Augmented Reality hat das Potenzial, den Modehandel zu revolutionieren. Das bestätigt der "HandelsMonitor Mega-Trends 2030+". Warum dennoch erst wenige stationäre Händler auf die Technologie setzen und warum besonders Onlinehändler von immersiven Technologien wie AR profitieren können, erläutern unsere Gastautoren Thomas Foscht und Judith Schloffer.

Mithilfe von intelligenten Virtual-Reality-Anwendungen sowie Anwendungen auf Kundengeräten wie Augmented Reality (AR) wird der stationäre Handel in Zukunft bessere Kundenerlebnisse mit interaktiven Erfahrungen in einer realen Umgebung bieten. Davon gehen fast 85 Prozent der Experten in einer Delphi-Studie für den HandelsMonitor aus.

Im Ladengeschäft können Produkte durch computergenerierte Wahrnehmungsinformationen "erweitert" ("augmented") werden.

So kann ein Händler, der Rucksäcke und Campingprodukte verkauft, ein virtuelles Lagerfeuer projizieren und zusammen mit dem Geräusch von Knistern und Grillenzirpen den Kunden so schon im Prozess der Entscheidungsfindung mit einem einzigartigen Erlebnis beeindrucken, das ihn dann zum Kauf animiert.

Der Spiegel als Einkaufsberater

Aktuell setzen allerdings erst einige Vorreiter auf solche oder ähnliche Möglichkeiten, um die Aufmerksamkeit der Kunden zu gewinnen. Eine Instore-AR-Lösung, die mittlerweile weiter verbreitet ist, sind "Smart-" oder "Magic-Mirrors".

Die intelligenten Spiegel ermöglichen es den Kunden Produkte anzuprobieren, ohne im Geschäft nach dem passenden Kleidungsstück zu suchen oder auch solche Produkte "anzuziehen", die aufgrund der limitierten Verkaufsfläche nicht im Geschäft vorrätig sind.

Der Spiegel dient dabei als eine Art "Personal Shopping Assistant", der personalisierte Produktempfehlungen abgibt. Diese Technologie soll einerseits das Kundenerlebnis verbessern, aber auch Verkäufe fördern.

AR in Apps und Browsern

AR findet inzwischen aber nicht nur im stationären Handel Anwendung. Vielfach wird auch in Apps auf die erweiterte Realität gesetzt. Ikea war eines der ersten Unternehmen, das dem Kunden durch die "Ikea Place"-App ermöglichte, 3-D-und maßstabsgetreue Modelle von Möbeln in der eigenen Wohnung anzusehen und dann online zu bestellen.

Auch Kosmetik- und Beauty-Brands haben AR sowohl im stationären Handel als auch über die App mit Erfolg eingesetzt. Sephora ermöglicht es beispielsweise den Kunden in der App "Virtual Artist" Make-up auszuprobieren.
Der französische Kosmetikfilialist Sephora lässt Kundinnen sowohl stationär als auch über seine App Make-up-Produkte ausprobieren.
© Sephora
Der französische Kosmetikfilialist Sephora lässt Kundinnen sowohl stationär als auch über seine App Make-up-Produkte ausprobieren.

Mit 3-D-Modellen Retouren senken

Aktuell wird daran gearbeitet, AR nicht nur in Apps von Händlern, sondern auch in Browsern und damit gängigen Onlineshops noch weiter zu integrieren. Händler können so zum Beispiel 3-D-Modelle zu Produktseiten hinzufügen.

Vor allem der Online-Modehandel dürfte damit einen neuen Aufschwung erleben. Schließlich ist der Kleidungseinkauf im Internet immer mit einem gewissen Risiko verbunden, da sich die Kunden nicht sicher sein können, wie die ausgewählten Artikel "im wirklichen Leben" zu ihnen passen.

Wenn das Kleidungsstück aufgrund mangelnder Passform zurückgesendet wird, entstehen dem Händler hohe Kosten für Versand und Bearbeitung der retournierten Artikel, die hinter den Erwartungen der Verbraucher, die sich aus 2-D-Bildern im Internet gebildet haben, zurückbleiben.

