Wie sich Mobile Payment weltweit auszahlt und welche Zahlen den deutschen Markt bestimmen

Von Karsten Werner Karsten Werner | 23. Mai 2014 |

Edeka Mobile Payment
Das mobile Bezahlen per Smartphone hat es in Deutschland schwer. Ist es bekannt? Ja. Sehr sogar. Aber beliebt? Nein. Desinteresse überwiegt. Was nun? Seit Mitte der 90er-Jahre galt zunächst das Handy und später das Smartphone als Hoffnungsträger: Das Mobilfunkgerät als ein Massenprodukt, das das bargeldlose Bezahlen von überall für jedermann ermöglichen soll. Eine schöne neue Welt, die bisher verbraucherseitig wenig Anklang gefunden hat: In Deutschland und anderen europäischen Märkten steckt das „Smartphone als Geldbörse“ noch in den Kinderschuhen. Die Markakzeptanz ist bescheiden. Was tun?

Die Technologieentwicklung wird weiter vorangetrieben und es drängen immer mehr Anbieter auf den Markt. Oder besser: Die Märkte. Technische Innovationen? Echte Kooperationen der Stakeholder -über Lippenbekenntnisse hinaus- in der Wertschöpfungskette "Payment"? Finden anderswo statt. Marktakzeptanz? Ebenfalls. 

Deutschland: Sicherheitsbedenken, relativ geringer Zusatznutzen, Uneinigkeit der Stakeholder

"Bezahlen per Smartphone" ist ein echter Game Changer. Nur nicht in Deutschland. Irgendwann werden auch Anbieter von Zahlungssystemen in Deutschland Händler und Kunden überzeugen können: Händlern vielleicht die passende Hardware für neue Kassensysteme spendieren, die Gebühren bereits etablierter Zahlungsysteme unterbieten und Verbraucher mit Benefits und Incentives locken, die so attraktiv sind, dass diese etwaige Skepis und Sicherheitsbedenken überwinden werden.

Noch ist es jedoch nicht soweit. Electronic Cash ist etabliert, die Kreditkartenakzeptanz ist hoch und der nächste Geldautomat ist gleich „um die Ecke“: Wer nicht gerade von Technikbegeisterung angetrieben wird, für den gibt es einen relativ geringen Zusatznutzen im Shopping-Alltag. Entsprechend gering ist das Interesse bei Handel und Verbrauchern. Und Sicherheitsbedenken? 
Sind scheinbar in Deutschland besonders ausgeprägt. Diejenigen Verbraucher, die dabei gegenüber Mobile Payment-Lösungen aufgeschlossen wären, wünschten sich hierfür Lösungen, die über die eigene Bank abgewickelt werden könnten. Diese gibt es jedoch kaum.

Für eine breite Marktakzeptanz wäre ein einheitlicher Standard nötig. Und da die Banken sich untereinander nicht grün sind und dementsprechend nicht bereit sind, sich als einen Stakeholder in dieser Wertschöpfungskette zu begreifen und entsprechend zu organisieren, gibt es diesen in Deutschland nicht. Man spricht zwar gern über Collaboration und Kooperation, an der Umsetzung dieses "Big Pictures" hapert es jedoch noch. Als greift der Kunde eben eher zu Paypal und Co.

Statistik: Anteil der Befragten in Deutschland, die folgende Mobile-Payment-Angebote nutzen in den Jahren 2011 bis 2013 | Statista

In nunmehr fast "20 Jahren Mobile Payment" scheinen Banken immer noch die Gefangenen der eigenen Insitutionalisierung zu sein und bremsen damit sich, die Wettbewerber, und die Anbieter von Zahlungsystemen aus. Die Deutschen wollen, dass "ihre Bank" als entscheidender und vertrauenswürdiger Operator innerhalb der Prozesskette auftritt, aber die Banken sind nicht in der Lage, diesem Wunschgerecht zu werden.

