ZDF-Enthüllung: Die verlogene Empörung über Zalando, Amazon und Co

Amazon shitstorm
Drastischer Kommentar bei Amazon: Bude anstecken

Es gibt Kunden, die kaufen Steak, 1 Euro für hundert Gramm, und fragen sich nicht, ob das Tier jemals gelebt hat. Es gibt Kunden, die kaufen beim Mode-Discounter das T-Shirt für 3,99 und fragen sich nicht, welche Kinderhände da genäht haben. Und es gibt Menschen, die bestellen bei Zalando, mit kostenlosem Versand und Retouren, und sind nach einem ZDF-Bericht plötzlich völlig perplex. Winz-Lohn von 7,01 Euro die Stunde, miese Arbeitsbedingungen, mangelnde Hygiene prangert der ZDF-Bericht  „Gnadenlos billig“ bei ZDF-Zoom an. Prompt erlebt Zalando, neben Amazon vom ZDF in Visier genommen, einen Shitstorm bei Facebook. Sogar vor Gewaltandrohungen wird nicht zurückgeschreckt. 

Schämt euch, Ausbeutung, Drecksladen - bei Facebook macht sich die Empörung Luft. Von Kaufverzicht ist vielfach die Rede.  "Man sollte denen die Bude anstecken", fordert gar ein "Amazon-Fan" bei Facebook.

Man hätte es ahnen können. Schon als Günter Wallraff die Missstände beim Paketzusteller GLS anprangerte, hätte dem letzten Kunden klar sein müssen: Der Wettbewerb um den besten Preis und noch mehr Marge im Versandhandel funktioniert auf weiten Strecken nur,  wenn an den Personalkosten gespart wird. Bis an die Grenze des Zumutbaren und auch darüber hinaus.  

Neu ist das alles schließlich nicht. Einiges davon wärmt der ZDF-Bericht nur auf. Die Gewerkschaft Ver.di schimpfte beispielsweise schon 2010 über Lohn-Dumping bei Amazon, hob 2006 den Vorwurf der Ausbeutung auf das Schild. 

Im November 2011 berichtete unter anderem die Süddeutsche Zeitung, bei Amazon würden Hartz-IV-Empfänger zu Praktikanten - und der Steuerzahler zahlte ihnen weiter Arbeitslosengeld.

Negativschlagzeilen und Boykottdrohungen verpufften. Geschadet hat es dem Umsatz bestenfalls in homöpathischen Dosen. 

Denn das ist die bigotte Seite an der schnellen Empörung. Wenn sich die erste Aufregung gelegt hat, dann zählt, von Einzelfällen abgesehen, wieder der Preis. Bei Zalando, bei Amazon und anderswo. Der Kunde ist ein vergessliches und bequemes Wesen. Erste Regel also bei Shitstorm: Kein Panik. 

Ein wenig scheint darauf auch Zalando zu setzen.  Dort schiebt das Management, man kennt das, via Facebook  und Unternehmensblog Partnerunternehmen die Schuld in die Schuhe. Nicht minder bigott heißt es: „Wir freuen uns, dass Ihr Euch mit solchen Themen auseinandersetzt und uns in die Verantwortung nehmt“ und verspricht, man werde die betroffenen Partner „stark prüfen und noch regelmäßiger kontrollieren, damit es zu keinen Missständen mehr kommen kann.“  Künftig wolle man „für die Angleichung aller Standards Sorge tragen.“ Auf deutsch: „Tschuldigung, Schwamm drüber.“ 

Zalando shitstorm
Auf der Zalando-Fanpage hagelt es böse Kommentare

Das ist schade. Zalando könnte jetzt nach vorne preschen. Die Kritik zum Anlass nehmen, Nachhaltigkeit und Social Responsibilty zum eigenen Auftrag machen. Das brächte Sympathiepunkte bei einer Kundschaft und in einer Gesellschaft, die zunehmend auf solche Werte achtet. Auch beim Einkauf. Doch das ist ein langfristiger Trend. Vielleicht zu langfristig für die Pläne der Samwer-Brüder.  

Und es wäre vielleicht auch nicht so elegant für die Kostenstruktur. Schließlich ist da noch der Wettbewerber Amazon, der aus Sicht der Gewerkschaften immer wieder gerade einmal das Nötigste unternimmt, um die Wogen zu glätten. Gerade erst, wenige Tage vor dem ZDF-Bericht,  war wieder einmal von „menschenunwürdigen“ Zuständen in der Logistik die Rede.

