite).

Der Media-Einkauf

Wie hoch das TV-Budget vom Zalando tatsächlich ist, bleibt angesichts des Media-for-Revenue-Share-Programms im Zusammenspiel mit ProSiebenSat.1 unklar. Was das Unternehmen real zahlt, ist schwer zu kalkulieren. Denn die Vermarktungstochter Seven Ventures lässt sich die Werbezeiten der Sendergruppe gleich auf drei Arten entlohnen: Die Partnerunternehmen zahlen in jedem Fall eine Minimum-Garantiesumme. Dazu kommt eine Umsatzbeteiligung am Unternehmenserfolg und eine Equity-Komponente, die nur im Fall eines Börsengangs fällig wird.
Im TV zu sehr auf die Bremse zu drücken, wäre dennoch höchst riskant. Der Umsatz korreliert mit der Ausstrahlung der Werbespots. Das zeigt sich sogar beim Couch-Commerce. Meermann: „Pro ausgestrahltem Zalando Werbespot steigt die Nutzung unseres mobilen Angebots auf Smartphones und Tablets um beinahe das Dreifache.“

Hilfreich beim Austarieren der Stellschrauben ist, dass Zalando wie kaum ein zweites Unternehmen mit Detailverliebtheit Daten sammelt und auch nutzt. Wer schon mal bei Zalando bestellt hat, weiß das. Ihm werden dann im Newsletter nicht irgendwelche Angebote gemacht, sondern die passenden. Da wird nichts dem Zufall überlassen, um die 2,2 Millionen Visits am Tag in Umsatz zu verwandeln. So zeigen bei den Produktabbildungen die Schuhspitzen bewusst  nach links: Das klickt besser.  3 bis 4 Kontakte braucht es in der Regel, bis der Kunde kauft. Als Zalando im Herbst seinen Relaunch hinlegte, der vor allem Änderungen im Detail zeigte, waren dem lange A/B-Test voraus gegangen.

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Die neue Website: Bessere Suchmaske. Das Paket symbolisiert den Warenkorb

Hinzu kommen neue Einkaufskanäle für Media. Laut RTB 2012 Reports von Infectious Media gibt Zalando das höchste Budget für Realtime Bidding im deutschen Display-Werbemarkt aus – noch vor Otto. Allein für das Suchmaschinenmarketing belegt die Marke zudem rund 100 Millionen Keywords.Zudem kümmert sich das Unternehmen intensiv um neue Touchpoints wie das Sponsoring der Pro-Sieben-Show „Germany’s next Topmodel“.

Social Media

Bei Facebook hat Zalando über 440.000 Fans. Und die werden nicht nur mit PR, sondern einem kunterbunten Lifestyle-Füllhorn versorgt. Zuletzt gingen bei Facebook die „ProFashionals“ Claudia und Sandrina an den Start. Sie sollen Mode-Beratung bieten. Daneben bietet Zalando auch noch einen Corporate Blog und eine Fashion-Blog mit Mode-News. Als Abverkaufskanal spielt Social Media kaum eine Rolle.

Auch Kataloge gewinnen mehr Gewicht auf der Medien-Klaviatur: Längst stützt Zalando mit Online-Magazin und Web-Editorials nicht nur seine SEO-Macht, sondern das Einkaufserlebnis im Webshop. Auch gedruckt. Während Wettbewerber sich noch mit Katalogen durchwurstelten, legten die Berliner bereits das erste Magazin auf. Inzwischen liegt die Auflage bei zwei Millionen Exemplaren. Es macht – natürlich auch als App – die Breite des Sortiments mit rund 1300 Marken erlebbar und liefert inhaltlich durchaus eine Alternative zu klassischen Modetiteln.

Im September folgte der Katalog für Männer, wenig später der erste Wohnen-Katalog (Auflage je 250.000 Exemplare). Es gilt neue Zielgruppen und Sortimente zu erschließen. Männer sind laut Meermann ein Fokus für 2013. Mittlerweile macht der Online-Versender aus dem Rocket-Internet-Imperium, der seinen Siegeszug mit Schuhen begann, gut die Hälfte des Umsatzes außerhalb dieser Kategorie.

zalando magazin

Der klassische Webshop für den Desktop-PC ist dafür nur ein Kanal für den Liebling der Mode-Hersteller.  Schon jetzt wird jeder zehnte Euro bei Zalando auf Mobilgeräten umgesetzt. 

