Haben Sie schon Weihnachtsgeschenke gekauft? Online? Diese Frage muss man früh genug stellen. Denn Ende 2017 schrammte die Logistik noch so gerade am Kollaps vorbei. Späte Bestellungen werden in diesem Jahr zur Hochrisiko-Gruppe gehören. Tendenz: Es wird eher noch schlimmer.

Möbelhäuser verkaufen zunehmend online, der Lebensmittel-Onlinehandel boomt, Hornbach und Co wollen Amazon zunehmend im Web Paroli bieten. Das sind gute Nachrichten, wenn da nicht die Logistik wäre.
Dort kämpft man seit Jahren gegen den Kollaps und den Stau auf der letzten Meile.

Die einfache Lösung: Amazon, Zalando und Co sollen künftig mehr Porto zahlen. „Wir planen überdurchschnittliche Preiserhöhungen im Paketbereich“, sagte Finanzchefin Melanie Kreis gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“. Auch Hermes-Deutschland-Chef Frank Rausch will mindestens 50 Cent mehr pro Paket. Also Preise rauf, nachdem man die im Preiskampf selbst jahrelang gedrückt hatte.  Das (un)erklärte Ziel: Den Bestell-Boom bremsen.

„In spätestens 18 Monaten müssen neue Lösungen in der Logistik bereitstehen. Sonst droht der Kollaps.“

Heribert Trunk, BI-LOG
Doch höhere Versandkosten dürften das Wachstum des E-Commerce nur bedingt einschränken. Schließlich lässt sich Gratisversand im Produkt einpreisen. Und wer billig genug anbietet, holt sich seine Erträge über die schiere Masse der Schnäppchenjäger wieder rein. Das können die größeren Handelsunternehmen wegen niedrigerer Systemkosten meist am besten. Eine Preiserhöhung wird daher eher zum Totengräber des Mittelstands und zum Turbo für Amazon und Co.

Berater wie Jochen Krisch bei Exciting Commerce werden seit Jahren nicht müde zu mahnen, dass fast alle Versandlogistiker den Marktentwicklungen hinterherlaufen. Nun ist es fast zu spät.

„In spätestens 18 Monaten müssen neue Lösungen in der Logistik bereitstehen. Sonst droht der Kollaps“, mahnt Heribert Trunk. Er hat einst den Paketdienstleister German Parcel mit aufgebaut und ist heute geschäftsführender Gesellschafter des Bamberger Hybrid-Logistikers BI-LOG.

Weihnachten 2019 könnte es also zum logistischen Offenbarungseid kommen. Das liegt unter anderem am Mangel an Zustellern. Bis zu 10.000 Stellen sind bundesweit unbesetzt. Ein Grund: Die schlechte Bezahlung. Einigermaßen anständig bezahlte Fahrer, je nach Region muss da mit rund 15 Euro brutto pro Stunde gerechnet werden, bringen jede Stop-Kalkulation ins Wanken. Zumal die Branchenriesen den Paketdiensten teils nur rund 2 Euro pro zugestelltem Paket zahlen.

Tatsächlich dürften die gewaltig steigenden Mengen der Einzelzustellungen auf Dauer kaum noch machbar sein. Jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Bis unter anderem Lieferroboter, die noch dazu - wie in einer Mercedes-Studie - in Serie aus Transportern ausschwärmen, dürfte schnell eine Dekade vergehen.

Mercedes Van Roboter

Als ein Lösungsweg gelten neben Geschäften als dezentrale Hubs und einer Vielzahl an Einzellösungen (bis hin zur Kofferraumlieferung) unter anderem Paket-Annahmestellen. Hermes beispielsweise will seine Anlaufstationen von 15.000 bis 2020 auf 20.000 ausbauen. Jeder Platz ist recht. Gerade dehnt Hermes sein Paketshop-Netz auch auf Banken aus. Gemeinsam mit der Sparda-Bank Berlin eröffnet der Paketdienstleister zunächst 13 Paketshops an zentralen Filialstandorten, unter anderem in Leipzig und Erfurt sowie in den Berliner Ortsteilen Prenzlauer Berg und Friedrichshain. Eine Ausweitung des Pilottests auf weitere Städte und Filialen ist geplant.
Paketshop in der Filiale der Sparda-Bank Berlin in Prenzlauer Berg.
© Hermes
Paketshop in der Filiale der Sparda-Bank Berlin in Prenzlauer Berg.
Unabhängiger von Öffnungszeiten sind zentrale Paket-Locker. Die Paketstationen könnten der Logistik Luft verschaffen, das Zeitfenster-Problem entzerren und jene Kunden ansprechen, die nicht auf die Minute genau die Ware auf der Couch haben möchten. Hinzu kommt: Am Locker rechnen sich auch die Zustellkosten besser.