Es hat ja auch immer wieder ausgereicht. Denn in spätestens zwei Wochen wird vor allem wieder über den Preis geschrien, nicht über den Lohn der Zuarbeiter in der Logistikkette.

 Der Autor hat vor dem Studium eine zeitlang als Kommissionierer in einem Großlager einer Handelskette gearbeitet. Gezahlt wurde nach Stundenlohn, erwartet damals schon ein ständig steigendes vorgegebenes und kontrolliertes Pensum.

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Thema: E-Commerce

Schlagworte: Amazon, Zalando, ZDF

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Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Stefan
    Erstellt 27. Juli 2012 09:00 | Permanent-Link

    "Mehr für weniger" lautet die Devise, online wie offline, und dann wundern sich Alle,und schreien öffentlich aua und weh.... nur Um "Morgen" wieder den billigsten Preis zu fordern! Ausnamen bestätigen auch hier die Regel.

  2. Erstellt 27. Juli 2012 09:00 | Permanent-Link

    ist ja mal wieder klar! immer sind andere schuld...

  3. Erstellt 27. Juli 2012 09:02 | Permanent-Link

    Die Personen, die davon "direkt" betroffen sind, sind im Verhältnis zu den reinen Kunden, die bei Zalando und Co. einkaufen extrem gering. Der Kunde will immer den kleinsten Preis und den besten Service. Und was dahinter passiert, interessiert ihn schlichtweg nicht. Seien wir mal ehrlich: Irgendwie steckt in jedem von uns ein Sparfuchs - egal ob bei Schuhen, Büchern, Fleisch oder Obst. Offene Märkte fordern (leider) Opfer. Mir gefällt das auch nicht, aber das gehört wohl auch zu einer offenen Marktwirtschaft.

  4. Erik
    Erstellt 27. Juli 2012 09:39 | Permanent-Link

    Man ist sich einig. Über das Konsumverhalten der Verbraucher wird sich nichts ändern.
    Mein Wunsch: MINDESTLOHN
    Ich wähle entsprechend ...

  5. Anja
    Erstellt 27. Juli 2012 10:12 | Permanent-Link

    So ist es, die aufgebrachte Masse ist mal wieder schrecklich heuchlerisch. Empört sich jetzt ganz gutmenschenmäßig über die armen Lagermitarbeiter und die bösen Versandunternehmen. Gleichzeitig würden sie aber nie woanders kaufen, da man woanders die Versandgebühren nicht für 0,00 bekommt :D Beides lässt sich halt schlecht vereinbaren.

  6. Ron
    Erstellt 27. Juli 2012 10:16 | Permanent-Link

    Tja, so ist das leider.

  7. Carsten
    Erstellt 27. Juli 2012 10:24 | Permanent-Link

    Olaf, aufgeklärte, medienaffine Menschen die sich auch in den kritischen Medien bewegen, sind sicher nicht überrascht. ich möchte nur zu bedneken geben, dass ich in solchen fällen nicht von mir auf andere schließen kann, denn der großteil der bevölkerung ist einfach nicht so firm mit diesen aufklärenden artikeln. dazu ist das thema zu wenig boulevardblatt.

  8. Erstellt 27. Juli 2012 11:08 | Permanent-Link

    Die Branche ist keine Nische mehr und beschäftigt die Presse - völlig normal. Abnormal, wenn man denkt, der Kelch würde ausgerechnet an Zalando vorübergehen. Weitere Shitstorms werden folgen - Wallraff lässt grüßen http://etailment.de/2012/e-commerce-und-moral-guenter-wallraff-ruettelt-auf/

  9. Erstellt 27. Juli 2012 11:29 | Permanent-Link

    Ein Blick in Deutschlands führendes Arbeitgeberbewertungsportal reicht eigentlich vollkommen aus, um sich über Zalando im Klaren zu sein: http://www.kununu.com/de/all/de/in/zalando

    Es ist gut, dass man mit solchen Plattformen und Beiträgen wie diesen oder im ZDF Transparenz schafft. Das erhöht den Druck auf die Unternehmen, die Probleme anzugehen. Denn auf Dauer können sich Arbeitgeber solch ein Vorgehen nicht erlauben!

