Rakuten-Deutschlandchef Christian Macht: „Alibaba ist ein Klon von uns“

Von Sybille Wilhelm | 11. Februar 2015 | 5 Kommentare Kommentieren

Von manch einem wird Rakuten hierzulande immer noch belächelt. Damit soll endgültig Schluss sein. Im Interview markiert Rakuten-Deutschlandchef Christian Macht die Herausforderungen im Hier und Jetzt und den Marktplatz der Zukunft.
Rakuten-Deutschlandchef Christian Macht: „Alibaba ist ein Klon von uns“
Rakuten-Deutschlandchef Christian Macht


Herr Macht, was will das japanische Unternehmen Rakuten eigentlich in Deutschland?

Christian Macht: Rakuten ist in Japan als klassischer Onlinemarktplatz seit 1997 sehr erfolgreich. Selbst Alibaba in China ist ein Klon von uns. Das Modell wollte unser Gründer Hiroshi Mikitani nach Europa bringen und Händlern sowie Kunden auch in Deutschland eine Alternative zu anderen großen Marktplatzbetrei-bern bieten. Ziel ist natürlich, möglichst so erfolgreich wie in Japan zu werden.

Gegen Konkurrenten wie Ebay und Amazon haben Sie auf dem deutschen Markt doch keine Chance …

Christian Macht: Als Konkurrenz begreife ich die beiden nicht. Und sie haben meinen Respekt, denn sie machen einen guten Job. Meiner Meinung nach ist ein Händler aber gut beraten, online nicht in Entweder-Oder-Kategorien zu denken. Er sollte sich vielmehr verschiedene Plattformen anschauen und sich überlegen, welche zu ihm passen. Ob er dann unbedingt über einen Marktplatz verkaufen will, der wie Amazon selbst Händler und somit ein potenzieller Konkurrent ist, muss jeder für sich entscheiden.

Warum sollte ein Händler auch über Rakuten verkaufen?

Christian Macht: Unser Ansatz ist es, die Verkäufer weiterzubilden und ihnen zu helfen, den Onlinehandel zu professionalisieren. Beispielsweise mit individualisierten Webshops und einem eigenen Kundenbeziehungsmanagement – wir nennen das Empowerment. Da sind wir auf einem sehr guten Weg, auch wenn wir noch technisch in den kommenden Jahren eine Schippe drauf legen wollen.

"Wir werden eine Schippe drauf legen."

Wo genau zum Beispiel?

Christian Macht: Etwa bei den Auswertungstools oder dem Bonusprogramm, den Rakuten Superpunkten. In Japan sind sie fast schon eine zweite Währung mit der man wechselseitig verschiedene Dienste nutzen kann, beispielsweise Reisen buchen. Hier in Deutschland sind sie noch kein echter Mehrwert für Händler. Die meisten Kunden sammeln gerade so viele Punkte, dass sie beim nächsten Einkauf 2 bis 3 Prozent Rabatt bekommen. Das ist sicherlich noch steigerungsfähig.

Wie wollen Sie den deutschen Kunden das Bonusprogramm schmackhafter machen?

Christian Macht: Indem wir zunächst einmal auch für kleinere Beträge attraktive Prämien anbieten, etwa beliebte TV-Serien wie House of Cards, die man sich über die Rakuten-Tochter Wuaki.tv online anschauen kann. Die Rakuten-Superpunkte laufen in Deutschland noch nicht ganz so, wie wir uns das vorstellen, aber wir haben einige gute Ideen und profitieren auch hier von den anderen europäischen Rakuten-Unternehmen.

Wo hapert es noch bei Rakuten.de?

Christian Macht: Wir wurden bei der Übernahme im Jahr 2011 mit viel Freiheit ausgestattet und haben es ein bisschen verschlafen, technisch und strategisch auf die globale Plattform zuzugreifen. Das hat uns etwas Zeit gekostet, hat nun aber höchste Priorität. Denn nur wenn wir in das globale Rakuten-Ökosystem ein-gebunden sind, können wir unse-ren Vorteil als Marktplatz voll ausspielen.

"Wenn es sich finanziell lohnt, planen wir auch für Deutschland eine TV-Kampagne."

Wie unterscheidet sich das Kaufverhalten in Japan von dem in Deutschland?

Christian Macht: In Japan ist beispielsweise Mobile Shopping schon lange im Alltag angekommen. Auch wenn wir Deutschland schnell aufholen, wird hier aktuell doch eher mobil gestöbert und recherchiert, als tatsächlich auch eingekauft. Auch haben japanische Händler erkannt, dass ihre Kunden mehr wollen als nur eine einfache Produktdarstellung. Sie möchten eine Geschichte erzählt bekommen – zum Produkt, zum Händler oder zur Herstellung. Deshalb sind dort sogenannte Longpages üblich, die für das europäische Auge erstmal gewöhnungsbedürftig erscheinen. Wir schauen uns natürlich ganz genau an, was in Japan gut funktioniert und was wir gegebenenfalls in Deutschland modifiziert auch nutzen können.

Über Rakuten

Der börsennotierte japanische Konzern Rakuten wurde 1997 von Hiroshi Mikitani gegründet. Inzwischen zählen rund 70 Unternehmen zu der Gruppe, die rund 11.000 Mitarbeiter in 28 Ländern weltweit beschäftigt. Neben E-Commerce zählen auch Geschäftsbereiche wie Reisen, Service und Finanzen zur Gruppe.

