Thomas Horst, Geschäftsführer Marketing & Sales Hermes Germany, über das angebliche Paketchaos zur Weihnachtszeit, E-Transporter im Regeleinsatz und Tests mit Zustellrobotern. Die große etailment-Umfrage, Teil 3.

Herr Horst, das Wachstum im Onlinehandel stellt die KEP-Dienste vor immer neue Herausforderungen: Sehen Sie Ihr Unternehmen mit Blick auf Fahrer, Lagerpersonal und Verfügbarkeit von Fahrzeugen für das bevorstehende Weihnachtsgeschäft gerüstet und wie bereiten Sie sich darauf vor?
Ja, wir fühlen uns für das Weihnachtsgeschäft gut gerüstet – auch weil uns das letzte Jahr trotz der starken Sendungszuwächse gezeigt hat, dass wir selbst in Rekordphasen eine sehr gute Performance an den Tag legen können. Das im vergangenen Jahr vielfach kolportierte "Paketchaos" gab es nicht und dürfte auch dieses Jahr kaum eintreten, auch wenn das Wetter sowie die angespannte Personalsituation insbesondere auf der Letzten Meile natürlich gewisse Risikokomponenten bleiben.

Ausgezahlt hat sich schon im letzten Weihnachtsgeschäft, dass wir angesichts des starken E-Commerce-Booms bereits 2014 ein bundesweites Infrastrukturprogramm zum Ausbau unserer Abwicklungskapazitäten gestartet haben. Erwähnenswert ist in diesem Kontext, dass wir dieses Jahr zum ersten Mal in einer "Peak Season" im Süden auf unser neues Logistik-Center in Graben bei Augsburg zurückgreifen können. In großen Teilen Bayerns und im östlichen Baden-Württemberg liegen die Kapazitäten damit deutlich über denen im Vorjahr.

Zudem werden wir, wie jedes Jahr, auch im anstehenden Weihnachtsgeschäft wieder mehrere tausend zusätzliche Mitarbeiter und Fahrzeuge zur Unterstützung heranziehen. Die Planungen für das Aufstocken unserer Kapazitäten laufen bereits seit Monaten.
Thomas Horst, Hermes Germany.
© Hermes
Thomas Horst, Hermes Germany.
Verkehrsinfarkt in den Metropolen, lange Lieferwege auf dem Land und drohende Fahrverbote in Innenstädten. Wie können Sie angesichts der infrastrukturellen Probleme die fristgerechte Zustellsicherheit gewährleisten?
Aktuell sehen wir keine infrastrukturellen Probleme, die unmittelbare Auswirkungen auf die Paketzustellung im Weihnachtsgeschäft haben werden. Im Gegenteil, die Paketzustellung läuft bei uns auf einem sehr zuverlässigen Niveau, auch wenn Ausnahmen natürlich die Regel bestätigen. Sicherlich sind mittelfristig mögliche Fahrverbote ein Thema für uns.

Auch deshalb arbeiten wir gemeinsam mit Mercedes-Benz Vans und weiteren Herstellern intensiv an zukunftsorientierten Lösungen für unsere Fahrzeugflotte. Noch 2018 starten die ersten serienmäßigen E-Transporter von Mercedes-Benz bei uns im Regeleinsatz, Tests mit Volkswagen in Frankfurt und Hannover laufen parallel. In Hamburg hat sich der Einsatz von Emovum-Transportern bewährt.

Zum Thema Verkehrsinfarkt sei darauf hingewiesen, dass zwar zweifelsohne die Sendungsmengen und damit auch die Fahrten der KEP-Dienstleister in den Innenstädten zugenommen haben. Gleichwohl ist und bleibt der Anteil der KEP-Fahrzeuge am innerstädtischen Gesamtverkehr äußerst gering, das hat erst im Sommer wieder die aktuelle Studie unseres Branchenverbandes BIEK gezeigt. Den Paketdiensten die Schuld am drohenden Verkehrsinfarkt in den Metropolen zuzuschieben ist daher weder fair noch faktenbasiert. Den weiterhin mit Abstand größten Anteil hat der private Autoverkehr. 
Pilotprojekt: In München testet Hermes derzeit den Elektrokleintransporter der Firma "Paxster".
© Hermes
Pilotprojekt: In München testet Hermes derzeit den Elektrokleintransporter der Firma "Paxster".
Drohnen, Zustellroboter, autonome Fahrzeuge. Welche Techniken werden sich durchsetzen und wo sehen Sie die weiteren (digitalen) Trends?
Hermes setzt auf den Ausbau von Elektromobilität, sei es bei Transportern oder auch bei Cargobikes, wie wir sie derzeit zum Beispiel in Berlin einsetzen. Das mag mit Blick auf Drohne und Co. weniger "future" wirken, hat für uns aber den großen Vorteil, dass diese Lösungen schon heute im Regelbetrieb einsetzbar sind. Für ein Massengeschäft wie die Logistik ist das ein entscheidender Punkt, auch und gerade mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit.

