Hierzulande lehnen zwar 88 % der Deutschen eine vollständige Abschaffung des Bargeldes ab, der Umsatzanteil von Bargeld geht aber beständig zurück. Bargeldlos zahlen, sogar ohne PIN-Eingabe oder Unterschrift, wird immer populärer. In Branchen, in denen das Gros des Geschäfts mit unzähligen kleinen Einzelbeträgen gemacht wird, führt kontaktloses Bezahlen zu großen Effizienzgewinnen. Ein Beispiel aus dem Bäckereigeschäft.

Das Königreich Schweden ist auf dem Weg zum ersten bargeldlosen Land der Welt: Schon heute macht Bargeld dort nur etwa 1 % der Wirtschaftsleistung aus. Die schwedische Nationalbank rechnet laut Focus damit, dass im Jahr 2020 nur noch 0,5 % der Bürger ihre Einkäufe mit Bargeld bezahlen. Das führt dazu, dass Geschäfte sich sogar weigern, Bargeld anzunehmen.

Soweit sind wir in Deutschland längst nicht. Aber der Umsatzanteil von Bargeld sinkt weiter, hat das EHI Retail Institute im Mai gemeldet. Laut Ausgabe 2019 der regelmäßig erhobenen Studie zu kartengestützten Zahlungssystemen im Einzelhandel beträgt der Bargeldanteil am (in der Studie erfassten) Gesamtumsatz des Einzelhandels 48,3 %, der Kartenanteil hingegen 48,6 %. Haupttreiber dieser Entwicklung sei laut EHI vor allem das Girocard-System der Deutschen Kreditwirtschaft, für das ein deutlicher Anteilszuwachs (plus 3,8 %) verzeichnet wurde.

Dieses Wachstum liege nicht zuletzt darin begründet, dass die Gebührendeckelung zu einer Konditionenangleichung mit dem SEPA-Lastschriftverfahren geführt habe, was das Girocard-PIN-Verfahren für Händler deutlich attraktiver gemacht habe: Durch die Deckelung darf das Händlerentgelt pro Girocard-Transaktion die Marke von 0,2 % nicht überschreiten. Dabei ist es auch unerheblich, auf welche Weise der Kunde bezahlt: klassisch mit Eingabe der PIN, kontaktlos oder mobil mit dem Smartphone. Die Gebühren für die Girocard-Zahlung bleiben gleich.

Händler investieren in Zahlungsverkehr-Infrastruktur

Und die Händler investieren wieder stärker in die Zahlungsverkehr-Infrastruktur: Aktuell planen 44,8 % (Vorjahr: 33,8 %) der großen Unternehmen eine Auffrischung der Payment-IT-Landschaft. Jedes fünfte Unternehmen will noch in diesem Jahr etwas ändern oder ergänzen. Zuvor hatten Investitionen mehrere Jahre stagniert oder waren zurück gegangen.

Beim Thema "bargeldlos Bezahlen" waren Bäckereien vor noch gar nicht allzu langer Zeit eher zurückhaltend. Der Aufwand der Investition schien sich auf den ersten Blick nicht zu rechnen. Bei einem Bäcker in Deutschland werden laut Berechnungen von Concardis pro Einkauf durchschnittlich 2,60 Euro umgesetzt. Das bedeutet, dass in Bäckereien die Kunden häufig Kleingeld zum Bezahlen nutzen. In den Morgenstunden, der Stoßzeit in Bäckereien, entstehen so hohe Umsätze mit vielen Kassenvorgängen.

Bis 25 Euro keine PIN-Eingabe erforderlich

Nachdem bei Beträgen bis 25 Euro keine PIN-Eingabe mehr erforderlich ist, bietet sich das kontaktlose Bezahlen gerade bei kleineren Beträgen für Brot und Kuchen an. So können Kunden, die in der morgendlichen „Rush hour“ kein Bargeld dabei haben, trotzdem Brötchen kaufen und bleiben als Kunden erhalten.

