Steckt der Handel in der Midlife-Crisis? Ist die Stadt mehr als Shoppingcenter, Arkaden und austauschbare Fußgängerzonen? Muss die Politik das Primat über die Stadt zurückgewinnen? Der "E-Commerce-Papst" Prof. Dr. Gerrit Heinemann fühlt sich bestätigt, kämpft aber auch mit schlaflosen Nächten, seit COVID-19 seine Prognosen schneller Wirlichkeit werden lässt als ihm lieb ist.

Herr Professor Heinemann, haben sie als "Karl Lauterbach" der Handelsforschung gerade nicht ein Déjà-vu nach dem anderen?
Tagtäglich sehen wir, dass die Prognosen, die wir für die nächsten zehn Jahre erstellt haben, in diesem Jahr schon eintreffen. Mit dieser Ereignisbeschleunigung muss man klarkommen.

Die E-Commerce-Forscher können sich jedenfalls auf die Schenkel klopfen, aber es zeigt auch sehr deutlich die Verwerfungen. Also, das ist nicht nur Déjà-vu, sondern es kommen auch schlaflose Nächte dazu.

Ihre Prophezeiung, dass es kleineren, mittleren Geschäften, vor allem nicht filialisierten, durch den Onlineboom an den Kragen geht, bewahrheitet sich also?
So ist es. Das IFH prognostiziert 64.000 Geschäftsaufgaben bis 2030 - die werden sich wahrscheinlich in diesem Jahr schon einstellen. Der HDE, der mit seinen Prognosen immer sehr zurückhaltend ist, geht für 2020 von 50.000 Geschäftsaufgaben aus. Ich wage die These, dass, wenn die Insolvenzmeldepflicht nicht ausgesetzt worden wäre, es wahrscheinlich deutlich mehr geworden wären.
Räumungsverkauf eines Schuhgeschäfts auf der Frankfurter Zeil Anfang Januar: Noch deckt die Aussetzung der Insolvenzmeldepflicht einiges zu.
© imago images / Ralph Peters
Räumungsverkauf eines Schuhgeschäfts auf der Frankfurter Zeil Anfang Januar: Noch deckt die Aussetzung der Insolvenzmeldepflicht einiges zu.
Empfehlen Sie stationären Händlern, im September die Grünen zu wählen, weil die einen Plan von 1 Mrd. Euro zur Rettung unserer Innenstädte fordern?
Das ist nicht einmal ein Tropfen, höchstens ein Aerosol auf den heißen Stein. Der HDE fordert 500 Mio. Euro, aber ob das 500 Mio. oder 1 Mrd. Euro sind, spielt keine Rolle. Bei 12.000 Städten und Gemeinden kann man runterrechnen, was das pro Stadt bedeutet. Das ist eine Annonce in der Tageszeitung.

Im Shutdown hat sich gezeigt, dass stationäre Händler, die sich auf Instagram präsentieren und rund um die Uhr telefonisch erreichbar sind, Umsatzausfälle kompensieren konnten. War der Buchhandel da ein gutes Vorbild?
Ja, der Buchhandel ist sowieso beispielhaft, weil er anderen Branchen immer fünf Jahre voraus ist. Er ist mit dem Schreckgespenst bereits durch, weil er den Nahtod mit E-Book und Amazon bereits durchgemacht hat.

Viele Buchhändler haben jedenfalls gesagt, wir wollen nicht sterben, wir wollen leben, und sie haben gezeigt, was man tun muss, um zu überleben. Im Buchhandel gibt es tolle Beispiele.
Das Geschäftsmodell von Karstadt/Kaufhof bezeichnen Sie als Insolvenzkaskade auf Kosten der Lieferanten, die den Konzern künstlich beatmen.
Weil es so veraltet ist, dass ich keinen einzigen Ansatz sehe, wo es einen Vorteil bieten würde. Von 1999 bis 2019 betrug der reale Umsatzverlust bei den Kaufhäusern 42 %. Ich glaube, man kann mit Dinosauriern auch ein Geschäft machen, indem man sie in einen Jurassic Park packt und dafür Eintritt nimmt. Das wäre ein Ansatzpunkt.

Betroffene Stadtoberhäupter sehen das anders. Haben Sie eine Idee, was die Politik den austauschbaren Fußgängerzonen, Shopping-Malls und Arkaden entgegensetzen kann?
Abreißen und dafür Wohnraum schaffen, den wir dringend benötigen. Dafür gibt es erste Beispiele. Die Bauministerin von NRW hat das fast genauso gesagt wie ich. In manchen Städten liegt die Leerstandsquote bei 40 %.

Man kann nicht verkrampft an einem Hohlkörper festhalten. Die logische Konsequenz für Fußgängerzonen ist sie zurückzubauen und Autos fahren zu lassen. Oder Parks und Grünflächen anzulegen zur Erholung und Klimaverbesserung.
Gähnende Leere statt Umsatz, Kunden, Frequenz: In manchen Innenstädten liegt die Leerstandsquote bei 40 %.
© imago images / Ralph Peters
Gähnende Leere statt Umsatz, Kunden, Frequenz: In manchen Innenstädten liegt die Leerstandsquote bei 40 %.
Dem HDE schwant, wie gesagt, nicht Gutes. Womit rechnen Sie?
Der HDE hat 320.000 Handelsunternehmen registriert (davon sind rund 100.000 Verbandsmitglieder), aber es gibt viele Handelsformen, die nicht als Einzelhandel betrachtet werden, obwohl es Einzelhandel ist, z.B. Apotheken, Autohändler oder Kioske. Zähle ich alles zusammen, komme ich auf mindestens 400.000 Handelsunternehmen, davon sind 94 % Kleinsthändler.

