Benjamin Rasch, Senior Vice President Business Customers DHL Paket Deutschland, über den Streetscooter, Paketkopter und 10.000 Aushilfen im Weihnachtsgeschäft. Die große etailment-Umfrage - Teil 2.

Herr Rasch, das Wachstum im Online-Handel stellt die KEP-Dienste vor immer neue Herausforderungen: Sehen Sie Ihr Unternehmen mit Blick auf Fahrer, Lagerpersonal und Verfügbarkeit von Fahrzeugen für das bevorstehende Weihnachtsgeschäft gerüstet und wie bereiten Sie sich darauf vor?
Wir haben uns bereits frühzeitig und sorgfältig auf den Starkverkehr vorbereitet. Beispielsweise haben wir uns rechtzeitig Transportkapazitäten gesichert und früh mit der Personalplanung begonnen. Unsere Werbekampagne „Werde-einer-von-uns.de" läuft sehr erfolgreich.

Für das Weihnachtsgeschäft werden wir auch in diesem Jahr wieder rund 10.000 zusätzliche Aushilfen einstellen, die unser Stammpersonal während dieser sehr arbeitsreichen Zeit unterstützen.

Und zwar in allen Bereichen der Produktion, insbesondere in der Paketsortierung und -zustellung, aber auch in der Brief- und Verbundzustellung sowie in der Briefsortierung.

Benjamin Rasch, DHL Paket Deutschland
© DHL
Benjamin Rasch, DHL Paket Deutschland
Verkehrsinfarkt in den Metropolen, lange Lieferwege auf dem Land und drohende Fahrverbote in Innenstädten. Wie können Sie angesichts der infrastrukturellen Probleme die fristgerechte Zustellsicherheit gewährleisten?

Unsere Kunden erwarten, dass wir auch in Innenstädten Sendungen gewohnt schnell und zuverlässig zustellen. Daher gilt es eine Balance zu finden zwischen erstklassiger Zustellung und  CO2-Reduzierung.

Deshalb setzen wir bereits heute rund 7.000 Streetscooter in der Brief- und Paketzustellung ein. Das sind Elektrofahrzeuge, die wir speziell für die Zustellung entwickelt haben und selbst bauen.

Darüber hinaus optimieren wir unsere Routenplanung kontinuierlich und bieten unseren Kunden attraktive Zustellalternativen, wie beispielsweise Packstationen und Zustellzeitfenster an. Mit insgesamt 25.000 Fahrrädern betreiben wir überdies eine der größten Fahrradflotten Deutschlands.

Drohnen, Zustellroboter, autonome Fahrzeuge. Welche Techniken werden sich durchsetzen und wo sehen Sie die weiteren (digitalen) Trends?
Welche Techniken sich durchsetzen und als „massentauglich" erweisen, kann man momentan noch nicht seriös vorhersagen. Allerdings werden Techniken, die Automation mit Künstlicher Intelligenz verbinden, vermutlich gute Chancen haben. Klar ist: Die Automation von Tätigkeiten und Digitalisierung von begleitenden Prozessen wird voranschreiten.
Vielleicht bald die neuen Mitarbeiter bei DHL - der Postbot.
© DHL
Vielleicht bald die neuen Mitarbeiter bei DHL - der Postbot.
Lassen Sie mich kurz auf ein Beispiel eingehen: Wir haben bisher drei erfolgreiche Tests mit jeweils unterschiedlichen Paketkopter-Typen durchgeführt: 2013, 2014 und 2016. Unsere Erfahrungen und die Rückmeldungen, die wir in diesen Tests gewonnen haben, waren durchweg positiv.

Obwohl aktuell kein Einsatz im Regelbetrieb geplant ist, eignet sich der Paketkopter aus unserer Sicht besonders für die Zustellung von Sendungen in topographisch herausforderndem Gelände. Allerdings befinden wir uns momentan nach wie vor in der Testphase, so dass man die weitere Entwicklung abwarten muss.

Laut Branchenverband BIEK besteht die deutsche KEP-Fahrzeugflotte lediglich zu 3 Prozent aus Transportern mit einem Elektroantrieb. Welche Entwicklung erwarten Sie generell und in Ihrem Unternehmen?
Wir haben mit unserem Streetscooter ein eigenes Elektrofahrzeug für die Brief- und Paketzustellung entwickelt. Nachdem wir 2012 erfolgreich erste Prototypen getestet haben, fahren heute, wie schon gesagt, rund 7.000 Streetscooter für uns. Hinzu kommen noch rund 13.000 E-Bikes und E-Trikes, die wir in der Zustellung einsetzen. Insgesamt können wir so 23.000 Tonnen CO2 pro Jahr einsparen.
Generell eignen sich Elektrofahrzeuge insbesondere für Fahrten mit ausgeprägtem Start-Stopp-Verkehr. Durch die fast vollständige Emissionsfreiheit von Schadstoffen und Lärm sind die Autos sehr umweltfreundlich und leise. Die Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen macht den Einsatz von Fahrzeugen mit Elektroantrieben zudem zu einer zukunftsweisenden Investition.

Wir werden bis zum Jahr 2025 die eigene Zustellung zu 70 Prozent mit sauberen und emissionsfreien Zustell- und Abholkonzepten durchzuführen. So leisten wir bereits jetzt einen positiven Beitrag zur Luftqualität und haben uns als Ziel gesetzt, bis 2050 alle logistikbezogenen Emissionen netto auf null reduzieren.

Damit tragen wir zur Zielerreichung des Pariser Klimaschutzabkommens bei, die globale Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen, und unterstützen die Agenda 2030 der Vereinten Nationen.
Wird sich die Zustellung mit neuen Fahrzeugkonzepten verändern? Werden Transporteure mit leisen E-Lieferwagen bald zu reinen Nachtarbeitern?