Im Dezember folgte der neueste Schrei: Die App. Samt Barcode-Scanner, weil Showrooming, also der direkte Preisvergleich im Laden, längst zum Volkssport geworden ist, und natürlich mit etlichen Social-Sharing-Features, damit die Nutzer ihre Outfits in den eigenen Netzwerken teilen können.

Ein weiterer Kanal ist die Zalando-Lounge. Sie gibt sich als Shopping-Club. Nur angemeldete Mitglieder können an den Verkaufsaktionen teilnehmen. Das soll den Schnäppchen einen exklusiven Charakter geben. Vorbilder sind Clubs wie Vente-Privée und Brands4Friends.

Die Logistik

In Erfurt hat der Mode-Riese im Sommer 2012 sein erstes selbst konzipiertes Logistikzentrum in Betrieb genommen. Mit 120.000 Quadratmetern Lagerfläche ist es das größte Warenlager für Schuhe und Mode in Europa. Die Fertigstellung zweier Erweiterungshallen ist für Sommer 2013 geplant. Kosten: mehr als 100 Millionen Euro. ”Im Oktober 2012 wurde zudem der Bau eines weiteren Logistikstandortes mit über 75.000 Quadratmetern Lagerfläche in Mönchengladbach auf den Weg gebracht. Weitere Logistik-Standorte sind Brieselang und Großbeeren.

Um das Sortiment auszuweiten, hat sich Zalando auch für externe Händler und Hersteller geöffnet. Über die Schnittstelle von Tradebyte können Händler seit Frühjahr 2012 ihre Produkte vermarkten. Erster Vertriebspartner war der Sportartikelanbieter Outfitter Five. Bis auf die Logistik übernimmt Zalando beim Partnerprogramm alle Aufgaben und kassiert eine Kategorieabhängige Provision. Bei der Wahl der Partner ist Zalando wählerisch. Gefragt sind Anbieter mit hochwertiger Warenpräsentation. 

Derweil gewinnen die Eigenmarken an Gewicht. Gut ein Dutzend sind es seit dem Start der ersten eigenen Mode-Linie „Zalando Collection”.

stups eigenmarke zalando
Stups: Eigenmarke von Zalando

Ihr Umsatzanteil liegt je nach Kategorie im zweistelligen Prozentbereich. Das lässt sich steigern. Für die Schuhmarke Zign gab es erstmals TV-Werbung. Marken wie Zign und Stups für Kinder kommen vom Berliner Designer-Team zLabels. Es ist Teil des Zalando-Imperiums.

Eigenmarken stärken nicht nur die Bindung an die Markenwelt, sondern versprechen eine deutlich höhere Rendite. Die brauchen die Gründer Robert Gentz und David Schneider und natürlich Marc, Oliver und Alexander Samwer, die Zalando über den Inkubator Rocket Internet aus der Taufe gehoben haben. Nur dann lassen sich die zahlreichen Investoren befriedigen, deren finanzieller Einsatz zu einer Bewertung von rund 2,8 Milliarden Euro für das Unternehmen führt.

Der Name

Der Name Zalando soll sich aus dem Vorbild Zappos, dem US-Vorbild und Alando zusammensetzen.  Das später an eBay verkaufte Online-Aktionshaus war die erste Gründung der Samwer-Brüder.

„Die größte Internetwette Deutschlands“, nennt es das „Manager Magazin“. Ein Börsengang in den kommenden Jahren gilt als wahrscheinlich.

Multichannel?

Ganz unaufgeregt betreibt Zalando ein bisschen Multichannel. Neben Pop-up-Store-Aktionen in der Weinmeister Straße in Berlin-Mitte zum Start der eigenen Zalando Collection werden Restposten über ein stationäres Outlet an der Köpenicker Straße 20 in Berlin vertrieben. Dort gibt es auf 800 Quadratmetern über 10.000 Artikel mit 30 bis 70 Prozent Rabatt. Im Outlet landen vor allem Einzelgrößen, die auf der Website keinen Sinn mehr machen und Ware der vergangenen Saison. „Aber das erfüllt seinen punktuellen Zweck und ist kein Geschäftsmodell für uns. Stationär ist nicht unser Fokus“, sagt CMO Christian Meermann

Ein Verkauf an Amazon so wie das Vorbild Zappos gilt nicht mehr als Exit-Option. Dafür ist Zalando längst zu groß, zu teuer. Für einen Börsengang spricht neben Großinvestor Kinnevik der Einstieg des russischen Milliardärs Jurij Milner mit der Investmentgesellschaft DST. Die brachte schon Facebook mit an die Börse: Wann der Börsengang kommen könnte? Das Zalando-Management wiegelt da ab. „Wir sind nicht auf einen IPO fixiert, sondern konzentrieren uns auf das operative Geschäft“, kommentiert Meermann.

