E-Book-Studie: So digital liest die Welt

Von Holger Ehling | 24. Oktober 2013 | 2 Kommentare Kommentieren

ebook global report
Das Geschäft mit E-Books mag in Deutschland jenseits einiger Genres noch nicht so recht aus dem Mustopf gekommen sein, gleichwohl werden die elektronischen Bücher in der insgesamt schrumpfenden Branche als große Zukunftsversprechung gehandelt. Das sieht anderswo auf der Welt auch nicht anders aus. Einen ausführlichen Blick auf den weltweiten Markt der E-Books wirft der Wiener Journalist Rüdiger Wischenbart in seinem „Global eBook“-Report, der noch bis Ende Oktober kostenlos als pdf heruntergeladen werden kann. Danach kostet der englischsprachige  Report leserfreundliche 29,95 Euro.

Der E-Book-Markt boomt fast überall, wenn auch zumeist von einer sehr kleinen Basis ausgehend. Das ist ein Schluss, den man aus dem Report ziehen kann. Die E-Book-Revolution lässt weiterhin auf sich warten. Das ist ein anderer Schluss, der genauso gültig ist. Denn: Außerhalb der englischsprachigen Märkte haben E-Books bislang nirgendwo signifikante Marktanteile erzielen können. Trotz Hype, trotz weltweit rasch steigender Absatzzahlen für E-Reader, Tablets und Smartphones. Die Gründe dafür sind vielfältig: Kulturell bedingter Widerstand, Piraterie, hohe Investitionen bei derzeit geringem Return, mangelnde Lesefähigkeit und Kaufkraft, bürokratische Hemmnisse – all das und noch viel mehr sorgt dafür, dass in den meisten Ländern die E-Books irgendwo zwischen einem und drei Prozent des Marktvolumens liegen.

Allein der englischsprachige Markt ist auf eine signifikante Größenordnung gewachsen. In den USA machen E-Books einen Anteil von 20 Prozent am Gesamtmarkt aus, in Großbritannien sind es gut 13 Prozent. Die Tendenz in diesen beiden Märkten ist weiterhin steigend, allerdings hat sich das Wachstum dort deutlich verlangsamt – in den USA gab es in einigen Sparten sogar Rückgänge im ersten Halbjahr. Skeptische Geister könnten mit Blick auf die USA bereits von einer allmählichen Sättigung des Markts sprechen.

Dankenswerterweise belassen es Wischenbart und seine Co-Autoren aber nicht bei dem Blick auf diese beiden Märkte. Deutschland, Frankreich, Spanien, Skandinavien, Russland, Mittel- und Osteuropa, China, Brasilien, Indien und die Arabische Welt werden abgehandelt – jene Märkte also, von denen sich die Buchbranche in den kommenden Jahren deutliche Entwicklungsschübe verspricht.

Abhängigkeit von den Blockbustern

Der deutsche Markt ist, was E-Books angeht, der größte nicht-englischsprachige Markt der Welt. Für 2012 spricht der Börsenverein von einem Elektroanteil von 2,5 Prozent am Branchenumsatz; für die Verlage liegt der Umsatzanteil näher an 10 Prozent. Hier wie auch in anderen Ländern sind die wenigen internationalen Blockbuster wie Dan Brown oder die „Fifty Shades of Grey“ die wesentlichen Antriebskräfte für das Wachstum – fallen diese weg (wie in den USA in der ersten Jahreshälfte) macht sich dies rasch bemerkbar. Entsprechend der Abhängigkeit von den Blockbustern sind es vor allem die großen Verlagskonzerne wie Random House, Holtzbrinck und Bonnier, die mit E-Books die höchsten Umsatzanteile erzielen. Amazon dominiert den Markt mit (konservativ geschätzten) 50 Prozent Anteil, vor der Tolino-Allianz von Weltbild, Hugendubel, Thalia und Telekom, die auf 34 Prozent kommt.

