Nils Fischer, Geschäftsführer und Co-Gründer Liefery, über "Mothership"-Konzepte mit ausschwärmenden Zustellrobotern, künstliche Intelligenz im Depot und Big Data bei der Tourenplanung. Die große etailment-Umfrage, Teil 8

Das Wachstum im Onlinehandel stellt die KEP-Dienste vor immer neue Herausforderungen: Sehen Sie Ihr Unternehmen mit Blick auf Fahrer, Lagerpersonal und Verfügbarkeit von Fahrzeugen für das bevorstehende Weihnachtsgeschäft gerüstet und wie bereiten Sie sich darauf vor?
Wir stecken bereits seit Mitte des Jahres in intensiven Vorbereitungen für das Weihnachtsgeschäft und sind fest davon überzeugt, auch in diesem Jahr die notwendigen Kapazitäten sowohl auf der letzten Meile, als auch in unseren Depots bereitstellen zu können. Dem diesjährigen sogenannten "Peak" sehen wir daher positiv, wenn auch grundsätzlich wie immer etwas angespannt entgegen.

Davon abgesehen, stehen nicht nur wir als Liefery, sondern auch die gesamte KEP-Branche vor enormen Herausforderungen, die es in den kommenden Jahren zu bewältigen gilt. Dazu zählt neben dem stetig wachsenden Paketvolumen, der ökologischen Säule der Nachhaltigkeit und den steigenden Konsumentenerwartungen – im Handel wie auch aufseiten der Empfänger – auch ein sich abzeichnender drastischer Mangel an Zustellern. Die Branche sucht daher händeringend nach praktikablen Lösungen und auch wir testen bereits seit längerer Zeit eine ganze Reihe innovativer, effizienzsteigernder und umweltverträglicher Konzepte für die City-Logistik von morgen.

Nils Fischer, Geschäftsführer und Co-Gründer Liefery.
© Liefery
Nils Fischer, Geschäftsführer und Co-Gründer Liefery.
Verkehrsinfarkt in den Metropolen, lange Lieferwege auf dem Land und
drohende Fahrverbote in Innenstädten. Wie können Sie angesichts der infrastrukturellen Probleme die fristgerechte Zustellsicherheit gewährleisten?
Unser Anspruch ist, schnelle, flexible, transparente, planbare und innovative Last-Mile-Services für den Kunden im urbanen Raum zu realisieren. Damit uns dies auch weiterhin gelingt, setzen wir auf eine Mischung von Technologie und innovativen operativen Konzepten.

Denn unsere eigenentwickelte Technologieplattform sorgt nicht nur für die minutengenaue Routen- und Tourenplanung, sondern stellt auch die lückenlose Kommunikation zum Empfänger sicher, indem der Zeitpunkt der Zustellung vorab per Mail (drei Stunden vorher) und SMS (45 Minuten vorher) angekündigt wird.

Drohenden Fahrverboten wiederum sehen wir äußerst gelassen entgegen, da wir zurzeit verschiedene Projekte in den Bereichen Elektromobilität, City-Micro-Hubs und Lastenräder aus dem Pilotstatus heben und in unser Kerngeschäft als elementaren Bestandteil des operativen Betriebs überführen. Zustellflotten im KEP-Bereich denken wir beispielsweise komplett neu und entwickeln gemeinsam mit einem strategischen Partner radikal neue, elektrifizierte Zustellfahrzeuge.

Drohnen, Zustellroboter, autonome Fahrzeuge. Welche Techniken werden sich durchsetzen und wo sehen Sie die weiteren (digitalen) Trends?
Drohnen haben aus unserer Sicht großes Potenzial im ländlichen Raum sowie bei wichtigen Ad-hoc-Lieferungen, beispielsweise zwischen Krankenhäusern und Laboreinrichtungen. Den Einsatz von Zustelldrohnen in Innenstädten sehen wir grundsätzlich kritisch, insbesondere angesichts der unklaren rechtlichen Lage sowie erschwerten Landebedingungen.

Im Hinblick auf den angesprochenen Zustellermangel erscheinen Zustellroboter auf den ersten Blick natürlich als eine sehr charmante Lösung, wir haben dazu auch schon erste Tests durchgeführt. Bei diesem Thema sind wir davon überzeugt, dass sich vor allem sogenannte "Mothership-Konzepte" durchsetzen werden – also ein mit Robotern beladenes Fahrzeug, das sich an einer Straßenkreuzung positioniert und die kleinen Zustellroboter von dort ausschwärmen lässt.