Lieferlösung für Wohnungen und Apartment-Komplexe

Gerade erst meldete die „Wirtschaftswoche“, Amazon habe die Zahl seiner Paket-Abholstationen verdoppelt. Derzeit stünden in Deutschland rund 400 der Fächer. Im September 2017 waren es erst 180. Die Tempo-Maschine Amazon sucht sich dafür punktuell frequenzstarke Partner und Flächen: Shell, Aldi Süd, dm, Rewe, Edeka, aber auch Karstadt und Kaufhof.

Die Paketstationen, auch im Heimatland auf dem Vormarsch, sind ein Baustein der Unabhängigkeit, die sich Amazon nach seinem Weihnachts-Debakel mit den Logistikern in den USA im Jahr 2013 auf die Fahne geschrieben hat. Dazu gehört in den USA auch "Hub by Amazon". Eine Lieferlösung für Wohnungen und Apartment-Komplexe. 500.000 Mieter sollen bereits das Programm beanspruchen, das im Kern ein Amazon Locker in einem Wohnungskomplex ist. 

Amazon Hub

Deutschland ist dagegen das Land der Planer, nicht der Macher. DHL hat den Ausbau seiner Paketstationen, allen Offensiv-Versprechen zum Trotz, in den vergangenen Jahren eher moderat vorangetrieben. Zuletzt waren es rund 3.400.

Der deutsche Handel täte also gut daran, den Logistikern Beine zu machen, um mit einem eigenständigen Ansatz dem Beispiel von Amazon zu folgen. Denn dass Paketkastenanlagen die Erstzustellquote der Paketdienste deutlich erhöhen und das Paketvolumen bündeln, ist unbestreitbar. Dabei aber seien aber anbieteroffene, dezentrale Paketboxsysteme „die Ultima Ratio der Zukunft“, meinte schon 2017 in einer KEP-Studie (pdf) auch der Bundesverbandes Paket und Expresslogistik (BIEK).

Es ist ja auch nicht so, als würde es solche Modelle nicht geben, die vor allem auf universell nutzbare und anbieterneutrale Lösungen setzen, die allen Lieferdiensten offen stünden.  
Parcellock bietet beispielsweise  Paketboxen als Einzelkasten oder für eine Mehrfamilienhausanlage. Derzeit läuft zudem ein Test in drei dm-Märkten in Hamburg und Umgebung. Künftig soll man bei Parcellock auch Retouren abgeben können. Weil sich, nach dem Ausstieg von GLS, DPD und Hermes die Anteile von Parcellock teilen, mag es da hier und da Berührungsängste geben. 

Weniger politisch brisant könnten da die „Leos“ des Bamberger Hybrid-Logistikers BI-LOG sein, der selbst nicht als Lieferdienst auftritt und damit ein neutraler Mitspieler wäre.