Nein, das sehen wir momentan nicht. So ist zum Beispiel die Zustellung an der Haustür nach wie vor die am häufigsten nachgefragte Zustellform in Deutschland. Das bedeutet, Empfänger wollen ihre Sendungen nicht nachts erhalten, wenn sie schlafen, sondern tagsüber beziehungsweise abends nach dem Essen. Hinzu kommt, dass alle weiteren Prozesse in der Lieferkette – auch bei den Versendern, die die Bestellungen ja in ihren Lagerstandorten verpacken – ebenfalls auf eine Zustellung der Ware am Tag ausgerichtet sind.

Wie können Fahrten ohne Kundenkontakt und damit ohne Zustellerfolg vermieden werden?
Indem man Empfängern genau die Lieferoptionen anbietet, die für sie am besten passen. Für Kunden, die tagsüber nie zuhause sind, ist ein Zustellzeitfenster in den Abendstunden bestimmt eine prima Lösung. Auch alternative Zustellorte, wie zum Beispiel Packstationen, sichere Ablageorte auf dem Grundstück oder Paketshops, können solche Optionen sein.

Ebenso die möglichst genaue Avise des Zustellzeitpunkts im Rahmen der Paketankündigung. Dann wissen Empfänger frühzeitig, wann die Sendungen geliefert werden und können den Empfang entweder entsprechend einplanen oder die Sendungen umrouten.

Welche Unterstützung können Sie den Händlern beim Retourenmanagement und der Sendungsverfolgung anbieten?
Je nach Bedarf bieten wir verschiedene Optionen für die Bereitstellung des Retouren-Labels an. Dies kann entweder komplett digital stattfinden oder über ein Label, das bereits der Sendung beigelegt wurde.

Aktuell arbeiten wir zudem an der mobilen Retoure. Wenn der Empfänger die Retoure beim Versender angekündigt hat, erhält er einen  QR-Code, mit dem er in der Filiale dann das Label ausdrucken lassen kann.

Mit DHL Fulfillment bieten wir Händlern aber auch Unterstützung bei der gesamten Abwicklung ihrer Retouren an. Das heißt, wir nehmen die Sendungen entgegen, bewerten den Zustand der retournierten Ware nach den Vorgaben des Händlers und sorgen dafür, dass sie zeitnah wieder für den Verkauf zur Verfügung steht oder anderweitig entsorgt wird.

Die Daten der Sendungsverfolgung sind für Händler eine wichtige Grundlage. Über unser Geschäftskundenportal können Händler jederzeit die Daten zu ihren Sendungen einsehen.

Wir stellen Händlern zudem standardisierte Datenreports zur Verfügung, die Transparenz über die Laufwege der Sendungen schaffen. Darüber hinaus erhalten sie von uns aggregierte Reports über relevante KPIs wie zum Beispiel Zustellstatistiken und Laufzeiten.

Welche Voraussetzungen müssen Händler an der Lagerrampe und in den Filialen erfüllen, um eine reibungslose Zustellung zu unterstützen?

Im Wesentlichen sollten Händler bei der Einlieferung ihrer Sendungen auf die gleichen Dinge achten, wie alle anderen Versender auch: Rechtzeitige Einlieferung der Sendungen, Beachtung der Deadlines bezüglich der Abholzeiten der jeweiligen Filiale und korrekte, maschinell lesbare Anschriften, um einige besonders wichtige Punkte zu nennen.

Sofern in Einzelfällen über Listen eingeliefert wird, müssen diese Listen selbstverständlich korrekt sein und alle Sendungen umfassen. Bei der Einlieferung vorsortierter Sendungen muss die Vorsortierung stimmen, so dass die Sendungen reibungslos verarbeitet und zugestellt werden können.

Mikrodepots, Packstationen, Paketkästen, Belieferung in den Kofferraum. Welche innerstädtischen Lieferkonzepte sehen Sie noch?
All diese angesprochenen Lösungen können Antworten auf Kundenbedürfnisse sein. Unsere Packstationen sind dafür ein besonders gutes Beispiel. Denn bundesweit nutzen bereits mehr als zehn Millionen registrierte Postkunden die Vorteile der Packstation.
DHL will in einem Pilotprojekt mit Smart die Kofferraumzustellung testen.
© DHL
DHL will in einem Pilotprojekt mit Smart die Kofferraumzustellung testen.
Deutschlandweit stehen unseren Kunden 3.400 Automaten mit mehr als 340.000 Fächern für den Paketversand und -empfang zur Verfügung. Bis Ende 2018 werden wir weitere Automaten in Betrieb nehmen und unser Netz kontinuierlich enger knüpfen.

Um Frachträume und Routen effizient zu nutzen, diskutiert die Branche immer wieder über unternehmensübergreifende Kooperationen. Könnten Sie sich eine solche Zusammenarbeit vorstellen und welche Auswirkungen hätte sie?
Wir arbeiten bereits seit vielen Jahren mit unterschiedlichen Partnern zusammen, beispielsweise wenn es um Standorte für unsere Packstationen geht. Hierzu zählen unter anderem Einzelhändler, Supermärkte und Tankstellen.

So können wir unseren Service an Standorten anbieten, die für unsere Kunden besonders attraktiv sind. Grundsätzlich ist es wichtig, dass bei Kooperationen mit Partnern die Schnittstellen und Verantwortlichkeiten klar definiert sind. Hierbei spielen unter anderem Themen wie „Sicherheit” oder „Datenschutz” eine sehr wichtige Rolle.

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