Der Einsatz autonomer Fahrzeuge auf der letzten Meile ist für uns keine Frage des "Ob", sondern nur noch des "Wann", konkrete Anwendungsfälle sehen wir nicht nur bei Zustellfahrzeugen, sondern insbesondere auch im Rahmen von Zubringerverkehren zwischen dem zentralen Depot und in der Innenstadt verteilten Micro-Hubs, sowie dem Verkehr auf dem Betriebsgelände.
Darüber hinaus werden uns in Zukunft die folgenden digitalen Themen beschäftigen: Künstliche Intelligenz und Augmented Reality sowohl in der Sortierung im Depot, als auch während der Zustellung, sowie Big Data zum Beispiel für eine noch effektivere Routen- und Tourenplanung, die unterschiedlichste Datenströme berücksichtigt und Internet of Things. Da geht es um smarte Geräte, die uns als Logistiker entweder Zutritt zur Haustür von Mehrfamilienhäusern verschaffen oder uns durch Auswertung von Haushaltsverbrauchsdaten automatisch mitteilen, welcher Zeitpunkt für die Zustellung am besten geeignet ist.

Ferner beobachten wir, dass gerade Millennials, mit Rund-um-die-Uhr-Zugriff auf das Internet, Services erwarten, die sich voll auf ihre sich stetig ändernden Bedürfnisse einstellen. Ich persönlich möchte dabei als Kunde in Zukunft aus einer Vielzahl von Zustelloptionen wählen können – ganz so, wie es mir beziehungsweise meinem sich häufig ändernden Tagesablauf passt. Es wird also in Zukunft einmal mehr um Geschwindigkeit, Bequemlichkeit, Flexibilität, Planbarkeit und Transparenz auf der letzten Meile gehen.

Abgesehen davon sind wir überzeugt, dass es künftig einen Shift im Markt geben wird, weg von klassischen Paketdiensten hin zu hochtechnologisierten Logistikplattformen, die mit State-of-the-Art-Schnittstellen zur Anwendungsprogrammierung, den APIs, alle relevanten Stakeholder (Versender, Empfänger, Zusteller) verbinden und als White Label-B2B-Lösung im Hintergrund "die Fäden ziehen".

Diese Plattformen werden dabei ihre Marke ein Stück weit aufgeben und vielmehr dem Handel die Möglichkeit bieten, seine jeweiligen Marken auch auf der letzten Meile deutlich sichtbarer zu platzieren. Das Resultat: Händler verlängern die Customer Journey bis an die Haustür und der Kunde hat das Gefühl, dass gar kein Logistiker mehr das Paket nach Hause bringt, sondern der Händler an der Tür klingelt.

Laut Branchenverband BIEK besteht die deutsche KEP-Fahrzeugflotte nur zu 3 Prozent aus Transportern mit einem Elektroantrieb. Welche Entwicklung erwarten Sie generell und in Ihrem Unternehmen?
Wir gehen davon aus, dass dieser Anteil in den kommenden Jahren signifikant steigen wird. Die gesamte Branche beschäftigt sich intensiv mit dem Thema, es wird viel probiert und viel diskutiert aber letztlich sind sich alle einig: Ein hoher Prozentsatz der momentan mit Dieselantrieb ausgestatteten Fahrzeugen wird künftig elektrifiziert unterwegs sein.

Handlungsbedarf gibt es aus unserer Sicht jedoch nach wie vor beim Thema (öffentlicher) Ladeinfrastruktur – hier ist insbesondere die Bundesregierung gefragt. Wir haben uns das ambitionierte Ziel gesetzt, bereits 2020 emissionsfrei zuzustellen. Daher werden auch wir sehr stark auf das Thema Elektromobilität setzen, um unseren Beitrag zur zwingend notwendigen Reduktion von Schadstoff- und Lärmemissionen in deutschen Innenstädten zu leisten.

Die große Herausforderung beim Thema Elektromobilität sehen wir, abgesehen von der Ladeinfrastruktur, bei uns vor allem in der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung: Von unserem Ziel, der TCO-Neutralität, sind wir noch ein gutes Stück entfernt – jedoch nach wie vor zuversichtlich, hier in Zusammenarbeit mit Fahrzeugherstellern, Leasingbanken und kooperierenden Autovermietern wie Sixt bald große Fortschritte machen zu können.

Von Fahrverboten sicher nicht betroffen: Liefery setzt auf der letzten Meile auch auf Fahradkuriere.
© Liefery
Von Fahrverboten sicher nicht betroffen: Liefery setzt auf der letzten Meile auch auf Fahradkuriere.
Wird sich die Zustellung mit neuen Fahrzeugkonzepten verändern? Werden Transporteure mit leisen E-Lieferwagen bald zu reinen Nachtarbeitern?