Mit kontaktlosem Bezahlen kann der Bezahlvorgang auf bis zu 11 Sekunden gesenkt werden. Mit der deutlich schnelleren Kontaktlos-Zahlung können lange Schlangen und damit unzufriedene Kunden vermieden werden.

Für Kunden, die nur große Scheine dabei haben, müssen Bäckereien ausreichende Mengen an Wechselgeld an ihren Kassen vorhalten. Die Beschaffung von Wechselgeld erhöht die Betriebskosten, da die Anlieferung, das tägliche Zählen der Einnahmen beziehungsweise Kassenbestände sowie der Transport zur Bank Zeit in Anspruch nehmen. All das sind Argumente für entsprechende Investitionen.

"Wenn unsere Kunden das wollen, bieten wir es ihnen auch an"

Die Bäckerei Weller in Dreieich hat im Juli 2019 ein neues Kassensystem installiert und hierbei auch die Möglichkeit der Kartenzahlung realisiert. Es waren nicht zuletzt die Kunden, die den entsprechenden Impuls gaben: „Die Kunden verlangten immer häufiger danach, in unseren Filialen auch mit der Girocard bezahlen zu können“, erläutert Matthias Weller. „Bargeldloses Bezahlen ist ein Trend im Handel. Wir schreiben Kundenservice groß: Wenn unsere Kunden das wollen, bieten wir es ihnen auch an.“

Bäckermeister Matthias Weller. in Aktion: „Bargeldloses Bezahlen ist ein Trend im Handel."
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Bäckermeister Matthias Weller. in Aktion: „Bargeldloses Bezahlen ist ein Trend im Handel."
Der Bäckermeister leitet in dritter Generation die Bäckerei und Konditorei Weller, die sein Großvater Otto 1950 im hessischen Dreieich gründete. Heute werden 25 Filialen im südlichen Rhein-Main-Gebiet, darunter in Dreieich, Neu-Isenburg und Frankfurt am Main, mit frischem Backwerk versorgt; im Betrieb sind rund 150 Mitarbeiter beschäftigt.

Weller kann und will sich der Modernisierung und Digitalisierung seiner Bäckerei-Filialen nicht verschließen: „Ich bin im regen Austausch mit meinem Vater, gemeinsam schauen wir, wie wir die bewährten Traditionen weiterführen können, aber auch mit neuen Einflüssen unsere Filialen zukunftssicher machen.“

Kooperation mit Kassenintegrator und der Sparkasse

Die Installation des neuen Kassensystems realisierten die Wellers mit einem Kassenintegrator. Bei der Einbindung des Zahlungsverkehrs kooperierte die Bäckerei mit der Sparkasse Langen-Seligenstadt. Nicht zuletzt deshalb, weil die Sparkasse Matthias Weller ein attraktives Angebot für die Kartenakzeptanz bieten konnte.  

Der Roll-out für die Einführung der neuen Kassen startete im Juli und wurde eng zwischen Bäckerei Weller, Sparkasse und Kassenintegrator abgestimmt. Der Kassenintegrator stellte den Wellers kurz vor Beginn des Roll-outs eine Testkasse mit Testterminal zur Verfügung. Hieran wurde ein großer Teil der Mitarbeiter im Vorfeld geschult, damit sie die neue Technik nach dem „Going live“ reibungslos und sicher bedienen konnten.


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Digitalisierung im Handel ist ein Prozess in vielen kleinen Schritten

Für die Ausstattung der seinerzeit 24 Filialen waren drei Tage angesetzt. Ein ambitionierter Zeitplan, aber machbar: Zwei Kassentechniker und zwei Mitarbeiterinnen der Sparkasse besuchten jede Filiale, stellten die Kassen auf und installierten das Kartenterminal – ein Ingenico Desk 3500 des sparkasseneigenen Netzbetreibers S-Händlerservice.