Abgesehen davon ist und bleibt autonomes Fahren ein Thema für uns, auf der Langstrecke ebenso wie auf der letzten Meile. Nicht zuletzt nach den Tests mit Starship-Zustellrobotern in Hamburg und London müssen wir allerdings konstatieren, dass es hier noch viel Entwicklungsbedarf gibt – nicht nur auf der technischen Seite, sondern auch im Hinblick auf die rechtlichen Rahmenbedingungen.

Laut Branchenverband BIEK besteht die deutsche KEP-Fahrzeugflotte lediglich zu 3 Prozent aus Transportern mit einem Elektroantrieb. Welche Entwicklung erwarten Sie generell und in Ihrem Unternehmen?
Der Trend in Sachen Elektromobilität zeigt klar nach oben. Hermes hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2025 in den Innenstädten aller deutschen Großstädte elektrisch und emissionsfrei zuzustellen. Um das zu schaffen, müssen wir den Anteil von Elektrotransportern auf 15 bis 20 Prozent erhöhen – schon das ist eine signifikante Investition, für die Sie ziemlich viele Päckchen transportieren müssen.

Mit Niedrigpreisen und Gratis-Versand-Mentalität ist das nicht vereinbar, zumal wir mittel- bis langfristig den Anteil von E-Fahrzeugen weiter ausbauen wollen und auch müssen. Schließlich wird insbesondere in Europa der politische Druck, was den Umstieg auf alternative Antriebe betrifft, weiter zunehmen. 
 Wird sich die Zustellung mit neuen Fahrzeugkonzepten verändern? Werden Transporteure mit leisen E-Lieferwagen bald zu reinen Nachtarbeitern?
Aus heutiger Sicht halte ich das für unwahrscheinlich. Auch die Zustellung an sich wird sich allein durch die Antriebsart nicht spürbar verändern – schließlich bleibt ein Transporter ein Transporter, egal ob er mit Diesel oder Batterie verkehrt. Spannender ist in diesem Zusammenhang das Thema Cargobikes: Gerade in hochfrequentierten Citylagen wie dem Prenzlauer Berg in Berlin, dem Hamburger Schanzenviertel oder in engen Altstadtvierteln wie in Göttingen oder Stralsund könnte ein ausgeklügeltes System aus Mikrodepots und Cargobikes die Paketzustellung zumindest operativ auf ein neues Level hieven.

Unsere aktuellen Tests in Berlin zeigen, dass eine Zustellung per Bike durchaus machbar ist – wenn denn ausreichend große Flächen für ein Mikrodepot zur Verfügung gestellt werden. In Berlin ist das der Fall, auch andere Städte haben Interesse bekundet.

Wie können Fahrten ohne Kundenkontakt und damit ohne Zustellerfolg vermieden werden?
Am besten gelingt das, wenn Kunde und Paketdienst miteinander und nicht gegeneinander arbeiten. Unsere klare Aufgabe als Paketdienst ist es präzise zu informieren, wann eine Sendung wo eintreffen wird – möglichst mit aktuellen Updates in Echtzeit, beispielsweise unter Berücksichtigung der aktuellen Verkehrslage.

Wir sind hier auf einem sehr guten Weg, erst kürzlich haben wir unserer Wunschzustellung ein umfangreiches Update verpasst. Im Zusammenspiel mit unserer neuen Tourenplanungssoftware werden hier schon bald noch präzisere Prognosen möglich sein – auf bis zu 30 bis 60 Minuten genau.

Letztlich hängt eine erfolgreiche Zustellung aber nicht nur von uns ab, sondern auch vom Kunden. Wir erleben es tagtäglich tausendfach, dass Empfänger sich ihre Pakete nach Hause schicken lassen, obwohl sie nicht zuhause sind, sondern im Büro, im Urlaub oder sonst wo verweilen. Das ist nicht nur zeitfressend für unsere Boten, jeder zusätzliche Zustellversuch kostet auch extra Geld und verursacht zusätzliche Emissionen.

Das ist ärgerlich, vermeidbar und fast schon paradox. Wer tagsüber nicht zuhause ist, kann seine Pakete schließlich ohne Probleme kostenlos an den nächsten Paketshop schicken, einen Wunschablageort definieren oder sich die Sendung ins Büro schicken lassen, sofern der Arbeitgeber mitspielt. Mehrkosten entstehen nicht, häufig kommen die Empfänger so sogar schneller an ihre Ware. Am Ende profitieren beide Seiten.

Welche Unterstützung können Sie den Händlern beim Retourenmanagement und der Sendungsverfolgung anbieten?
Dank unseres modularen Servicesystems können wir Händler beim Retourenmanagement passgenau unterstützen. Gleiches gilt für die Sendungsverfolgung, die dank moderner Scanner mit LTE-Anbindung und der neuen Tourenplanung in naher Zukunft noch präziser wird. Damit einher geht unser Ziel, an möglichst vielen Touchpoints digitale Lösungen anzubieten.