Tatsächlich ein realistisches Szenario – ein ganzheitlicher Shift zu Nachtarbeit ist unserer Auffassung nach allerdings der falsche Ansatz. Vielmehr geht es um die Kombination verschiedener Zustellkonzepte, je nach Anwendungsfall. Dabei ist für uns jedoch eine Sache ganz klar: Die Zustellung von Paketen in der Nacht schafft viele positive Effekte, neben der gesteigerten Effizienz aufseiten der Zusteller, ist hier natürlich die Entlastung des innerstädtischen Verkehrs zu nennen.

Dabei gilt es für eine gelungene Zustellung jedoch eine Herausforderung zu meistern: Mitten in der Nacht kann der Logistiker nicht klingeln – es sind daher Technologien gefragt, die uns Zugang zum Hausflur (bei Mehrfamilienhäusern) oder zur Garage (bei Einfamilienhäusern) ermöglichen. Gemeinsam mit Technologiepartnern haben wir diese Herausforderung schon gelöst und ermöglichen in Berlin bereits heute verkehrsentlastende Nachtzustellungen von Paketen direkt vor die Wohnungstür.

Wie können Fahrten ohne Kundenkontakt und damit ohne Zustellerfolg vermieden werden?
Wir sind bei diesem Thema aus unserer Sicht stabil aufgestellt und erzielen nach wie vor überdurchschnittlich hohe Erstzustellquoten jenseits der 98 Prozent – und das ohne Paketshops oder Paketstationen. Dies liegt zum einen an der sehr transparenten, proaktiven und lückenlosen Kommunikation in Richtung Empfänger: Unsere Empfänger wissen genau, wann wir zustellen und werden kurz vor der Zustellung via SMS erneut informiert. Und selbst, wenn es für die Empfänger einmal nicht passen sollte, können bei uns über ein kundenfreundlich gestaltetes Portal zur Umverfügung Zustelltag, -zeit oder -ort kurzfristig angepasst werden.

Zum anderen stellen wir in den meisten Fällen im Feierabend-Zeitfenster zu, wenn die Empfänger zu Hause sind. Der Schlüssel zum Erfolg liegt hier aus unserer Sicht in einer intelligenten Routen- und Tourenplanung, die sämtliche Sendungsdaten optimiert, sowie, unter Berücksichtigung der teils sehr engen Zeitfenster, auf die Minute genau die geplante Zustellung vorhersagt.

Welche Unterstützung können Sie den Händlern beim Retourenmanagement und der Sendungsverfolgung anbieten?
Abgesehen davon, dass wir für Händler sowohl die Zustellung am Tag der Bestellung, als auch am Folgetag realisieren – wobei der Endkunde des Händlers bis Mitternacht bestellen kann und die Ware dennoch garantiert am Folgetag im Abendzeitfenster ausgeliefert wird – bieten wir auch einen Return-Pickup-Service an. Dieser kann schnell und ohne jeglichen Integrationsaufwand mit individualisierbaren White-Label-Webseiten angeboten werden, die wir flexibel für den jeweiligen Händler aufsetzen, sodass dessen Kunden dann nachträglich zur Bestellung bequem die Abholung eines Pakets beauftragen können.

Auf unserer Track and Trace-Plattform können Empfänger transparent den Status ihrer Sendung verfolgen und erhalten via Mail und SMS relevante Updates: Bestell- und Abholbestätigung, Sendungsankündigung und Informationen über Zusteller. Das heißt für den Handel: Die transparente und proaktive Benachrichtigung in engen Zeitfenstern sorgt für hohe Zustellquoten und Kundenzufriedenheit.

Welche Voraussetzungen müssen Händler an der Lagerrampe und in den Filialen erfüllen, um eine reibungslose Zustellung zu unterstützen?

Dabei sind wir recht flexibel aufgestellt und definieren gemeinsam mit unseren Partnern im Handel auf die jeweiligen Anforderungen perfekt abgestimmte Prozesse. Grundsätzlich gilt: Waren müssen transportgerecht verpackt und mit einem Barcode gelabelt sein. Den Transport der Sendungen von der Lagerrampe des Händlers zu unseren in ganz Deutschland verteilten Depot-Standorten können wir übernehmen – Händler können aber natürlich auch direkt bei uns an den Depots anliefern.

Dabei gilt: Vom 40 Tonner bis zum Pkw können wir Fahrzeuge unterschiedlichster Größe entladen. Um eine möglichst reibungslose Zustellung zu unterstützen, plädieren wir darüber hinaus stets für zwei weitere Voraussetzungen. Zum einen ein professionelles und vor allem belastbares Forecasting aufseiten des Händlers, damit wir konstant die benötigten Kapazitäten bereitstellen können.

