Wie Händler mit SEO ihr Werbebudget sinnlos verballern

Von Stephan Lamprecht | 21. März 2016 | 3 Kommentare Kommentieren

Wie Händler mit SEO ihr Werbebudget sinnlos verballern
Nach sieben Jahren ausgiebigen täglichen Gebrauchs gibt mein geliebter Schreibtischstuhl bei jeder Bewegung bedenkliche Geräusche von sich. Da nun aber auch der Permanentkontakt alles andere als permanent arbeitet, ist es an der Zeit, sich nach einem neuen Stuhl umzusehen. Per E-Commerce natürlich.

Nicht sonderlich originell habe ich es bei Google mit einer Anfrage nach günstigen Büromöbeln versucht. Nach der Durchsicht der ersten zehn Treffer verneige ich mich in Ehrfurcht vor den SEO-Strategen der Unternehmen und erschauere gleichzeitig.

Unter den Top-Platzierungen befinden sich durchaus bekannte Namen. Otto taucht gleich zweimal auf. Einmal mit seiner ehemaligen Tochter "Otto Office" sowie unter dem Brand "Otto.de". In beiden Fällen haben aber nicht nur die SEO-Manager einen guten Job gemacht. Auch das Store-Management hat sich Mühe gegeben. Denn auf beiden Seiten werde ich in eine Warenwelt gezogen, die mir verschiedene Artikelkategorien rund um das Büro und Home-Office anbietet.

SEO ist eben nicht alles - oder wie Händler die Konversion verbessern können
Da staunt der Konsument - eine Landingpage für Bürostühle, auf der kein Bürostuhl gekauft werden kann

Auch die Landingpage von Ikea setzt Büromöbel weitestgehend ins Zentrum. Roller dagegen begrüßt mich mit einem großen Teaser zum Thema "Küchen" - aber die Navigationsflächen darunter schweigen sich aus, was das Angebot denn mit Büro zu tun haben will. Das ist denn schon eher SEO zum Davonlaufen. Im Ernst: Erwartet irgendjemand ernsthaft, dass sich ein potenzieller Käufer von Büromöbeln spontan entscheidet, eine Couchgarnitur zu erwerben?

Ähnlich enttäuschend ist die Landingpage einer anderen Möbelkette. Hier gibt es sogar die Unter-URL "buero". Dort werde ich von Wasserkochern, Kaffeemaschinen und Mikrobacköfen begrüßt. Den einen oder anderen Schreibtischstuhl gibt es auch. Aber eher wenige davon.

Tolles SEO - bescheidener Shop?

Die weiteren Top-Platzierungen haben zwar die wichtigste Hürde genommen, und sind bei Google ganz weit vorn. Aber als Kunden werden sie mich dann trotzdem nicht gewinnen.

Da ist ein Shop, der sich den unsäglichen Zusatz “Akut” verleiht und sich auch noch “Schnäppchenjäger” nennt. Ich wollte zwar günstig kaufen, aber von Schnäppchen war jetzt nicht die Rede. Zumal es interessanterweise neben den Produktkategorien wie “Wohnen, Schlafen, Küche und Büro” auch noch “Rolf Benz” gibt. Das erscheint etwas lieblos. Ein anderer Shop ballert gleich mit ganzen Büromöbelserien auf einen ein. Die Devise schien zu sein, gleich auf der ersten Seite alles rauszuhauen, was im Angebot ist. Kein Wort davon, wer man denn ist und warum ich da kaufen sollte. Und responsiv sind die Seiten auch nicht, was die Nutzung auf dem Tablet beschwerlich macht.

SEO ist eben nicht alles - oder wie Händler die Konversion verbessern können
Ein Anfang: Der Shop versucht wenigstens, Vertrauen beim Kunden aufzubauen

Da ist der letzte Eintrag der Liste schon weiter. Der hat zumindest etwas über vertrauensbildende Maßnahmen gehört und platziert Logos & Co deutlich im Kopfbereich der Seite. Aber der Zusatz einer “24” in einen Shopnamen hat mir nie eingeleuchtet und letztlich ist das Design der Seiten so, mit Verlaub gesagt, hässlich, dass ich keine Lust hatte, dort zu kaufen.

Zwischenfazit: Viel Aufwand wird bei SEO betrieben, aber dann werden anschließend einige Pflichtelemente vergessen.
- Mobil ist heute wichtig.
- Maßnahmen zum Vertrauensaufbau sind nicht zu vernachlässigen.
- Aber auch wichtig: So wie das Auge sprichwörtlich mit isst, sollte das Design Spaß machen und nützlich sein. Denn eine Büromöbelserie legt man nicht wie eine Rolle Toilettenpapier in den Warenkorb.

Zweiter Versuch - nahezu gleiches Ergebnis

Einen Schreibtischstuhl habe ich indes immer noch nicht. Also flugs eine weitere Google-Suche gestartet, aber diesmal etwas präziser. Also nur nach “Schreibtischstuhl kaufen” gesucht. Und wieder etwas erstaunt die Augen gerieben.

