Martin Hermesch, Director Sales Development GLS Germany, über Baustellen und Staukilometer auf deutschen Autobahnen, Doppelbesetzung von Lkw und eine breite Serviceauswahl für Empfänger.  Die große etailment-Umfrage, Teil 6.

Das Wachstum im Onlinehandel stellt die KEP-Dienste vor immer neue Herausforderungen: Sehen Sie Ihr Unternehmen mit Blick auf Fahrer, Lagerpersonal und Verfügbarkeit von Fahrzeugen für das bevorstehende Weihnachtsgeschäft gerüstet und wie bereiten Sie sich darauf vor?
Wir erwarten auch in diesem Jahr wieder Rekordmengen, sodass wir uns sehr akribisch auf die bevorstehende Peak-Season vorbereitet haben. Denn wie in den vorherigen Jahren ist es auch in diesem Jahr unser Ziel, unseren Kunden die gewohnt hohe Qualität zu liefern. In den letzten Wochen vor Weihnachten werden wir bis zu 50 Prozent mehr Pakete als in anderen Monaten transportieren.

GLS Germany begegnet dem Volumenanstieg wie auch in den Vorjahren mit gezielten Maßnahmen: Wir stellen in dieser Zeit bis zu 3.000 zusätzliche Mitarbeiter in den Depots ein. In der Auslieferung kommen bis zu 700 zusätzliche Fahrzeuge zum Einsatz – vermehrt auch mit alternativen Antrieben. Zudem haben wir die notwendigen Infrastrukturen ausgebaut. So wurden die Umschlagkapazitäten von zehn Standorten signifikant gesteigert und zwei neue Depots sorgen für Entlastung in den betreffenden Regionen. Wir sind also gut vorbereitet.

Martin Hermesch, Director Sales Development GLS Germany.
© GLS
Martin Hermesch, Director Sales Development GLS Germany.
 Verkehrsinfarkt in den Metropolen, lange Lieferwege auf dem Land und drohende Fahrverbote in Innenstädten. Wie können Sie angesichts der infrastrukturellen Probleme die fristgerechte Zustellsicherheit gewährleisten?

Zunächst einmal zeigt eine aktuelle Studie des BIEK, dass der Lieferverkehr durch KEP-Fahrzeuge gerade mal ein Prozent des Gesamtverkehrs ausmacht. Bezüglich der eigentlichen Zustellung sind die Herausforderungen regional und von Stadt zu Stadt recht unterschiedlich; ebenso auch die Möglichkeiten. Von daher entwickeln wir regionale Lösungen und setzen dabei eine Mischung von Lastenfahrrädern, Elektroautos und Mikrodepots ein. Wir haben dabei schon einiges erreicht, aber auch noch viel vor. Es zeigt sich auch, dass sich aus diesen Herausforderungen für uns neue Chance ergeben, zum Beispiel hinsichtlich Rekrutierung von Mitarbeitern oder Partnern.
Breit aufgestellt: Die GLS-Fahrzeugflotte ist für praktisch jeden Einsatzzweck gerüstet.
© GLS
Breit aufgestellt: Die GLS-Fahrzeugflotte ist für praktisch jeden Einsatzzweck gerüstet.
Herausfordernd ist die Situation auf den deutschen Autobahnen und damit auf den langen Strecken. Von Monat zu Monat steigt die Anzahl der Baustellen und der Staukilometer. Damit wir trotz dieser Störungen deutschlandweit über Nacht den Transport gewährleisten können, haben wir in den letzten Monaten schon sehr viele Anpassungen in unserem Netzwerk unternommen. Für die Qualität scheuen wir keine Kosten und setzen zusätzliche Verkehre ein, wählen andere Routen, statten die Lkw mit einem zweiten Fahrer aus, auch wenn es die Fahrzeit normal nicht erfordern würde. Kommt dieser Lkw aber in einen Stau, so sichert der zweite Fahrer eben auch dann, dass die Ware rechtzeitig in die Zielgebiete gelangt. 

" Es gibt nicht mehr die eine Lösung bei der Zustellung."

Drohnen, Zustellroboter, autonome Fahrzeuge. Welche Techniken werden sich durchsetzen und wo sehen Sie die weiteren (digitalen) Trends?
Sicher ist, dass es nicht eine Technik, ein Verfahren sein wird, das sich durchsetzt. Es gibt nicht mehr die eine Lösung, sondern es wird ein Portfolio an Techniken und Prozessen geben. Dieses ist auch eine Folge der Individualisierung der Zustellung. Wir sehen, dass Versender und Empfänger immer stärker und auch während des Transportprozesses eingreifen und die Dienstleistung so anpassen wollen, wie es die aktuelle Situation gerade erfordert.
Was wir bezüglich der Techniken und Verfahren bedenken müssen ist, dass diese massentauglich sein müssen. Die KEP-Branche leistet heute einen ganz wesentlichen Beitrag zur Versorgung der Gesellschaft, auch abseits des Onlinehandels. Von daher sind Speziallösungen wie Drohnen oder Zustellroboter im flächendeckenden Einsatz schwer vorstellbar. In besonderen Situationen werden sie aber wahrscheinlich ihre Berechtigung haben.