Frisch und flexibel: der Empfänger wird vor der Zustellung per Mail oder SMS informiert.
© Liefery
Frisch und flexibel: der Empfänger wird vor der Zustellung per Mail oder SMS informiert.
Zum anderen sprechen wir uns stets für eine umfangreiche API-Integration über unsere ebenso modernen wie simplen Schnittstellen aus, die eine Übertragung von zusätzlichen Empfängerdaten wie beispielsweise Mailadressen (für die Vorankündigung der Zustellung), sowie Handynummern (für die Feinankündigung via SMS 45 Minuten vor der Zustellung, basierend auf der Live-Position des Zustellers) ermöglicht. Wir haben in der Vergangenheit gelernt, dass sich Zustellquoten von mehr als 99 Prozent erzielen lassen, wenn Features wie die SMS-Feinankündigung "angeschaltet" sind.

Mikrodepots, Packstationen, Paketkästen, Belieferung in den Kofferraum. Welche innerstädtischen Lieferkonzepte sehen Sie noch?
Für einige der von Ihnen erwähnten Lieferkonzepte haben wir bereits seit einiger Zeit strategische Partnerschaften geschlossen und Pilotprojekte initiiert. Gemeinsam mit Smart haben wir im Rahmen des Services "readytodrop+" Ende 2017 in Hamburg mit der Zustellung von Paketen in den Kofferraum begonnen. Auch in Stuttgart und Umgebung stellen wir Sendungen seit Anfang 2018 gemeinsam mit dem Daimler-Inkubator Lab1886 und dem dort entwickelten Projekt Chark.me erfolgreich in Kofferräume von Mercedes-Fahrzeugen zu.

Unsere flexiblen Lösungen im Bereich der Kofferraumzustellung (der Kunde entscheidet sich für ein zweistündiges Morgen-, Mittag- oder Abendzeitfenster und darf sein Auto an jedem Ort in der Stadt abstellen) werden wir im kommenden Jahr gemeinsam mit unseren Partnern auf weitere Städte ausrollen – das gleiche gilt für Projekte im Bereich der Lastenräder und Micro-Hubs, hier wird es schon bald sehr spannende Neuigkeiten aus unserem Hause geben...

Abgesehen von Micro-Hubs, Packstationen und Co. sehen wir eine ganze Bandbreite weiterer Lieferkonzepte, die in Zukunft relevant werden – von mobilen und dynamischen Lockerboxen, über die geschickte Konsolidierung von Food- und Non-Food-Paketen, bis hin zu On-Demand- und Geo-Based-Delivery-Modellen.

Um Frachträume und Routen effizient zu nutzen, diskutiert die Branche immer wieder über unternehmensübergreifende Kooperationen. Könnten Sie sich eine solche Zusammenarbeit vorstellen und welche Auswirkungen hätte sie?
Wir sind grundsätzlich sehr stark an Kooperationen interessiert und arbeiten bereits sehr erfolgreich auch mit branchenübergreifenden Partnern im Rahmen von verschiedenen Projekten zusammen. Eine gemeinsame Nutzung von Frachträumen oder Routen mit einer Konsolidierung von Paketen sehen wir jedoch kritisch, auch kartellrechtlich bewegt man sich da schnell in schwierigem Fahrwasser.

Was wir uns allerdings in Zukunft sehr gut vorstellen können, ist beispielsweise die Zusammenarbeit beim Thema Flächennutzung für Micro-Hubs in der Innenstadt. Ganz grundsätzlich merken wir jedoch auch, dass die großen KEP-Player im Markt beim Thema Kooperation sehr zurückhaltend, ja teils sogar gegenseitig abweisend agieren.

MEHR ZUM THEMA:

Lieferkollaps vermeiden
© Fotolia / Jakub Jirsák
Logistik

So ist der Lieferkollaps noch zu vermeiden


Alle Hände voll zu tun: Die KEP-Transporteure stehen vor großen Herausforderungen. etailment.de lässt die Macher der Branche in einer umfangreichen Serie zu Wort kommen.
© Hermes
Logistik

Logistikexperte Bosselmann: "Autonome Fahrzeuge werden große Rolle spielen"


Fühlen sich für das Weihnachtsgeschäft gerüstet: die Mitarbeiter von General overnight Express & Logistics.
© GO! Express & Logistics (Deutschland) GmbH
Logistik

„One size fits all“ gibt es auf der letzten Meile nicht