Wer sich gestern Abend durch die Nachrichtenseiten las, konnte meinen, der E-Commerce bestehe ausschließlich aus einem gewissen US-amerikanischen Unternehmen. Daher ist der Amazon-Anteil am "Morning Briefing" heute besonders hoch. Dabei taucht die am häufigsten zu lesende Nachricht unten gar nicht mal auf: Amazon hat für 8,45 Mrd. US-Dollar das Filmstudio MGM gekauft. Übrigens samt der Rebellen-gegen-das-System-Filme "Ben Hur" und "Thelma & Louise".

///// HANDEL NATIONAL
Bundeskartellamt richtet die Augen auf Online-Händler
Das Bundeskartellamt kündigt eine Schwerpunktabteilung für den Bereich E-Commerce an. Unter Vorsitz von Dr. Felix Engelsing soll die 2. Beschlussabteilung "sich künftig verstärkt um die Anwendung des neuen § 19a GWB und des allgemeinen Kartellrechts im Bereich E-Commerce kümmern". Und dabei "insbesondere für die kartellrechtliche Beurteilung des Verhaltens von Amazon und anderer Handelsplattformen zuständig sein". Die 2. Beschlussabteilung gibt dafür den Bereich Lebensmittelhandel an die 1. Beschlussabteilung ab, erhält aber von dort die Zuständigkeit für Unterhaltungselektronik und Elektrogeräte.

Hellofresh sieht noch viel Wachstumspotenzial im Lebensmittel-Onlinehandel
"Online-Lebensmittelhandel hängt hinterher", so fasst Wiwo.de Aussagen des Hellofresh-Chefs Dominik Richter von der digitalen Hauptversammlung des Unternehmens zusammen. Freundlicher formuliert: Es gibt für den Kochboxen-Onliner noch viele Wachstumsmöglichkeiten. Elektronik und Mode machten es vor. „Weniger als vier Prozent des Lebensmittelhandels passieren derzeit online“, zitiert die Website den Chef. Da Experten vermuteten, dass sich diese Entwicklung im Laufe der kommenden fünf Jahre in den USA und auch sonst verdoppeln werde, könnten die jährlichen Wachstumsziele allein dadurch erreicht werden, dass das Unternehmen genauso schnell wachse wie der Markt.

Delivery Hero verkauft den Balkan nach Spanien
Der Berliner Essenslieferdienst Delivery Hero verkauft sein Geschäft in den Balkan-Staaten für rund 170 Mio. Euro an das spanische Unternehmen Glovo (Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Kroatien, Montenegro, Rumänien und Serbien). Das Unternehmen will das Geld in andere wichtige Märkte investieren. Delivery Hero ist mit 37 Prozent an Glovo beteiligt, schreibt Wiwo.de, eine Fusion werde aber ausgeschlossen.

The Platform Group kauft Mehrheit an Online-Möbelhändler
Der Modemarktplatz-Betreiber The Platform Group (ehemals Schuhe24) hat die Mehrheit an der Plattform Möbel First erworben. Wie Textilwirtschaft.de schreibt, werden Gründer und Mitarbeiter übernommen. Das Sortiment soll ausgebaut und die Zahl der angeschlossenen Händler um fast 67 Prozent erhöht werden.


///// HANDEL INTERNATIONAL

US-Staatsanwaltschaft klagt Amazon wegen Bestpreis-Klausel an
"Wettbewerbsfeindliche Praktiken" werfe die Staatsanwaltschaft der US-Hauptstadt Washington dem Online-Marktplatz Amazon vor. Wie Spiegel.de und viele andere Medien berichten, verbiete Amazon den Händlern, ihre Waren anderswo günstiger zu verkaufen, einschließlich der eigenen Websites. "Dies führe zu überhöhten Preisen für die Verbraucher", heißt es. Amazon reagierte mit dem Statement, die Händler setzten ihre Preise auf dem Marktplatz selbst fest.

Jeff Bezos gibt CEO-Posten am 5. Juli ab
Jetzt gibt es ein Datum: Jeff Bezos übergibt die Position des Chief Executive Officer von Amazon am 5. Juli 2021, dem 27. Geburtstag des Unternehmens, an Andy Jassy, der bisher die Cloud-Sparte Amazon Web Services geleitet hat. Geekwire.com nennt Jassy "einen musikbegeisterten, Chicken Wings essenden, tatkräftigen Bezos-Jünger". Jeff Bezos wird Vorsitzender des Verwaltungsrats.

Fast die ganze Welt darf jetzt über Amazon verkaufen
Amazon lässt jetzt Händler aus 85 weiteren Ländern auf seinem Marktplatz zu, darunter Pakistan, Kasachstan, Uruguay, Venezuela, Südafrika, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien. Die Zahl der akzeptierten Länder betrage damit 188, schreibt Marketplacepulse.com, also praktisch die ganze Welt ohne Kuba, Iran und Nordkorea. Ähnlich wie China werde zum Beispiel Pakistan vom direkten Kundenkontakt profitieren, erwartet die Website.

Amazon Fashion ruft "Local Label Hub" ins Leben
Die Abteilung – der Name sagt es – konzentriert sich auf lokale kleine und mittelständische Label und Designer. Wie Fashionunited.com berichtet, seien bereits die Marken Les Girls Les Boys, The Cotton London, Temperley, Kat Maconie und Rachel Jackson London vertreten.

