Dirk Graber ist ein Pionier. Nicht nur, dass er mit Mister Spex gezeigt hat, dass man Brillen im Internet verkaufen kann. Graber ist auch ein Amazon-Pionier, sehr früh gab er auf der deutschen Seite seine ersten Bestellungen auf. Heute hat er eine Idee, die der Bundesfinanzminister gerne hören dürfe.

Brille? Multichannel! So könnte man die Strategie von Mister Spex beschreiben. Was Dirk Graber vor zehn Jahren als Onlineoptiker gegründet hat, wird immer mehr zu einem Zweikanalsystem. Zehn eigene Läden gibt es mittlerweile, und das ist erst der Anfang. Eine dreistellige Anzahl von Filialen im deutschsprachigen Raum kann sich Graber vorstellen. "Wir können durch die Läden noch mehr vom Markt abschöpfen", kündigte er im "Tagesspiegel" an.

Grabers Pläne dürften eine Branche, die bisher vor allem durch Fielmann, etwas weniger durch Apollo geprägt war, umkrempeln. Denn mit den eigenen Filialen zielt Mister Spex auf die Kundschaft, die skeptisch ist, ihre Brille im Internet zu kaufen: ältere Menschen. Und: "Mister Spex wird mit eigenen Läden sicherlich nicht unattraktiver für unsere Investoren", sagte Graber dem "Handelsblatt". Wer die Investoren hinter sich hat, dem wird nicht bange bei seinen Wachstumsplänen. 
Wer durchs 2016 eröffnete eigene Berliner Logistikzentrum  wandert, der spürt, dass hier ein Unternehmen im zehnten Jahr seines Bestehens Tempo aufnimmt. Die Hallen sind so ausgelegt, dass Wachstum jederzeit möglich ist, es gibt noch jede Menge freie Flächen. In zehn Ländern ist Mister Spex aktiv, aktuell ist das Unternehmen in Skandinavien besonders rege. 

Bei so viel positiven Zukunftsaussichten wundert es nicht, wenn man auf einen gut gelaunten Dirk Graber trifft. Etwas sagen zu Amazon? Oh, da gibt es für ihn jede Menge. Bitteschön.

Herr Graber, wie war Ihre erste Begegnung mit Amazon?
Dirk Gaber: Das ist so lange her, dass ich mich kaum noch daran erinnere. Da schaue ich doch schnell bei Amazon unter "Meine Bestellungen" nach (setzt sich an den Computer). So hier, ich finde drei Bestellungen aus dem Jahr 1999. Aber es steht dort nicht, was es war. (Anm. d. Red: Amazon ist seit 1998 mit einem deutschen Webshop am Netz).

Wie hat Amazon Sie persönlich und Ihr Unternehmen verändert? Amazon bedient die Bequemlichkeit und Trägheit der Menschen. Alles, was man braucht, bekommt man dort in irgendeiner Form und relativ schnell. Wenn Sie mich fragen, ob der Einkauf dort inspirierend ist - dann antworte ich mit einem nein. Aber er ist eben bequem. Als Unternehmen haben wir in den ersten Jahren auch bei Amazon verkauft, das ist allerdings lange her. Mittlerweile ist Amazon in der ein oder anderen Produktkategorie zu einem Wettbewerber von uns geworden, das betrifft Sonnenbrillen und Kontaktlinsen. Wir nehmen die sehr ernst als Konkurrenz. Bei Mister Spex arbeiten wir nach meiner Maxime: "Wir müssen Brillen in der Qualität eines Optikers und in der Geschwindigkeit von Amazon liefern können." Diesen Satz hören meine Kollegen oft.

Wo steht Amazon in zehn Jahren?
Gute Frage. Entweder vor dem Kartellamt, oder man wird weiter wachsen in den Kategorien, in denen es weniger auf Inspiration, dafür mehr auf Bequemlichkeit ankommt. Ich glaube, viele sehen heute noch nicht die Möglichkeiten des Geschäftskundenbereiches, dessen Anteil künftig deutlich größer sein wird als heute. Händler und Markenhersteller, die heute schon auf Amazon handeln, werden zudem noch stärker abhängig von der Plattform sein. In der westlichen Welt wird Amazon zunehmend der Flaschenhals für alle, die physische Produkte verkaufen. 

Mister Spex-Laden in Essen: Da freut sich der Investor
© Mister Spex
Mister Spex-Laden in Essen: Da freut sich der Investor
 Wo steht Ihr Unternehmen in zehn Jahren? 
Wir arbeiten daran, dass wir weiterhin der führende Omnichannelhändler im Bereich Augenoptik in Europa sind. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind wir dies schon heute, wollen aber noch deutlich größer werden. In Skandinavien sind wir auf einem guten Weg, müssen aber noch im stationären Bereich zulegen.
Was machen Sie besser als Amazon?
Wenn man sich auf ein Segment festlegt, dann kann man dieses deutlich besser abdecken. Wir tun dies in der Augenoptik. Nicht nur bei der Gestaltung der Website, sondern auch bei der Angebotsstruktur, beim persönlichen Service und bei der Inspiration auf der Seite. Durch unsere mittlerweile zehn stationären Läden und über 600 Partneroptiker können wir die Verknüpfung online/offline viel besser darstellen. Wir verbinden das Beste aus beiden Welten. So schaffen wir es das beste Kundenerlebnis beim Brillenkauf zu vermitteln, inklusive Sehtest und Brillenanpassung vor Ort. Und noch etwas: Wir haben rund 100 Mitarbeiter im Kundenservice, davon ist die Hälfte Augenoptiker. Uns kann man persönlich erreichen.

Wenn Sie einen Tag lang Amazon-Chef sein dürften – was würden Sie anders machen?
Aus der Amazon-Perspektive machen die schon sehr viel richtig. Das größte Limit von Amazon ist ihre Website, denn die ist wenig inspirierend. Aufgrund des gewaltigen Sortiments ist die Seite wenig ansprechend, stattdessen ist sie funktional geprägt. Und diese Funktionalität schafft so schnell kein zweiter Konkurrent im Netz. Halt, mir fällt doch noch etwas ein: Ich würde von den chinesischen Marktplatzhändlern Mehrwertsteuern kassieren und beim deutschen Fiskus abführen.
Was bestellen Sie privat bei Amazon?
Da gucke ich doch nochmal in meine Bestellliste und stelle fest, dass das viel Kleinkram ist. Die meisten Sachen würde ich nur schwer im Einzelhandel finden, und sie kosten nur zwischen 5 und 50 Euro. Aber davon bestelle ich jede Menge.


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