Der Kunde will eigentlich nur etwas kaufen. Das Bezahlen ist dabei ein notwendiges Übel, das viele Kunden per Smartphone abwickeln und bei Bedarf gleich noch Coupons und Rabatte nutzen oder Punkte einsammeln möchten. Diesem Wunsch möchte der Handel gern entsprechen. Er will aber auch möglichst schnell und risikolos an sein Geld. Das alles lässt sich kombinieren.

Elektronische Regaletiketten, Robotik in der Inventur, Indoor-Navigation und Retailanalytics: Im stationären Handel bewegt sich technologisch eine ganze Menge. Nur in einem Bereich steht anscheinend die Zeit still. Nämlich dann, wenn es um das Bezahlen geht.

Der Handel bietet Bequemlichkeit und muss immer noch aufs Geld warten

An der Kasse im Supermarkt, im Modehandel oder im Warenhaus hat der Kunde die Wahl. Zahlt er wie die meisten anderen in Deutschland bar  oder entscheidet er sich für die verschiedenen in der Regel auf Bezahlkarten basierten Verfahren? Der Handel bietet dem Kunden in dieser Hinsicht viele Möglichkeiten und viel Komfort. Und er muss warten. Der Kunde hat die Ware bereits, der Händler bei unbarer Zahlung nur leider nicht direkt sein Geld. Es vergehen zwei bis vier Werktage bis es auf dem Konto des Händlers eingegangen ist. Das liegt unter anderem an der dahinter stehenden Technik und Prozesse in der Bankenwelt zu tun. Batchprocessing lautet hier das Stichwort. Transaktionen werden zu Stapeln zusammengefasst und dann in einem Rutsch abgearbeitet. Dieser Ansatz stammt noch aus der Zeit, als ein Computer in jedem Haushalt undenkbar, Rechenzeit teuer und Vernetzung über das Internet ein Fremdwort war.

Die Kunden würden sich wahrscheinlich über diese lange Laufzeit wundern. Nutzer der App von Paypal beispielsweise können sich gegenseitig Geld schicken und es  geht bereits Sekunden später auf dem Konto ein.

Die Wartezeit ist für den Händler nicht nur lästig. In dieser Zeit besteht auch das Risiko, dass er zunächst einmal gar kein Geld sieht. Denn die per Unterschrift erteilte Einzugsermächtigung könnte mangels Deckung auf dem Konto von der Bank abgelehnt worden sein.

Sepa Instant Payments - Überweisungen in Echtzeit

Mit der Wartezeit bei der klassischen Überweisung soll es dank „Instant Payments“ vorbei sein. Sie sind ein von den europäischen Banken getragenes, neues Zahlverfahren, das Überweisungen in Echtzeit ermöglicht. Instant Payments sehen eine sofortige und garantierte Verfügbarkeit der Mittel für den Zahlungsempfänger vor. Nicht erfolgreiche Überweisungsaufträge werden sofort zurückgewiesen. Dabei gilt ein Zeitlimit von maximal zehn Sekunden ab Validierung des Auftrags durch den Zahlungsdienstleister des Zahlers. Und Instant Payments müssen rund um die Uhr möglich sein, an sieben Tagen die Woche, 365 Tage im Jahr.

Es sind genau diese Vorgaben, die dieses Bezahlverfahren als eine Möglichkeit für den Handel erscheinen lassen, nicht mehr länger auf das Geld warten zu müssen und die eigenen Risiken zu minimieren. Auf den Weg dorthin sind aber noch einige Hürden zu nehmen.

Denn längst nicht alle Banken haben den technisch anspruchsvollen Standard implementiert. Getreu den Richtlinien verschwindet das Geld binnen Sekunden von einem Konto eines Instituts, um darauf hin auf einem anderen Konto aufzutauchen. Und zwar so, dass der Empfänger mit dem Geldeingang sofort die nächste Transaktion in der Höhe des Zahlungseingangs ausführen kann. Im Kern erfordert das hochgradige Anpassungen der Banken an der eigenen Abwicklungssoftware. Und das kostet Zeit und Geld.

Schließlich haben Instant Payments derzeit nur eine kleine Lobby. Denn vom technischen Ansatz her erfolgt die Transaktion direkt zwischen den Konten der beiden beteiligten Parteien. Zwischenstellen wie Acquirer oder Payment Service Provider wären da überflüssig. Entsprechend reagieren diese auf den Standard.

Soweit zu Sepa Instant Payment auf Bankenseite, aber wie verhält es sich am Point of Sale mit Zahlungen in Echtzeit? Derzeit fehlen hier noch Standards und einheitliche Prozessabläufe. Händler, Banken und Dienstleister sind sich aber einig: Ohne Standardisierung geht es nicht. Das ergab eine Befragung zum Thema Sepa Instant Payment in 2017 im Auftrag von GS1 Germany. Unter dem Dach des Kölner Unternehmens erarbeitet die Mobile Commerce Community genau dazu Lösungen

Sepa Instant Payments im Handel brauchen Standards
© GS1 Germany, Händlerbefragung Sepa Instant Payments 2017
Sepa Instant Payments im Handel brauchen Standards