 Nutzung von Mobile Payment in Deutschland, Österreich und der Schweiz 2012


Europa: Die Schere zwischen technischen Möglichkeiten und Marktakzeptanz ist kleiner als in Deutschland

Ob es an einem vermeintlichen "Digitalskeptizismus" liegt, an Sicherheits- und Datenschutzbedenken, den Banken, oder ob vielleicht das hiesige Bildungsystem die allgemeine Akzeptanz technischer Neuerungen blockiert: Fakt ist, dass es im europäischen Ausland -trotz oftmals vergleichbarer Infrastruktur- eine deutlich höhere Aufgeschlossenheit gegenüber mobile Bezahldiensten gibt, was wiederum die Anbieter dazu bringt, sich mit Innovationen zurückzuhalten, beziehungsweise sie zuerst außerhalb Deutschlands einzuführen.

"Selbst die Telekom führte ihr Mobile-Wallet aufgrund der größeren Smartphone-Verbreitung und Akzeptanz erst in Polen ein, PayPal sein Mobile-Payment-Rollout in Holland und England, mittlerweile haben alle Spar-Supermärkte in Österreich NFC-Terminals und selbst in der Türkei zahlen selbst die Dolmusch-Fahrgäste selbstverständlich mit NFC via Smartphones oder Karten". (regital.de)

So befindet sich Deutschland gegenüber dem europäischen Ausland zur Zeit in einer Negativspirale, die auch durch aktuelle Projekte seitens des Handels nur schwer aufzubrechen sein wird. 

Asien und USA: Erfindung und "Neuerfindung" des Mobile Web schaffen einen Vorsprung für das Mobile Payment

Die Marktakzeptanz und das weitere Potenzial für das mobile Bezahlen, sind auch in Asien (ausgehend von Japan und Südkorea und mittlweile auch China) und in den USA deutlich stärker ausgeprägt als in Deutschland.

Statistik: Prognose zur Entwicklung der Nutzerzahl von Mobile Payment von 2009 bis 2016 nach Regionen (in Millionen) | Statista


Als wichtige Ursache ist hierbei die Technologieentwicklung der Grundlage für das Mobile Payment anzuführen: Das mobile Internet. Erfunden in Japan, und bereits schon zum Ende der 1990er-Jahre noch auf Handy-Systemen etabliert, sind japanische Verbraucher deutlich früher mit mobilen Webdiensten und Services vertraut gemacht worden, was sich entsprechend positiv auch auf die Marktakzeptanz moderner Dienstleistungen auf Smartphone-Systemen auswirkt.

Man hatte man sich jedoch nie die Mühe gemacht, seinen Mobilfunkstandard auch außerhalb der eigenen Insel verbreiten oder etablieren zu wollen. Diese Entwicklung wurde zeitnah lediglich von Südkorea adaptiert, so das letztlich auch hier die gesellschaftliche Akzeptanz des Mobile Web und somit entsprechender Services größer ist, die darauf aufbauen.

Anschließend wurde das Mobile Web in den USA "wiedererfunden" und hat letztlich erst über diesen Weg dann auch Europa erreicht. Europa ist also ein "Nachzügler" in der Verbreitung des mobilen Internet, was die Marktakzeptanz –neben dem Vorhandensein einer etablierten E-Payment-Infrastruktur demnach zusätzlich erschwert.

Afrika: Mobile Payment schafft Infrastruktur für Money Transfer, wo bis dato keine ist

Anders stellt sich die Situation auf dem afrikanischen Kontinent dar. In den Ländern, in denen oft keine, oder weniger Payment-Infrastruktur vorhanden ist: Keine Geldautomaten „an jeder Ecke“, kein Electronic Cash, keine Terminals für Kreditkarten, keine Festnetzanschlüsse: Aber jeder hat ein Handy (und bald ein Smartphone).

Dort wird Mobile Payment den Handel verändern, die Technologie schafft Infrastruktur für Transaktionen, die bis dato noch gar nicht vorhanden ist. Ein Handy oder ein Smartphone hat bald jeder. Smartphones? Richtig: In westlichen Märkten wenig bekannt, da hier lediglich die Top-Geräte der Hersteller im Fokus der Öffentlichkeit stehen, stellen jedoch alle großen Hersteller günstige Budget-Geräte für gerade diese Märkte her. Zum Beispiel Nokia mit der "Asha"-Serie, die neben der Lumia-Reihe in westlichen Märkten kaum bekannt ist, da sie hier nicht beworben wird.
Heißt: Dort kann Handel und bargeldloser Zahlungsverkehr stattfinden, wo dieser noch gar nicht möglich ist.