Die Digitalisierung wird im KEP-Bereich in der Zukunft eine noch größere Rolle spielen. Wir gehen davon aus, dass autonome Fahrzeuge bald zu unserer Wirklichkeit gehören – auch vor dem Hintergrund des zunehmenden Fahrermangels. Für Langstrecken finden im Übrigen bereits Tests statt, das ist somit schon Realität. In der Zustellung können die Fahrzeuge natürlich nicht komplett autonom liefern, vielmehr die Zustellfahrer unterstützen, entlasten und begleiten.

Wir setzen weiterhin auf die Optimierung der letzten Meile und Unterstützung der Zustellfahrer mit Hilfe moderner Informationstechnologie. Wir setzen schon heute IT-gestützte Tools in den Hallen und auf den Zustelltouren ein, die die Prozesse optimieren und die Mitarbeiter sowie Zustellfahrer unterstützen. Dieses werden wir weiter vorantreiben.
 
Laut Branchenverband BIEK besteht die deutsche KEP-Fahrzeugflotte lediglich zu 3 Prozent aus Transportern mit einem Elektroantrieb. Welche Entwicklung erwarten Sie generell und in Ihrem Unternehmen?
Der Anteil der Fahrzeuge mit Elektronantrieb in der Paketzustellung steigt stetig und die Auswahl an Modellen nimmt zu. Sie erfüllen die Anforderungen der Branche leider bisher jedoch nur bedingt. Wir würden gerne mehr E-Fahrzeuge einsetzen. Geringe Reichweiten und meist geringere Ladekapazitäten beschränken jedoch die Einsatzmöglichkeiten. Hinzu kommt, dass die Lade-Infrastruktur erst geschaffen werden muss.

Für den kleinteiligen Lieferverkehr in der City setzt GLS auch auf Lastenräder.
© GLS
Für den kleinteiligen Lieferverkehr in der City setzt GLS auch auf Lastenräder.
Besonders in stark belasteten Innenstädten ist es unser Ziel, Transporte wenn möglich mit umweltfreundlichen Antrieben zu realisieren. Das sehen wir als Beitrag zum Erreichen der Klimaschutzziele sowie zur Reduzierung der Verkehrs- und Lärmbelastung. Fahrzeuge mit Elektroantrieb ermöglichen uns außerdem, Innenstädte trotz Fahrverboten und Zufahrtsbeschränkungen zu beliefern. Deswegen werden wir unsere E-Fahrzeugflotte auch in Zukunft stetig ausbauen.

Diese Fahrzeuge werden von der Bevölkerung sehr positiv aufgenommen. Zustellfahrer, die mit Elektrofahrzeugen unterwegs sind, berichten uns häufig von einem freundlicheren Kontakt mit Empfängern und Anwohnern: Sie sind neugierig und begeistert von den leisen und umweltfreundlichen Transportern.

Wird sich die Zustellung mit neuen Fahrzeugkonzepten verändern? Werden Transporteure mit leisen E-Lieferwagen bald zu reinen Nachtarbeitern?
Neue Fahrzeugkonzepte werden die Zustellung sicher verändern. In der City-Logistik verändert die Nutzung von E-Bikes und anderen E-Fahrzeugen jetzt schon die Prozesse. Wir setzen auf die Kombination dieser Fahrzeuge mit Nachladepunkten im Zustellgebiet – sogenannte Mikro-Depots. Das können Container sein, Paketshops oder auch kleine Immobilien mit passender Infrastruktur.

Eine Verlagerung der Zustellung in die Nachtstunden erwarte ich allerdings nicht. Dieses würde geradezu dem aktuellen Geschäftsmodell der GLS widersprechen. Letztlich erwarten die Kunden und Empfänger von uns eine Zustellung deutschlandweit in weniger als 24 Stunden. Die Erwartung insbesondere im B2B-Bereich ist es weiterhin, dass Ware, die heute bestellt wird, morgen ausgeliefert wird, damit sie gleich in der Produktion weiterverwendet, als Ersatzteil eingebaut, oder im Geschäft verkauft werden kann. Vor diesem Hintergrund macht eine Zustellung in der Nacht wenig Sinn, da es letztlich eine Verlängerung des Transportprozesses darstellt.

"Versender und Empfänger greifen immer stärker auch während des Transportprozesses ein."

