Media-Saturn: "Unser Anspruch ist es, Dinge zu entwickeln, an die heute noch niemand denkt"

Von Olaf Kolbrück Olaf Kolbrück | 19. Januar 2016 |

Media-Saturn:
Martin Wild, Chief Digital Officer
Media-Saturn galt lange als ein zäher Koloss, der sich mit Betonfüßen durch Digitalien bewegt. Doch inzwischen erneuert sich der Elektronikriese mit schwindelerregendem Tempo.

Mit Chief Digital Officer Martin Wild sprechen wir darüber, wie die digitale Transformation den Händler verändert und zeigen, mit welchen Innovationen Media-Saturn spielt, welchen Lösungen der Konzern vertraut und welche er ausbaut.  

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Media-Saturn soll bis 2020 zur Digital-Company werden. In einigen Läden können Kunden per Beacon-Technologie schon mit dem Smartphone zielgenau zum Produkt navigieren


Die Digitale Transformation ist ja bei Media-Saturn nach langem Zögern gerade in vollem Gange. Ist der Knoten geplatzt?

Martin Wild: Wir haben das Thema Digital lange Zeit ausgeblendet, die Chancen nicht unbedingt sehen wollen. Dann haben wir aber mit viel Energie die Aufholjagd gestartet,  intern Programme angeschoben und weitere erfahrene Köpfe an Bord geholt. Die Ergebnisse dessen sind mittlerweile gut sichtbar: Kunden können sich in vielen Märkten dank digitaler Terminals besser im Markt orientieren. Sie können per Smartphone-App und kostenlosem WLAN leichter auf Infos zugreifen. Unsere Verkäufer können durch Tablets noch sachkundiger beraten. Und die Kollegen aus dem Marketing machen mit Plattformen wie Turn-On oder dem Mediamag.net auch kommunikativ einen erstklassigen digitalen Job. Wir sind auf dem besten Weg zum Digital Leader in Europa. Und wir haben noch viele Ideen in der Pipeline.

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Vernetzt und personalisiert: Ein erster Schritt war die Einführung digitaler Kassenzettel. Seit Herbst 2015 kann man seinen Einkauf vielfach kontaktlos per Kreditkarte oder mobil mit dem Smartphone bezahlen. Digitale Verkaufstechnologien wie Tablets am PoS sorgen für die virtuelle Regalverlängerung, Multimediale Touchscreens für zusätzliche Beratungsangebote

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Derzeit machen sie ja fast alles gleichzeitig. Gibt es überhaupt Schwerpunkte?

Martin Wild: Basisleistung ist für uns sicherlich die Vernetzung der Kanäle, beispielsweise durch Click & Collect. Auch Same Day Delivery gehört nun dazu.

Wir probieren aber viel aus, wollen gemeinsam mit dem Kunden sehen, was er nutzen möchte. Unser Anspruch ist es dabei auch, Dinge zu entwickeln, an die heute noch niemand denkt.

"Die ersten drei Monate sind entscheidend"

Dafür haben wir auch das Spacelab ins Leben gerufen, unser Accelerator-Programm. Dort arbeiten wir mit Startups zusammen. Wir investieren in junge Unternehmen und geben den Gründern zugleich die Möglichkeit, ihre Produkte oder Dienstleistungen über einen Zeitraum von 20 Wochen in Bereichen wie Strategie, Marketing, Sales und Infrastruktur weiterzuentwickeln. Unsere Experten unterstützen sie dabei.

Zudem sind wir weltweit auf der Suche nach neuen Trends und Ideen.  Unser Anspruch ist es, solche Lösungen schnell und agil auf die Straße zu bringen und zu testen. Wenn die Kunden es annehmen, rollen wir es aus. Wenn es nicht funktioniert, schalten wir es  wieder ab. Teilweise heben wir uns solche Projekte dann für einen späteren Zeitpunkt auf, wenn Markt und Kunden dafür reif sind.

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Shopping von Morgen: In Berlin und Ingolstadt werden Virtual-Reality-Lösungen getestet. Dann kann beispielsweise die Küchenplanung zusammen mit Kooperationspartner Kiveda per Virtual-Reality-Headset anschaulich gemacht werden. Wer sich lieber von der Couch aus informiert, der kann sich von einem Mitarbeiter via Google Glass durch den Laden führen und beraten lassen

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Wie lange haben neue Ideen denn „Welpenschutz“?

Martin Wild: Das kommt auf das Thema an. Sicherlich sind die ersten drei Monate entscheidend. Aber manchen Projekten muss man auch mehr Zeit gönnen und das erste Jahr der Tests abwarten.

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Rund 240 Media Märkte und 155 Saturn-Märkte bieten die taggleiche Expresslieferung an. Partner ist das Münchener Unternehmen tiramizoo. Kunden von Media Markt und Saturn greifen vor allem dann auf Same Day Delivery zurück, wenn sie hochpreisige Ware ordern. Eine Alternative ist Click& Collect. Das Angebot gilt als Erfolg. Noch eine Option: Die 24-Stunden-Abholung im Vorzeige-Markt in Ingolstadt. Der Kunde bestellt und bezahlt online. Die Saturn-Mitarbeiter hinterlegen das Produkt nach Ladenschluss in einem Fach in der Abholstation

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Hat sich mit dem neuen Tempo auch die Organisation geändert?

