Analytische Ausbildung
In meiner Arbeit mit jungen talentierten Menschen fällt mir immer wieder auf, dass wir in Deutschland eine sehr solide analytische Ausbildung haben. Aller Diskussion über den Bildungsstand im internationalen Vergleich zum Trotz. Und ja, Mathematik und Statistik zählt in vielen Studiengängen nicht zu den favorisierten Vorlesungen. Dennoch: Im internationalen Vergleich stelle ich immer wieder fest, wie gut wir Fakten erarbeiten können und vor allem, wie wir bisherige Aktivitäten bewerten und kritisieren können. Darin sind wir insbesondere in der Wissenschaft sehr gut.Überlegen Sie: Eigentlich besteht Wissenschaft daraus, bisheriges zu analysieren, um dann zu sagen, was alles übersehen wurde und was man eigentlich tun sollte. Diese Vorgehensweise ist vielleicht unter stabilen Rahmenbedingungen hilfreich, aber möglicherweise nicht immer optimal. Ändern sich fundamental die äußeren Einflüsse, brauchen wir neue Bewertungsmöglichkeiten für unsere Entscheidungen.
Viele Visionäre von damals propagierten aber bereits eine digitale Welt. Eine Welt, in der Kunden Produkte ausschließlich online kaufen und in der Bandbreiten keine Limitation mehr darstellen würden. Mit einem 28k-Modem und einem Internetzugang, der nach Zeit abgerechnet wurde, damals eine recht wagemutige Vorstellung. Als dann die „Blase“ platzte, schienen die Kritiker bestätigt: „Es hatte alles ja keine Substanz!“ Die Visionäre wurden zu Quacksalbern erklärt, wurden im Nachhinein Verrückte und in manchen Fällen auch kriminalisiert. Klar ist aber auch: Die Partys seiner Zeit waren legendär. Und doch war das Ende des Booms der Beginn des Booms.
Nachdem sich der Rauch verzogen hatte, wurde das Geschäft weiter professionalisiert. 2007 wurde das iPhone als erstes echtes Smartphone vorgestellt und heute befinden wir uns in einer Welt, in der einzelne Geschäftsbereiche ausschließlich digital abgehandelt werden, zum Beispiel die Musikindustrie, bei der wir den Trend zu einigen Vinyls jetzt mal als Nostalgie verdrängen.
Übersetzungsbüros werden mit Google konfrontiert, Uber, Airbnb und andere wirkten als Disruptor in anderen Märkten (übrigens kamen die Veränderungen in der Regel durch branchenfremde Anbieter). Viele Unternehmen aus 2000 gibt es nicht mehr und die Frage nach dem warum stellt sich eben rückblickend doch. Scheinbar war die rein operative Ausrichtung und die Konzentration auf das aktuelle Geschäft nicht ausreichend, den strukturellen Wandel zu sehen, zu begreifen und gestalterisch zu werden.
Meine Meinung: Es hat an Vorstellungsvermögen gefehlt in zweierlei Hinsicht:
- 1. Wie kann man sich die Zukunft vorstellen und
- 2. Welche Form der Zukunft möchte man überhaupt?
Klassische Modehändler gibt es nicht mehr, ebenso wenig wie Produzenten. Markenbildung erfolgt nur noch durch die Bereitstellung limitierter digitaler Produkte, die mittels Blockchain kontrolliert werden. Der Modehandel ist zum Dienstleistungssektor geworden.
Dystopie oder Chance?
Für viele mag dies eher als Dystopie anmuten, für andere eröffnen sich zahlreiche Optionen im Handel. Alle genannten Beispiele sind bereits heute im Kern erforscht und im Kleinen im Einsatz oder bereits Realität. Was passiert mit diesen Entwicklungen in den nächsten zehn Jahren? Wer hier keine Visionen entwickelt, wird von der Realität eingeholt. Unternehmen, die am heutigen System operativ festhalten sind in der obigen Welt bereits Geschichte.
Wollen wir auch unserer gesellschaftlichen Aufgabe gerecht werden, können wir auch die Frage beantworten, ob wir eine Entwicklung auch genauso wollen. Vieles ist vielleicht nicht erstrebenswert und wir können heute mit jeder Entscheidung bereits die Welt für morgen gestalten. Hierfür braucht es aber überhaupt eine Vorstellung der Zukunft. Wer diese nicht hat, hat bereits verloren.
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Ehemaliger etailment Experte
Der Mode Management Fachmann Jochen Strähle ist Dekan der Fakultät für Textil & Design und hat aktuell die Professur für International Fashion Management an der Reutlingen University inne. Er zählt zu den weltweit einflußreichsten Experten für die Modeindustrie, dem Handel, der Fashionszene, Fashion Online Shopping Fashion E-Commerce. Vor seiner jetzigen Tätigkeit war er ordentlicher Professor für Handelsmanagement an der Berufsakademie in Deutschland. Er war Gastprofessor an der University of Southampton (UK) und der Haaga Helia University in Helsinki (FI), Gastprofessor an der Xi'an Polytechnic University Xi'an (PRC) und Gastdozent am London College of Fashion, Fashion Institute of Technology New York, dem ITC der Hong Kong Polytechnic University (HKG), der Donghua University (PRC) und der Bunka Gakuen University (JP). Er hat zudem viele Top-Level Mode- und Fashionmanagement Positionen in der Modeindustrie im In- und Ausland durchlaufen – z.B. in Deutschland, Österreich oder der Slowakei.
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