Der Onlinehandel boomt, und es ist keine Ende abzusehen. Händlern bietet sich durch Internationalisierung die Chance weiter zu skalieren. Doch gerade da gibt es 2021 einige Hindernisse zu überwinden. Welche das sind und warum Compliance-Themen jetzt für jeden, der E-Commerce betreibt, ganz oben auf der Agenda stehen sollten, erkärt Dr. Roger Gothmann, Mitgründer und Geschäftsführer von Taxdoo.

Der E-Commerce in Deutschland ist 2020 in eine neue Dimension vorgestoßen: 15 % Wachstum, 83,3 Milliarden Euro Umsatz laut Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh). Und 2021 könnte das noch größere Boom-Jahr werden. Denn viele Menschen haben inzwischen die Bequemlichkeit des Onlineeinkaufs schätzen gelernt.

Das Geschäft zu skalieren heißt für Händler häufig auch, sich stärker international auszurichten. Doch gerade dort könnte es in diesem Jahr ein paar Hindernisse geben.
Grenzenloser Onlinehandel: Steuerthemen und internationales Handelsrecht bereiten vielen Händlern Kopfschmerzen.
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Grenzenloser Onlinehandel: Steuerthemen und internationales Handelsrecht bereiten vielen Händlern Kopfschmerzen.

Der Brexit stellt Händler vor Herausforderungen

Mit dem Brexit ist ein Hindernis real geworden. Er zeigt, dass freier Handel in Europa ein zerbrechliches Gut ist. Seit 1. Januar 2021 ist Großbritannien faktisch ein Drittstaat für andere EU-Länder.

Trotz Partnerschaftsvertrag zwischen Großbritannien und der EU in letzter Minute kam mit dem Jahreswechsel für viele Händler ein böses Erwachen. So ist beispielsweise für zollfreie Artikel eine Zollanmeldung erforderlich. Bei einem Warenwert über 135 Britischen Pfund muss Einfuhrumsatzsteuer abgeführt werden.

Je nach Art der Transaktionen - etwa ob über einen Marktplatz verkauft wird - muss der hiesige Händler sich jenseits des Ärmelkanals umsatzsteuerlich registrieren. Angesichts der Komplexität haben sich vorerst viele Händler aus dem Geschäft mit Großbritannien zurückgezogen. 
Aus Unwissenheit bei Zoll, Steuern und Compliance haben viele Händler ihren Handel mit dem Vereinigten Königreich zunächst eingestellt.
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Aus Unwissenheit bei Zoll, Steuern und Compliance haben viele Händler ihren Handel mit dem Vereinigten Königreich zunächst eingestellt.

Europäische Umsatzsteuerreform: Das VAT E-Commerce Package

Anfang Juli 2021 wird es für den EU-weiten Handel besonders interessant: Dann steht die größte EU-Umsatzsteuerreform für den E-Commerce seit Gründung des europäischen Binnenmarktes 1993 an.

Bislang müssen Unternehmen, die grenzüberschreitend Handel an Endverbraucher betreiben, sich in den jeweiligen Bestimmungsländern an die lokalen Finanzbehörden wenden, um ihren Umsatzsteuerpflichten nachzukommen.

Für Händler bedeutet das viel Aufwand und hohe Kosten; ohne Steuerberatung im jeweiligen Land können die Anforderungen kaum erfüllt werden.

Schon vor Inkrafttreten veraltet

Mit der anstehenden Reform, dem sogenannten "VAT E-Commerce Package", soll den Anforderungen des E-Commerce Rechnung getragen werden. Doch leider wird das Vorhaben dem modernen Onlinehandel an vielen Stellen nicht gerecht und erscheint schon vor Inkrafttreten veraltet.
Der Ansatz ist per se richtig: nämlich einen digitalen One-Stop-Shop (OSS) zur Verfügung zu stellen, über den die grenzüberschreitende Umsatzsteuer-Compliance zentral und standardisiert abgewickelt werden kann - ohne dass Händler sich im Zielland für Umsatzsteuerzwecke registrieren und dort Umsatzsteuererklärungen abgeben müssen.

Doch aufgrund der rasanten Entwicklung im E-Commerce und eines langwierigen Gesetzgebungsverfahrens werden Unternehmer über den OSS nicht alle Umsätze deklarieren können, die für den Onlinehandel mittlerweile typisch sind.

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Erklärt werden können nur sogenannte Fernverkäufe. Das sind - vereinfacht - grenzüberschreitende Lieferungen von Gütern an private Abnehmer.

Die Realität der Plattformökonomie sieht jedoch anders aus: Immer mehr Händler nutzen multiple Verkaufskanäle und die grenzüberschreitenden Logistikstrukturen der großen Marktplätze.

Dabei generieren sie eine ganze Reihe von Transaktionen, die nicht über den OSS erklärt werden können. Diese Händler müssen sich daher weiterhin im jeweiligen EU-Mitgliedsstaat registrieren und zusätzlich reguläre lokale Umsatzsteuererklärungen abgeben.

Zusätzliche Anforderungen an Compliance-Prozesse

Für Händler bedeutet die Reform, dass zusätzliche Anforderungen an ihre Compliance-Prozesse gestellt werden.

Da es zum einen in den meisten Fällen anzuraten ist, Fernverkäufe zentral über den OSS zu melden, müssen diese als eigenständige Transaktionsart erfasst werden. Das ist in fast allen ERP- und Shopsystemen, die im Onlinehandel überwiegend zum Einsatz kommen, derzeit noch nicht möglich.

Durch das konsequente Bestimmungslandprinzip müssen ERP- und vor allem Shopsysteme zum anderen auf eine interne oder externe automatisierte Umsatzsteuer-Logik zugreifen können. Dabei muss eine Ermittlung der Steuersätze in nahezu Echtzeit ermöglicht werden.

Technologie wird immer wichtiger

Viele Händler sind sich der Bedeutung der zukünftigen Compliance-Anforderungen - sei es getrieben durch die EU-Umsatzsteuerreform oder auch den Brexit - wenig bis überhaupt nicht bewusst.

Die falsche Schlussfolgerung wäre, sich angesichts der Komplexität dem internationalen Handel zu entziehen. Eine fatale Entwicklung, die die Idee des freien grenzüberschreitenden Handels konterkariert. Der internationale Handel bietet schließlich große Skalierungschancen.

Händler werden daher nicht umhinkommen, sich der Technologisierung von Compliance und Backend-Prozessen in Zukunft noch intensiver zu stellen, um regelkonform und effizient zu handeln. Noch ist beim E-Commerce längst nicht alles "E", was "E" sein könnte.

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