Natürlich gibt es dort noch keine flächendeckende Versorgung mit dem mobilen Internet, allerdings werde hier aufgrund nicht vorhandener etablierter Payment-Systeme auch noch deutlich weniger bequemere Methoden und Services im bargeldlosen Zahlungsverkehr eine Akzeptanz finden. Bei Händlern und bei Verbrauchern.

Des Weiteren ist demtsprechend natürlich auch die Investitionsbereitschaft von Mobilfunk-Carriern, aufgrund des größeren Marktpotenzials und der deutlich größeren Markakzeptanz – gegenüber Europa- deutlich höher: Während in Europa die Carrier in einen hart umkämpften und fragmentierten Markt drängen müssen, der bereits seit bald fast 20 Jahren eine „Zukunftswette“ darstellt, haben sie in afrikanischen Ländern, als Anbieter der oftmals einzig möglichen technischen Grundlage für dortige Mobile Payment-Lösungen, ganz andere Voraussetzungen und Druckmittel, um an diesem Provisions-Geschäft künftig auch partizipieren und davon auch tatsächlich profitieren zu können.

Die Marktakeptanz in den afrikanischen Ländern ist bereits jetzt schon deutlich höher als in Europa: Während zum Beispiel in Deutschland in 2012 62% der Web-Nutzer noch gar kein Interesse an Mobile Payment hatten, nutzen im Dezember 2011 in Kenia bereits 68% der Internet-Nutzer mobile Bezahllösungen. Nicht aus "Coolness" oder "Bequemlichkeit", sondern weil die Technologie dort in einem Maße Infrastruktur für bargeldloses Bezahlen (und damit auch für eine Weiterentwicklung des Handels) geschaffen hatte, wo zuvor nur wenig oder noch gar keine vorhanden war.

Fazit: Mobile Payment ist vor allem dort ein Game Changer wo es bis dato Versorgungslücken im bargeldlosen Zahlungsverkehr gibt. Und in diesen Emerging Markets werden auch die wichtigsten technischen Innovationen vorangetrieben.

Im Unterschied zu Deutschland -und auch Europa- lockt das Handy, beziehungsweise das Smartphone in einigen Märkten bereits seit Jahren Entwickler und auch Risikokapitalgeber an, um entsprechende Anwendungen und Ökosysteme zu schaffen.

Insbesondere in Afrika sind Erfahrung und Expertise vorhanden: In einigen afrikanischen Saaten gibt es seit Jahren Entwicklerszenen, die sich nur darauf spezialisiert haben, Apps- und sogar entsprechende Ökosysteme für leistungsschwache Budget-Geräte zu entwickeln. Selbst für klassische Handys, die in westlichen Märkten "Altgeräte" darstellen und die herstellerseitig schon seit Jahren nicht mehr unterstützt werden, trifft das zu. Die Not machte erfinderisch. Darauf lässt sich aufbauen, denn die Innovationskraft ist längst beeindruckend: Bereits 2007 entwickelte der kenianische Mobilfunkanabieter Safaricom in Kooperation mit Vodafone das System M-Pesa, dass bargeldlose Zahlungstransfers zwischen Mobilfunkgeräten ermöglicht. Ohne die Notwendigkeit eines Bankkontos!

Ähnlich wie in Afrika startet auch in China Möglichkeit für mobile bargeldlose Transaktionen also letztlich unter ganz anderen Vorzeichen, als dies in Europa der Fall ist: Entwickler und deren Kapitalgeber sind erfahren, Verbraucher und Handel warten darauf und Mobilfunk-Carrier sind ob des größeren Marktpotenzials und der Möglichkeit, die Banken aus der Wertschöpfungskette ausschließen zu können, und so einen weitaus einflussreicheren Part innerhalb der Wertschöpfungskette „Mobile Payment“ einzunehmen, deutlich innovations- und investitionsfreudiger.

Mobile Payment ist somit vor allem dort ein Game Changer, wo es bis dato Versorgungslücken im bargeldlosen Zahlungsverkehr gibt. Dort entstehen die Emerging Markets und in diesen werden auch die wichtigsten technischen Innovationen vorangetrieben.

Dass Mobile Payment in Deutschland nicht ankommt, ist somit auch eine vertane Chance für das Land als Technologie-Standort.

Grafiken: Statista


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Thema: Payment

Schlagworte: Mobile Payment, Payment

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