  10. Erstellt 27. Juli 2012 12:09 | Permanent-Link

    @ Alper. "Der Kunde will immer den kleinsten Preis und den besten Service" -> Und genau das wage ich zu bezweifeln. "Der Kunde" verändert sich, Nachhaltigkeit und Fairness wir nicht nur in der oberen Mittelschicht zum Thema, wenn ich das einigermaßen korrekt beurteilen kann. Das man die Machenschaften in der Logistikbranche auch mal öfters anprangert, finde ich gut und richtig. Das ich von Zalando und den (drei) Köppen dahinter nicht viel halte, steht auf einem anderen Blatt; lässt mich persönlich den Bericht aber eher "zustimmend" als sonstwas sehen.

  11. Stephan
    Erstellt 27. Juli 2012 12:29 | Permanent-Link

    Den günstigsten Preis macht doch immer noch das Unternehmen und nicht der Kunde. Soll doch Z. mit Preisen am Markt bestehen, die auch dem Personal helfen.

  12. Erstellt 27. Juli 2012 13:04 | Permanent-Link

    Ich denke schon, der durchschnittlich informierte Verbraucher kann das wahrnehmen, wenn er mag. Über Betriebspraktika von Arbeitslosen berichtete sogar Bild. Man blendet das Unangenehme aber lieber schnell aus.

  13. Erstellt 27. Juli 2012 13:06 | Permanent-Link

    Danke für den Hinweis. Die Kritik zieht sich ja durch alle Bereiche. Interessant auch die jeweiligen Kommentare von Z. nach Schema F.

  14. Erstellt 27. Juli 2012 13:42 | Permanent-Link

    Und, was würde passieren wenn Zalando plötzlich die Löhne massiv anhebt, Google-ähnliche Arbeitsbedingungen schafft und dafür dann die Preise um schätzungsweise wenigstens 30% anhebt? Kein kostenloser Versand mehr und Preise deutlich überm Wettbewerb - die Presse würde über die schlechte Unternehmenspolitik des dann insolventen Zalandos schreiben und alle weinen, weil es wieder ein paar tausend niederqualifizierte Arbeitslose mehr gibt.

    Ich bin wahrlich kein Freund von ausbeuterischen Unternehmenskonzepten, aber noch weniger mag ich unrealistische Forderungen.

    Aber wie es schon richtig geschrieben wurde: in ein paar Tagen ist alles wieder vergessen und es geht weiter wie bisher.

  15. Erstellt 27. Juli 2012 14:08 | Permanent-Link

    Dass der Slogan "Geiz ist geil" von einem deutschen Unternehmen kommt, ist sicher kein Zufall. Und dass der Anteil der Discounter mit Billig Billig Billig - Angeboten in Deutschland mit Abstand am höchsten ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern (wo es den Menschen einkommensmässig weitaus schlechter geht), passt auch ins Bild.
    Es sind schlichtweg die Konsumenten, die es in der Hand haben, hier etwas zu ändern.

    Aber eben: Handyempfang ja - Mobilfunkantenne auf dem Dach nein, Atomausstieg ja - Windrad auf dem Feld gegenüber nein, etc. pp.

    Und solange der Konsument = Bürger nicht zu dem steht, was er sagt, funktioniert auch sowas wie Bürgerbeteiligung nicht wirklich!

  16. Stephan
    Erstellt 27. Juli 2012 14:15 | Permanent-Link

    Lieber Enrico,

    na dann viel Glück auf der Sonnenseite des Lebens! Typen wie Dich braucht man mindestens genau so wenig....

  17. Erstellt 27. Juli 2012 14:20 | Permanent-Link

    Genau Stephan,

    Du bist wahrlich das Sinnbild für den Deutschen Internetwutbürger. Hauptsache anonym seinen geistigen Abfall abladen und sich selbst darüber freuen welch intellektuelle Glanzleistung man doch in seinem Keller erbracht hat.

  18. Erstellt 27. Juli 2012 14:22 | Permanent-Link

    Bitte diskutiert zur Sache und spart persönliche Angriffe aus.

  19. Erstellt 27. Juli 2012 14:24 | Permanent-Link

    Bitte diskutiert auch als Angesprochener zur Sache und spart persönliche Angriffe aus.