Seit Juli 2019 können die Weller-Kunden nun in allen 25 Filialen der Bäckerei ihren Kaffee, ihren Kuchen oder ihre Brötchen bargeldlos mit der Girocard bezahlen – auch kontaktlos oder mobil mit dem Smartphone.

Traditionshandwerk weiter denken

Matthias Weller ist mit der Kartenakzeptanz zufrieden: „Die Resonanz unserer Kunden ist überwiegend positiv. Wir merken, dass die Anzahl der bargeldlosen Zahlungen in unseren Filialen stetig zunimmt.“ Und der Bäckermeister spürt auch schon erste positive Veränderungen im Betriebsablauf. „Der Aufwand für die Kassenabrechnung und das Bargeld-Handling wird reduziert“, sagt er. „Außerdem kommt unser Personal nicht mehr so oft mit unhygienischen Münzen und Scheinen in Kontakt.“

„Der Aufwand für die Kassenabrechnung und das Bargeld-Handling wird reduziert“

Und er ergänzt: „Der Umgang mit Bargeld wird entspannter. Es gibt weniger Diskussionen über die richtige Herausgabe des Wechselgeldes, und die Kundinnen und Kunden müssen nicht mehr umständlich nach dem passenden Kleingeld suchen.“ Außerdem müssten Kunden, die kein Bargeld dabei haben, nicht mehr unverrichteter Dinge „abdrehen“, sondern könnten nun mit ihrer Girocard bezahlen.

Kartenzahlungshinweis auf der Brötchentüte

Die Sparkasse Langen-Seligenstadt unterstützt die Bäckerei Weller bei der Bewerbung des bargeldlosen Bezahlens: Mit besonderen Promotion-Aktionen, zum Beispiel eigens erstellten Brötchentüten mit Kartenzahlungshinweis, weckt Weller die Aufmerksamkeit der Kunden für das neue Bezahlverfahren.

Angebote wie die der Bäckerei Weller sowie die unterstützende Kommunikation helfen, bargeldloses Bezahlen sowie im nächsten Schritt kontaktloses und mobiles Bezahlen in Deutschland weiter populär zu machen. Einer Erhebung der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) nach bildet Deutschland das Schlusslicht im internationalen Vergleich: Während in den Niederlanden 70 % und in der Türkei 61 % der befragten Konsumenten bereits kontaktlos bezahlt hatten, waren es in Deutschland nur 32 %.

Moderne Zahlungsarten werden sich durchsetzen

Mobiles Bezahlen ist hierzulande eine noch größere Ausnahme: Nur 25 % der von PwC befragten Konsumenten hatten entsprechende Erfahrungen, in der Türkei waren es 65 %. Aber derartige moderne Zahlungsarten werden sich mittelfristig durchsetzen, denn es ist vor allem die jüngere Generation, für die beispielsweise Mobile Payment immer öfter ganz normal ist: Mobil bezahlt haben bereits 46 % der von PwC befragten Deutschen in der Altersklasse unter 30. In der Altersgruppe zwischen 50 und 59 sind es lediglich 21 %, unter den älteren nur 12 %.

Durch permanente Informations- und Aufklärungsarbeit sowohl beim Personal als auch bei den Kunden können gewohnte Verhaltensweisen an der Kasse verändert werden. Im Idealfall kann geschultes Kassenpersonal beim Bezahlvorgang fachmännisch unterstützen. Um den Gewöhnungsprozess beim Kunden zu beschleunigen, sind zusätzliche Werbe- und Kommunikationsmittel sinnvoll, zum Beispiel Info-Flyer oder Ablaufdarstellungen an der Kasse.

Das Bezahlen per Smartphone ist der logische nächste Schritt an der Kasse. Vor allem die jüngeren Zielgruppen werden diese moderne Bezahlform nutzen und auch beim Bäcker einsetzen wollen.

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