Die klassische Benachrichtigungskarte werden wir schon bald in den meisten Fällen durch ein digitales Pendant ersetzen beziehungsweise tun das bei ersten Kunden bereits. Davon profitiert auch der Händler, zumal es über API-Lösungen möglich ist, die Sendungsverfolgung eng mit den Systemen des Händlers zu verweben. Den Serviceabteilungen unserer Auftraggeber bieten wir im Rahmen unserer Wunschzustellung zudem bald eine Applikation an, mit denen die Händler selbst die Sendungen ihrer Kunden umleiten können.

Welche Voraussetzungen müssen Händler an der Lagerrampe und in den Filialen erfüllen, um eine reibungslose Zustellung zu unterstützen?

Natürlich hilft es uns, wenn Sendungen möglichst platzsparend und gegebenenfalls schon vorsortiert übergeben werden. Das Wichtigste aber ist und bleibt ein verlässlicher Forecast. Nur wenn wir im Vorfeld möglichst detailliert abschätzen können, wann uns welche Mengen von welchem Händler wo übergeben werden, sind wir in der Lage, unsere Kapazitäten an den relevanten Punkten entsprechend zu planen.

Natürlich gibt es stets gewisse Reserven. Wenn aber, wie in der Vergangenheit häufiger geschehen, Forecasts deutlich überschritten werden, kann das leider durchaus Einfluss auf die Zustellung nehmen. Händler und Logistiker müssen da künftig noch enger zusammenarbeiten – und das übrigens nicht nur bei den Vorhersagen, sondern auch bei der Integration von Lieferservices im Webshop. Wir wissen zum Beispiel, dass bei vielen Kunden die Bereitschaft, sich eine Sendung an einen Paketshop schicken zu lassen oder gegen Aufpreis ein Wunschzeitfenster zu buchen, durchaus vorhanden ist.

Damit ein Kunde diesen Service aber auch wirklich nutzen kann, braucht es eine möglichst einfache und bequeme Beauftragung, die bestenfalls schon im Check-out-Prozess im Onlineshop erfolgt. Eine solch eng verzahnte Vollintegration gibt es aber längst noch nicht in jedem Webshop, obwohl wir entsprechende Schnittstellen schon lange anbieten. Auch hier wünsche ich mir eine engere Zusammenarbeit, zumal letztlich alle Beteiligten davon profitieren.

Nicht zuletzt könnte beispielsweise eine einfachere Beauftragung von Paketshop-Belieferungen auch helfen, die Folgen eines möglichen Wintereinbruchs im Weihnachtsgeschäft abzufedern. Wenn ein Bote bei winterlichen Verhältnissen 30 Pakete auf einmal in einem Shop los wird und nicht 30 einzelne Adressen anfahren muss, ist die Wahrscheinlichkeit einer verspäteten Zustellung umso geringer.

Mikrodepots, Packstationen, Paketkästen, Belieferung in den Kofferraum. Welche innerstädtischen Lieferkonzepte sehen Sie noch?
Ideen und Planungen für die urbane Logistik von morgen sind derzeit einer der spannendsten Bereiche der Paketlogistik. Abgesehen vom Einsatz elektrisch betriebener Transporter, ist für uns aktuell vor allem das Thema Cargobike interessant.

Städte wie Kopenhagen und Amsterdam machen vor, dass solche Modelle nicht nur zukunftsorientiert sind, sondern gerade in hochfrequenten Innenstadtbereichen eine Alternative zum konventionellen Transporter sein können – wenn denn einige Rahmenbedingungen erfüllt sind. Concierge-Services oder auch Packstationen könnten insbesondere in innerstädtischen Wohnanlagen künftig an Bedeutung gewinnen.

Wenn Kunden die Möglichkeit hätten, sich Pakete in Abwesenheit direkt an eine Packstation liefern zu lassen, die sich im Eingangsbereich Ihres Hauses befindet, wäre das für viele vermutlich durchaus charmant. Abgerechnet werden könnte die Nutzung einer solchen privat aufgestellten Station etwa über die Mietnebenkosten, ähnlich wie das Kabelfernsehen oder die Treppenhausreinigung.

Um Frachträume und Routen effizient zu nutzen, diskutiert die Branche immer wieder über unternehmensübergreifende Kooperationen. Könnten Sie sich eine solche Zusammenarbeit vorstellen und welche Auswirkungen hätte sie?
Wir sind offen für Kooperationsideen und haben ja auch durchaus schon Kooperationsprojekte am Laufen, etwa KoMoDo in Berlin. Festhalten muss man allerdings auch, dass wir – und das wird bei den anderen KEP-Dienstleistern ja vermutlich ähnlich sein – unsere Frachträume und Routen schon heute effizient nutzen.

Es ist Mär zu glauben, dass Pakettransporter leer durch die Stadt führen. Im Gegenteil, im Windschatten des weiterhin starken E-Commerce-Wachstums sind unsere Transporter tagtäglich sehr gut gefüllt, die Routen per Tourenplanung effizient getaktet. Pakete anderer Dienste hätten da gar keinen Platz. Kooperative Zustellmodelle sind ohne Frage interessant, aber sicher kein Allheilmittel.

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