Händler können den Standard selbst vorantreiben - mit Hippos

Im Zahlungsmix des Händlers stellen Instant Payments nur einen Ausschnitt dar. Aber die Vorteile des Verfahrens sprechen für sich und könnten problemlos die risikobehaftete Lastschrift ablösen.
Größter Vorteil des Händlers bei Instant Payments ist die Vermeidung von Zahlungsausfällen
© GS1 Germany, Händlerbefragung Sepa Instant Payments 2017
Größter Vorteil des Händlers bei Instant Payments ist die Vermeidung von Zahlungsausfällen
Da die Banken naturgemäß bei Instant Payments  zuerst eigene Prozesse betrachten, ist es für den Handel wichtig, sich in die Umsetzung und Weiterentwicklung des Themas einzubringen. Am besten eben mit einem einheitlichen Standard. Und genau an diesen entwickelt GS1 Germany in Zusammenarbeit mit Partnern. „Händlerbasiertes Instant Payment am POS“, kurz Hippos, soll Instant Payments nicht nur direkt an der Ladenkasse, sondern auch P2P-Zahlungen (Person-to-Person) und E-Commerce vereinheitlichen. „Dann steigt auch die Akzeptanz von Instant Payment und mobilen Bezahllösungen. Der Schlüssel liegt in der Wechselwirkung der verschiedenen Anwendungsgebiete“, erklärt Ercan Kilic, Leiter Mobile Solutions & Financial Services bei GS1 Germany. Beispiel P2P-Zahlungen: Sie werden heute von unterschiedlichen Anbietern vermarktet. Die Nutzer der bestehenden P2P Lösungen können aber nur untereinander Geld Versenden und Empfangen. Damit handelt es ich hier um Insellösungen. Zudem können die Anwender die meisten P2P-Lösungen nicht im stationären Handel nutzen. Wird hier eine Interoperabilität geschaffen, entstünde schneller eine Gesamtreichweite an Mobile Payment affinen Nutzern. Das Erreichen einer kritischen Masse wiederum erhöht die Akzeptanz im Handel.

 Funktionieren wird das technisch so:

  1. Das Kassensystem des Händlers überträgt an die App des Kunden-Smartphones per NFC oder auch via QR-Code die Basisinformationen: Dazu gehört der offene Betrag, die sogenannte End-to-End-ID (E2E-ID), die jede Transaktion kennzeichnet, sowie die IBAN-ID. Die App kontaktiert eine dezentrale Liste der Lizenznehmer des Verfahrens. So wird sichergestellt, dass nur berechtigte Apps und Händler am System teilnehmen.
  2. Parallel dazu wird der Zahlungsdienstleister des Händlers bzw. die Empfängerbank mittels der E2E-ID über den erwarteten Zahlungseingang informiert.
  3. Die App übergibt Empfänger-IBAN, E2E-ID und Betrag an die Bank des Kunden.
  4. Bei Deckung des Kontos erfolgt das Clearing zwischen den beiden Instituten.
  5. Der erhaltene Betrag und die E2E-ID wird an den Zahlungsdienstleister des Händlers bzw. an das System am POS übertragen.
  6. Damit ist die Zahlung dann erfolgt.

Jeder Händler, der an den Verfahren teilnehmen will, muss sich einmalig registrieren lassen, damit für ihn die entsprechende Schnittstelle oder IBAN auch eingerichtet werden kann. Deswegen wird auch vor der Transaktion die Gültigkeit der Lizenz überprüft. Eine Besonderheit gegenüber anderen Ansätzen liegt hier darin, dass eben nicht der Zahlungsdienstleister eine Transaktion anstößt, sondern der Kunde selbst bei seiner Bank.

Hippos sieht eine Interoperabilität vor. Per App wird der Kunde an jeder Akzeptanzstelle bezahlen können. Und das muss nicht nur die Kasse im Laden oder beim Self-Scanning sein. Auch als Ersatz der Vorkasse im Online-Shop oder als Bezahloption an Vending-Systemen könnte Hippos eingesetzt werden – ebenso so bei P2P-Zahlungen.

Es bleibt ein mühsamer Weg zum Standard

Offen ist derzeit, wie Instant Payments refinanziert werden sollen. Denn die Banken müssten kräftig investieren, und werden versuchen, den neuen Weg dann auch zu bepreisen. Einigermaßen entspannt dürfen dagegen die Händler selbst sein. Der organisatorische Aufwand beschränkt sich auf die Bereitstellung von Hard- und Software sowie der Telekommunikation. Wer etwa bereits NFC-fähige Terminals im Einsatz hat, darf wohl zu Recht darauf bauen, dass der Hersteller bzw. Dienstleister die weitere Zahlungsoption mittels Softwareupdate zur Verfügung stellen wird. Das indes wird erst der Fall sein, wenn sich Netzwerkeffekte eingestellt haben.

Denn das Bedürfnis des Kunden ist der Einkauf, nicht das Bezahlen. Damit sich die mobile Anwendung von Instant Payment auch durchsetzen kann, muss das Verfahren dem Kunden Vorteile gegenüber Bargeld oder der Plastikkarte bieten. Dazu gehört unter anderem eine breitflächige Akzeptanz. „GS1 Germany setzt deshalb bei der strategischen Konzeption und der Umsetzung auf die Kooperation zahlreicher Partner aus dem Bankwesen, Handel und Dienstleistung. Dann lassen sich mit Hippos schnell, sicher sowie komfortabel mobile Sofortüberweisungen realisieren und damit den nächsten großen Schritt in Richtung moderne Einkaufswelt vollziehen“, so Kilic.

Über die weitere Entwicklung zum Bezahlen in Echtzeit tauschen sich Experten aus Handel und den Banken auf der Mobile in Retail Conference 2018 am 16. und 17. Oktober in Berlin aus.
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