  20. Jan
    Erstellt 27. Juli 2012 14:35 | Permanent-Link

    Wenn Zalando nicht mehr versandkostenfrei liefern würde, könnten Sie vielleicht ihre Retourenquote von 70% senken ;)

    Aber mal im Ernst: So ein Shitstorm ist doch klassisch in der momentanen Gesellschaft, wie im Fußballstadion: Einfach mal abreagieren. Und 95% der Basher haben garantiert Dritte Welt Schuhe an und haben beim Kaufen die Produktion nicht reflektiert.

  21. Hner Hnersson
    Erstellt 27. Juli 2012 14:43 | Permanent-Link

    Nicht jeder entscheidet primär nach dem Preis. Vielleicht muss man genau das tun: Den offenen Markt infrage stellen, denn dieser ist nur solange eine sinnvolle Option, solange einer Gesellschaft mehr Nutzen als Schaden daraus erwächst und genau das wird immer fraglicher.

  22. jacqueline
    Erstellt 27. Juli 2012 15:45 | Permanent-Link

    Ich möchte nur nochmal deutlich sagen (und ich prangere das an): 7,01 ist der Mindestlohn in der Zeitarbeit für den Osten ab 01/2012. Die Arbeit von Callcenteragents wird als Arbeit mit Wiederholungen und kurzer Anlernmöglichkeit in die Entgeltstufe 1 gesetzt. D. h. bei einer 40 Std. Woche (ist kräftemäßig kaum zu schaffen bei dem Job) kommt man auf etwas unter 1.200 € brutto, bei 6 Std./Tag auf entsprechend noch weniger. (Was einen dann zum Aufstocker macht.)

    Gute Callcenter in Berlin in der Bestellannahme zahlen einen Stundenlohn von 7,50 - 8,00 €. Möglichkeiten zur Aufbesserung ergeben sich durch Up-/Crosssellings und Boni, wenn man viele Telefonate in kurzer Zeit zufriedenstellend bearbeitet hat.

    Mehr gibt es, wenn technische Fachkenntnisse gefordert sind, im Outbound oder im B2B-Kundenservice. D. h. ein CCA hat i. d. R. nur die Wahl sich seinen Arbeitgeber nach dem Thema/Branche, nach der Art, wie langfristig z. B. die Schichten geplant werden (sog. "Muttischichten"), nach evtl. Zusatzleistungen wie BVG-Karte, nach Fahrweg, Betriebsklima auszusuchen.

    D. h. also, dass jeder Kontakt, den wir als Kunden mit einem CC haben, auf mehr oder weniger derartige Arbeitsumstände trifft. Soviel ich weiß ist Zalando ein Inhouse-CC, also direkt von Zalando betrieben. In der Branche der Groß-Callcenter, die für verschiedene Auftraggeber arbeiten, heißt es, dass die Auftraggeber nicht bereit wären, mehr pro Telefonieminute zu zahlen, dass sie drohten, das Projekt abzuziehen. Daher könne der Stundenlohn des CCA auch nicht erhöht werden.

    Angesichts dessen, dass die CCA schon im 1st Level mehr und mehr zu Kundenberatern mit Sachbearbeitertätigkeiten werden, hochkomplexe Sachverhalte beraten (z. B. Stromtarife, technische Vorgänge), Stromdaten eingeben, Beschwerdebriefe beantworten, Kontenumbuchungen etc. vornehmen, ist es skandalös, dass diese qualifizierte Arbeit für den gleichen Stundenlohn weggeht. Die Branche wundert sich, dass sie ein schlechtes Image, einen hohen Krankenstand und eine extrem hohe Fluktuation hat. Sie braucht sich nicht zu wundern.

    Beide, Auftraggeber wie Callcenterbetreiber, haben noch nicht verstanden: Der Kundenberater ist heute die letzte menschliche und persönliche Kontaktstelle zum Unternehmen. Nur wenn die funktioniert, funktioniert es auch mit dem Kunden. Und "funktionieren" bedeutet Kompetenz, Kompetenz, Kompetenz bei den Kundenberatern verbunden mit echter Freundlichkeit und Engagement in der Sache bei ausreichender Lösungsbefugnis.

