Marten Bosselmann, Geschäftsführer des Bundesverbandes Paket- und Expresslogistik, über Digitalisierung der letzten Meile, Nachholbedarf bei Elektrofahrzeugen und den Ausliefer-Stress in der Vorweihnachtszeit. Teil 1 der großen etailment-Umfrage über die Zukunft der Logistik.


Das Wachstum im Online-Handel stellt die KEP-Dienste vor immer neue Herausforderungen: Sehen Sie die Unternehmen mit Blick auf Fahrer, Lagerpersonal und Verfügbarkeit von Fahrzeugen für das bevorstehende Weihnachtsgeschäft gerüstet und wie bereiten sie sich darauf vor?

Die Vorweihnachtszeit ist für unsere Mitgliedsunternehmen traditionell die Zeit mit dem höchsten Paketaufkommen. Dies wird durch den zunehmenden Online-Handel und die voranschreitende Globalisierung weiter verstärkt. Eine leistungsfähige Infrastruktur, eine vorausschauende Planung, effiziente Zustellprozesse, zusätzliche Fahrzeuge und ausreichend Personal – darunter zusätzliche Aushilfskräfte – sind dafür Grundvoraussetzungen. Zum Teil werden auch Mitarbeiter aus anderen Abteilungen in der Sortierung und Zustellung eingesetzt – nach dem Motto "alle packen mit an". Die KEP-Dienstleister sind gut gerüstet für das Weihnachtsgeschäft. Einzig das Wetter ist ein regelmäßig limitierender Faktor, den die Unternehmen nicht steuern können (Anm. d. Red.: KEP steht für Kurier-, Express- und Paketdienste).

Geschäftsführer Bosselmann: Flotte mit Elektrofahrzeugen wird größer
© BIEK
Geschäftsführer Bosselmann: Flotte mit Elektrofahrzeugen wird größer
Verkehrsinfarkt in den Metropolen, lange Lieferwege auf dem Land und drohende Fahrverbote in Innenstädten. Wie können die KEP-Dienstleister angesichts der infrastrukturellen Probleme die fristgerechte Zustellsicherheit gewährleisten?

Die Luftreinhaltung in Städten ist für die KEP-Dienstleister ein wichtiges Anliegen. Mit Lösungen in den Bereichen alternative Antriebstechnologien und innovative Zustellkonzepte — darunter die Zustellung mit Elektro- und Erdgasfahrzeugen sowie E-Lastenfahrrädern — fördern sie kontinuierlich eine nachhaltige Stadtlogistik. Die KEP-Dienstleister verbessern ihre Zustellmodelle regelmäßig und entwickeln sie weiter. Um angesichts der steigenden Sendungsmengen noch effizienter zu arbeiten und den Kunden immer bessere Dienstleistungen anbieten zu können, investieren KEP-Unternehmen unter anderem viel in den IT-Bereich. Fahrverbote für KEP-Fahrzeuge, die nur einen geringen Anteil am Stadtverkehr haben, stellen hingegen keine Lösung dar, denn sie würden die Grundversorgung des Handels und der Haushalte durch KEP-Dienste in den Innenstädten lahmlegen.

