2014 hat die Kölner Rewe Group die E-Commerce-Lösung commercetools gekauft. etailment hat bei Gründer Dirk Hörig nachgefragt, wie es sich als erwachsenes Start-up in einem Konzern so lebt.

commercetools wurde 2006 gegründet, seit 2014 gehören Sie zur Rewe Digital GmbH. Wie kam das?

Da muss ich etwas ausholen: Wir haben frühzeitig erkannt, dass mobile Endgeräte unser Leben nachhaltig verändern werden und gemerkt, dass wir im Handel nicht mehr unternehmenszentrisch denken müssen, sondern kundenzentrisch. Im Sinne: Was erwartet der Kunde bei einer wachsenden Anzahl von Endgeräten und einem Überangebot von Waren und Dienstleistungen? Die Anforderungen an den Handel in Hinsicht auf Flexibilität und Agilität werden größer.

Früher hat man sich ein System gekauft, das musste 15 Jahre stabil sein, damit es sich gerechnet hat. Aber das funktioniert nicht mehr, wenn man nicht weiß, wie die Welt in einem Jahr aussieht. Da braucht man dann andere Technologien und Prozesse, die E-Commerce und neue Geschäftsmodelle überall ermöglichen, unabhängig von dem jeweiligen Endgerät.

"Man weiß nicht, wie die Welt in einem Jahr aussieht"

Dirk Hörig
Wir sind in einem Markt unterwegs, in den viel Wachstumskapital investiert wird, so wurde beispielsweise vor Kurzem Magento für rund 1,6 Milliarden US-Dollar an Adobe verkauft, 2013 übernahm SAP das E-Commerce-Software Haus hybris für rund 1,3 Milliarden US-Dollar, Oracle kaufte den Anbieter ATG in 2011 und so weiter. Gute Produkte alleine setzen sich in so einem Markt nicht automatisch durch, dazu gehören eben auch globales Marketing und Vertrieb.

Hinzu kommt, dass große Hersteller und Händler verstärkt auf technologische Eigenentwicklungen setzen, Unternehmen wie Zalando oder Amazon kaufen eben keine Software zum Bau ihrer Webshops, sondern sehen es als relevanten Vorteil, das Know-how aufzubauen.

2014 stellte sich für uns die Frage, wie wir uns langfristig aufstellen müssen, um in diesem Umfeld zum Marktführer für E-Commerce-Software im Enterprise-Segment zu werden.

Und da trafen Sie auf Rewe Digital?

Genau, damals kam die Kooperation mit Rewe zustande, die dabei waren, ihre Prozesse zu digitalisieren und den Online-Lebensmittelhandel voranzutreiben. Der CTO der REWE Digital und ich wurden uns auf einer Veranstaltung vorgestellt und haben schnell gemerkt, dass Rewe ihre Technologieplattform so aufbauen würden wie wir.

Und so wurden sie nicht nur zu unserem Kunden, sondern waren auch an einem Investment interessiert. Für unsere bisherigen Frühphasen-Investoren ergab sich damals die Chance zum Ausstieg. Mit Rewe haben wir dann gemeinsam sichergestellt, dass commercetools als unabhängiges Unternehmen langfristig international in diesem umkämpften Markt wachsen kann. 

Mit welcher konkreten Zielsetzung?

Wir hatten vor allem zwei gemeinsame Ziele: Rewe wollte die bestmögliche Technologie einsetzen, wusste aber, dass das nicht zwangsläufig diejenige ist, die man nur selbst nutzt. Gleichzeitig kannte Rewe unser Ziel. Das war und ist bis heute commercetools mit modernster Technologie als globalen Marktführer zu positionieren.
 commercetools Merchant Center
© commercetools
commercetools Merchant Center
So profitierte Rewe sowohl als Investor als auch als Anwender, und wir bekamen Einblick in einen großen Handelskonzern, in die verschiedenen Prozesse und die verschiedenen Branchen. Neben dem Lebensmittelhandel waren das beispielsweise auch Baumärkte und Tourismus.

REWE hatte damit den zeitlichen Vorteil, weil sie die Lösung nicht selbst bauen musste. Viele Händler versuchen Innovationen nicht aus ihren eigenen Reihen heraus voranzutreiben, sondern bauen kleine Ausgründungen, Corporate Start-ups, die die Dinge umsetzen und das Know-how zurück in den Mutterkonzern bringen. 

Und Ihr Vorteil?

Wir konnten operativ unabhängig, aber mit dem Rückhalt eines der größten deutschen Unternehmen agieren und uns daran machen, die commercetools nach und nach erfolgreich aufzubauen.

"Unser Plan ist aufgegangen, unsere Vision hat sich erfüllt"

Dirk Hörig

Das war 2014 die Idee. Wie sieht es heute tatsächlich aus?

Ich kann erfreulicherweise sagen, dass unser Plan mehr als aufgegangen ist und sich unsere Vision erfüllt. Im Voraus lassen sich nicht immer alle Variablen vorhersagen, in unserem Fall hat diese Konstellation sehr gut funktioniert. Dabei waren das Team und das Timing sicher die entscheidenden Punkte. Der Bedarf nach Veränderung im Markt ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. 2013 war Mobile zwar schon bei vielen auf der Agenda, heute ist es unabdingbar.

