Gerrit Heinemann: "Die digitale Lüge"

Von Gastautor | 13. Februar 2015 | 1 Kommentar Kommentieren

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Die digitale Revolution? Wird immer noch unterschätzt. Eine digitale Agenda? Quasi nicht existent. Die Folge: Online-Umsätze werden in der Exportnation Deutschland zunehmend importiert, mahnt Gerrit Heinemann, Leiter eWeb Research Center der Hochschule Niederrhein, in einem Gastbeitrag für etailment und sieht eine Schwäche in der altbackenen Infrastruktur.

 

Die Macht der digitalen Revolution und deren Auswirkungen für den deutschen Handel wird völlig unterschätzt. Ergebnis ist, dass mit Amazon, eBay und Apple/iTunes Retail bereits drei US-Anbieter mehr als 65 Prozent der deutschen Online-Handelsvolumina auf sich vereinen.

Hinzu kommt, dass Deutschland bisher keines der fünfzig weltweit größten oder wichtigsten Internet-/E-Commerce-Firmen hervorgebracht hat. Die Ausgangslage wird nicht besser, denn die auf digitale Themen spezialisierte Marktforschungsagentur eMarketer prognostiziert noch einmal mindestens eine Verdopplung der Online-Umsätze bis 2020, von der vor allem der sogenannte Cross-Border-Trade überproportional profitieren wird. Damit werden zunehmend Online-Umsätze importiert und zwar bis zu 20 Prozent schon in 2018.


"Wenn es der deutsche Handel nicht schafft, digital aufzurüsten, wird sich der ausländische Online-Handel gnadenlos das Geschäft holen."

Britische Online-Anbieter, die als führend in Europa gelten, beginnen gerade erst mit deutschen Websites unseren Einzelhandel für sich zu entdecken. Jüngstes Beispiel ist der Elektronik-Online-Händler ao.com, der als hochprofessioneller Preisbrecher ausschließlich weiße Ware anbietet und Mediamarkt-Saturn in seinen Online-Aktivitäten noch einmal erheblich zusetzen wird.

Wenn es also der deutsche Handel nicht schafft, digital aufzurüsten, wird sich folglich der ausländische Online-Handel gnadenlos das Geschäft holen.

Zur digitalen Aufrüstung gehört als Basisvoraussetzung zunächst erst einmal eine exzellente Netzinfrastruktur. Das wohl größte Problem dürfte hierzulande sein, dass Politik und KIT-Verbände die Situation schönreden. Bei deren stets höher ausgewiesenen Zahlen sollte man auf die beschönigende Äußerung „bis zu“ achten. So haben viele Bürger zwar bis zu 50 MBit/s Übertragungsrate, der Bundesdurchschnitt liegt allerdings bei rund 8 MBit/s, so Plusminus im Oktober  2014. Für den Rest der Republik gilt die Devise: „DSL – Dörfer surfen langsam“.

Statt jetzt jedoch beherzt vorzugehen, überlässt die Politik das Feld den Mobilfunkbetreibern, die ihre bestehenden Netze mit LTE aufmotzen, jedoch den großen Funklochflickenteppich damit nicht stopfen. Die Frage lautet: „Breitbandanschluss für jeden mit LTE?“. Das bleibt vor allem für die bisher Betroffenen „Bauern-DSL-Surfer“ ein Traum. Selbst das bescheidene Ziel der Bundesregierung, flächendeckend für alle Bundesbürger 1 MBit/s bereitzustellen, ist noch längst nicht realisiert.

Noch ist es nicht zu spät für die wohl letzte große Chance einer digitalen Aufholjagd in Deutschland. Denn: In der digitalen Welt hat Deutschland eindeutig noch Luft nach oben. Im Vergleich zu den 15 führenden Nationen auf diesem Gebiet liegt Deutschland als Standort für die Informations- und Kommunikationstechnik auf Platz fünf, neben den Niederlanden und Dänemark. An der Spitze stehen unangefochten die USA, Südkorea, Japan und Großbritannien. In Hinblick auf die digitale Infrastruktur liegt Finnland noch vor Deutschland, das hier auf Platz 6 kommt, so des Bundeswirtschaftsministerium in diesem Jahr bei der Verkündung der digitalen Agenda. Investitionen in die Informations- und Kommunikationstechnik sorgen hierzulande für einen Produktivitätszuwachs von immerhin 23 Prozent. Die Bruttowertschöpfung der IT- und Kommunikationswirtschaft, die in 2013 rund 228 Milliarden Euro umsetzte, lag mit 4,7 Prozent im gewerblichen Vergleich sogar an der Spitze.

Der „IT Monitoring-Report“, aus dem diese Ergebnisse hervorgehen und den das Wirtschaftsministerium zusammen mit TNS Infratest herausbringt, ist jedoch mit Vorsicht zu genießen und vernebelt die wahre Situation: Er subsummiert die Internet-Wirtschaft unter die IT-lastige Kommunikations- und Informationstechnologie und setzt damit den Schwerpunkt auf Unternehmen wie die Telekom oder SAP, nicht jedoch auf Online-Händler, die aus Sicht des Wirtschaftsministeriums als anwendungsorientiert in Hinblick auf Technik gelten und damit eher durchs Raster fallen.


"Der „IT Monitoring-Report“ vernebelt die wahre Situation." 


Deswegen wird auch nicht die internetspezifische Netzinfrastruktur explizit, sondern im Gesamtzusammenhang aller Netze und dabei zum Beispiel zusammen mit den Stromnetzen betrachtet. Diese Zusammenfassung schönt im Vergleich zu anderen Ländern das Bild, da in die Bewertung der Netzinfrastruktur auch Stromausfälle und dergleichen einfließen. Damit wird allerdings die Lage der eigentlich als desolat anzusehenden DSL- und vor allem Breitbandinfrastruktur in Deutschland vernebelt.

