Mercedes-Benz kündigt den autonomen Transporter an. Wann die Zukunft tatsächlich beginnt, bleibt allerdings noch offen.

„Fahrer gesucht!“ Der auf Transportern verbreitete Aufkleber skizziert das Dilemma einer ganzen Branche. Insbesondere mit Blick auf den bevorstehenden Jahresendspurt im Weihnachtsgeschäft halten die Kurier-, Express- und Paketdienstleister derzeit wieder händeringend nach fahrendem Personal Ausschau.

So mancher Experte prophezeit dem gesamten Liefersystem aus dem Onlinehandel gar den baldigen Zusammenbruch – weil es an Boten mangelt.

Glaubt man den Worten von Mercedes-Benz, ist die Lösung in Sicht:  Wenn es nicht genügend Fahrer gibt, fahren die Transporter eben fahrerlos. So eine der zahlreichen Botschaften einer groß inszenierten Präsentationsveranstaltung in Kopenhagen.

Eine Woche vor der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover, dem weltweit bedeutendsten Branchenevent, ließ der Stuttgarter Autobauer Journalisten aus ganz Europa in die dänische Metropole einfliegen, um eine Fahrzeugstudie zu präsentieren, die den Wandel des Unternehmens vom schnöden Konstrukteur von Blechkarossen hin zum ganzheitlichen Mobilitätsanbieter belegen soll.

„Wir müssen ganz neu denken"

„2030 werden 5,2 Milliarden Menschen in Städten leben. Die Zahl der Millionenstädte wird weltweit auf 700 wachsen, doch die Infrastruktur kann dieser Entwicklung nicht standhalten. Wir müssen ganz neu denken“, unterstreicht Volker Mornhinweg, Chef der Vansparte von Mercedes-Benz, die Bedeutung seines Innovationsteams, das bereits vor mehr als zwei Jahren seine Arbeit aufnahm.

Sichtbarer Beleg für das „neue“ Denken: Normalerweise fahren die Manager vor großem Publikum ihre neueste Errungenschaft gerne selbst ins Rampenlicht. Diesmal machte Mornhinweg auf der Bühne Platz, während die „Vision Urbanetic“ ganz alleine anrollte –  zumindest den kurzen Weg um die aufwändige installierte Drehbühne herum. Über die weiteren Fahreigenschaften will der Hersteller erst in der kommenden Woche auf der Messe informieren.

Es fehlen: 5G-Mobilfunk-Standard und juristische Vorgaben

Nach vielen blumigen und selbstlobenden Worten zur „Weltrettung“ im Allgemeinen und zur „Verbesserung der Lebensqualität in den Städten" im Besonderen – wozu das vollvernetzte Gefährt jeweils maßgeblich beitrage – wurde allerdings klar: Im diesjährigen Weihnachtsgeschäft brauchen die KEP-Routenplaner noch nicht auf Kollege Computer am Steuer zu hoffen – und auch für die nächsten Jahre sollten die Transporteure besser weiter nach Zustellern aus Fleisch und Blut fahnden.

Um die enormen Rechnerleistungen einer autonom und sensorgesteuerten Frachtbox sicher auf die Straße bringen zu können, wird nämlich mindestens der 5G-Mobilfunk-Standard benötigt. Doch das Bieterverfahren ist erst in Vorbereitung und eine flächendeckende Verbreitung noch nicht absehbar. Zudem: ethische und vor allem juristische Hürden sind längst nicht genommen. Es wird Jahre, wenn nicht gar ein Jahrzehnt dauern.

Lieferwagen mutiert zum Shuttle: Mercedes-Manager Volker Mornhinweg preist die Vorzüge der "Vision Urbanetic".
© Mercedes-Benz
Lieferwagen mutiert zum Shuttle: Mercedes-Manager Volker Mornhinweg preist die Vorzüge der "Vision Urbanetic".
Kurz: Autonomes Fahren ist technisch zwar bereits möglich, in der Praxis aber noch höchst visionär. Einen konkreten Einsatztermin traute sich Mercedes-Manager Mornhinweg denn auch nicht zu nennen. Wenigstens aber ein Einstiegsszenario: „In Stufe eins könnten die Fahrzeuge auf abgesperrten Werksgeländen mit festen Routen oder beispielsweise auf Flughäfen eingesetzt werden. Stufe zwei beinhaltet definierte Routen und erst in Stufe drei wäre die Fahrt auf beliebigen Strecken denkbar.“

Tagsüber Personen-, nachts Warentransporter

Mutmaßlich noch utopischer ist die zweite Besonderheit der Daimler-Gedankenspiele auf vier Rädern: Auf einem festen Fahrgestell, die Ingenieure des Hauses nennen es „Skateboard“, das Elektroantrieb, Batteriezellen und alle erforderlichen Sensoren enthält, können binnen Minuten unterschiedliche Aufbauten aufgesetzt werden.

„So kann das Fahrzeug tagsüber bis zu zwölf Personen und in der Nacht mit der Cargobox Waren transportieren. Die Rund-um-die-Uhr-Auslastung sorgt für eine klare Effizienzsteigerung und reduziert den Verkehr“, schwärmt der Stratege aus Stuttgart.

Immerhin nimmt die Blechbüchse im Design eines Rimowa-Koffers bis zu zehn Kubikmeter Ladevolumen auf und kann eine Tonne befördern. Denkbar sei auch eine mobile Paketstation, die beispielsweise einen zentralen Punkt im Wohngebiet ansteuert und aus der die Adressaten mit einem Zugriffscode auf dem Smartphone ihre Lieferung entnehmen könnten. Beladen wird selbstredend gleichfalls automatisch, ein fahrbarer Roboter befördert die Fracht in den mit Zwischenböden variabel gestaltbaren Stauraum.
Die laute Zukunftsmusik von Kopenhagen hat auch eine klare Botschaft an Kunden und Konkurrenz: Wir sind am Ball! „Denn", da ist sich Volker Mornhinweg zumindest ganz sicher, „die Spielregeln werden auf den Kopf gestellt." Nur wann ist noch offen.

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