Wir sehen heute rund 70 Prozent Mobile-Traffic – ein Händler kann zwar noch einen Webshop machen, aber das ist nicht mal mehr die Gegenwart. Das ist ein Grund, warum viele Konzerne weltweit und aus allen möglichen Branchen zu unseren Kunden zählen. 

Rewe Digital kümmert sich um den Lieferservice von Rewe
© Rewe Digital
Rewe Digital kümmert sich um den Lieferservice von Rewe

Wie sieht die Zukunft von commercetools aus?

Wir wachsen sehr schnell. Zudem schätzen die Analysten commercetools sehr positiv ein. Vor diesem Hintergrund haben wir uns natürlich zusammen mit REWE digital und der Rewe Group Gedanken gemacht, wie wir uns weiterentwickeln und was die nächsten Ziele und Schritte sind. Ein Thema war die Internationalisierung. In Europa sind wir mit Büros in München, Berlin, Amsterdam und seit Kurzem auch London schon sehr gut aufgestellt.

Hier konzentrieren wir uns auf UK und Skandinavien als Fokusländer. So verdichten wir in diesen Regionen die Struktur weiter, um näher an den Partnern und Kunden zu sein. In den USA sind wir schon seit gut drei Jahren in Durham, North Carolina. Den Standort werden wir weiter ausbauen und auch den Vertrieb weiter vorantreiben.

Sie haben kürzlich in Singapur ein Büro eröffnet. Welche Strategie steckt dahinter?

Unsere größeren Kunden aus Europa und den USA sind auch in Asien stark vertreten, sowohl was deren Kunden als auch deren Technologie-Teams angeht. Da ist es selbstverständlich, dass wir auch näher dran sein müssen. Wir betreiben unsere Plattformen global in verschiedenen Cloud-Rechenzentren, deshalb bauen wir aktuell unser Operations-Team, das sich rund um die Uhr um die Plattform kümmert, auch in der asiatischen Zeitzone vor Ort aus.

Neben diesen technischen Aufgaben, die wir aus Vietnam heraus aufbauen, sind wir zudem in der Planung eines Vertriebs- und Marketingteams mit Hauptsitz in Singapur, das über die kommenden Jahre im gesamten asiatischen Raum wachsen soll.

Beobachten Sie auch den chinesischen Markt?

Ja, der Markt ist nicht nur wegen der puren Größe spannend, sondern auch wegen der Dynamik. Allerdings ist für einen schnellen Marktzugang dort die bürokratische Hürde noch zu hoch. Internationalisierung ist für junge Unternehmen immer eine Herausforderung, wir haben schon in den USA viel gelernt. Zum Beispiel ist eine ganze Menge an Flexibilität nötig.

© pixabay / cegoh
Internationalisierung

Der Markt in China - das müssen Händler über die Kunden wissen

Deshalb haben wir uns entschieden, im asiatischen Raum den Weg in den Markt  über Partner zu gehen, etwa  über Agenturen, die Technologien für unsere Kunden anpassen, die keine eigenen Technologie-Teams haben.
 commercetools Plattform
© commercetools
commercetools Plattform

Was bringt die Internationalisierung REWE?

Wir profitieren alle davon. Rewe, weil unser Produkt damit weltweit ständig weiterentwickelt wird und die Funktionen auch ihnen zur Verfügung stehen. Außerdem  wachsen wir weiter und stärken unsere Positionierung auf dem Markt der E-Commerce-Software.

Über Dirk Hörig

Dirk Hörig ist als CEO und Mitgründer von commercetools für die strategische Ausrichtung des Unternehmens zuständig. Als Unternehmer hat Dirk Hörig hat bereits mehrere Internetfirmen aus der Seed-Phase bis zum wirtschaftlichen Erfolg geführt. Zu Studienzeiten gründete er 2001 seine erste Firma zur Entwicklung von Onlineshops und hob 2006 commercetools aus der Taufe. Seitdem hat die Microservice-Plattform erfolgreich hunderte von Projekten sowohl für KMUs als auch für Global Player wie cimpress (beispielsweise Tradeprint und Vistaprint), Carhartt Work in Progress, Wizards of the Coast (Hasbro), Rewe, Express oder Bang & Olufsen realisiert. 

Microservices sind kleine Bausteine, die komplexe Aufgaben und Prozesse in kleinere Einzelteile zerlegen.
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Technologie

"Microservices lassen sich wirklich überall einsetzen"

Über commercetools

Die commercetools GmbH ist ein internationales Software-Unternehmen, das mit seiner cloudbasierten E-Commerce-Plattform Einkaufserlebnisse über alle Kanäle ermöglicht: von mobilen Apps über Sprachassistenten. Chatbots, AR/VR- und IoT-Anwendungen bis zu Car Commerce. commercetools wurde 2006 gegründet und gehört seit 2014 zur Rewe Digital GmbH. An den Standorten München, Berlin, Jena, Amsterdam (Niederlande) und Durham (North Carolina/USA) sind insgesamt mehr als 200 Mitarbeiter beschäftigt.  

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