Drei kleine Meldungen
  • Die Aufsichtsbehörden des US-Bundesstaates Washington haben laut Geekwire.com eine Strafe von 7.000 US-Dollar gegen Amazon verhängt, weil die Arbeitsanforderungen in einem Fulfillment Center in Dupont zu Verletzungen am Arbeitsplatz geführt hätten. Die Website schreibt, Amazon habe Anfragen dazu nicht beantwortet.
  • Am Dienstagnachmittag ist Amazon Buy Shipping ausgefallen, am gestrigen Mittwochvormittag habe Amazon bestätigt, das Problem sei behoben. Zudem versprach das Unternehmen laut Tamebay.com, der Vorfall werde die Leistungskennzahlen der Shops nicht negativ beeinflussen.
  • Ein unbestätigter Bericht, Amazon wolle stationäre Apotheken eröffnen, hat den Aktienkurs US-amerikanischer Apotheken um bis zu 3,5 Prozent sinken lassen, berichtet Businessinsider.com.



///// TRENDS & TECH

Fast die Hälfte der Deutschen hält E-Commerce nicht für nachhaltig
Deutsche Verbraucher stellen dem Online-Handel ein sehr mäßiges Nachhaltigkeits-Zeugnis aus: 46 Prozent antworten auf die Frage, ob der E-Commerce die nachhaltigere Art des Einkaufs ist, mit Nein. 28 Prozent sagen Ja, 26 Prozent wissen es nicht. Das hat die schwedische Versandkarton-Vermittlungs-Plattform Box Inc zusammen mit den Marktforschern von Yougov herausgefunden; befragt wurden 2084 Deutsche. "Auslöser hierfür sind vor allem die Transportmethoden der bestellten Waren und der Verpackungsmüll", teilt Box Inc mit. "Für die Reduzierung des CO2-Ausstoßes ist aus Sicht der Befragten der Onlinehandel zuständig." Nach ihrer Ansicht seien die Optimierung von Transportmethoden und Retouren, die Verwendung von nachhaltigen, recycelbaren Verpackungen und ein CO2-Ausgleich geeignete Maßnahmen. Box Inc will mit der Umfrage nicht etwa den E-Commerce aufrütteln, sondern die "Diskrepanz zwischen Fakten und gefühlter Wahrnehmung von Verbraucherinnen und Verbrauchern" herausstellen.

Dunlopillo: Online-Konfigurator, aber kein Online-Shop
Matratzenhersteller Dunlopillo hat auf seiner deutschen Website einen Bettenkonfigurator eingerichtet. Er erlaubt es, an einem abgebildeten Beispielbett Größen, Formen und Farben für Boxspring- und Polsterbetten, Matratzen, Lattenroste, Topper und Kissen zu verändern und auszuprobieren. Allerdings ist das kein Online-Shop: Besucher der Website können "ihr Wunschprodukt online individuell zusammenstellen und somit bestens vorbereitet bei einem der Dunlopillo-Händler vor Ort in das Beratungsgespräch [...] starten", so Moebelmarkt.de. Wichtiges Feature auf der Website ist daher die klassische Händlersuche gleich neben dem Konfigurator.

Modeanbieter Desigual ermöglicht auch in Deutschland präzisere Online-Größenwahl
Um Retouren wegen falscher Größen zu vermeiden, bietet der spanische Modehändler Desigual jetzt auch auf der deutschsprachigen Website den Button "Finde deine Größe". Durch die Eingabe von Daten Alter, Geschlecht, Größe und Gewicht (laut Fashionunited.de anonym) errechne die Website die Größe. Die Funktion gibt es bereits in anderen Märkten.

US-Betrugsvorbeuger erhält 300 Mio. US-Dollar
Das US-Unternehmen Forter, spezialisiert auf die Betrugsprävention im E-Commerce, hat nach eigenen Angaben 300 Mio. US-Dollar an Kapital erhalten. Mit einer Finanzierung von insgesamt drei Mrd. Dollar sei man jetzt "das wertvollste Privatunternehmen aller Zeiten in der Betrugsprävention". In den vergangenen zwölf Monaten sei der Umsatz um 100 Prozent gewachsen, die Kundschaft habe 250 Mrd. Dollar umgesetzt und eine Mrd. Kunden gezählt. Forter macht sein Geschäft vor allem im englischsprachigen Raum und in Asien.

Peking testet Lieferroboter auf öffentlichen Straßen
Lange nichts über Lieferroboter geschrieben, daher ein Blick nach Asien: Die chinesische Regierung hat den Firmen JD.com, Meituan und Neolix erlaubt, auf ausgewiesenen öffentlichen Straßen im Entwicklungsgebiet Yizhuang selbstfahrende Lieferfahrzeuge zu testen, meldet Techinasia.com. Die Fahrzeuge von JD.com liefern Pakete von Logistikzentren und Supermärkten an Büros, Wohnhäuser und Schulen, die von Neolix fungieren eher als mobile Verkaufsautomaten für Snacks und Lunchpakete. Neolix will bis Ende uni 150 solcher Roboter in Peking betreiben. Die Stadt fördert das Projekt.