Die Digitalexperten sind sich sicher: „In der Sprachbedienung liegt die Zukunft“. Bereits 2020 werden 90 Prozent der Neufahrzeuge vernetzt sein. Und dann werden uns Alexa & Co wohl nicht nur den Weg weisen, sondern sich auch um unseren Einkauf kümmern. Zum Beispiel Lebensmittel direkt zur Abholung bestellen.

„Hey Mercedes, nenne mir ein positives Lebensmotto und dann führe mich auf meiner Route zum nächsten Kunden!“ Das Auto antwortet brav mit einem Sinnspruch zum Arbeitstag und folgt der Anweisung exakt. Der Betrachter traut derweil seinen Ohren nicht und reibt sich verwundert die Augen. Was wie Science-Fiction klingt und allenfalls in einem Fahrzeug der Luxusklasse zu erwarten ist, vollbringt ein schnöder Transporter.

„Der neue Sprinter ist das zweite Fahrzeug von Mercedes-Benz, das über das neue Multimediasystem mit künstlicher Intelligenz verfügt“, erklärt Philipp Wex mit sichtlichem Stolz und ergänzt: „Wir befinden uns dabei auf Augenhöhe mit den Angeboten von Amazon, Apple oder Google.“ Der Daimler-Digitalfachmann aus Stuttgart ist jedenfalls überzeugt: „In der Sprachbedienung liegt die Zukunft!“ Denn anders als bislang, begnügt sich die Computerstimme in Fahrzeugen nicht mehr mit dem lapidaren Hinweis: „Ich habe Sie nicht verstanden“, sondern lernt stets ganz im Stile von „Alexa“ und Co. permanent dazu und so die Gewohnheiten des Fahrers kennen.

Mit der Spracherkennungssoftware des Mercedes-Benz-Kooperationspartners Nuance lassen sich tatsächlich immer mehr Funktionen ohne Bedientasten umsetzen – und so kann man mit seinem Transporter sogar plaudern, ihm Mails diktieren, oder einfach sein Problem nennen. Die Lösung folgt prompt. Auf die Ansage: „Der Tank ist leer!“ weist der Wagen wie selbstverständlich zur nächsten Zapfsäule.

Mercedes holt sich Start-ups mit an Bord

Auch beim Navigieren hat der älteste Autobauer der Welt ein Start-up im Boot. Das junge Unternehmen „what3words“ hat den Globus vermessen, in drei auf drei Meter große Quadrate eingeteilt und diese jeweils mit drei Worten belegt. So reicht die Eingabe der drei Begriffe in eine App, um zum Ziel zu gelangen. Das hilft vor allem bei Straßennamen, die in einer Großstadt doppelt vergeben sind, in Städten oder Regionen, in denen es überhaupt keine Straßennamen oder Adressen gibt, oder bei der Materialanlieferung auf großen Baustellen.
Spracherkennung mit KI sorgt dafür, dass sich die lernenden Systemen besser auf den Fahrer einstellen und mehr Funktionen steuern können.
© Quelle: Mercedes Benz
Spracherkennung mit KI sorgt dafür, dass sich die lernenden Systemen besser auf den Fahrer einstellen und mehr Funktionen steuern können.
Dies sind nur zwei Beispiele aus dem umfangreichen Mobilitäts- und Flottenmanagementprogramm „Pro Connect“, mit dem sich die Vansparte von Mercedes-Benz fortan nicht nur als Hersteller, sondern auch als Dienstleister profilieren möchte. Und Björn Sack, Leiter Connectivity und Digitalservices, versichert: „Das ist erst der Anfang. Wir werden das Portfolio mit weiteren Releases kontinuierlich erweitern.“ Dem dynamischen Manager stehen in seiner noch jungen Kreativabteilung allein für den Transporter-Bereich schließlich 180 Mitarbeiter zur Verfügung. Daimler nimmt den Wettbewerb mit den IT-Koryphäen aus dem Silicon Valley augenscheinlich ernst.

Ob das wachsende Digitalangebot tatsächlich zum Kassenschlager wird, muss sich freilich erst noch zeigen. Die große Mehrheit der Transporter-Kunden ist überaus preissensibel und bestellt eher den weißen Kastenwagen in Basisausstattung nach Möglichkeit ohne Beifahrerairbag, als ein High-Tech-Smartphone mit angeschlossenem Frachtraum...

Digitales besonders stark bei Pkw im Kommen

Anders könnte es im Pkw-Bereich aussehen, wo Mercedes-Benz seine Multimediaeinheit  mit den Namen „MBUX“ zunächst in der kompakten A-Klasse einführt und zahlreiche Hersteller mit Hochdruck an der Integration von „Alexa“ ins Auto arbeiten. Ford, Hyundai und Nissan bieten zunächst allerdings nur in den USA Dienste an.

BMW will dem Vernehmen nach ab Mitte des Jahres auch hierzulande neue Modelle entsprechend ausstatten. Die Volkswagen-Tochtermarken Skoda und Seat sind schon einen Schritt weiter. Im mit 30 Spezialisten besetzten „Digilab“ in Prag wurden soeben erste Skoda-Skills, vergleichbar mit Apps auf dem Smartphone, entwickelt und können bereits angewendet werden.

