Der Rückzug erfolgte zwar schon vor Monaten. Doch angesichts der jüngsten Untersuchungen des Bundeskartellamts gibt er den oft allgemein kolportierten Beschwerden einen Namen: Die kleine Steiner Spielwarenfabrik aus dem thüringischen Georgenthal hat sich vom Amazon Marktplatz zurückgezogen. Und fährt nach eigenen Angaben gut damit.

„Grundlos gesperrte Artikel, unübersichtliche Zahlungsauswertungen, Dumpingangebote von Wettbewerbern – angeblich „Made in Germany“ – und sinkende Verkaufszahlen trotz Umsatzwachstums im eigenen Shop haben uns zu dieser Entscheidung geführt“, erklärt Susanne Bier, Geschäftsführerin des über 120 Jahre alten Unternehmens.

Doch in der Auseinandersetzung des kleinen Mittelständlers mit dem globalen Konzern geht es nicht zuletzt um schlechte Kommunikation und intransparente Strukturen: Plötzlich seien Produkte mitten im Weihnachtsgeschäft gesperrt, die Kommunikation schlecht oder gar nicht vorhanden, kleinere Hersteller und Händler wie Steiner hätten es besonders schwer, nach einer Sperrung wieder aktiv ins Geschäft einzusteigen. "Amazon verlangt an sich schon hohe Marketplace-Gebühren und setzt seine strikten Regelungen dann gnadenlos durch."

Bier gesteht ein, dass Amazon eine große Reichweite biete, doch seien die Verkäufe für viele Händler und deutsche Marken kaum noch rentabel. Als Grund wird der ungleiche Preiskampf angeführt: "Die hohe Konkurrenz aus dem In- und Ausland mit Preisen jenseits einer rentablen Fertigung überschwemmt die Plattform." Steiner prangert "die wettbewerbsverzerrende Artikeldarstellung im Marktplatz" an. Als Traditionsunternehmen mit einer echten Produktion in Deutschland sieht sich Steiner immer wieder Konkurrenten gegenüber, die mit angeblicher Handfertigung Made in Germany Produkte zu Preisen anbieten, die 50 bis 60 % unter den Verkaufspreisen von Steiner lägen. "Hier gibt es zunehmend Falschangaben oder bewusste Fehlinformation in den Formulierungen", kritisert der Spielwarenhersteller.

Gesucht: eine neue und fairere Shop-Plattform-Lösung

Diese Entwicklungen habe es für Steiner erforderlich gemacht, nach einer neuen und faireren Shop-Plattform-Lösung zu suchen. Der Plüschtierhersteller aus Thüringen konzentriert sich im B2C-Verkauf nunmehr auf seinen eigenen Online-Shop, der von einem externen Dienstleister betreut werde. Und ist mit dem Erfolg zufrieden. Zwar habe das eigenen Online-Geschäft im ersten Halbjahr 2020 nur 8% zum Umsatz des Unternehmens beigetragen, der überwiegend im B2B-Bereich erwirtschaftet werde. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum habe sich der Online-Umsatz jedoch um 30 Prozent erhöht. 2020 wird erwartet, dass 15% des sechsstelligen Jahresumsatzes im Online-Geschäft erwirtschaftet werden.

Für Amazon mögen derartig Geschäfte Peanuts sein, doch sie sind für kleine Unternehmen überlebenswichtig. Es sind Beschwerden wie die von Steiner, die das Bundeskartellamt auf den Plan gerufen haben: Begründung für die Sperrung einzelner Artikel habe es zunächst keine gegeben, heißt es ain einer Erklärung von Steiner. Erst auf Nachfrage habe Amazon "die Nichteinhaltung von Quoten stornierter / retournierter Bestellungen" genannt, was man bei Steinert nicht habe nachvollziehen können. Auffällig sei gewesen, dass höherpreisige Artikel gesperrt worden seien, "und dann auch noch im Weihnachtsgeschäft", ärgert man sich bei Steiner: "Davon wurden wir durch Amazon auch nicht in Kenntnis gesetzt; wir haben die Sperren durch Rückgänge im Bestellaufkommen registriert", heißt es.

Steiner ist offenbar kein Einzelfall

Schon seit Jahren fühlen sich Dritthändler von Amazon schlecht behandelt, was sich in der Krise noch mehr verstärkt habe, schreibt die Nachrichtenagentur Pressetext. Den Händlern zufolge sei es sehr schwierig, Missverständnisse mit Amazon zu klären. Das Unternehmen gehe nicht wirklich auf Beschwerde-Mails ein und antworte meistens mit Standardfloskeln. Selten werden aber Vorwürfe so konkret benannt wie jetzt von Steiner.

Zum Vorwurf der Preistreiberei, der die Untersuchung des Bundeskartellamts ausgelöst hat, teilt ein Amazon-Sprecher mit: „Amazon Verkaufspartner legen ihre eigenen Produktpreise in unserem Store fest. Wir möchten, dass die Kunden mit Vertrauen kaufen, wann immer sie auf Amazon.de einkaufen, und wir haben Richtlinien, die sicherstellen sollen, dass die Verkaufspartner ihre Produkte zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten. Unsere Systeme sind so konzipiert, dass sie Maßnahmen gegen Preistreiberei ergreifen. Wenn Verkaufspartner Bedenken haben, ermutigen wir sie, sich an unseren Verkaufspartner-Support zu wenden.“

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