Im Sommer 2011 kaufte das Unternehmen die E-Commerce-Plattform Tradoria, um in Deutschland Fuß zu fassen. Rakuten.de ist ein Marktplatz mit angeschlossenem Shopsystem und hat aktuell rund 24 Millionen Produkte von mehr als 7.000 Händlern im Programm.

Der 40-jährige Christian Macht ist seit Januar 2014 Chef der Rakuten Deutschland GmbH und nimmt auch in Europa eine führende Rolle beim Ausbau eines Ökosystems aus verschiedenen Services ein. Er war zuvor bei dem Gutscheinportal Groupon und als Berater bei der Boston Consulting Group in Europa, Afrika und China tätig

Ebay und Amazon bieten Serviceleistungen wie das Fulfillment an. Planen Sie auch so etwas in Deutschland?

Christian Macht: Zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Hierzulande haben Händler im Prinzip kein Problem, passende Fulfillment- oder Logistikanbieter zu finden, da brauchen wir keine Hilfestellung leisten.

Sie sind seit Kurzem auch in Österreich vertreten und werben für Rakuten.at in Fernsehspots mit dem umstrittenen Baulöwen und Kaufhaus-Chef Richard Lugner. Damit droht schnell eine Blamage.

Christian Macht: Das sehe ich nicht so, der TV-Spot ist witzig und kommt gut an. Es melden sich viele Händler, die uns bislang nicht kannten. Bald werden wir in Österreich 1.000 aktive Verkäufer haben. Und auch die Konsumenten kennen uns jetzt, die Zahl der Kaufabschlüsse steigt. Wenn es sich finanziell lohnt, planen wir auch für Deutschland eine TV-Kampagne.

Ist die Schweiz ein Thema?

Christian Macht: Im Moment nicht. Sagen wir es mal so: Die Schweiz ist nicht der einfachste und nicht der ergiebigste Markt.

Wie sieht der Marktplatz der Zukunft aus?

Christian Macht: Es ist ein personalisierter Marktplatz mit kuratierten Inhalten, auf dem sich Kunden gerne aufhalten und sie den Moment des Entdeckens auskosten können. Sie finden Dinge, die sie eigentlich schon immer gewollt haben, sodass der Einkauf zu dem wird, was er sein sollte – ein unterhaltsames Erlebnis.

Rakuten-Deutschlandchef Christian Macht: „Alibaba ist ein Klon von uns“




Das Interview erschien zuerst in der Print-Ausgabe von "Der Handel"
Sybille Wilhelm berichtet für die Fachzeitschrift "Der Handel"  über E-Commerce. Das Magazin erscheint, ebenso wie etailment, in der dfv Mediengruppe
.


Kindle Kindle
Drucken Artikel versenden

Thema: Player

Schlagworte: Rakuten

e-map whitepaper
Xing manifestiert sich für etailment immer mehr als wichtigster Traffic-Hub unter den Sozialen Netzw ...
Topartikel
6 ausgewählte Tools für Ebay-Händler
eBay ist für viele Händler die erste Anlaufstelle, um den Onlinehandel zu proben. Doch wer nicht nur ...
So helfen Sie sich selbst - kostenfreie SEO-Tools
An Agenturen und Dienstleistern, die sich um die Optimierung von Shops für Suchmaschinen kümmern, he ...
So schafft der Shop Vertrauen - einfach umsetzbare Tipps
Handel ist mehr als nur eine Frage des Preises und des Angebots. Es ist immer auch eine Frage des Ve ...
10 Startups und
Am Anfang eines Unternehmens steht die Idee. Manchmal ist es eine Nische. Zuweilen ein cleveres Mode ...
7 Mompreneure mit Sinn für Kids und Klicks
Marion von Kuczkowski, die 1999 als eine der ersten Deutschen den Powerseller-Status bei eBay erhiel ...

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Erstellt 12. Februar 2015 00:46 | Permanent-Link

    ...allerdings ein Klon, der offensichtlich in den Zaubertrank gefallen ist - irgendwann einmal;-)

  2. H. Buschkowsky
    Erstellt 12. Februar 2015 15:04 | Permanent-Link

    "Unser Ansatz ist es, die Verkäufer weiterzubilden und ihnen zu helfen, den Onlinehandel zu professionalisieren. " Selten so gelacht ... vielleicht sollte rakuten da gleich mal mit der eigenen Seite anfangen ...?

  3. Robert
    Erstellt 13. Februar 2015 16:46 | Permanent-Link

    @H. Buschkowsky Den Text nicht aufmerksam gelesen?

  4. Torsten
    Erstellt 14. Februar 2015 12:44 | Permanent-Link
    Superpunkte ade Payback hurra!

    Raketen sollte die Superpunkte ganz schnell in Rente schicken und auf Payback als Loyaltywährung wechseln. Dann noch Payback als Vetriebskanal nutzen und dann tatsächlich die kleinen Händler einsammeln und von der Marketingstärke eines Payback profitieren...

  5. Andreas
    Erstellt 26. Februar 2015 19:32 | Permanent-Link

    Herr Macht sollte mal mit Macht daran arbeiten, die technische Performance der Händlershops zu verbessern. Ladezeiten von 10 Sek. und mehr sind ein absolutes No-Go. Bis Bilder angezeigt werden, dauert es noch länger. Trotz mehrfacher Hinweise aus der Händlerschaft wird so getan, als ob alles i. O. wäre. Die Umsätze gehen seit der Übernahme von Rakuten bei vielen Händlern permanent zurück. So kann man sich in D nicht weiterentwickeln.

stats