Beim Nachbarn Frankreich liegt der Marktanteil der E-Books geringfügig höher als auf unserer Seite des Rheins, sie kommen dort auf 3,1 Prozent. Dort aber tobt eine politische Grundsatzdebatte um das Wesen des Buchs und den Wert des traditionellen Buchhandels, die in teils wütenden Attacken auf Amazon, Google & Co gipfelt. Erschwert wird die Angelegenheit durch die wirtschaftlichen Probleme der großen Buchfilialisten: Virgin ist insolvent, Fnac wankt am Abgrund und die Eigentümer von Châpitre wollen ihre Filialen und am liebsten das ganze Geschäft lieber heute als morgen loswerden.

skoobe
Leihen statt kaufen bei Skoobe. Nuzer zahlen wie beim Musikdienst Spotify eine Flatrate. Hinter dem E-Book-Flatrate-Anbieter stecken Bertelsmann und Holtzbrinck.

China nimmt die Rolle des größten Hoffnungsträgers ein für die Buchverlage der Welt ein. Tatsächlich werden nirgendwo so viele Titel produziert, kein Land kauft so viele Übersetzungen pro Jahr ein. Anders als in den großen europäischen Märkten dominieren lokale Anbieter den Markt, Amazon ist in China erst seit kurzer Zeit mit eigenem Shop präsent. Der Report nennt eine Vielzahl von Daten zum Anteil von E-Books in verschiedenen Marktsegmenten, eine globale Kennziffer fehlt allerdings, was ob der schwierigen Datenlage verständlich ist.

Nachdenklich stimmt das, was der Report über die Rolle der E-Book-Anbieter zu sagen hat. Es wird deutlich, dass nur in wenigen Ländern Unternehmen oder Zusammenschlüsse bestehen, die sich der Marktmacht von Amazon und Apple sowie, mit gehörigem Abstand Google und Kobo entgegenstellen könnten. Am Beispiel von Brasilien und Spanien wird deutlich, welche Bedeutung der Markteintritt dieser Giganten hat, besonders bei der Zahl der zur Verfügung stehenden Titel. Erst seitdem einer oder mehrere der großen vier mit lokalen Shops in diesen Ländern unterwegs sind, ist das Angebot auf ernstzunehmende Dimensionen angestiegen. Offensichtlich bleiben Verlage so lange zurückhaltend bei ihren Investitionen in E-Books, wie keiner der großen vier mit einem lokalen Shop eine weltweit erprobte Verkaufsplattform anbietet.

Es wäre müßig, an dieser Stelle die Marktdaten zu den fast 20 im Report behandelten Ländern und Regionen aufzulisten. Klar ist aber, wie bereits eingangs gesagt, dass fast überall gewaltig Luft für Wachstum besteht. Dieses Wachstum wird sicherlich auch kommen, es ist aber, besonders in den Schwellenländern, von Investitionen in Bildung und Infrastruktur abhängig.

Abschließend ein Wort zum Anspruch dieser Studie: Wischenbart, ein seit vielen Jahren erfahrener Datensammler und -bewerter, macht sich nicht anheischig, die E-Book-Märkte der Welt mit einer Zauberformel vergleichbar machen zu können. Er versammelt die Erkenntnisse von lokalen und regionalen Untersuchungen und macht gleich zu Beginn deutlich, dass die darin enthaltenen Aussagen von jeweils unterschiedlichen Definitionen ausgehen. Trotzdem- oder vielleicht: gerade deshalb – ist dieser Überblick sicherlich das Beste, was es derzeit gibt, um einen von Sachkunde gekennzeichneten Blick auf den weltweiten E-Book-Markt zu werfen.

Den Report gibt es in verschiedenen Formaten bei allen großen E-Book-Shops und bei Rüdiger Wischenbart.


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Thema: Studien

Schlagworte: E-Book

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Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Erstellt 24. Oktober 2013 16:05 | Permanent-Link
    Leader in eBook Adaption Japan + SKorea

    Leider fehlen im Global eBook Report Länder wie Japan und Südkorea. Japan (1) und Korea (2) werden ja als die beiden führenden Länder in der eBook Adaption benannt - Korea hatte in 2011 bereits einen eBook Anteil am Gesamtbuch Markt mit 24.2 %.

    Quelle: Global eBook Snapshoot December 2012
    http://www.crl.edu/sites/default/files/attachments/events/Global%20ebooks%20fin.docx

  2. Holger Ehling
    Erstellt 24. Oktober 2013 16:09 | Permanent-Link
    Korea + Japan

    Vielen Dank für den Hinweis, lieber Hugo Martin. Ja, Korea und Japan fehlen, Rüdiger Wischenbart weist auch auf diese und andere "black holes" hin. Wie ich ihn kenne, bastelt er schon daran, diese im Frühjahr zu schließen.

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