Der Bargeldexperte GLORY feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Das Jubiläum nahm etailment zum Anlass, um mit GLORY Deutschland Geschäftsführer Oliver Kapahnke und dem Sales Director für Deutschland, Thomas Rausch, über die Zukunft des Bargelds und den Einfluss der Digitalisierung auf Handel und Banken zu sprechen.

Viele Branchen und Industrien können ein Lied davon singen, was es bedeutet, in die Dynamiken der digitalen Transformation zu geraten. Die Kernsubstanz Ihrer Branche ist das analoge Bargeld, dem Prognosen zufolge auch schon mehrfach das Ende bescheinigt wurde – welche Konsequenzen haben diese Entwicklungen für Ihr Unternehmen?

Kapahnke: In Zeiten alles durchdringender Digitalisierung formiert sich in vielen Bereichen eine Art Gegenbewegung – auf MP3 folgt Vinyl, Bücher machen eBooks Konkurrenz und selbst die Analogfotografie erfährt ein Revival. Analog ist wieder in. Das gilt auch für Bezahlverhalten. Hier zeichnet sich ein ganz klarer „Retro-Trend“ zurück zum Bargeld ab mit steigenden Transaktionszahlen, flankiert von Kampagnen, die die Nutzung des Bargelds wieder in den Vordergrund pushen. Aus Verbrauchersicht sind vor allem Aspekte wie Ausgabenkontrolle, Sicherheit oder Einfachheit ausschlagegebend. Zudem ist Bargeld ein emotional behaftetes Thema – vor allem die Deutschen hängen an Münzen und Scheinen.

Und dennoch verzeichnen digitale Bezahlmethoden sowie Kartenzahlung steigende Wachstumsraten. Wie passt das zusammen?

Kapahnke: Die Veränderungen beim Bezahlverhalten vollziehen sich nicht revolutionär, sondern evolutionär in kleinen Schritten. Die Existenz des Bargelds ist daher nicht bedroht. Laut aktuellen Studien der Europäischen Zentralbank und Bundesbank ist und bleibt Bargeld das wichtigste Zahlungsmittel in Deutschland und Europa – nehmen wir die nordischen Länder einmal aus. In Zahlen ausgedrückt erfolgen knapp 80 Prozent aller Transaktionen in bar. Zudem liegt hierzulande der Bargeld-Anteil am Umsatz immer noch bei 50 Prozent. Die Digitalisierung wirft in unserer Branche nicht die Frage nach einem "Entweder-Oder" auf, vielmehr stehen analoge und digitale Bezahltrends nebeneinander.

Analog ist wieder in. Das gilt auch für Bezahlverhalten. Hier zeichnet sich ein ganz klarer „Retro-Trend“ zurück zum Bargeld ab mit steigenden Transaktionszahlen, flankiert von Kampagnen, die die Nutzung des Bargelds wieder in den Vordergrund pushen.

Was verändert sich dadurch für den Verbraucher, aber auch für bargeldintensive Brachen wie Handel oder Banken?

Kapahnke: Für den Verbraucher erhöhen sich die Wahlmöglichkeiten in puncto Transaktionen. Er trifft letztlich die Entscheidung darüber, wann er die verschiedenen Zahlungsmechanismen nutzen möchte. Gleichzeitig verändern sich die Bezugspunkte für Bargeld.

In Deutschland haben wir die Situation, dass sich Banken und Sparkassen als die traditionellen Player im Bargeldhandling zunehmend aus der Fläche zurückziehen. Seit 2000 wurde ein Viertel aller Zweigstellen geschlossen – das sind 10.200 Standorte. Gründe dafür sind unter anderem der steigende Kostendruck und ein verändertes Kundenverhalten. Analog kommen durch die hohe Nachfrage nach wie vor enorme Bargeldmengen im Handel an – im Lebensmitteleinzelhandel allein sind es knapp 80 Milliarden Euro pro Jahr. Um dieses hohe Bargeldaufkommen zu nutzen und die Versorgungs-Lücke zu schließen, gehen Handel und Banken zu Kooperationsmodellen in Form von Bargeldservices am POS über. Der Handel übernimmt damit zusehends die Rolle des Bargeldversorgers.

Wie sehen solche Kooperationsmodelle konkret aus?

Rausch: Die heutigen auf dem Markt verfügbaren Lösungen basieren zumeist auf dem klassischen "Cash Back"-Prinzip und sind mit einem Mindesteinkaufswert beim Händler, in der Regel 20 Euro, und einer relativ niedrigen Höchstgrenze verbunden. Der Kunde bekommt eben zusätzlich zum Einkauf noch Geld ausgezahlt und begleicht den Betrag mit seiner EC-Karte. Es gibt aber auch Modelle, die "echte" Banktransaktionen im Handel anbieten – wie an einem Geldautomaten. So kooperiert die Postbank mit einer großen Tankstellenkette in Deutschland. Der Kunde muss nichts kaufen, sondern kann an der Tankstelle ganz einfach Geld von seinem Konto abheben. Dieses Konzept lässt sich auch auf den Lebensmitteleinzelhandel übertragen, denn die beiden Branchen ergänzen sich ideal. Händler haben Bargeld, das sie zur Bank bringen müssen und Banken haben Kunden, die mit Bargeld versorgt werden wollen.

