Läbbe geht weiter - und zwar Volldampf digital: Eintracht Frankfurt investiert nicht nur in das digitale Stadionerlebnis, sondern hat auch als erster Fußballverein der Bundesliga ein Start-up-Programm in die Wege geleitet. 

Blind Date für die Europa League, Supercup, Auswärtsspiele: Wer den amtierenden Deutschen Pokalsieger live sehen und Tickets kaufen will, schaut meist erst mal in die Röhre. Denn bei eintracht.de bricht der Server regelmäßig zusammen, auch wenn „nur“ die 30.000 Dauerkartenbesitzer mit ihrem Vorkaufsrecht an Karten wollen. Und beim Testspiel im Juli gegen den Drittligisten Wehen in Wiesbaden fand die auf Eintracht.tv angekündigte Liveübertragung aufgrund technischer Probleme letzlich gar nicht statt.

Der Ticketshop und das Bewegtbildangebot sind nur zwei Baustellen auf dem Weg der Eintracht Frankfurt Fußball AG, die zum „digitalsten Bundesligist" werden will. Das ist zumindest das ehrgeizige Ziel, das Vorstand Axel Hellmann vor kurzem für die Sportgemeinde Eintracht, kurz SGE, ausgegeben hat. 

Der Ticket-Server bricht öfter mal zusammen
© Eintracht Frankfurt
Der Ticket-Server bricht öfter mal zusammen
 Ein Baustein ist, die Commerzbank-Arena im Interesse und als Service für die Fans technisch aufzurüsten. 30 Millionen Euro will der Verein in die digitale Infrastruktur des Stadions stecken. Unter anderem soll ein neuer, zeitgemäßer Videowürfel her und die Werbebanden wie auch die multimedialen Einrichtungen in den Logen modernisiert werden.

Zudem will die Eintracht ein neues Bezahlsystem etablieren, das in der Bundesliga neue Maßstäbe setzen würde. „Derzeit gibt es eine Eintrittskarte, einen Mitgliedsausweis und eine Bezahlkarte. Das soll sich ändern. Alle wesentlichen Elemente eines Stadionbesuchs sollen künftig auf dem Smartphone abrufbar sein“, so Hellmann. Das Zahlsystem will er überdies zusammen mit Partnern wie beispielsweise dem Rhein-Main-Verkehrsverbund und Parkhausbetreibern in der ganzen Region voranbringen. 

Eintracht-Vorstand Axel Hellmann verordnet der SGE eine Digital-Kur.
© Eintracht Frankfurt
Eintracht-Vorstand Axel Hellmann verordnet der SGE eine Digital-Kur.
Das digitale Stadionprojekt soll in 12 bis 18 Monaten abgeschlossen sein. „Wir werden das stemmen“, ist Hellmann überzeugt. Auch, wenn die Eintracht beim Rennen um den Betreibervertrag der Arena das Nachsehen haben sollte. Der Verein ist bislang nur Mieter des in Commerzbank-Arena umbenannten Waldstadions und klagt seit Jahren über die zu hohe Miete von jährlich knapp 10 Millionen Euro. Daher hat sich die SGE als Hauptmieter bei der Eigentümerin, der Stadt Frankfurt, als Kaufinteressent oder zumindest Betreiber ins Spiel gebracht. Der Vertrag mit dem jetzigen Betreiber, dem Hamburger Sportrechtevermarkter Lagadère, läuft 2020 aus, dann endet auch der Vertrag zwischen der Stadt und der Eintracht.
Unterstützung für das ambitionierte Digitalisierungsprojekt bekommt Hellman durch seinen für Finanzen zuständiges Vorstandskollegen Oliver Frankenbach, denn die Eintracht steht dank sportlicher Erfolge so gut wie nie da: In der abgelaufenen Saison freut sich der hessische Traditionsverein über einen Rekordumsatz in Höhe von 140 Millionen Euro. Die neue wirtschaftliche Stabilität – leidgeprüfte Frankfurt-Fans kennen da auch ganz andere Zeiten – erlaubt es der Eintracht als solide aufgestelltem Mittelständler zu investieren.

Für die bessere Kommunikation mit den Fans setzt die Eintracht auch das CRM-System neu auf, denn: „Aktuell können wir Mitglieder nicht mal mit einem Geburtstagsgruß erreichen“, nennt Hellmann als Beispiel. Bei der Software setzen die Frankfurter dem Vernehmen nach auf den Anbieter Salesforce. 