Anlaufstelle für Retoure und lokale Dienstleistungen

Die “Leos“ von BI-LOG sollen nicht nur als anbieteragnostische Abladestandorte für die Lieferung fungieren, sondern auch Retouren aufnehmen und sogar lokale Dienstleistungen möglich machen. Kühlung inklusive. „Der Inhaber eines Schließfachs gibt zum Beispiel seine Hemden ab und findet sie einen Tag später gereinigt wieder in seinem Schließfach – und dazu alle Einkäufe, die er zwischenzeitlich online oder telefonisch getätigt hat“, sagt BI-LOG-Boss Trunk, womit der einstige Präsident der Industrie- und Handelskammer Oberfranken auch die Bedürfnisse des regionalen Mittelstands mitdenkt.
Heribert Trunk warnt vor dem Kollaps
© BI-LOG
Heribert Trunk warnt vor dem Kollaps
Die „Leos“, deren Fächer über Einmal-Codes verteilt werden, könnten vor allem an verkehrsreichen Ausfallstraßen und auf den großen Parkplätzen der Discounter, ein klassischer Frequenzbringer, stehen. „Die Pakete werden nicht weniger. Also müssen wir die Wege verkürzen", sagt Trunk. Sinnvoll könnten das aber nur Paketautomaten leisten, die allen Händlern und Dienstleistern im Markt offenstehen. „Dann können solche Stationen auch einen Mehrwert gegenüber Amazon & Co bieten.“ 
Eile sei geboten. „Nur ein flächendeckendes, Anbieter-unabhängiges Schließfach-Netz kann den Kollaps der Logistik stoppen und verhindern, dass der Markt bald vollständig Amazon gehört“, sagt Trunk.

Rechnet man beispielsweise einmal hemdsärmelig allein die rund 4100 Standorte von Aldi, 4200 Filialen von Netto, 3200 Läden von Lidl, 2100 Penny-Objekte und 1200 Norma-Läden zusammen (und geht großzügig von einer Eignung aller Standorte aus) könnte mit einem (nochmals großzügig gedacht) „Big Bang“ quasi die Zahl der Hermes-Paketshops egalisiert werden, die DHL-Stationsdichte noch dürrer aussehen . Die Händler müssten lediglich ein paar Parkplätze „opfern“.

Ein riskanter Verzicht

Schließlich sollten Packstationen nicht nur als Einzellösung mit ein paar Dutzend Schließfächern aufgestellt werden. Das wäre zu wenig. Denn oft genug stoßen die Boxen an ihre Grenzen, weil Kunden die Ware tagelang nicht abholen und die Fächer blockieren.  
Eine der größten Packstationen Deutschlands steht im Frankfurter Hauptbahnhof. Sie ist über 20 Meter lang und verfügt über fast 400 Fächer
© DPDHL
Eine der größten Packstationen Deutschlands steht im Frankfurter Hauptbahnhof. Sie ist über 20 Meter lang und verfügt über fast 400 Fächer
Nun mag man monieren, und einige Logistik-Manager tun dies vehement, eine solche Lösung sei (Stichwort: Kapazität der Packstation)- so oder so - nur ein Strohhalm, kein Rettungsring. Doch ausgerechnet der erfolgreichste Onlinehändler der Welt macht da eine andere Rechnung auf! Und baut die Zahl der Locker auch in seiner Neuerwerbung, der Supermarktkette Whole Foods, massiv aus. 
Amazon Locker bei Whole Foods. Studien zeigen, dass die Kunden dann auch eher mal kurz in den Laden gehen. Besonders dann, wenn man sie noch mit Promotions lockt.
© Whole Foods
Amazon Locker bei Whole Foods. Studien zeigen, dass die Kunden dann auch eher mal kurz in den Laden gehen. Besonders dann, wenn man sie noch mit Promotions lockt.
Der Wettbewerb schaut zu. Und könnte damit weiter an Boden verlieren – und eines Tages auf Amazon angewiesen sein.

Schlimmer noch: Wenn andere Händler und Ketten nicht auf eigenständige Lösungen drängen und sich in die Abhängigkeit von Amazon begeben müssen, verlieren sie auch ein Stück Datenhoheit über die Zustellung.

Mächtige Daten, die dann nur Amazon noch mächtiger machen. In einer Zeit, in der Daten bekanntlich das neue Öl sind, würden Händler und Logistiker auf den direkten Zugriff auf diesen Rohstoff verzichten. Ohne Chance, den Zugang je zurückzuerobern.
Natürlich: Paketstationen, da liegen Kritiker richtig, haben vor allem ein Kernproblem: Der Kunde findet es einfach bequemer, daheim zu warten. Laut einer PwC-Studie (pdf) von 2017 würden aber immerhin 24 Prozent der Befragten Packstationen gern häufiger oder zumindest gelegentlich nutzen. Es müssen ja auch nicht alle mitmachen. Ein bisschen Luft würde gegenwärtig schon reichen, damit Handel, Lieferanten und Kunden Weihnachten nicht in der Klemme stecken.

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