  23. mookid
    Erstellt 27. Juli 2012 16:11 | Permanent-Link

    Ist doch klar, auf dem freien Markt sind alle ethischen Überlegungen Luxus. Sie sind Ballast, der die Konkurrenzfähigkeit senkt. Ein Gedächtnis größer als das einer Eintagsfliege ist Ballast - genauso vorausschauendes Denken, das über einen längeren Zeitraum als die nächsten paar Monate geht. Normalerweise (ca die letzten 2500 Jahre) sprang hier die Politik ein, aber solche Einmischungen sind jetzt offiziell auch Luxus.
    Die logische Konsequenz des freien Marktes ist, dass auch die Kunden sich dieses Ballasts entledigen, wenn sie konkurrenzfähig bleiben wollen. Jeder gegen jeden. Oder erwarten Neoliberale vom Normalbürger plötzlich eine weniger zweckrationale Denkweise als von Unternehmen?
    Komischerweise wird jeder, der diese Zustände nicht weiter passiv dulden will, als ewiggestriger Romantiker und Idealist runtergemacht. Was Salafisten zum Koran sind, das sind Neoliberale zu "Wealth of Nations": eine Horde wildgewordener Fundamentalisten. Sie begegnen Zweiflern entweder mit Aggression oder arrogantem Zynismus und sind nicht mal bereit, mögliche eigene Fehler oder Fehleinschätzungen zu diskutieren.

  24. Erstellt 27. Juli 2012 16:28 | Permanent-Link

    Es hat also niemand einen, wenigstens Ansatzweise, umsetzbaren Vorschlag wie sich ein einzelnes Unternehmen den Gegebenheiten einer ganzen Branche widersetzen soll?

    Die Produktionskosten sind doch schon auf dem geringstmöglichen Niveau, ebenso die Gehälter - wobei es ja offenbar noch genug Menschen gibt die für absolute Hungerlöhne arbeiten gehen. Bleibt also nur die Politik, die einen Mindestlohn festlegen müsste. Problem: Was dann machen, mit all den neuen Arbeitslosen? Denn, das weiß ich genau, es gibt zahlreiche Unternehmen die schlichtweg nicht mehr lebensfähig wären, wenn sie denn 8€ oder mehr pro Stunde zahlen müssten.

  25. jacqueline
    Erstellt 27. Juli 2012 20:51 | Permanent-Link

    > wobei es ja offenbar noch genug Menschen gibt die für absolute Hungerlöhne arbeiten gehen.<

    arbeiten gehen MÜSSEN, weil sie arbeitslos sind und es das jobcenter von ihnen so verlangt. und weil es eine der wenigen branchen ist, wo quereinsteiger jeden alters und fast jeder ausbildungsstufe ankern können, wenn sie die persönlichen voraussetzungen = eignungen dafür mitbringen. ich kenne vom dr. der wissenschaften über personen aus der managerebene bis zum ungelernten ohne schulabschluss alles, was dort - auch durchaus im rahmen der möglichen erfolgsleiter erfolgreich - arbeitet.

    ganz besonders tragisch aber ist, dass viele arbeitslose in diesen job getrieben werden, ohne dass vorher alle möglichkeiten ausgeschöft wurden, die sie in ihren eigentlichen beruf zurückbringen. das trifft vor allem auf diejenigen zu, die wegen ihres alters aussortiert wurden, und von den arbeitgebern, die ja so händeringend fachkräfte suchen, wegen ihres alters nicht mehr eingestellt werden, weil "sie kein akutelles wissen" hätten. früher hätte man solche mitarbeiter im job fortgebildet.

    ganz besonders tragisch ist, dass viele junge mütter ohne berufsausbildung lieber ins callcenter geschickt werden, als dass man sie noch eine ausbildung machen lässt, auch wenn sie schon älter als 27 sind.

    und ganz besonders tragisch ist, dass viele, die bereits fortbildungen und erfahrung in der altenpflege haben und in diesem bereich gerne arbeiten wollen, wieder herausgenommen werden, weil sie dort nicht schnell genug eine anstellung auf dem 1. arbeitsmarkt bekommen.

    letztendlich torpediert sich das system selbst: man weiß, man braucht dringendst altenpfleger, aber da die träger fast nur mae-stellen in der altenpflegehilfe ausschreiben, werden ausgebildete und willige leute aus der branche abgezogen. später fehlen sie dann wieder.