Meine Aussage ist: Von diesen 400.000 Händlern könnte durchaus Ende 2021 die Hälfte nicht mehr da sein. In seinen Prognosen unterstellte der HDE immer, dass wir keinen zweiten Lockdown bekommen.

Aus dem Handel kommen Forderungen nach weiteren Soforthilfen. Wer braucht die Hilfen konkret?
Der HDE versucht sich an einem Spagat. Der Einzelhandel ist eine Wachstumsbranche, die im ersten Halbjahr besser dastand als alle anderen Branchen und sogar real gewachsen ist. Ich glaube, wir müssen differenzieren.

Service, Retouren, Click & Collect statt Waren - das neue lokale Konzept von Nordstrom in den USA.
© Nordstrom
Das Schweigen der Händler

Die Zukunft der Läden nach Corona

Lebensmittelhandel inklusive Drogerien macht 50 % des Handels aus, denen geht es super. Baumärkte erzielten im ersten Halbjahr 2020 ein Plus von 15 %. Über den Onlinehandel muss ich nicht sprechen. Wir reden also von einem Fünftel des Handels, der schon vor Corona krank war und jetzt durch Corona noch ein bisschen kränker geworden ist und nicht mehr komplett zu retten sein wird.

Ich kann jetzt eine Entscheidung treffen, vergleichbar mit dem Kohlebergbau: Sollen wir einen Teil des Einzelhandels, der nicht zukunftsfähig ist, ebenso subventionieren wie die Braunkohle am Niederrhein, obwohl es keinen Sinn ergibt?

Die Unternehmensberatung Accenture sieht ein "Jahrzehnt des Zuhauses" heraufziehen. Warum soll es so kommen und was hätte das für Folgen für den Handel?
Das war etwas überspitzt formuliert, aber die Tendenz stimmt, weil verschiedene Dinge zusammenkommen, wie z.B. Homeoffice. Immer mehr Unternehmen sagen, dass  sie 50 % der Gewerbe- und Büroflächen nicht mehr brauchen. Dazu kommt eine gewisse Kontakttraumatisierung. Viele Menschen werden über eine längere Zeit Ansammlungen vermeiden, was zu einem Cocooning führen dürfte.
Amazon eilt von Rekord zu Rekord. Ist der Handel mittlerweile Sklave des Konzerns?
Ja, wer in den Löwenkäfig geht, sollte eine Dompteurausbildung und eine Peitsche dabeihaben. Bei Amazon ist nichts verhandelbar, alles funktioniert nach dem Motto "Friss oder stirb!" Wir haben doch gesehen, dass in der Engpasssituation während des Lockdowns Amazon bewusst Marktplatzpartner depriorisiert hat und kleine Unternehmen, die auf das Fulfillment angewiesen sind, ausschloss.

Das zeigt nicht nur, dass wir quasi ein Monopol haben, sondern auch dass mehrere Ansätze des Missbrauchs dieser Monopolstellung vorliegen. Was ich nicht verstehe ist, dass das Kartellamt da nicht einschreitet und Herr Mundt wahrscheinlich im Homeoffice Cocooning betreibt.

Sie arbeiten gerade an Ihrem neuen Buch, das den Titel "Intelligent Retail" tragen wird. Heißt das, dass der Handel bis dato tieferbegabt war und jetzt Nachhilfeunterricht braucht?
Der Titel stammt nicht von mir, sondern von Microsoft. Microsoft hat im letzten Januar auf der NFR New York, der weltweit größten Messe für Retailer, Problemlösungen für den Einzelhandel präsentiert und diesen Begriff geprägt, der mir sehr gut gefällt.

Es ging um die zentralen Themen, die den Handel der Zukunft prägen, nämlich darum, dass wir intelligente Systeme im Handel brauchen, die wir bisher nicht haben. Wenn der Handel Systeme anwendet, dann sind es bislang eher doofe. Der Handel muss heute datenbasiert arbeiten, was bisher kein großes Thema war. Betrachten wir das Wirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte, sank die durchschnittliche Rate pro Dekade von 8 % in den 1950ern auf etwa 1,4 % in den Nullerjahren. Müssen wir Abschied vom Wachstum nehmen?
In Expertenkreisen wird noch diskutiert, ob wir bei der Konjunkturerholung mit einem V oder U rechnen dürfen. Ich sage manchmal, vielleicht haben wir nur ein L. Die Annahme, dass alles wieder so wird, wie es war, kann durchaus infrage gestellt werden. Vielleicht sind die besten Jahre, auf Deutschland bezogen, tatsächlich vorbei, während in anderen Regionen der Welt Wachstum erforderlich ist.

Wir decken im Augenblick durch massive Staatsverschuldung, die Aussetzung der Insolvenzmeldepflicht und Kurzarbeit vieles zu. Das kann man nicht ins Endlose verlängern. Ich schließe deshalb nicht aus, dass wir nicht mehr da landen, wo wir vorher waren.

Das Interview führte Ulrich Texter. Es erschien zuerst in der Zeitschrift "Planet Toys".

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