Aus zwei Warenhauskonzernen wird einer geschmiedet, um zu retten, was schwer zu retten ist. Die Fusion von Karstadt und Kaufhof gelingt nur dann, wenn das sensible Thema Mitarbeiter Priorität hat. Integration funktioniert in keinem Unternehmen nebenbei. Auch nicht bei Intersport. Denn auch dort wird der neue Chef feststellen müssen, dass es bei der Verbundgruppe einige Risse zu flicken gibt.

Eine wahre Begebenheit, neulich in Darmstadt. Die junge Kundin hat Semesterferien, bummelt durch die Fußgängerzone und schaut sich schließlich in der Schmuckabteilung von Karstadt um. Sie sucht ein Paar günstige Ohrringe. Eine Verkäuferin zeigt, was Karstadt hier alles so zu bieten hat. Viel ist das nicht - und die Freundlichkeit der Mitarbeiterin hält sich in Grenzen. Die Kauflust der jungen Kundin sinkt mit jeder Minute, recht bald merkt sie: Hier werde ich nicht froh.

Das in jeder Hinsicht unerquickliche Beratungsgespräch wird beendet, die mittlerweile sehr mürrische Verkäuferin verstaut das Sortiment wieder in ihren Schränken und verabschiedet sich tatsächlich mit diesem Satz: "Zu Kaufhof brauchen Sie erst gar nicht erst gehen, die haben das auch nicht."

Die junge Kundin ist darüber leicht verwirrt, geht schnell weiter und orientiert sich am selben Abend im Internet.

Ein neuer Handelsriese? Naja...

Es wurde diese Woche viel über das geplante Joint Venture von Karstadt und Kaufhof geschrieben, "Bild" berichtete tatsächlich von einem "neuen Handelsriesen", viele schrieben über die lukrativen Immobilien als wahren Hintergrund dieser Symbiose, und ebenso viele schrieben über die tausenden Mitarbeiter, die ihre Jobs verlieren werden.

Dass hier kein neuer Riese entstanden ist, ist ja klar, vielmehr verbünden sich Not mit Elend, wobei es Karstadt heute etwas weniger dreckig geht als noch vor vier Jahren und vom damals viel stärkeren Kaufhof übernommen werden sollte. Jetzt ist Karstadt der Seniorpartner, und Kaufhof bringt in die neue Ehe nur noch Verluste als Mitgift mit. 

Mehr als 130 Jahre Rivalität

Alle Welt redet jetzt über die technischen Dinge so einer Fusion, über einheitliche Warenwirtschaft, Logistik und IT, Mietverträge, Kosten für Häuserschließungen und so weiter. Doch nur wenige beschäftigen sich mit der elementaren Voraussetzung für Erfolg im stationären Handel: die Mitarbeiter.

Karstadt und Kaufhof waren mehr als 130 Jahre Rivalen, es hieß Blau gegen Grün, doch nun soll man gemeinsame Sache machen - das ist heute schwer vorzustellen. Zudem ist das Personal beider Häuser entkräftet. Was musste ein Karstadtmitarbeiter für Enttäuschungen mitmachen, Gehaltsverzicht, Angst vor Jobverlust, ständig neue Chefs. 

Wenn Blau in die Zentrale von Grün einzieht

Und bei Kaufhof werden sie sich sagen: Bis 2015 waren wir die Starken im Land, dann kamen die Kanadier von Hudson's Bay Company, haben sie uns erst der Metro abgekauft, dann unseren Lovro Mandac als Chef rausgeworfen - und seitdem geht es bergab.

Jetzt sollen sie auch sparen, haben auch Angst um ihre Jobs. Zudem haben viele gute Leute das Unternehmen längst verlassen.

Immerhin dürfen die Kaufhof-Mitarbeiter in der Zentrale auch künftig in Köln arbeiten, wohin die Karstadtleute von Essen herüberwechseln sollen - was dort bestimmt die wenigsten in Partystimmung versetzt haben dürfte. Mit entsprechend guter Laune dürften dann die "Blauen" in der Zentrale der "Grünen" einziehen, die wiederum hinnehmen müssen, dass die Essener jetzt diejenigen sind, die den Ton angeben. Schließlich hält Karstadt-Eigentümer Signa Retail mit 50,01 Prozent nicht nur etwas mehr Anteile an der neuen Holding - sondern die "Blauen" stellen mit Stephan Fanderl auch noch deren neuen Chef.
Steffen Gerth, Redakteur von Der Handel und etailment.de
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Steffen Gerth, Redakteur von Der Handel und etailment.de
Es wird so schnell keine Gemeinsamkeit geben. Denn auf der Fläche werden sich jetzt beäugen und darüber spekulieren, ob nun das eigene Haus geschlossen wird, oder das der Konkurrenz. Da ist sich jeder selbst der Nächste.

Wo ist der große Neustart?

Sogar intern dürfte es auf beiden Seiten zu einer neuen Konkurrenz kommen. Dann könnte möglicherweise der Leiter einer Kaufhof-Filiale in X auf Granit beißen, wenn er beim Kollegen in Y anfragt, ob er mit einigen Jeans aushelfen kann, weil man sich bei der eigenen Order verschätzt hatte.  Denn was dem Kollegen schadet, rettet vielleicht den eigenen Fortbestand.