    man weiß, dass wir dringend fachkräfte brauchen und ungelernte menschen dauerhaft keine chance auf dem 1. arbeitsmarkt haben. dennoch wird vielen, die eine ausbildung machen wollen, diese verwehrt, weil sie "zu alt" dafür seien. hallo, wenn man noch 35 oder 40 jahre arbeiten muss? besonders krass ist es, wenn die leute selbst einen ausbildungsplatz gefunden haben und diesen dann wieder abgeben müssen, weil ihnen das geld zum überleben für den 1. monat bis zur zahlung des 1. gehaltes fehlt. denn ihnen wird vom jobcenter das übergangsgeld verwehrt, weil sie ja keine vollzeitstelle auf dem 1. arbeitsmarkt angenommen haben.

    also reden wir von MÜSSEN.

    und so wie ich die wissenschaftler verstanden habe, geht über den mindestlohn zwar die produktionskosten in die höhe und somit steigen - allerdings nicht in vollem umfange - auch die produktpreise, aber da die kaufkraft dieser personengruppe größer ist, rechnet sich das. ich meine, schließlich sind in allen ländern, die den mindestlohn schon haben, auch keine horden von arbeitslosen auf die straße geschickt worden.

    abgesehen vom mindestlohn, den ich wirklich nachhaltig befürworte, macht mich die nicht vorhandene wertschätzung für viele der berufe, die im niedriglohnsektor angesiedelt sind, einfach nur wütend. und darunter fällt auch der des kundenberaters, um zum thema zurück zu kommen.

  26. Erstellt 28. Juli 2012 11:59 | Permanent-Link

    Der Bericht war schlecht, oberflächlich und inhaltlich falsch. Mein Lieblingssatz im Beitrag "...zahlt an die Suchmaschinenbetreiber, die den Platz ganz oben reservieren" Und das von einer Professorin die das das Online Marketing von Zalando analysiert hat.

    Das schlimme daran, die breite Masse glaubt das...

  27. Tim
    Erstellt 28. Juli 2012 14:32 | Permanent-Link

    Es ist schon enorm wie dieses Thema polarisiert.
    Ich möchte Michael hier gerne Recht geben. Ich habe mir den Beitrag angeschaut und mir sind auch einige Fehler aufgefallen, die Inhaltlich völlig falsch waren.

  28. Erstellt 28. Juli 2012 19:01 | Permanent-Link

    Irgend jemand sagte mir neulich, Zalando wäre von der Strategie her eine typsiche Exit-Company. Kann ich natürlich nicht beurteilen. Die Niedriglöhne allerdings sind ein weiterer Baustein, mit dem das soziale Gefüge in Deutschland noch ein Stück weiter ausgehebelt wird. Wie Jacqueline in ihrem lesenswerten Beitrag schon geschrieben hat: Menschen müssen diese Arbeit zu den genannten Löhnen machen, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt. Ein sehr hoher Preis für die Vorteile, die die Globalisierung mitunter auch zu bieten hat.

  29. Erstellt 29. Juli 2012 13:29 | Permanent-Link

    Hier mal die zweite Seite der Medaille - schöner Artikel: http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/12136807/62249/Internet-Schuhhaendler-Zalando-eroeffnet-Logistikzentrum-in-Brieselang-Umbau.html

    Zitat: "Mit seinem Engagement haucht der Online-Händler einem ehemaligen Warenlager der Posttochter DHL in Brieselang neues Leben ein, das im vergangenen Jahr geschlossen worden war. [...] Derzeit finden bei Zalando, [...], rund 120 Beschäftigte in Brieselang Arbeit. [...] Logistik-Chef Schröder spricht davon, dass hier mal um die 500 bis 600 Menschen arbeiten sollen. „Wir sind zuversichtlich, dass wir sehr erfolgreich wachsen werden“, erklärte Zalando-Geschäftsführer Ritter.

    Für die Region ist die Ansiedlung ein absoluter Glücksfall. So zeigte sich Landrat Burkhard Schröder (SPD) sehr erfreut „über die Ansiedlung eines jungen und erfolgreichen Unternehmens und die damit entstehenden Arbeitsplätze“. [...]
    : Zitat

    Irgendwo hatte ich damals, als das Brieselanger Lager angekündigt wurde, auch gelesen, dass Zalando eng mit der Arbeitsagentur arbeitet, um bevorzugt Langzeitarbeitslose wieder "einzugliedern". Ob da Fördermittel bei solchen Maßnahmen fließen kann ich nicht sagen?

