Die Corona-Pandemie hat einen Prozess beschleunigt, der schon vor längerer Zeit begonnen hat: den rasanten Aufstieg des E-Commerce, die Diversifizierung der Verkaufskanäle und die Notlage des klassischen Ladengeschäfts. Die komplette Lieferkette wird derzeit von Händlern neu bewertet und einer Reorganisation unterzogen. Investitionen in intralogistische Automatisierung machen dabei einen großen Anteil aus. Aktuelle Strategien des Einzelhandels beleuchtet Jessica Heinz von Dematic in einem Gastbeitrag.

Händler müssen mindestens zwei Warenströme (Ladengeschäft und E-Commerce) gleichzeitig abwickeln und möglicherweise einen dritten, wenn es sich um ein Großhandelsgeschäft handelt.

Um erfolgreich zu sein, müssen die Distributionszentren sowohl die Großlieferungen an die Filialen als auch individuelle Bestellungen mit geringen Stückzahlen beherrschen.

Die Folge sind eine Fülle an kleinteiligen, verschachtelten Aufträgen, die mit ungleich komplexeren Lagerprozessen einhergehen und deutlich höhere Anforderungen an die Intralogistik und Lagerverwaltungssoftware stellen.
Die Anforderungen an Intralogistik und Lagerverwaltungssoftware sind durch den Omnichannel-Handel gestiegen.
© Dematic
Die Anforderungen an Intralogistik und Lagerverwaltungssoftware sind durch den Omnichannel-Handel gestiegen.

E-Commerce ist ein Baustein von vielen

Die Covid-19-Pandemie ist der Treibstoff in diesem Prozess, denn E-Commerce- und Omnichannel-Lösungen sind die besten bzw. einzigen Alternativen, wenn man Social Distancing ernst nimmt und die Ansteckungsrate gering halten muss - nicht nur bei der Kundschaft, sondern auch bei der eigenen Belegschaft.

E-Commerce ist aber dennoch nur ein Baustein von vielen im komplexen Einzelhandelsgeschehen. Effizientes Order-Fulfillment und Replenishment stehen nun bei Investitionen und Planungsgesprächen im Mittelpunkt, und es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Automatisierung hilft.

Hier drei aktuelle Strategien des Einzelhandels:
  • Micro-Fufillment erlaubt das Verarbeiten von E-Commerce-Aufträgen kundennah aus einem Supermarkt oder Einkaufszentrum heraus (siehe Walmart in den USA) und optimiert die letzte Meile.
  • Kommissionier-Supermärkte (Dark Stores) als lokale Verteilzentren, die ausschließlich Omnichannel-Aufträge erfüllen und zur Auslieferung bereitstellen.
  • Neu- oder Umbau von Lagern und Distributionszentren mit einem höheren Automatisierungsgrad.


Angenehme Nebeneffekte der urbanen Lösungen Micro-Fulfillment und Dark Store sind die Nähe zum Kunden, kurze Lieferzeiten und die Verbesserung des Kundenerlebnisses.

Die Vorteile dieser Systeme liegen in der Flexibilität des verteilten Auftragsmanagements: Der Einzelhändler kann selbst entscheiden, wie er den Erfüllungsprozess managen will. Aber all das funktioniert nur mit einem entsprechenden Lieferzentrum mit smarter Software im Rücken.

Beendet Micro-Fulfillment den Siegeszug von Amazon?

Micro-Fulfillment könnte laut "Forbes" den Siegeszug von Amazon beenden: Kommt die Ware aus (teilweise) in Fulfillment-Hubs umgewandelten lokalen Supermärkten direkt zum Kunden, dann haben die Umschlaghallen von Amazon am Stadtrand einen entscheidenden Nachteil.

Selbst "Same-Day-Delivery" ist langsam gegen einen Fahrradkurier, der die von einem Roboter zusammengestellte Ware aus dem örtlichen Markt abholt und in wenigen Minuten zum Kunden bringt. Dies wird gerade erfolgreich von Walmart getestet. Hier können sich Kunden die zusammengestellte Ware noch selbst abholen.
Walmart hat vor Kurzem angekündigt, die Zahl von "Local Fulfillment Centern " (LFC) deutlich zu erhöhen. Die kompakten, modularen Lager werden in oder an einer Walmart-Filiale errichtet, um Bestellungen automatisiert zu kommissionieren.
© Walmart
Walmart hat vor Kurzem angekündigt, die Zahl von "Local Fulfillment Centern " (LFC) deutlich zu erhöhen. Die kompakten, modularen Lager werden in oder an einer Walmart-Filiale errichtet, um Bestellungen automatisiert zu kommissionieren.