Mittlerweile wird Bargeld europaweit öfter über Cash Back als am Bankschalter bezogen und das Netz von rund 50.000 Ladenkassen, an denen Abhebungen je Einkauf möglich sind, ist inzwischen fast so dicht wie jenes der Geldautomaten.

Wie werden solche Modelle von Kundenseite angenommen? Das ist sicherlich auch eine Generationenfrage, aber Banktransaktionen haben auch ja viel mit Vertrauen und Zutrauen gegenüber dem persönlichen Bankberater zu tun.

Rausch: Hier muss man ganz klar zwischen Basisdienstleistungen und komplexeren Bankgeschäften unterscheiden. Es geht bei solchen Kooperationsmodellen primär darum, die Bargeldversorgung sicherzustellen, sprich um Geld abheben und einzahlen. Diese Basisleistungen werden seit langem schon außerhalb der Bankfiliale an SB-Lösungen abgewickelt und das generationenübergreifend. Von daher ist die Akzeptanz auch seitens der älteren Generation gegeben. Zudem führt der Rückzug der Banken aus der Fläche zu einer "Alternativlosigkeit", die das Ausprobieren neuer Bargeld-Bezugspunkte fast erzwingt. Die Zahlen sprechen an dieser Stelle eine deutliche Sprache. Mittlerweile wird Bargeld europaweit öfter über Cash Back (7%) als am Bankschalter (6%) bezogen und das Netz von rund 50.000 Ladenkassen, an denen Abhebungen je Einkauf möglich sind, ist inzwischen fast so dicht wie jenes der Geldautomaten (58.000).

Was braucht es, damit sich solche Modelle flächendeckend umsetzen lassen?

Rausch: Zunächst einmal müssen die Vorteile einer solchen Kooperation für alle Beteiligten sichtbar gemacht werden. Händler können überschüssiges Bargeld an den Kunden auszahlen, sparen beim Werttransportunternehmen und differenzieren sich durch neue Services vom Wettbewerb. So können zusätzliche Einnahmen erzielt werden, die den Business Case noch interessanter machen. Banken müssen nicht weiter in eigene SB-Geräte investieren oder Filialen vorhalten und sind dennoch in der Fläche präsent. Für Kunden ist die Bargeldversorgung sichergestellt und sie erfahren ein positives Einkaufserlebnis.

Zudem braucht es entsprechende Cash-Management-Lösungen, um solche neuen Ansätze überhaupt verbraucherfreundlich, kosteneffizient und sicher umsetzen zu können. Deutschland ist in der Bargeld-Automatisierung führend und daher in Sachen technologische Infrastruktur schon sehr gut aufgestellt. Bisher wurden damit aber primär Bargeldprozesse im Backoffice-Bereich optimiert. Die aktuellen Entwicklungen führen nun dazu, dass Bargeldmanagement-Systeme zunehmend auch zum Kunden ausgerichtet installiert werden.

Und hier kommen vermutlich Ihre Lösungen ins Spiel: Welche Vorteile dürfen sich Händler davon erwarten?

Rausch: Mithilfe unserer Cash-Management-Systeme unterstützen wir Händler dabei, ihr Bargeld effizient zu verarbeiten. Auf diese Weise können Bargeldprozesse lückenlos gesteuert und verwaltet werden – auch über verschiedene Standorte hinweg. An die Stelle von Insellösungen tritt eine zentrale Verwaltung und ein sicherer, geschlossener Bargeldkreislauf. Durch die Automatisierung lassen sich Geschäftsabläufe optimieren und Kosten einsparen. Mitarbeiter werden von Kassenverantwortung entlastet und Abrechnungsdifferenzen vermieden. Statt sich mit zeitaufwendigen Routinetätigkeiten im Umgang mit Bargeld zu beschäftigen, kann sich das Verkaufspersonal ganz auf den Kundenservice konzentrieren. Und zudem können eben auch neue Bargeldservices wie Cash Back wesentlich einfacher und deutlich sicherer abwickeln – und das nicht nur an mitarbeiterbedienten Kassen, sondern auch selbstbedient.

Das System hat hierbei quasi einen dreifachen Nutzen: es dient als Kasse, funktioniert wie ein Geldautomat und optimiert gleichzeitig das Cash Management des Händlers. Am Ende des Tages geht es uns vor allem darum, dass Bargeld – insbesondere seitens des Handels – nicht nur als notwendiges Übel wahrgenommen wird, sondern als Chance über neue Services mehr Profit aus dem Cash zu ziehen.
MEHR ZUM THEMA:

Dank moderner System wird ein geschlossener Bargeldkreislauf im Handel möglich. Das Personal kommt mit dem Bargeld gar nicht mehr in Kontakt.
© Glory
Cash-Management

Hände weg vom Bargeld: So sorgen Händler für mehr Hygiene und zufriedenere Mitarbeiter


Bargeld wird den Handel noch lange beschäftigen. Zeit, die Abläufe zu optimieren
© EZB
Cash-Management

Kosten runter – so besiegt der Handel den Endgegner Bargeld


Das Bargeld wird den Handel wohl noch eine ganze Weile beschäftigen
© barzahlen.de
Cash-Management

Die Liebe zum Bargeld ist auch eine Chance für den Handel