Drohnen, Zustellroboter, autonome Fahrzeuge. Welche Techniken werden sich durchsetzen und wo sehen Sie die weiteren (digitalen) Trends?
Damit die steigende Nachfrage auch künftig zuverlässig bedient werden kann, steigern KEP-Dienste mit digitalen Innovationen und automatisierten Prozessen ihre Effizienz entlang der gesamten Logistikkette. Das beginnt schon im Depot: Sendungen werden automatisch gescannt und zugeteilt, Sortieranlagen fertigen mehr Pakete ab. Software optimiert die Tourenplanung, so dass Sendungen kurzfristig storniert oder umgeleitet werden können. Empfänger können Sendungen selbst steuern, Verzögerungen werden vermieden. Das alles hilft dabei, die Auslastung der Fahrzeuge zu steigern, unnötige Fahrten zu vermeiden und schon beim ersten Versuch zuzustellen. Genauso profitiert der Handel: Retouren werden schneller abgewickelt, sie gelangen rasch in den Verkauf zurück, Lagerbestände sinken. Eine große Rolle werden in Zukunft autonom fahrende Zustellfahrzeuge spielen: Sie werden in urbanen Ballungsräumen den Zusteller von Routinetätigkeiten entlasten und die Effizienz steigern, damit er sich ausschließlich der Kundenbelieferung widmen kann. In Kombination mit Tourenplanungssoftware können autonome Fahrzeuge optimale Zustellrouten fahren, was zu verkehrlicher Entlastung und zu Emissionsminderungen führen kann.
 Laut Ihrer Mitteilung besteht die deutsche KEP-Fahrzeugflotte aktuell lediglich zu 3 Prozent aus Transportern mit Elektroantrieb. Welche Entwicklung erwarten Sie hier generell und in welchem Zeitrahmen?
Die Zahl bezieht sich auf das Jahr 2016, aktuellere Zahlen liegen uns noch nicht vor. Es zeigt sich jedoch ein deutliches Wachstum der Elektrofahrzeugflotte. Größtes Hemmnis ist aber immer noch die mangelnde Verfügbarkeit adäquater, auf die KEP-Bedürfnisse zugeschnittene Fahrzeuge der Hersteller. Dennoch rechnen wir unter Berücksichtigung der Aktivitäten der Unternehmen sowie der zu erwartenden Marktentwicklungen und Rahmenbedingungen in den nächsten Jahren mit einem deutlich wachsenden Anteil der Elektrofahrzeuge an der gesamten Fahrzeugflotte im KEP-Markt.

Wird sich die Zustellung mit neuen Fahrzeugkonzepten verändern? Werden Transporteure mit leisen E-Lieferwagen bald zu reinen Nachtarbeitern?
Neben den bereits erwähnten Zustellmöglichkeiten mit Fahrzeugen mit alternativen Antrieben, wird die Bedeutung des Lastenfahrrads in Kombination mit Mikrodepots zunehmen. Mikrodepots sind Nutzfahrzeuge oder Container, die KEP-Dienste an geeigneten Orten in urbanen Zustellbezirken abstellen, sowie Immobilien. Sie ermöglichen das Bestücken von Lastenfahrrädern oder fußläufigen Transporthilfen für die Zustellung auf der "allerletzten Meile". Das Konzept erfüllt somit die ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeitsziele von Kommunen, KEP-Diensten und Handel. In Analogie zum Gesetz zur Förderung des Carsharings, das die rechtssichere und privilegierte Sondernutzung von Verkehrsflächen für das Parken von Carsharing-Fahrzeugen beinhaltet, sollten Verkehrsflächen im öffentlichen Straßenraum auch für mobile Mikrodepots rechtssicher und privilegiert kommunal vergeben werden können.
Streetscooter der Post: Leise kommen die Päckchen
© DHL
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 Wie können Fahrten ohne Kundenkontakt und damit ohne Zustellerfolg vermieden werden?
Die Zustellung muss noch effizienter werden. Die "Digitalisierung der letzten Meile" ist dabei ein wichtiges Stichwort. Zum Beispiel wissen Empfänger heute schon oft genau, wann ihr Paket kommt und können ihre Sendung anhand vielfältiger Optionen umleiten. Neben der klassischen Zustellung an der Haustür bieten die KEP-Dienstleister schon heute zahlreiche Alternativen an. Zu den gängigen Zustelloptionen zählt etwa die Wahl eines anderen Zustelltages, die Umleitung in einen Paketshop, an eine andere Adresse oder in eine Paketbox/-station, die Nennung eines Wunschnachbarn oder die Ermächtigung zum Abstellen eines Pakets an einem sicheren Ort. Das führt dazu, dass die Quote erfolgloser Zustellversuche sinkt und somit auch der Verkehr. Wenn Empfänger, die wissen, dass sie nicht zuhause sind, wenn das Paket ankommt, diese Alternativen stärker nutzen, profitieren sowohl sie als auch die KEP-Dienstleister.