Höhere Kaufquoten durch bessere Einkaufserlebnisse

Niedrige Conversion-Rates bereiten vielen Onlinehändlern nach wie vor Kopfzerbrechen. Dies zeigt, dass sie noch viel mehr tun müssen, um die Kunden davon zu überzeugen, die Artikel in ihren Einkaufswagen auch tatsächlich zu kaufen.

Durch die Integration von immersiven Technologien wie AR in bestehende Onlineshops können Einzelhändler Kunden ein persönlicheres, interaktiveres, ansprechenderes, zufriedenstellenderes, mitunter unvergessliches Einkaufserlebnis bieten, das Emotionen hervorruft, wie sie es vielleicht aus dem stationären Handel kennen.

Präzise vermessene persönliche Avatare zum Anprobieren der Kleidung erhöhen die Passformgenauigkeit online bestellter Produkte.
© Reactive Reality
Präzise vermessene persönliche Avatare zum Anprobieren der Kleidung erhöhen die Passformgenauigkeit online bestellter Produkte.
Der Einsatz von AR-Technologien kann dafür sorgen, dass Verbraucher mit mehr Vertrauen einkaufen, besser informiert sind, mehr Spaß am Onlineshopping haben und sich durch das intuitive und unterhaltsame AR-Shopping-Erlebnis länger mit den Produkten beschäftigen.

Onlinekunden eine nahtlose Erfahrung zu bieten, mit der sie Produkte aus- und anprobieren können, fördert also letztlich nicht nur den Kaufabschluss, sondern erhöht auch die Kundenzufriedenheit und steigert das Engagement der Kunden.

Die AR-Anwendung Pictofit für mobile Geräte



An virtuellen Umkleidekabinen arbeitet derzeit auch das Unternehmen Reactive Reality. Es hat eine proprietäre AR-Anwendung für mobile Geräte entwickelt, die das große E-Commerce-Problem, Produkte vor dem Kauf zu erlebbar zu machen, löst.

Wenn das Smartphone zur Umkleidekabine wird

Die "Pictofit"-AR-Engine verwandelt dabei den Heimcomputer oder das Smartphone in eine virtuelle Anprobe und zeigt den Käufern, wie Kleidungsstücke auf ihrem persönlichen Avatar, der aus einigen Fotos der Kunden erstellt wird, aussehen wird.

Ultrapräzise Messungen zeigen die Avatar-Passform eines Kleidungsstücks in Abhängigkeit davon, wie sich Dehnung, Steifigkeit, Fließen, Straffheit, Haftvermögen und Lockerheit auf die Konturen des Trägers auswirken. Onlinekäufer können so zum Beispiel auch verschiedene Kleidergrößen virtuell anprobieren und vor dem Kauf sehen, wie sie ihrem Körper wirklich passen.

Mit KI 2-D- in 3-D-Ansichten umwandeln

Die von Reactive Reality entwickelte Technologie basiert auf einer Kombination aus Fotogrammetrie und künstlicher Intelligenz (KI). Sie wandelt eine Reihe von 2-D-Fotos, die mit einer beliebigen Smartphone-Kamera aufgenommen wurden, in eine 3-D-Darstellung um, die mit branchenüblicher Bildwiedergabesoftware kompatibel ist.

Dadurch können konventionelle 2-D-Bilder ohne spezielle Schulung oder Ausrüstung in 3-D-AR-Objekte umgewandelt und die 3-D-Modellierungsfunktionalität in mobile Anwendungen und Online-Infrastrukturen integriert werden.

Diese Art der AR-Technologie ist aber nicht nur für Bekleidung geeignet. Sie ermöglicht es den Benutzern, eine breite Palette von Produkten zu erleben. Somit wird AR in Zukunft in vielen Branchen eine neue, interessante Art der Interaktion mit Kunden sein, die einen einzigartigen Mehrwert darstellen wird.

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