Wie können Fahrten ohne Kundenkontakt und damit ohne Zustellerfolg vermieden werden?
Mit der Zustellung an einen Paketshop, Letterbox oder per Abstellerlaubnis bieten wir bereits heute eine Reihe von Services an, die eine erfolgreiche Zustellung ermöglichen, auch wenn der Empfänger nicht zu Hause ist. Diese Services wählen der Versender oder der Empfänger. Mit dem Letterbox-Service stellen wir beispielsweise kompakte Sendungen in den Briefkasten des Empfängers zu – ohne Empfängerunterschrift, aber mit Scannung an jeder Schnittstelle und Sendungsverfolgung.

Zudem bieten wir den sogenannten Flex-Delivery-Service an. Der Empfänger kann während des Transportprozesses aktiv eingreifen und die für ihn gerade geeignete Zustelloption wählen. Wir haben also schon einige Lösungen für den Versender und Empfänger entwickelt, die den Bedürfnissen nach größtmöglicher Flexibilität entgegenkommen.

Grundsätzlich ist zu sagen, dass die Haustürzustellung eine Premiumdienstleistung ist. Dieses Bewusstsein nimmt gerade in Deutschland zu, in anderen Ländern ist man da schon weiter. Sie ist eine Premiumdienstleistung, da sie mit überproportional hohen Kosten verbunden ist. Ein Treiber dafür sind die von Ihnen thematisierten erfolglosen Zustellversuche.

Der wesentlichere Aspekt aber ist, dass die Haustürzustellung aufgrund der geringen Anzahl der gleichzeitig zugestellten Pakete und der langen Dauer der Zustellung mit sehr hohen Kosten verbunden ist. Wenn gleichzeitig die Kosten außergewöhnlich stark steigen, wächst das Bewusstsein, dass es sich bei der Haustürzustellung oder besser bei der Zustellung an eine Privatadresse um einen Premiumservice handelt, der auch seinen Preis haben muss.

Welche Unterstützung können Sie den Händlern beim Retourenmanagement und der Sendungsverfolgung anbieten?
Wir bieten den Händlern einige Services, die das Retourenmanagement national und international erleichtern. Wir holen auf Wunsch auch Pakete beim Endkunden ab und bringen sie zum Beispiel zu einem Reparatur- oder Wiederaufbereitungsdienstleister. Bei all unseren Versand- und Retourenservices hat der Händler den Status seiner Sendung natürlich stets im Blick und kann sämtliche Statusinformationen über unsere Webservices in seine eigenen Systeme übertragen.

Welche Voraussetzungen müssen Händler an der Lagerrampe und in den Filialen erfüllen, um eine reibungslose Zustellung zu unterstützen?
Die Pakete sollten abholbereit, also vollständig verpackt, am besten online zum Versand angemeldet und gelabelt sein. Zudem sollte ein Mitarbeiter auf die Abholung vorbereitet sein, um die Wartezeit für den Fahrer zu minimieren. Eine korrekte Adressierung fördert den reibungslosen Zustellprozess und erspart Rückfragen und Verzögerungen.

Mikrodepots, Packstationen, Paketkästen, Belieferung in den Kofferraum. Welche innerstädtischen Lieferkonzepte sehen Sie noch?
Wir bieten eine Vielzahl von Services für die Belieferung an Endkunden im Innenstadtbereich. Ein sehr wichtiger Aspekt sind für uns die GLS-Paketshops. Hier können Empfänger ihre Pakete abholen, wann immer es in ihren Zeitplan passt. Sie können sich ihre Pakete auch direkt in die Shops liefern lassen. Zudem nutzen wir sie als alternative Lieferadresse, wenn weder Empfänger noch Nachbarn zu Hause anzutreffen sind. Und hier können die Retourenpakete abgegeben werden.

Um Frachträume und Routen effizient zu nutzen, diskutiert die Branche immer wieder über unternehmensübergreifende Kooperationen. Könnten Sie sich eine solche Zusammenarbeit vorstellen und welche Auswirkungen hätte sie?
Grundsätzlich sind wir offen für unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit. Wir arbeiten auch schon mit verschiedenen Partnern zusammen. Ein Beispiel für die Zusammenarbeit von KEP-Dienstleistern ist die gemeinsame Nutzung von Flächen für die City-Logistik wie beim KoMoDo-Modellprojekt in Berlin. Auch in anderen Städten war oder ist GLS an ähnlichen Pilotprojekten beteiligt und wird es auch in Zukunft sein.

Es sind in diesem Zusammenhang noch zwei Dinge erwähnenswert: Zum einen haben Studien gezeigt, dass die KEP-Dienstleister schon sehr effizient und ausgelastet arbeiten. Durch eine Zusammenarbeit in der Form einer gemeinsamen Zustellung lassen sich kaum noch positive Effekte realisieren. Zum zweiten werden Möglichkeiten einer Zusammenarbeit durch die rechtlichen Rahmenbedingungen begrenzt. Zu nennen sind hier insbesondere das Wettbewerbsrecht sowie im zunehmenden Maße eben auch der Datenschutz.

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