    Der zuständige Landrat war jedoch begeistert. Macht er nun etwas falsch oder richtig?

    Es ist schon auffällig, dass Logistikzentren häufig in sehr strukturschwachen Gegenden gebaut werden - wo doch die Fläche nur ein Teil der Leistung ist und die manuelle Arbeit den andere Teil der Dienstleistung ausmacht - die wird dann dort vermeintlich günstiger erstanden, ähnlich wie bei Callcentern?

    Das nächste Zentrum von Zalando entsteht übrigens bei Erfurt:
    http://www.excitingcommerce.de/2011/10/zalando-logistikkapazitaeten-2012.html

    Ich habe den ZDF-Bericht nicht gesehen, die Berichte darüber waren z.T. aber auch schön polemisch, denn "Fakten" wie "Mitarbeiter dürfen nicht sitzen" (kenne ich aus Logistikbetrieben auch eher selten, dass dort gesessen wird, zumindest nicht bei denen die Picken oder Packen) und "kommen mit einer Stunde Fahrzeit aus Polen" kann man jetzt nicht direkt dem Unternehmen anlasten, oder?

    Themen wie "Toilettencontainer" sind doch IIRC im Arbeitsschutz geregelt?

  30. Erstellt 30. Juli 2012 11:23 | Permanent-Link

    kaum ist mal ein Unternehmen in Deutschland erfolgreich, kommt irgendein Journalist um die Ecke und sucht das Haar in der Supe, typische deutsche neiderei, braucht wirklich kein mensch mehr!

  31. Erstellt 30. Juli 2012 12:49 | Permanent-Link

    Und wetten das mindestens 50% derer die momentan so aufschreien bei der nächsten Rabattaktion von zalando wieder im Online Shop bestellen. Alle sind empört darüber, aber dass ein deutsches Unternehmen versucht international tätig zu werden und so auch in Deutschland neue Arbeitsplätze schafft denkt niemand drüber nach. Kosten sparen schafft Arbeitsplätze.

  32. Erstellt 30. Juli 2012 13:24 | Permanent-Link

    http://www.kununu.com/de/all/de/in/zalando - noch Fragen?

    Wenn wir alle aber mal ehrlich sind, wird keiner von uns deshalb zukünftig seine Bestellrate bei zalando herunterfahren. Aber laut brüllen tun wir dennoch :-)

  33. Erstellt 30. Juli 2012 17:37 | Permanent-Link

    Witzig, wie alle immer einen "Mindestlohn" fordern. Dadurch würde die Ware allerdings nur teurer werden. Aber daran denkt natürlich wieder keiner.

    T-Shirts würden plötzlich 40,- statt 9,95 EUR pro Stück kosten. Ein Pfund Hackfleisch ab 20,- EUR. Milch 3,- EUR pro Liter. Und dann regen sich wieder alle auf, weil "alles immer teurer" wird. Dabei wollten sie es doch selbst so.

  34. Paul Pauler
    Erstellt 30. Juli 2012 22:19 | Permanent-Link

    heute hat mir ein Mitarbeiter erzählt, das die Leute die im Versand von ZALADO arbeiten, den ganzen Tag nicht sitzen dürfen. Ist das krank ?

  35. Erstellt 31. Juli 2012 10:13 | Permanent-Link

    ..vielen Dank für den tollen Artikel und das Augenöffnen! Es wird höchste Zeit, dass wir Um-Denken und Um-Handeln und das fängt im Kleinen, fängt bei uns, fängt bei jedem an.. Wer mag: die Links auf Seite 9 http://www.scopar.de/download/scopar-ganzheitliche-nachhaltigkeit-big_view-handout-knauf.pdf sind allesamt sehenswert und inspirieren zum Um-Handeln..
    Herzliche Grüße
    Ihr
    Jürgen T. Knauf

  36. Ralf Rakete
    Erstellt 4. August 2012 16:17 | Permanent-Link

    Wenn alle mehr verdienen würden, könnten sie sich auch teurere Produkte leisten.

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