„Aktuell starten wir mit einer Beta-Testphase. Dabei sind Anfragen zur Verkehrssicherheit und zur Fahrzeugortung integriert“,  erklärt Peter Lorenzen, der beim Deutschland-Importeur mit Sitz in Weiterstadt für die Digitalisierung verantwortlich zeichnet.

In den Seat Modellen Leon und Ateca ist der interaktive Sprachassistent von Amazon schon zu haben. Aktuell werden die kleineren Fahrzeuge Ibiza und Arona vorbereitet. Besitzer eines Amazon Echo oder Echo Dot können auf den Seat-Skill zugreifen und damit per Sprachsteuerung oder in der Alexa-App Produktinformationen erhalten oder eine Probefahrt vereinbaren. Die Spanier nutzen diese Funktionen als weltweit erster Automobilhersteller. Als Zubehör gibt es aber auch bereits Adapter von Muse, Anker, Garmin, Logitech, oder Amazon selbst, die die Alexa-Funktionen in unterschiedlicher Ausprägung ins Fahrzeug holen. Meistenteils stecken die mobilen Anwendungsmöglichkeiten aber noch in den Kinderschuhen. Bis die mitfahrenden Sprachsysteme das volle Programm bieten und beispielsweise online Warenbestellungen (wohl fast zwangsläufig bei Amazon) entgegennehmen und dann auch noch dafür sorgen, dass die Lieferungen direkt im Kofferraum landen, dürfte noch einige Zeit vergehen.

Jürgen Seitz ist aber überzeugt: „Es wird normal werden, dass wir einen digitalen Sprachassistenten einbinden, sogar in Gesprächen. Schon bald wird kein Auto mehr ohne einen smarten Sprachassistenten verkaufbar sein“, meint der Professor für Marketing, Medien und digitale Wirtschaft an der Hochschule in Stuttgart auf der Onlineplattform www.meedia.de und fügt an: „In Zukunft sollte die Natürlichkeit des Sprachverhaltens auch unser emotionales Verhältnis zu Computern verändern. Mein zweijähriger Sohn ist heute bereits der Überzeugung, dass OK, Google der Bruder von Alexa ist.“

Die Vernetzung schreitet schnell voran

Für die weitere Entwicklung sind sich die Experten auf jeden Fall einig. „2020 werden 90 Prozent der Neufahrzeuge vernetzt sein“, sagt Gabriel Seiberth vom Strategie- und Technologieberatungsunternehmen Accenture Digital voraus und macht dafür vier Trends verantwortlich:

•    Leistungsfähigere Netzwerke, künftig mit 5 G-Standard
•    Immer mehr Sensoren in den Fahrzeugen
•    Große Datenmengen über die Cloud
•    Künstliche Intelligenz wächst beständig

Skoda sieht sich auch hier auf dem richtigen Weg: „Mit Ausnahme unseres kleinsten Modells Citigo verfügen bei uns bereits alle Fahrzeuge über eine Vernetzung“, sagt Peter Lorenzen. Durch eine serienmäßig eingebaute SIM-Karte können über drei Tasten im Fahrzeughimmel Notrufe („E-Call“) abgesetzt, Hilfe bei Pannen angefordert, oder Informationen zum Fahrzeug abgerufen werden. Zudem lässt sich nach der Registrierung auf einer speziellen Skoda-Webseite eine App aktivieren, mit der sich beispielsweise auf dem Smartphone der Fahrzeugstatus wie Reichweite der Tankfüllung, oder der Standort checken lassen.

Das macht bei Flottenfahrzeugen Sinn, die häufig von anderen Fahrern genutzt werden. Auch Routen können mit dem System geplant und direkt in die Navigation übertragen werden. Über die beiden wahlweise verfügbaren Navigationsgeräte können zudem online diverse Dienste in Anspruch genommen werden. Wetterbericht, Börsendaten, Nachrichten lassen sich so in Echtzeit auf den Bildschirm holen – womit der Fahrer allerdings massiv vom Verkehrsgeschehen abgelenkt wird. Da hilft auch die Vereinfachung der Bedienung durch die Spracheingabe nur bedingt. In der Konsequenz muss das Auto tatsächlich autonom fahren, damit der zum User mutierte Chauffeur die schöne, neue Digitalwelt auch in vollen Zügen nutzen kann.

Nach einer Studie von McKinsey wird sich das Umsatzvolumen von digitalen Services rund um das Automobil in den kommenden 15 Jahren um den Faktor 70 erhöhen. Damit stehen auch den Autohäusern neue Möglichkeiten offen. Beispielsweise kann ein Fahrzeughändler, der im Portal als „bevorzugter Servicepartner“ hinterlegt wird, dem Kunden individuelle Angebote für Termine unterbreiten und ihn stärker an sich binden. Zudem ergeben sich Chancen auf Zusatz- und Folgegeschäfte, da der Betrieb regelmäßiger mit dem Kunden in Kontakt steht. Auch die Auslastung der Werkstatt lässt sich effizienter planen, weil der Servicepartner vom Fahrzeug frühzeitig über anstehende Servicearbeiten informiert wird.
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