Chinesen sind reisefreudig und kommen mit prall gefülltem Portemonnaie. Doch das ist nicht wörtlich zu nehmen, denn bezahlt wird gern per App – darauf muss sich der deutsche Handel einstellen.

Chinas Mittelschicht leistet sich immer häufiger eine Reise nach Europa, ins Zentrum der Luxusmarken. Rund 2,9 Millionen Touristen kam 2018 nach Deutschland (gegenüber 0,9 Millionen in 2008), so die deutsche Tourismus Zentrale, Geschäftsreisende nicht mit eingerechnet. Sie alle sind konsumwillig und haben ein prall gefülltes Portemonnaie mit dabei. Weder die arabischen Golfstaaten (0,8 auf 1,9 Millionen Touristen) noch Indien (0,4 auf 0,8 Millionen Touristen) können da mithalten. Auch die russische Dominanz unter den Touristen ist verschwunden.

Im Dezember 2018 wurden 39 Prozent der Tax-free-Umsätze in Deutschland mit Chinesen gemacht. Pro Reise gaben die Kunden aus Fernost mehr als 3000 Euro aus. Ein Großteil floss ins Shopping – und zwar im stationären Handel. Die Kunden sind nicht kleinlich, der durchschnittliche Kassenbon liegt laut dem Planet Intelligence Report aktuell bei über 700 Euro.

Bald 20,8 Millionen chinesische Touristen

Das Spannende ist jedoch das Potenzial. „In China besitzen aktuell nicht mal zehn Prozent der Bevölkerung einen Reisepass und bisher sind davon lediglich zwei bis drei Prozent überhaupt ins Ausland gereist“, betont Pascal Beij, Countrymanager Deutschland des Finanzdienstleisters Planet.
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Der deutsche Handel (und das Klima) ist kaum darauf eingestellt, sollte sich dank Wirtschaftswachstum ein Mehrfaches an Chinesen den Weg nach Europa leisten. Anna Kostense, Team Lead Sales Retail China Payment bei Zahlungsdienstleister Wirecard, rechnet bis 2022 mit einem Anstieg auf 20,8 Millionen.

Wer sich für teure Prada-Schuhe oder günstigere Levis-Jeans entschieden hat, möchte so einfach wie möglich bezahlen. In China bedeutet dies Zahlen per Smartphone, entweder mit der Zahlungsapp Alipay oder WeChatpay – beide haben eine ähnliche Marktdurchdringung.

Jeder zweite Chinese nutzt Alipay

„Praktisch jeder erwachsene Chinese hat beide Apps auf seinem Smartphone“, sagt Anna Kostense von Wirecard. Alipay ist ein Angebot von Ant Financial. An diesem Unternehmen ist Alibaba mit 30 Prozent beteiligt. Rund 700 Millionen Chinesen nutzen die App – das ist jeder zweite Chinese, wie Alipay Europachef Roland Palmer gegenüber dem Handelsblatt vorrechnete.

In Europa wird dagegen vorrangig bar, per Debit- oder Kreditkarte bezahlt. Zudem müssen sich die Besucher um die Rückerstattung der Mehrwertsteuer kümmern, wenn sie wieder ausreisen – bequem kennen Chinesen anders. 

Der Handel in Metzingen hat sich darauf eingestellt, ebenso Zahlungsdienstleister wie Wirecard, Ingenico, Worldline oder Planet. Auch Concardis bietet Alipay seit Herbst 2016 an. „Die Transaktionsumsätze über Alipay steigen in Deutschland kontinuierlich. Allein 2018 haben sie sich bei unseren Händlern mehr als verdoppelt“, erklärt Karsten von Diemar, Vice President Product Management bei Concardis, und rechnet mit einer ähnlichen Entwicklung für das laufende Jahr.

„Insgesamt kooperieren in Deutschland bereits mehrere tausend Händler mit Alipay“, erklärt Xiaoqiong Hu von Alipay, die für die Geschäftsentwicklung in den Dach & CEE-Regionen zuständig ist. „Weltweit ermöglichen wir über globale Partner über einer Milliarde Menschen mobiles Bezahlen.“ Anders als die deutschen mobilen Bezahllösungen sind Alipay und Wechatpay keine reinen Bezahlapps, sondern ein ganzer Kosmos.

„Wesentlich ist, das Angebot ist vom Kunden her gedacht“, erklärt Panagiotis Karasavvoglou, Country Head Merchant Services Germany bei Worldline, „welches Problem kann ich für den Nutzer lösen, welchen Mehrwert kann ich anbieten?“. Hier wird es für den deutschen Händler interessant.

Gefragt sind Standorte mit Alipay-Akzeptanz

Wer Alipay anbietet, kann sich mit allen Standorten in der App listen lassen. So sehen Touristen bereits bei der Reiseplanung in China, ob ihre anvisierten Ziele ihr Lieblingszahlungsmittel anbieten. „Händler sollten auf Plattformen wie Alipay unbedingt ein Profil auf Chinesisch anlegen und Kunden ganz gezielt mit Rabatt-Aktionen oder sonstigen Mehrwertdienstleistungen ansprechen“, rät Karsten von Diemar von Concardis.

Für die Touristen sind zwei Attribute besonders schmackhaft. Bei der Bezahlung per App ist der Wechselkurs leicht günstiger als der offizielle. Zudem kooperiert Alipay mit Dienstleistern wie Planet und Global Blue, die die Rückerstattung der Mehrwertsteuer simpel machen. „Direkt nach dem Einkauf gehen wir in Vorleistung und erstatten die Mehrwertsteuer auf das Alipay-Konto des Kunden zurück, so dass er das Geld für weitere Einkäufe nutzen kann. Die Erfahrung zeigt, das Geld wird innerhalb 48 Stunden wieder ausgegeben“, erklärt Pascal Beij von Planet.

Die Art des Reisens der Chinesen verändert sich. War die erste Welle vor allem von Touristengruppen geprägt, kommen jetzt verstärkt auch Individualreisende mit anderen Interessen. Gefragt sind Qualität und Einzigartigkeit, und das muss nicht im Kauf einer Gucci-Tasche münden. Kuckucksuhren, hochwertige Kosmetika oder Nahrungsergänzungsmittel stehen hoch im Kurs – Mittelzentren sollten sich schnell darauf einstellen.
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