Dark Stores ohne Kunden

Kundenverkehr im klassischen Sinne gibt es bei dem zweiten großen Trend im Einzelhandel nicht: In den "Dark Stores" wird zusammengestellt und ausgeliefert, Kunden sind nicht mehr in den Hallen.

In Brisbane stehen zum Beispiel Kunden von Woolworths seit einigen Wochen vor verschlossenen Türen, hinter denen 800 Mitarbeiter die Waren für Onlinekäufer zusammenpacken.

"Dark-Store"-Start-up-Betreiber Flink (Berlin) konnte gerade weitere 70 Millionen Euro einsammeln und plant nach den Niederlanden und Frankreich zehn Dark Stores in deutschen Städten.

Für  konsequente Automatisierung muss manchmal neu gebaut werden. Ein Beispiel (nach der Registrierung gelangenen Sie direkt zum Webinar) ist das im vergangenen Jahr eröffnete Distributionszentrum der Landmark Group in Dubai. Der Groß- und Einzelhändler vertreibt Bekleidung, Schuhe, Accessoires sowie weltweite Franchisemarken über das eigene Netzwerk.
265.000 Quadratmeter, 43 Meter hohe Palettenlager in Silo-Bauweise und elf Kilometer Behälter- und Palettenfördertechnik: Dank der Automatisierung kann Landmark im neuen Lager in Dubai bis zu 15.000 Behälter pro Stunde zu den Kommissionierstationen befördern.
© Dematic
265.000 Quadratmeter, 43 Meter hohe Palettenlager in Silo-Bauweise und elf Kilometer Behälter- und Palettenfördertechnik: Dank der Automatisierung kann Landmark im neuen Lager in Dubai bis zu 15.000 Behälter pro Stunde zu den Kommissionierstationen befördern.
Mihin Shah, Supply Chain Officer der Gruppe, nennt das Timing rückblickend einen Glücksfall: "Mit dem neuen Verteilzentrum können wir Online-Aufträge mit geringerem Personalstand abarbeiten und gleichzeitig Social Distancing einhalten."

Konsumentenverhalten: Sicher ist nur die Veränderung

Mit Sicherheit werden viele Verbraucher weiter online einkaufen. E-Commerce und insbesondere E-Food werden weitere Zuwächse verzeichnen, wenn auch nicht mehr so stark wie während der Pandemie.

Ebenso sicher wird die Kundschaft wieder in die Ladengeschäfte strömen, um das Grundbedürfnis nach einem haptischen, sinnlichen Einkaufserlebnis zu befriedigen.

Einzelhändler müssen die richtige Antwort finden - auch logistisch

Aussagen, dass sich der Einzelhandel grundlegend verändert hat, werden sich nur zum Teil bewahrheiten oder anders, als wir es erwarten. 2022 wird der Konsument wieder veränderte Verhaltensmuster entwickeln.

Hierauf müssen die Einzelhändler die richtige Antwort finden und das können Sie nur mit größtmöglicher Flexibilität und Nähe zum Kunden: Micro-Fulfillment, Dark Stores und der Bau neuer hochmoderner Distributionszentren sind drei wichtige Wege dahin.

MEHR ZUM THEMA:

Lieferung in den Park: Nutzer der App von 7-Eleven in den USA können aus einer Vielzahl von Lieferorten an öffentlichen Plätzen wählen.
© 7-Eleven
Handelstrends 2030

Logistik der Zukunft: Anytime, Anywhere, Anyhow


Das waren noch Zeiten. Liefermodelle von heute arbeiten mit unterschiedlichen Schwerpunkten, unerlässlich ist aber ein differenziertes Omnichannel-Angebot.
© Suchard
etailment-Expertenrat

E-Food: Vier Modelle im Vergleich


Immer mehr Kunden, immer mehr Anbieter: Der Onlinehandel mit Lebensmitteln wächst stärker als jede andere Branche im E-Commerce.
© imago images / Sven Simon
Lebensmittel-Lieferdienste

E-Food boomt - nicht nur wegen Corona