Welche Unterstützung können die KEP-Unternehmen den Händlern beim Retourenmanagement und der Sendungsverfolgung anbieten?
Die KEP-Dienstleistungen sind eng an das Warenwirtschaftssystem von Kunden angebunden. Sie übernehmen heute Warenein- und -ausgänge und koordinieren Bestände zwischen Filialen und Lager. Im Bestandsmanagement gibt es jederzeit Informationen über Mengen in Lägern, Shops und auf den Relationen dazwischen. Das ermöglicht geringere Bestände, kürzere Durchlaufzeiten und einen schnelleren Abverkauf der Waren. Der Handel erhält laufend Informationen über den Status der Zustellung und zur Abholung der Sendungen. Zudem bieten KEP-Unternehmen dem Handel ein professionelles Retourenmanagement. Sie bieten eine hochwertige und leistungsfähige IT-Infrastruktur und verknüpfen diese mit den Systemen des Handels, um Sendungen in den Kreislauf zurückzuschleusen. Der digitale Paketschein vereinfacht die Abwicklung von Retouren für Empfänger und Versender.

Welche Voraussetzungen müssen Händler an der Lagerrampe und in den Filialen erfüllen, um eine reibungslose Zustellung zu unterstützen?

Die Minimierung von Wartezeiten, die platzsparende und am besten vorsortierte Übergabe der Sendungen und insbesondere eine verlässliche Vorhersage der Sendungsmengen sind drei wichtige Aspekte zur Unterstützung einer reibungslosen Zustellung.

Mikrodepots, Packstationen, Paketkästen, Belieferung in den Kofferraum. Welche innerstädtischen Lieferkonzepte sehen Sie noch?
Ein weiteres spannendes und effizientes Zustellkonzept ist die Zustellung an den Arbeitsplatz. Diese wird in urbanen Ballungsräumen künftig eine wichtige Rolle spielen. Hierbei würde sich zum Beispiel die Errichtung von anbieteroffenen, schließsystembasierten Paketboxanlagen anbieten, beispielsweise auf Firmenparkplätzen.

Um Frachträume und Routen effizient zu nutzen, diskutiert die Branche immer wieder über unternehmensübergreifende Kooperationen. Könnten Sie sich eine solche Zusammenarbeit vorstellen und welche Auswirkungen hätte sie?
Kooperationen können sehr sinnvoll und effizienzsteigernd sein, wenn es zum Beispiel um die gemeinsame Nutzung von Flächen für Mikrodepots oder von Paketboxen und Paketstationen geht. Was hingegen nicht funktioniert, ist die konsolidierte Zustellung von Sendungen. Ein typisches Zustellfahrzeug der Klasse 3,5 Tonnen ist bereits sehr gut ausgelastet, so dass eine Umverteilung der Sendungen zwischen den agierenden KEP-Diensten nicht zu einer Verringerung der absoluten Anzahl der Zustellfahrzeuge führen würde. Im Gegenteil: Wenn gemischte Zustell- und Abholtouren aufgebrochen werden, würde das die Anzahl der Zustellfahrzeuge in den Städten erheblich erhöhen, gleichzeitig würde die logistische Effizienz sinken.

Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die Lagen der Depots der KEP-Dienste, die sich teilweise weit außerhalb der Stadtzentren befinden. Für eine Sendungskonsolidierung wären zusätzliche Umschlagspunkte erforderlich, die es als großflächige Logistikimmobilien im dicht besiedelten urbanen Raum aber nicht gibt. Zudem würden auf diese Art und Weise zusätzliche Schwerlastverkehre von den Depots zu diesen Umschlagspunkten in den Innenstädten generiert. Hinzu kommt, dass viele Touren gemischte Zustell- und Abholtouren sind. Gerade die Abholungen sind der "Point of Sale" der KEP-Dienste. Das schließt eine horizontale Kooperation aus wettbewerblicher Sicht aus. Weiterhin differenzieren sich die KEP-Dienste stark über ihr Dienstleistungsangebot und die verfügbaren IT-Services für Kunden. Auch dies ließe bei reinen Zustelltouren horizontale Kooperationen scheitern, sowohl an der Komplexität als auch der dann allumfassenden Dienstleistung.

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