Denn erneut ist beispielsweise Roller ganz vorne dabei. Auf der Landingpage viele Inhalte, aber keine Abbildung eines Schreibtischstuhls. Dafür Sätze wie, ich darf zitieren:

"Rückenschmerzen gehören zu Deutschlands häufigsten Volkskrankheiten. Neben den falschen Betten sind es vor allem die Sitzmöbel, bei denen man zwar viele Fehler machen, aber eben auch vermeiden kann. Beispiel Arbeitszimmer, Beispiel Schreibtischstuhl. Wir bieten in unserem Möbel Shop im Internet zahlreiche Schreibtischstühle mit zahlreichen Verstellmöglichkeiten für Armlehnen, Rückenlehnen und Sitzflächen,…"

Das ist ja bestimmt alles richtig, aber auf der Shopseite, auf der ich gelandet bin, gibt es keine Schreibtischstühle.

SEO ist eben nicht alles - oder wie Händler die Konversion verbessern können
Bei diesem Shop wird der Kunde in die Kategorien eingeführt. Eigentlich gut. Nur so richtig Spaß macht der Einkauf bei diesem Design nicht
Ansonsten ist es allen Branchendickschiffen gelungen, die erste Seite zu erobern. Amazon, Ebay-Kleinanzeigen, Otto, Ikea, Billiger.de sind alle mit Einträgen dabei. Tolles SEO soweit. Allein meiner neuen Bestuhlung bin ich damit immer noch nicht näher gekommen.

Es gab einen einzigen Eintrag, der tatsächlich nach einem Händler für Büromöbel aussah. Breites Angebot. Die erste Orientierung für den Kunden etwas schwierig. Ist das, was ich suche, nun eher ein Profistuhl oder schon “High End”? Und ein Blog, dessen letzte Einträge aus dem Jahr 2014 (!) stammen, schafft jetzt nicht gleich auf Anhieb Vertrauen.

Liebe Händler und SEOs - SEO ist eben nicht alles

Ich bezweifle, dass sich Unternehmen und deren beratenden SEO-Agenturen tatsächlich einen Gefallen damit tun, auf nahezu jedes Keyword der eigenen Branche eine Antwort parat zu haben. Die Ergebnisse bei Google wecken dort Erwartungen, die dann nicht erfüllt werden. Das frustriert den Kunden.
Bei einigen Anbietern ist es aus dem Geschäftsmodell heraus nachvollziehbar, vorne bei Suchanfragen dabeisein zu müssen. Dumm nur, wenn das Produktangebot kaum mit der Suchanfrage zu tun hat. (Der erste, der jetzt “Long Tail” ruft, zahlt bitte freiwillig 2 Euro in das Phrasenschwein.)

Erstaunt hat mich der Versuch in zweierlei Hinsicht. Auf der einen Seite, dass es eben nicht nur kleine Händler und Shops sind, die auf der SEO-Seite so viel Gas gegeben haben, dass sie aus meiner Sicht über das Ziel hinausschießen. Als Möbelhaus “Büromöbel” per Google zu versprechen, dann aber auch eine reine SEO-Landingpage zu verzweigen, die ohne jeden Bezug zum Suchbegriff im Netz steht, das ist schon stark.

Was mich allerdings noch mehr überrascht hat, war die große Zahl an Händlern, die sich für ihre Mühen in der Suchmaschinenoptimierung nicht selbst belohnen, sondern bei der Gestaltung des Shops und der Warenpräsentation viele grundlegende Arbeiten einfach nicht erledigt haben.

  1. Das beginnt mit der Gestaltung des Shops. Mobil ist heute keine Frage von “Optional”, sondern ein Muss. Und das Einkaufen sollte auch schon ein bisschen Spaß machen.
  2. Es ist sinnlos, ausschließlich aus SEO-Gründen Produkte im Shop zu listen, die dann gar nicht erworben werden können. So erging es mir während der Recherche gleich mehrfach. Achten Sie auf Aktualität des Angebots. Wem soll es nutzen, wenn Sie per SEO viele Besucher angelockt haben, aber eigentlich nicht einmal die Hälfte der Artikel dann auch im Warenbestand haben?
  3. Kunden, die erstmals den Shop besuchen, kennen das Unternehmen nicht. Der Shop ist nicht nur Schaufenster, er ist auch Ladenlokal und Referenz. Denken Sie daran, das Vertrauen des Kunden zu gewinnen. Darüber hat Etailment ja bereits häufiger geschrieben.

So, nun werde ich mal weiter nach dem passenden Stuhl suchen.
Wird schon klappen.


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Thema: Marketing

Schlagworte: seo, Landingpage

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Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Jens H.
    Erstellt 21. März 2016 20:52 | Permanent-Link

    Beim großen A nichts gefunden?

  2. Anette
    Erstellt 22. März 2016 14:30 | Permanent-Link

    Ziemlich provokante Clickbaiting-Headline die SEO (mal wieder) negativ konotiert und eine subjektives Erlebnis des Autors beschreibt - das hauptsächlich eher etwas mit Usability statt mit SEO zu tun hat. Liebe Etailment, ich lese euch regelmäßig und echt gerne, aber dieses Artikelniveau muss echt nicht sein. Zugegebenermaßen sind die Suchergebnisse für "Schreibtischstuhl" bzgl. Roller wirklich "minderwertig", aber schon der zweite sowie dritte organische Treffer zeigen einen Bürostuhl-Shop (24) sowie eine Übersicht (Ladenzeile)

  3. Erstellt 23. März 2016 12:22 | Permanent-Link

    Es geht ja nicht darum, SEO oder SEO-Agenturen etwas ans zeug zu flicken, sondern Händler - gerne auch mal etwas drastischer - wachzurütteln, dass es mit SEO allein nicht getan ist. Stattdessen braucht es für die Customer Journey danach auch noch etwas Gehirnschmalz.

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