Martin Wild: Interne Silos aufzubrechen, fachübergreifend besser zusammenzuarbeiten – das ist für uns ein ganz wichtiger Aspekt an dem wir massiv arbeiten. Wir fördern das digitale Verständnis auf allen Ebenen. Dafür haben wir unter anderem Digital@Campus ins Leben gerufen, eine jährliche  Mitarbeiterveranstaltung, bei der wir neue Konzepte vorstellen und diskutieren.

Wie überzeugt man Management und Führungskräfte, dass sich die Zusammenarbeit verändern muss?

Martin Wild: Entscheidend ist, dass sich die Geschäftsführung die digitale Transformation auf die Fahne schreibt. Darüber hinaus müssen auch die anderen Führungskräfte und die Mitarbeiter insgesamt lernen,, dass die Veränderungen vor allem auch Chancen beinhalten. Damit das alles gelingt, sind erste Erfolge wichtig: Dass rund jede zweite Online-Bestellung bei uns in einem Markt abgeholt wird, ist so ein Erfolg. Es zeigt: Die Kunden nehmen Multichannel an.

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Digital-Lifestyle zeigen: Mitarbeiter auf einem der hippen Hoverboards. Praktischer für Kunden sind da freies WLAN oder Service-Innovation wie ein Terminal, an dem sich Kunden für eine Beratung anmelden können und sich auch direkt per SMS informieren lassen können, sobald ein Service-Mitarbeiter frei ist. Die Wartezeit kann man sich beispielsweise an einer durchsichtigen interaktiven Touchscreen Box, einer sogenannnter Hypebox vertreiben. Hersteller können Produkte dort physisch und zugleich mit interaktivem Bewegtbild präsentieren. Zu sehen ist das Konzept (Hersteller MMT, Agentur Asignum!) beispielsweise in Trier

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Viele Experten raten Unternehmen zum Chief Digital Officer als Impulsgeber. Wir sehen Sie ihre Rolle – Evangelist, Multiplikator, Verteilerknoten, Koordinator?

Martin Wild: Von allem ein bisschen. Ganz sicher geht es bei der digitalen Transformation und der Rolle eines Chief Digital Officer immer auch um Koordination, weil die Veränderungen das gesamte Unternehmen betrifft. Innovationen muss es ja in allen Bereichen geben. Ein Chief Digital Officer muss Sparringspartner sein und personifizierter Think Tank, jenseits des operativen Tagesgeschäfts. Zudem sollte ein CDO ein Mensch sein, der digitale Themen vorlebt.

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Für Egomanen? 3D-Fotostudio, um die eigene Mini-Figur am 3D-Drucker zu erstellen. Sinnvoller: Wenn Media-Saturn einem Kunden dereinst das Ersatzteil für Spülmaschine und Co gleich im Laden ausdruckt. Die unterschiedlichen Multichannel-Konzepte und digitalen Lösungen erprobt Media-Saturn unter anderem in ausgewählten Flagship-Stores und in den ersten neuen Saturn Connect-Märkten. In den kleineren Stores in hochfrequentierten Innenstadt-Lagen setzt Saturn auf Erlebnisambiente und umfassende Serviceleistungen. Die Märkte dienen dabei auch als Pickup-Punkte für den jeweils mit ihnen verbundenen Saturn-Markt. 2016 soll das Konzept weiter ausgerollt werden


Jede digitale Veränderung  muss durch den „Flaschenhals“ IT. Kaufen Sie Software lieber ein oder entwickelt Media-Saturn lieber selbst?

Martin Wild: Manche Dinge, beispielsweise wenn sie tief in die Warenwirtschaftssystemen eingreifen, müssen wir einfach selbst bauen. Andere Dinge werden zukünftig zu entscheidendem Know-how, die wollen wir selbst bauen.  

"Die Digitalisierung wird auch im stationären Handel zu deutlich mehr Personalisierung führen"


Daneben kaufen wir aber auch fertige Speziallösungen ein. Da muss man sehr flexibel sein, und das sind wir: Wir nutzen deshalb beispielsweise auch Hackathons, um mit Mitarbeitern aus der IT und anderen Abteilungen Software-Ideen zu entwickeln.

Wie wird sich der Handel in den kommenden Jahren entwickeln? 

Martin Wild: Die Digitalisierung wird auch im stationären Handel zu deutlich mehr Personalisierung führen. Entscheidend wird dafür auch sein, dass die Technologisierung und Digitalisierung am PoS kein Selbstzweck sind, sondern dem Kunden ein sinnvoll erweitertes und passendes Einkaufserlebnis bieten.

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An der "Smartbar" können die Kunden vorbestellte Produkte abholen und schnelle Hilfe bekommen. Die Mitarbeiter unterstützen beim Einrichten der Geräte und nehmen kleine Reparaturen vor

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(Alle Fotos: Media-Saturn)


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