Kunden, die in so einem Klima einkaufen wollen, sind nicht zu beneiden.
René Benko, Chef des Karstadteigentümers Signa, soll ja bereits gesagt haben, dass die Namen beider Häuser auch in dem neuen Joint Venture bestehen bleiben sollen. Es ist zweifelhaft, ob das richtig ist, denn damit würde ja das Lagerdenken noch verstärkt. Besser wäre: Neue Dachmarke, neue Marketingkampagne - das würde nach Innen und nach Außen demonstrieren: Jetzt fangen wir ganz neu und gemeinsam an.

Eine Integrationsfigur muss man erstmal finden

Lovro Mandac, der wegen seiner langen Betriebszugehörigkeit den Titel "Mister Kaufhof" trägt, hat dieser Tage zu "Der Handel" gesagt, dass jetzt dringend eine Integrationsfigur benötigt wird, die die alten Feindbilder abbaut. Das müsse jemand sein, der im Aufsichtsrat oder der Geschäftsführung angesiedelt ist und auf beiden Seiten eine hohe Reputation, viel Handelserfahrung mitbringt - und nicht im operativen Geschäft tätig ist.

Den muss man erstmal finden. Auch, wenn der Job gut bezahlt wird. Doch wenn das Thema Integration nicht schleunigst angegangen wird, werden die alten Feindbilder bleiben - und die neue K&K-Holding ist nur der Anfang für das gemeinsame Ende.

Vom Berater zum Vorstandschef von Intersport

Gut bezahlt wird sicherlich auch Alexander von Preen. Ob er jedoch integrative Fähigkeiten mitbringt, muss er noch beweisen. Denn es ist ein Unterschied, ob er wie er zuvor als Berater von Kienbaum versucht hatte, Intersport umzukrempeln, oder jetzt als neuer Vorstandschef dieser Verbundgruppe.

"Als intimer Kenner genossenschaftlicher Strukturen wird Alexander von Preen auch ein wesentliches Bindeglied zu unseren Mitgliedern und Händlern im Fünf-Länder-Verbund sein und das Vertrauen in der Zusammenarbeit zwischen Zentrale und Händlerorganisation stärken. Zudem kann er aufgrund seiner breiten Handelserfahrung den Austausch mit unseren Industriepartnern intensivieren und strategisch ausbauen", lobt Intersport-Aufsichtsratschef Knud Hansen seine neue Verpflichtung. Schon seit sechs Jahren hatte er den Aufsichtrsat beratend begleitet, unter anderem bei dessen Vergütung.
Ob von Preen der Mann für die Intersport-Zukunft ist, oder nur eine schnelle Übergangslösung, bis man die eigentliche Optimalbesetzung gefunden hat, ist die Frage. Der 53-Jährige muss trotzdem jetzt seine Mitglieder davon überzeugen, dass er Sport versteht, dass er weiß, was der Fußballschuh "Copa Mondial" von Adidas ist. Denn die Sportszene ist eigen, und eine Verbundgruppe ist es ohnehin.

Arbeitsaufgabe für van Preen: gute Stimmung herstellen

Bei den Mitgliedern ist erst einmal viel Vertrauen in die Heilbronner Zentrale verloren gegangen. 2014 zerbrach die bisherige Doppelspitze mit Klaus Jost und Kim Roether. Der degradierte Jost verließ die Kooperation im Streit, Roether wurde der Chef - um dann Anfang Juni dieses Jahres ebenfalls den Hut zu nehmen. Hinterlassen hat er unter anderem schlechte Stimmung an der Basis - und bei den Industriepartnern.
Daran muss van Preen jetzt arbeiten. Er muss integrieren. Er muss lernen, dass man eine Verbundgruppe nicht so führen kann wie einen normalen Handelskonzern, auch wenn die Mitglieder lernen müssen, dass sich auch eine Kooperation modernisieren und einheitlicher auftreten muss.

Und bei der Industrie, die der forsche Roether nachhaltig verärgert hat, wird sich van Preen ebenfalls konzillianter präsentieren müssen als sein Vorgänger. Denn mittlerweile diktieren Firmen wie Adidas und Nike dem Handel das Geschäft, nicht nur das, die einstigen Lieferanten sind auch heute Konkurrenten - im Internet und mit eigenen Läden.

Wenn Österreicher und Deutschen sich vereinen

Die Heilbronner Verbundgruppe stand schon einmal vor einer Integrationsaufgabe - 2012/2013 war das, als Intersport Österreich in die deutsche Intersport eingegliedert werden musste. Keine leichte Aufgabe, denn Deutsche und Österreicher tun sich ja generell oft miteinander schwer. Der Prozess dauerte jahrelang, erforderte viel Feingefühl und Rücksichtnahme auf beiden Seiten. Stefan Engers war damals für Intersport der "Kurier des Zaren", wie man so sagt, also der Mann für den Ausgleich, die Integration.

Engers arbeitet heute noch bei Intersport, als Ressortleiter Vertrieb. Vielleicht sind seine anderen Qualifikationen mittlerweile wieder gefragt. Vielleicht bekommt er ja demnächst einen Anruf aus Köln. "Herr Engers, Sie verstehen sich doch im Integrieren, wir haben da ein Problem mit zwei alten Warenhäusern..."

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