Trotz Alice Schwarzer, Girls Day und Erziehungszeiten für Mann und Frau sind erst 28,2 Prozent der Führungspositionen in Deutschland weiblich besetzt, und jährlich werden es weniger, wie KfW Research gerade veröffentlichte. Liegt's am Y-Club, dass so selten Frauen erfolgreich gründen oder in die Chefetage aufsteigen? etailment fragt in loser Reihenfolge erfolgreiche Frauen.

Lettland hat's verstanden, in den Führungsetagen finden sich europaweit am meisten Frauen: 44 Prozent. Das Schlusslicht des Ranking bildet Luxemburg (!) mit 16,1 Prozent nach der Türkei (mit 17,3 Prozent).

Und Deutschland? Tja, liegt im europäischen Vergleich im unteren Drittel, wie KfW Research gerade veröffentlichte. Noch eine unangenehme Tatsache: Seit 2013 sinkt die Zahl der Frauen unter Gründern oder in führenden Positionen. In Ländern wie Griechenland, Rumänien, Portugal, Estland oder Ungarn sind mehr Frauen in Führungspositionen vertreten. In keinem der 30 größten deutschen börsennotierten Unternehmen ist ein weiblicher CEO zu finden. Auch im Mittelstand gibt es nur in 15 Prozent der Unternehmen eine Frau an der Spitze.

An der Bildung liegt es nicht, doch womöglich an jahrzehntelang gepflegten Y-dominierten Seilschaften. Frauen lernen erst, Netzwerke für die Karriere zu nutzen. Anna Raabe von Gadoré bringt es auf den Nenner: Men promote men.

etailment stellt in loser Reihenfolge erfolgreiche Frauen vor. Heute Anna Raabe und Laura Cordes, Gründerinnen von Gardoré.

Woran liegt es Ihrer Wahrnehmung nach, dass Unternehmen sich schwer tun, gehobene Funktionen mit Frauen zu besetzen?
Anna Raabe: Oft gilt noch der Grundsatz "Men promote men" und Frauen neigen dazu, sich eher unter Wert zu verkaufen.
Laura Cordes: Wir tendieren immer noch dazu, Kompetenz als männliches Attribut zu sehen, während Frauen eher mit Assistenzberufen assoziiert werden. Das ist ein unbewusster Prozess, der auf traditionellen Genderrollen basiert. Deshalb ist es wichtig, dass umgedacht wird. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass die intelligente IBM-Software den männlichen Vornamen Watson trägt und die assistierende Amazon-Software Alexa heißt.

Brauchen Frauen Förderer, um bei der Besetzung von Top-Positionen zum Zug zu kommen?
Anna Raabe: Was gefördert werden muss, ist das Mindset des Umfelds und die Strukturen. Wir müssen an die Ursachen ran. Dazu gehören meines Erachtens Erziehung und Schulausbildung, die genderneutraler werden sollten. In Schweden gibt es erste vielversprechende Ansätze mit geschlechtsneutralen Arbeitsmaterialien oder Spielzeug sowie genderneutraler Ansprache und Begriffen. Es muss früh verankert werden, dass es nicht typisch weibliche oder männliche Berufe, Fähigkeiten oder Positionen gibt, sondern dass Frauen und Männer grundsätzlich gleiche Fähigkeiten und Kompetenzen haben. 
Benötigen Frauen weit im Vorfeld Förderung, um ihren Karriereweg verfolgen zu können?
Anna Raabe:
Grundsätzlich sollte jeder die gleiche Förderung erhalten. Solange aber Frauen in wichtigen Bereichen unterrepräsentiert sind, bedarf es einer gezielten Förderung
Laura Cordes: Genau! Ernüchternd ist zum Beispiel die Frauenquote großer Tech-Unternehmen. Mit 36 Prozent weiblicher Angestellter führt Uber vor Facebook (33 Prozent), Apple (32 Prozent), Google (32 Prozent) und Microsoft (26 Prozent). Das sind viel zu wenige. Vor dem Hintergrund, dass Technologie nicht nur eine Zukunftsbranche ist, sondern auch die Zukunft selbst prägen wird, ist es angebracht, dass beide Geschlechter in diesem Bereich gleich stark vertreten sind. Nicht nur im Hinblick auf Jobperspektiven. Denn letztlich geht es im Bereich Tech auch darum, wie unsere Welt in 20 Jahren aussehen wird. Es ist daher durchaus besorgniserregend, dass es so wenig Frauen in dieser Zukunftsbranche gibt. Initiativen wie „Lean In“ von der Facebook-Managerin Sheryl Sandberg, sind daher angebracht und sollten intensiviert werden.

Was war für Ihre Karriereschritte ausschlaggebend?
Anna Raabe: Schon vor dem Studium habe ich eine Karriereberatung wahrgenommen. Ich suchte einen Beruf, der zu meinen persönlichen Stärken wirklich passt. Man neigt dazu, bei der Berufswahl nach Kriterien wie Reputation, typischen Genderrollen oder Sicherheit zu gehen. Ein Coaching führt aus diesen Rollenmustern heraus.

Was brauchten Sie, um sich durchzusetzen?
Laura Cordes: Ich arbeitete zunächst in einer Unternehmensberatung und war oft eine von wenigen Frauen im Raum und noch dazu die Jüngste. Oftmals wurde ich nicht ernst genommen. Ich habe gelernt, mich davon nicht einschüchtern zu lassen. Man muss sich bewusst machen, dass man aus einem gutem Grund mit in der Runde ist – weil man was drauf hat.
Welche Erfahrungen haben Sie im Rahmen Ihrer Gründung gemacht?
Laura Cordes: Die Branche der Geldgeber sind männlich dominiert und hier stoßen wir teilweise auf größere Hürden. Um zu überzeugen, muss man als Frauen gefühlt mehr geben als Männer. Eine Studie belegt, dass Frauen im Schnitt geringere Investitionssummen generieren als Männer. Das ist ein Fakt. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass man sich aber auch als Gründerin mit einer guten Idee, Selbstbewusstsein und Hartnäckigkeit durchsetzen kann. Ich glaube, es herrscht teilweise noch das Vorurteil, dass Männer die besseren "Macher" oder "Unternehmer" sind beziehungsweise man ihnen eher zutraut, große Unternehmen aufzubauen. Das liegt einfach daran, dass es noch zu wenig Gegenbeispiele gibt. Unicorns sind hauptsächlich von Männern geführt. Das liegt allerdings nicht an mangelnden Kompetenzen der Frauen, sondern ist systembedingt: Einerseits haben Männer häufig ein sehr starkes unternehmerisches Selbstbewusstsein, andererseits unterstützt sie das maskulin geprägte Business.
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