Schwarz und weiß wie scheee, das ist die SGE
© Eintracht Frankfurt
Schwarz und weiß wie scheee, das ist die SGE
Doch Investionen in die technische Infrastruktur sind nicht genug. Weil der Verein mit der Digitalisierung sein künftiges wirtschaftliches Wachstum durch neuen Ideen sichern will, ist die Eintracht als erster Bundesligist eine langfristige Kooperation im Startup-Umfeld eingegangen. „TechQuartier“ heißt der Partner, der Start-ups, Unternehmen und Wissenschaft im Rhein-Main-Gebiet zusammenbringen und gemeinsam mit der Hessischen Landesregierung den Digitalstandort Frankfurt Rhein-Main stärken will. 
Neben Fintech und Greentech liegt mit der Eintracht nun ein neuer Schwerpunkt des Frankfurter Gründungszentrums auf SportTech. „Wir bauen gemeinsam ein strukturiertes Startup-Programm auf, um den Zugang zu einer Vielzahl von Innovationen zu stärken“, erläutert Thomas Funke, Co-Director des TechQuartiers. Durch die neuen Technologien soll der Profifußball von neuen Anwendungen im Lizenzspielerbereich profitieren und die Fans dadurch, dass Prozesse innerhalb und außerhalb des Stadions verbessert werden. 
Axel Hellmann, Tarek Al-Wazir, Thomas Funke (v.l.)
© Eintracht Frankfurt
Axel Hellmann, Tarek Al-Wazir, Thomas Funke (v.l.)
Schon jetzt arbeite die Eintracht im Trainerteam, aber auch bei der Sichtung neuer Spieler stark datenbasiert, sagt Hellmann. Aber wenn früher neue Kicker schon mal aus einem Gefühl heraus oder auch nur aufgrund eines Videos mit einem Zusammenschnitt ihrer besten Szenen verpflichtet wurden, versuchten Profivereine zunehmend, ihre Entscheidungen auch aufgrund konkreter Fakten zu treffen.
Webshop: Nach 30 Jahren wieder Pokalsieger, das ist ein Grund zu feiern
© Eintracht Frankfurt
Webshop: Nach 30 Jahren wieder Pokalsieger, das ist ein Grund zu feiern
„Fußball ist längst viel mehr als Ecke, Kopfball, Tor. Vielmehr wird der Sport zunehmend von Algorithmen geprägt“, argumentiert Hellmann. „Die digitale Welt wird in den kommenden drei bis fünf Jahren massiv in den Profisport einziehen, und wir wollen da ganz vorne dabei sein.“ Durch die Kooperation mit dem TechQuartier erhofft er sich „Kooperationen mit inspirierenden und erfolgsversprechenden Talenten insbesondere aus den Bereichen der Trainingssteuerung, Spielanalyse oder Fan- und Stadion-Experience.“
Im April dieses Jahres hat die SGE zusammen mit dem TechQuartier das Bootcamp „Money meets Idea – SportsTech“ durchgeführt, bei dem 15 ausgewählte Jungunternehmen (von 60 Bewerbern) aus ganz Europa teilnahmen. Ein weiteres Bootcamp soll Ende des Jahres stattfinden. Nach der Sommerpause startet zudem eine Serie von Netzwerk-Events unter dem Titel „Laptop & Leibchen“. Die Veranstaltungsreihe soll junge Unternehmer zu einem regelmäßigen Austausch zusammenzubringen und „einen lebendigen Beitrag für ein diverses Start-up-Ökosystem der Region Frankfurt Rhein-Main leisten“, wirbt Thomas Funke, Co-Director TechQuartier.
In Kooperation mit der Goethe-Universität arbeiten das TechQuartier und Eintracht Frankfurt darüber hinaus im Rahmen von Seminaren mit rund 30 Bachelorstudierenden an den „Geschäftsmodellen von morgen“, die Technologie und Sport verbinden.

In der Bundesliga ist die SGE somit der erste Verein, der ein dezidiertes Start-up-Programm in die Wege geleitet hat. „Die Eintracht ist damit in Deutschland digitaler Pionier und zählt auch weltweit zu den fortschrittlichsten Clubs“, sagt Hellmann. Die Vorbilder der digitalen Hessen heißen in Hinblick auf die Digitalisierung dementsprechend auch Arsenal London oder FC Barcelona und nicht etwa Bayern München oder Borussia Dortmund. 

Bei der Digitalisierung sind die Vorbilder der Eintracht international.
© Eintracht Frankfurt
Bei der Digitalisierung sind die Vorbilder der Eintracht international.
Das SportTech-Engagement der Eintracht zahlt zudem in den im Februar 2018 vorgestellten „Masterplan“ der Hessischen Landesregierung ein, der zum Ziel hat, Frankfurt bis zum Jahr 2022 als Tech-Region in Europa zu etablieren und Hauptsitz internationaler Tech-Firmen sowie vielversprechender Start-ups zu werden.

„Die Unterstützung durch einen Partner wie Eintracht Frankfurt, mit dem sich viele Menschen in der Region Frankfurt Rhein-Main sehr stark identifizieren, ist ein wertvoller Beitrag, um den Masterplan mit Leben zu füllen“, sagt Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir, der selbst bekennender Fan der Offenbacher Kickers ist. „Ich bin mir sicher, dass das Engagement der Eintracht als Vorbild für viele andere Bereiche der hessischen Wirtschaft dienen kann und wird.“ In der Region sei mit rund 230.000 Studierenden genug Potenzial, um Hessen mit der internationalen Stadt Frankfurt zu einem Hotspot der Start-up-Szene zu machen, ist der Minister überzeugt. „Das Silicon Valley ist schließlich auch nicht  aus dem Nichts entstanden, sondern hatte rund 100 Jahre Zeit.“ 

Im Juli gab es schon keine Tickets mehr für Europa, obwohl die Gegner nicht mal feststanden.
© Eintracht Frankfurt
Im Juli gab es schon keine Tickets mehr für Europa, obwohl die Gegner nicht mal feststanden.

Die notwendigen Veränderungsprozesse für die digitale Eintracht sollen in Frankfurt bald abgeschlossen sein. „Wir werden dabei sicherlich auch Fehler machen“, weiß Hellmann. Entscheidend sei, dass die SGE auch in Zukunft selbstbestimmt agiere. „Wir wollen die Eintracht modernisieren, aber nicht ihre Identität untergraben. Gleichzeitig wollen wir nicht nur mit unterschiedlichen Start-ups kooperieren, sondern auch in sie investieren und uns finanziell beteiligen.“

Daher setzt Hellmann im Interesse des Vereins auch bei den Investitionen weiterhin auf Wachstum ohne Fremdbestimmung und Großinvestoren. „Natürlich brauchen wir Sponsoren, aber die Kraft muss bei uns bleiben“, stellt Hellmann klar. „Die Eintracht muss und wird in der digitalen Welt Stärke bewahren.“

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