Der bayerische Textilhändler Peter Schödlbauer ist eines der besten Beispiele für gelungenes Multichannel im Kleinen. Von Amazon hat er dabei gelernt, wie man Prozesse optimiert. Doch er beschwört die Vorteile seines Unternehmens, mit denen der Internetgigant niemals mithalten kann.

Es ist eine lange Reise zu Peter Schödlbauer, sie führt nach Bad Kötzting, Oberpfalz, Nordosten Bayerns, die tschechische Grenze ist nur wenige Kilometer entfernt. Provinz, sagt man zu so einer Gegend gemeinhin abwertend. Doch Schödlbauer steht für Fortschritt. Das Modegeschäft, das er gemeinsam mit seiner Frau Simone führt, ist ein Musterbeispiel, dass Multichannel auch im Kleinen funktioniert.

Der 330 Quadratmeter große Laden in der schönen Innenstadt von Bad Kötzting ist wie der lokale Anker im Universum der Schödlbauers, das durch die Internetportale hemden-meister.de (2007 am Netz) und mode-schoedlbauer.de (seit 2014) enorme Reichweite hat. 

Das Warenlager auf dem Dachboden

Bei Schödlbauers funktioniert das Logistiksystem der kurzen Wege, ein Warenlager ist auf dem Dachboden des Ladens, das größere gegenüber in einem uralten Gebäude, in dem man auf knarzenden Holztreppen emporklettert. Insgesamt 50.000 Artikel sind so auf kleinem Raum untergebracht. 
Stammhaus von Mode Schödlbauer: Von Bad Kötzting in alle Welt
© Schödlbauer
Stammhaus von Mode Schödlbauer: Von Bad Kötzting in alle Welt
Rund 150.000 registrierte Onlinekunden hat hemden-meister.de, einem Spezialversender für Herren-Oberhemden. Wie bei Zalando oder Amazon ist der Versand kostenlos, "wenn ich meine Logistik im Griff habe, geht das auch", betont Schödlbauer.

Ein Vortragsreisender in Sachen Onlinehandel

 Vielleicht sind auch die bescheidenen Retourenquoten nicht ganz unwichtig. Denn bei Hemdenmeister kommen rund 19 Prozent der Waren zurück, 11 Prozent davon werden in Gutschriften umgewandelt, 8 Prozent gehen in anderen Größen wieder zurück. Beim weiblicher ausgerichteten Portal mode-schoedlbauer.de kommen 28 Prozent der Lieferungen retour, 15 Prozent davon werden in Gutschriften umgewandelt. 

Schödlbauer schult seine rund 50 Mitarbeiter ständig in digitalen Themen, er selbst reist viel durch Bayern und hält auf Handelskongressen Vorträge, wie das funktioniert mit Einzelhandel und E-Commerce. Seine Frau Simone hat auf die Behauptung, dass das Internet den stationären Handel kaputtmacht, erwidert: "So ein Schwachsinn." Wer so denkt hat auch keine Angst vor Amazon.

Herr Schödlbauer, wie war Ihre erste Begegnung mit Amazon?

Peter Schödlbauer: Das war als ganz normaler Kunde und ist gefühlte Jahrhunderte her. Als wir 2004 die ersten Schritte im Internet unternommen haben, erfolgten auch die erste Begegnung mit Amazon. 

Wie hat Amazon Sie persönlich und Ihr Unternehmen verändert?
Persönlich wenig - im Gegensatz zum Unternehmen, wo sich sehr viel getan hat. Wir haben gelernt, dass man immer die Prozesse im Blick haben muss. Mode Schödlbauer und Hemdenmeister waren von Beginn immer davon getrieben, alles, was wir tun, aus der Kundenbrille zu betrachten. Amazon geht hier einen Schritt weiter und stimmt sämtliche Prozesse auf den Kunden ab, bis hin zur Garantie, Ware innerhalb eines Tages zugeschickt zu bekommen. Und genau daran haben wir uns orientiert und versuchen, jedes Hemd am Folgetag der Bestellung zu liefern. Das gelingt uns ziemlich gut.

Wo steht Amazon in zehn Jahren?
Ganz weit oben, also dort, wo sie jetzt schon stehen. Amazon wird auch dann der größte Spieler im Einzelhandel sein, Alibaba wird sich bis dahin auf Platz zwei vorarbeiten. Die Frage ist nur, was passiert mit den anderen bisher noch Großen, wie Otto und Zalando? Der Markt für Onlineshopping über Suchmaschinen ist nämlich zu klein für viele Wettbewerber, und Amazon ist längst selbst eine Suchmaschine. Ich hatte letztens über Google ein spezielles Geschenk gesucht und musste mich durch sehr viele Shops klicken, meist ohne Erfolg. Das gleiche Produkt gab ich dann bei Amazon ein, hatte sofort Erfolg, sogar in mehrfacher Ausführung - und ich war eben nur in einen Shop. Amazon wird den Markt verdichten, es wird spannend sein, wer hier noch mitspielen darf.
 Wo steht Ihr Unternehmen in zehn Jahren?
Wir werden nach wie vor stationär agieren und treuer Freund unserer Kunden sein. Mit unserem Webshop hemdenmeister.de werden wir als Nischenanbieter unsere Berechtigung haben und mit mode-schoedlbauer.de mit unseren regionalen Kunden interagieren.

Was machen Sie besser als Amazon?
Wir bieten die komplette Orientierung, die ein Kunde benötigt, um bei uns online ein Hemd zu kaufen. Das kann Amazon nicht. In unserem Laden können wir uns abheben durch Emotionen und persönliche Nähe. Sicherlich redet heute alles von Künstlicher Intelligenz und Chatbots im Onlinehandel. Ich bezweifle aber, dass die technischen Möglichkeiten dafür in den kommenden Jahren so weit sein werden, dass der Kunde es nicht merkt, ob er gerade mit einem Menschen oder einem Chatbot redet. Die menschliche Nähe und Wärme, auch jemanden mal in den Arm nehmen - das wird ein Computer in zehn Jahren noch nicht können.

"Ein Computer kann niemals menschliche Nähe bieten."

Peter Schödlbauer
 Wenn Sie einen Tag lang Amazon-Chef sein dürften – was würden Sie anders machen?
Ich würde den Händlern, die Amazon über den Marktplatz noch größer gemacht haben, mehr Luft lassen, mehr Freiraum. Denn will ein Verkäufer Ware über den Prime-Dienst verschicken ist er gezwungen, dafür DPD nutzen, doch die meisten Kunden wünschen sich DHL als Logistiker. Und es geht um die Wünsche der Kunden, denn die sagen uns: Wir wollen von DHL beliefert werden, mit dem Service von DPD sind wir nicht zufrieden.

Was bestellen Sie privat bei Amazon?
Privat alles Mögliche für den täglichen Bedarf. Amazon ist auch im Unternehmen in die Logistikkette integriert, weil es für uns oft zeitlich und Mengen gebunden einfacher ist, etwas direkt online zu bestellen als irgendwo hinzufahren und es dort zu kaufen, beispielsweise wenn Kabel für die Haustechnik benötigt werden.

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