Angesichts neuer Sortimente und Zielgruppen sieht Werberin Spengler-Ahrens Zalando gegenwärtig ohnehin vor einer ganz anderen Aufgabe: „Nichts ist so sensibel und so leicht verderblich wie eine Kultmarke. Die Balance zwischen Gefühl und Kalkül zu halten und immer wieder neu zu überraschen und zu begeistern, darin liegt die Herausforderung.“

Und sie liegt darin, mit der Kommunikation Männer künftig effektiver zu erreichen. Denn die Mechanik der Spots entwickelte sich bislang eher auf dem Lusterlebnis, das viele Frauen speziell mit dem Schuhkauf verbinden. Das ist natürlich nur begrenzt auf Männer übertragbar. „Mit dieser Diskussion beschäftigen wir uns derzeit“, sagte Meermann Ende 2012 gegenüber Horizont. Zentrale Elemente wie „Schrei vor Glück“ werde man aber nicht ändern. Der Kult bleibt.


Lesen Sie jetzt: Dörte Spengler-Ahrens, Geschäftsführerin Kreation bei Jung von Matt/Fleet, im Interview über den Kult um Zalando, und Zalando-CMO Christian Meermann über den Kurs 2013. 

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Dörte Spengler-Ahrens

Die Agentur Jung vonMatt/Fleet ist das kreative Team hinter der Kult-Kampagne. Im Interview sagt  Dörte Spengler-Ahrens, Geschäftsführerin Kreation bei Jung von Matt/Fleet, welche Inhalte die Marke kommunizieren muss.

Was macht nach den Markenkern von Zalando aus?

Zalando ist pures Konsumentenglück. Frech, unberechenbar und aufregend wie Mode idealerweise ist. Der Schrei wurde Kult und die Marke zur Kultmarke im Fashion Retail. Neben einem Shoppingerlebnis mit der Produkauswahl einer gesamten Fußgängerzone zur Convienence des eigenenWohnzimmers bietet Zalando auch Fahionistas die neusten Trends und Designer.

 Woran lässt sich der Lifestyle der Marke kommunikativ festmachen?

In der Werbung fängt der Lifestyle schon bei der Auswahl der Darsteller an und hört bei der Tonalität der aktuellen Geschichte auf. Manchmal gelingt es auch einer Werbeidee ins Daily Life zu kommen: aktuelles Beispiel ist der Hype um den Schokoladenpostboten.

Wenn Sie Zalando mit einer Automarke vergleichen würden, welche wäre das?

Zalando lässt sich nur schwer mit einer Automarke vergleichen- denn die Marke ist schräger Kult, das Produkt (normalerweise ein Widerspruch) ein Massen-Phänomen. Vom Kult am ehesten MINI, von der Masse gibt es nichts vergleichbares.

Zalando hat bereits eine extrem hohe Markenbekanntheit. Welche Inhalte muss die Werbung nun vorrangig kommunizieren?

Nach dem rasanten Aufbau der Bekanntheit hat die Kommunikation andere Aufgaben übernommen. Neue Inhalte wie Ausbau des Angebots. Impulse wie Aktivierung neuer und alter Zielgruppen. Wachsende Kundenbindung. Und fast am Wichtigsten: Kunden zu Fans der Marke machen und halten.

In wieweit belegt der Erfolg der Spots auch die Sinnhaftigkeit von Storytelling in der Werbung?

Als Zalando startete, gab es noch viele Vorbehalte gegenüber Onlineshopping. Diese Ängste, Hemmschwellen waren starke Emotionen, die es auszuräumen galt. Wer einen Mindshift bei Menschen auslösen will, muss in Wirklichkeit einen Emotionshift schaffen. Rationale Argumente reichen nicht - es muss eine für Menschen relevante Story nachvollziehbar gemacht werden - das können Geschichten am Besten. Nicht umsonst ist die Bibel eine Geschichten - und keine Thesensammlung.