Gerrit Heinemann

Prof. Dr. Gerrit Heinemann, Leiter des eWeb Research Center an der Hochschule Niederrhein, gilt seit Jahren als einer der führenden E-Commerce-Experten im deutschsprachigen Raum. Sein Buch „Der neue Online-Handel" gilt als Standardwerk in der Branche. Weitere Veröffentlichungen: „Multi-Channel-Handel",„Web-Exzellenz im E-Commerce", „Cross-Channel-Management". Vor seiner Berufung an die Hochschule Niederrhein zum Professor für BWL, Management und Handel im Jahr 2005 war er unter anderem in verschiedenen Führungspositionen deutscher Handelskonzerne tätig.
Dementsprechend steht der letzte Infrastruktur-Vergleich der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in krassem Gegensatz zu dem eher beschönigenden Monitoring-Report des Wirtschaftsministeriums. Laut OECD, die im Juli 2014 in ihrer diesjährigen Breitband-Statistik neue Zahlen zur Verbreitung des schnellen Internets in ihren 34 Mitgliedsstaaten vorgelegt hat, hinkt Deutschland bei mobilem Breitband und Glasfaser ganz weit abgeschlagen hinterher. Lediglich bei DSL und Kabel, also eher den Internet-Verbindungen der Vergangenheit, steht Deutschland noch durchschnittlich dar. Während in den OECD-Ländern die Durchschnittsdurchdringung bei 27 Prozent liegt, kommt Deutschland mit den 28,8 Millionen Festnetz-Breitbandkunden auf eine Quote von 34,8 Prozent und liegt damit immerhin auf Platz Neun. Die Schweiz, die Niederlande und Dänemark liegen hier mit Werten zwischen knapp 45 und 40 Prozent vorne.

In der Mobilfunk- und Glasfaserverbreitung, also den Netzen der Zukunft, sieht die Situation jedoch dramatisch anders aus. So kommt Deutschland bei der breitbandigen Mobilfunkversorgung nur auf den 27. von 34 Plätzen. Und das trotz der in den Berichten der Ministerien hochgelobten und angeblich hohen LTE-Verfügbarkeit. Damit reiht sich unser angeblich so hoch entwickeltes Land in die Schlusslichterländer Slowenien, Portugal oder Griechenland mit ein. Per Ende 2013 surften hierzulande 45,1 Prozent der Smartphone- und Tablet-Besitzer breitbandig durchs mobile Netz. Die durchschnittliche Durchdringung in den OECD-Staaten liegt demgegenüber jedoch schon bei 72,4 Prozent. Auf eine mobile Breitbandpenetration von über 100 Prozent kommen sogar die Länder Finnland, Australien, Japan, Schweden, Dänemark, Korea und die USA, weil Nutzer dort häufig mit mehreren Mobilgeräten im Internet unterwegs sind.


"Die digitale Agenda ist eigentlich eher eine digitale Lüge."



Noch düsterer sieht allerdings der Ländervergleich für Deutschland bei den Glasfaseranschlüssen aus. Demnach haben erst 0,3 Prozent aller Breitbandkunden hierzulande einen solchen Anschluss, obwohl die Breitbandnetzinfrastruktur als der Schlüsselfaktor schlechthin für den digitalen Fortschritt gilt. Bei Glasfaser liegt die durchschnittliche Durchdringung der OECD-Länder dagegen bei 16,7 Prozent. Besonders zulegen konnten diesbezüglich Frankreich, Spanien, die Türkei und Großbritannien mit Wachstumsraten zwischen 66 und 108 Prozent, während Deutschland trotz der kaum vorhandenen Durchdringung auch nur mit 29 Prozent in 2013 gewachsen ist. Verglichen mit den beiden OECD-Anführern sehen diese Zuwachsraten eher noch bescheiden aus. So machen in Japan und Korea Glasfaserverbindungen bereits knapp 70 beziehungsweise 65 Prozent der Breitbandanschlüsse im Festnetz aus. Diese werden Treiber für Neugründungen im E-Commerce sein, die dann ganz schnell auch den deutschen Markt für sich entdecken.

Insofern sollte die Politik mit Nachdruck das Thema an Universitäten und Hochschulen fördern. Wie die Stanford University im Silicon Valley, so müsste zumindest ein vergleichbarer Universitätsstandort in Deutschland eine Schlüsselrolle für die Entwicklung der digitalen Wirtschaft übernehmen.

Denn obwohl etliche Unis und Hochschulen in Hinblick auf Informatik, Elektrotechnik und IT als exzellent gelten, bringen sie bisher kaum exzellente Startups hervor. Fokussierte Studiengänge, gezieltere Fördermittel Start-Up-Schmieden mit entsprechender Infrastruktur sowie risikofreundlichere Finanzierungshilfen könnten da schnell Abhilfe schaffen.

Schade,  dass die Politik das noch nicht erkannt hat.

Denn was die digitale Agenda dazu sagt, ist schlicht und ergreifend nichts! Und deswegen ist die digitale Agenda eigentlich eher eine digitale Lüge!


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Thema: Player

Schlagworte: Gastbeitrag, Digital

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Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Wilfried Schock
    Erstellt 19. Februar 2015 10:43 | Permanent-Link

    Bedenkt man die absehbaren Auswirkungen auf den Handel und damit auch auf Jobs und erinnert man sich daran, wer von den Internetgiganten überhaupt etwas zur Finanzierung der Infrastruktur Deutschland (vulgo Steuern) beiträgt, wird das Bild noch unerfreulicher. Unsere Regierung wartet vermutlich bis die Krise unübersehbar ist.

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