Die Kommunikation ist mal schrill, mal polarisierend. Inwiefern lässt sich diese Kontinuität mit Blick auf den Massenmarkt aufrechterhalten?

Nichts ist so sensibel und so leicht verderblich wie eine Kultmarke. Ein falscher Move (egal in welche Richtung - ob zu plump - ob zu brav – ob zu kommerziell) und man verliert seine Fans. Das ist wie in einer Beziehung. Da kann ein falsches Wort auch das Ende bedeuten. Diese Balance zwischen Gefühl und Kalkül zu halten und immer wieder neu zu überraschen und zu begeistern, darin liegt die Herausforderung.


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Christian Meermann

Christian Meermann ist der Chief Marketing Officer von Zalando und ein Mann mit Blick fürs Detail. Im Interview sagt er , wo 2013 der Fokus liegt und welche Pläne Zalando im stationären Geschäft verfolgt.

Zalando hat bereits eine extrem hohe Markenbekanntheit. Welche Inhalte muss die Werbung nun vorrangig kommunizieren?
Vorrangig ist es nun unser Ziel in den Köpfen der Kunden zu verankern, dass wir die Nummer 1 Fashion Destination im Internet sind. Darüber hinaus steht im Fokus unserer Kommunikation unsere riesige Auswahl aus 1300 Marken und der erstklassige Service mit kostenloser Lieferung und Rücksendung, der das Shopping bei Zalando für den Kunden sehr komfortabel und unkompliziert macht.

Die Kommunikation ist mal schrill, mal polarisierend. Inwiefern lässt sich diese Kontinuität mit Blick auf den Massenmarkt aufrechterhalten?
Unsere Kunden lieben unsere Werbung. Unser Schoko-Weihnachtsmann aus unserem letzten Spot hat sich 200.000 Mal im Handel verkauft. Täglich bekommen wir Einsendungen mit neuen Ideen für Stories rund um den Postboten. Unsere Kunden sind immer wieder auf`s Neue gespannt auf den nächsten Spot.

Werden Eigenmarken dabei künftig eine noch stärkere Rolle spielen?
Unsere Eigenmarken sind extrem erfolgreich. Was nicht zuletzt an unserer Kommunikation liegt. Im Zentrum steht Zalando Collection mit Designerkooperationen, wie aktuell Kaviar Gauche, die für den Verkaufsstart im März unser erstes Brautkleid bei Zalando entworfen haben.

In vielen Köpfen gilt Zalando gilt immer noch als Schuhversender für Frauen.
50 Prozent unseres Umsatzes werden außerhalb der Kategorie Schuhe gemacht. Am Anfang hatten wir hauptsächlich weibliche Kunden. Mittlerweile sind die Männer fast gleich auf und wachsen weiter. Daher bauen wir auch unser Herren-Sortiment konsequent weiter aus und legen hier einen Fokus für 2013.

Für Werbung hat Zalando 2012 weniger ausgegeben. Soll dieser Kurs fortgesetzt werden?
Viele extern erhobenen Zahlen stimmen nicht mit der Realität überein. So haben wir 2012 an unserer Marketingstrategie und dem Werbedruck nicht viel geändert. Klar, Budgets können pro Kanal variieren. Das ist auf unsere Marketingstrategie mit 100 Prozent Performanceaussteuerung zurück zu führen. Wir steuern Budgets nach Effizienzmaximierung flexibel aus und passen kurzfristig an. So kann es in den einzelnen Kanälen zu Budget Shifts kommen.

Planen Sie größere Umschichtungen im Media-Budget?
Wir werden 2013 an unserer erfolgreichen Strategie festhalten und weiter verstärkt auf TV und Onlinemarketing wie Display, SEM und Affiliate setzen.

Alastair Bruce, Director Retail, Google Germany lobte Zalando bei der Verleihung des Deutschen Marketing-Preises als ist Beispiel für innovatives, effizientes und datengetriebenes Marketing. Wo gilt das besonders?
Unser Anspruch ist es, 100 Prozent unserer Marketingmaßnahmen zu kontrollieren. Die Fehlerquote, die wir dabei einkalkulieren, ist minimal. Nur durch das umfassende Tracking können wir alle Kontakte vereinen und im vollen Umfang effizient sein. In unserem Online-Shop können wir nahezu 100 Prozent des Traffics zuordnen und auch sehr genau zwischen Mobile- und regulärem Online-Shop unterscheiden. 

Zalando setzt auch mit einer neuen App erheblich auf Mobile Commerce. Eine eigenständige Umsatzquelle?
Wir sehen einen klaren Wandel im Einkaufsverhalten des Kunden und sind uns sicher, dass die mobile Nutzung weiter steigen und sich langfristig durchsetzen wird. Übergreifend lässt sich eine deutlich zunehmende Nutzung von Mobile feststellen. Deshalb haben wir darauf mit unserer neuen Zalando App für die Systeme IOS und ab bald auch Android reagiert. Durch die noch bessere Erreichbarkeit unseres Sortiments für unterwegs, stellt die App sicherlich auch eine zusätzliche Einnahmequelle für uns dar.

Jenseits des Zalando-Outlets in Berlin hört man von Plänen für weitere Outlets in anderen deutschen Metropolen. Wie ist der Stand der Dinge?
Unsere Stärke ist online. Das bietet so viele strukturelle Möglichkeiten in der Sortimentstiefe-,-breite und in der Reichweite und das wollen wir richtig transportieren. Stationär ist nicht unser Fokus. In Berlin betreiben wir ein Outlet mit geschlossenem Shoppingsystem. Aber das erfüllt seinen punktuellen Zweck und ist kein Geschäftsmodell für uns.

„Alle Welt“ erwartet einen Börsengang. Welchen Einfluss haben mögliche Pläne in diese Richtung auf die gegenwärtige Strategie und Kommunikation?

Wir sind nicht auf einen IPO fixiert, sondern konzentrieren uns auf das operative Geschäft.

Was nervt Sie mehr, die Höhe der Retouren oder das Gerede über Retourenquoten in den Medien?
Es gibt zahlreiche Spekulationen über unsere Retourenquote, die aber reine Spekulationen bleiben und nicht der Wahrheit entsprechen. Uns nervt dieses Thema nicht im Geringsten. Die Retouren sind zentraler Bestandteil unseres Geschäftsmodells, an dem wir festhalten. So konzentrieren wir uns weniger auf die Spekulationen, als vielmehr darauf, dass der Kunde das bestmöglichste Einkaufserlebnis und den besten Service von uns bekommt.

Fehlkäufe ließen sich auch durch diverse Augmented Reality-Lösungen minimieren. Denkt Zalando über einen breiten Einsatz entsprechender Lösungen nach?
Generell sehen wir uns natürlich alle neuen und relevanten Entwicklungen genau an und testen dann von Fall zu Fall, ob sich neue technische Innovationen für unser Modell nutzbar machen lassen.

Wie lief das Weihnachtsgeschäft?
Wir sind sehr zufrieden mit dem Weihnachtsgeschäft 2012, zu dessen positivem Ergebnis auch unser erster Weihnachts-TV-Spot beigetragen hat. Wir freuen uns schon auf Weihnachten 2013!

Als Zugabe: Christian Meermann auf dem OMCap-Kongress im Oktober in Berlin über den digitalen Umgang mit Kunden:

 


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Thema: E-Commerce

Schlagworte: Zalando, Umsatz, media

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Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Dieter
    Erstellt 19. Januar 2013 11:03 | Permanent-Link

    Auch durch das ständige Wiederholen das Wortes "Kult" wird eine Marke nicht zum Kult.
    Der nervige Schrei ist kein Kult, er ist einfach nur nervig, oder sehen sie Menschen die diesen Schrei adaptieren?
    Zum Kult wird eine Marke, wenn sie Wandlungen durchlebt und dabei die Fans / Kunden auch mitnehmen kann.
    Zum Thema "Kult" sollte man sich mal die Frage stellen: wenn das Unternehmen einfach so verschwinden würde, würde dann irgendjemanden sagen "weißt du noch, damals das tolle Zallando Unternehmen?".
    Diese Frage übertragen sie mal auf richtige Kultfirmen wie CocaCola, google, Apple, Mini, usw.

  2. Onie Horst Dorsten
    Erstellt 20. Januar 2013 08:12 | Permanent-Link

    Keine weiteren Outlets? Keine Filialen in Planung?
    Ich glaub's nicht!

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